Chattanoogas geputzte Seele
In den Städten Tennessees wird die traditionelle Kultur allmählich vom Renovierungswahn verdrängt.
Tennessee sieht auf der Landkarte aus wie eine Rasierklinge. Um Touristen anzulocken, wurde kürzlich ein neuer Werbefilm gedreht: In einem Cabriolet fahren Dolly Parton und Elvis Presley und preisen ihre Heimat. Kein Urlaubskatalog ohne Gitarren auf dem Umschlag. Die Werbung ist komplett auf Musik eingestellt, "the stage is set for you!", lautet der offizielle Slogan der Rasierklinge. Gleich nach der Ankunft, spät nachts im Zentrum von Knoxville, beschleicht einen das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Draußen vor einer Bar palavern junge Leute, ein Schwarzer bettelt die Passanten an. Alles wirkt so sauber und friedlich. Was stimmt da bloß nicht?
Am nächsten Tag in Chattanooga, ebenfalls einer Stadt mit bald 200.000 Einwohnern, wird klar, was. Downtown Chattanooga ist wie frisch geschrubbt und so friedlich und neu. Im Glanz der Sonne scheint über allem eine heitere Stimmung zu liegen, und der Bus durch die Broad Street ist kostenlos. Aber man muss ja gehen in einer fremden Stadt. Also werden die 20 Blocks vom Tennessee Aquarium, dem größten Süßwasseraquarium der Welt, zum Bahnhof, den Glenn Miller mit seinem "Chattanooga Choo Choo" berühmt machte, zu Fuß zurück gelegt. Ein Schwarzer bittet um Feuer. Vielleicht kann der einem was erzählen. "Eine Frage, Sir, hier sieht alles renoviert aus, clean, was ist hier los?"
"Das war auch dringend nötig", sagt Kenneth Johnson, und geht ein Stück mit. Denn bis vor wenigen Jahren war Downtown geprägt von Junkies, Müll und abgewrackten Häusern. Anfang der 1990er Jahre sei die Verschönerung in Gang gekommen, "und man kann schon sagen, das ist Tennessee-Politik". In der Lebensqualitäts-Hitparade der amerikanischen Städte sind Knoxville, Chattanooga, Nashville und Memphis seit Jahren ganz oben. Dieses Ranking wird aus Werten wie Bildungs- und Kulturangebot, sozialer Versorgung, wirtschaftlichen Chancen, gesunder Umwelt und Kriminalitätsrate ermittelt. Diese Städte wachsen. Chattanooga, am Fuß der Appalachen und deren Wälder gelegen, ist ein Magnet, mit vielen nahen Abenteuerspielplätzen für die ganze Familie: begehbare Felsformationen, Wasserfälle, Bergbahnen. Parallel zur Renovierung des Zentrums erfährt die Stadt ihre kulturelle Aufwertung unter anderem durch das große, ganz der amerikanischen Kunstgeschichte gewidmeten Hunter Museum, das wie ein Schloss über dem Tennessee River thront; daneben das Kunsthandwerk präsentierende Houston Museum mit seinem Skulpturenpark; nicht weit weg das African Museum mit einer Abteilung für die hier geborene Blues-Legende Bessie Smith.
"Das Problem ist folgendes", Johnson bleibt stehen, "es ist jetzt schön in Downtown, man kommt gerne her, keine Probleme mehr mit den Problemleuten, aber: Das alles wurde nur verlagert, die Leute sind jetzt eben woanders." In der Straße hinter dem Bahnhof sind sie plötzlich da: die zerschrammten Häuser und die kaputten, mit vernagelten Türen und eingeschlagenen Fensterscheiben. Kühlschränke, Reifen, Flaschen auf der Straße, ein Schwarzenviertel, Jungs stehen um Autos herum, Kinder lachen sich krumm, weil der Fremde sie nicht verstehen kann.
Tennessees Hauptstadt hat 600.000 Einwohner und ein paar Namen. Der im offiziellen Nashville-Logo ist Music City, der klassische Athen des Südens. Im sogenannten Bible Belt gelegen, werden hier traditionell die meisten Bibeln gedruckt, daher die Schnalle des Bibel-Gürtels, die im letzten Jahrhundert auch Pilltown genannt wurde: Ob der drogenlastige Ruf, von den Amphetamin-Freaks Johnny Cash und Waylon Jennings besonders gut gepflegt, noch berechtigt ist, lässt sich nicht so leicht überprüfen. Sicher ist: Selbst wenn die Welt irgendwann keine Drogen und Bibeln mehr kennt, wird Nashville noch bekannt sein als Country Capital of the World.
Dagegen überfluten die Touristenmassen in Downtown den Broadway, seine Bars und Souvenirläden oder die altehrwürdige Plakatdruckerei Hatch Show Print, und Pferde ziehen Kutschen zur schön aufgedonnerten Country Hall of Fame mit Elvis' Cadillac und Ray Charles' Playboy in Blindenschrift. Und gleich ums Eck im Ryman Theatre, dem alten Mutterschiff der Countrymusik, kann man sich für nur fünf Dollar mit einer Gitarre vor dem Bauch auf der Bühne fotografieren lassen. Die von Seilen begrenzte kleine Fläche betreten hauptsächlich Ältere. Manche riskieren die großen Gitarrenposen, alle lächeln verlegen. Die seit 1994 restaurierte ehemalige Konzerthalle der Grand Ole Opry inszeniert ihre Vergangenheit unspektakulär, weswegen die Masse fernzubleiben scheint. Das Ryman fühlt sich an wie eine Kirche, die es ganz früher war.
Nicht weit entfernt wurde im September 2006 ein neuer Musikpalast eingeweiht, das Schermerhorn Symphony Center. Sechzig Jahre nach seiner Gründung hat Nashvilles Symphonieorchester damit ein eigenes Haus. Für den Tennessean das bedeutendste Nashville-Ereignis in 100 Jahren. Hier sind die wirklich reichen und wichtigen Leute beteiligt, diejenigen, von denen man selten in der Zeitung liest. Ohne sie gäbe es keine Nashville Symphony.
Duane, der Taxifahrer, ist der richtige Mann, danach zu fragen, warum es in Chattanooga, dieser großen Stadt, keine Bluegrass-Mountain-Musik-Kneipe gibt. Denn weder das Personal des Restaurants Blue Water Grille noch Passanten hatten einen Tipp. "Wer sagt das?" Duane zeigt das denkbar müdeste Lächeln: "Ah, du warst in Downtown! Ich sage dir was, es gibt ein paar Lokale, wo unsere Musik gespielt wird. Aber die reichen Leute kennen die Lokale nicht, wo die armen Leute hingehen".
1974 verlegte die bedeutendste Country-Live-Radio-Show ihren Standort, eine halbe Stunde von Downtown entfernt nach Opryland, ein Entertainment-Hotel-Komplex, der bewusst auf Disneyland anspielt. Damit war die Entwicklung der Unterschicht-Musik Country zu einem mächtigen Wirtschaftsfaktor abgeschlossen. An Opryland ist sichtbar, dass US-Country neben Hip-Hop das umsatzstärkste Musiksegment der Welt ist. Der 3.500 Personen fassende Sendesaal ist mit feinstem Hightech ausgestattet. Wobei man beim Eintrittspreis das traditionelle Publikum noch im Auge hat: die Zwei-Stunden-Show plus Übernachtung kostet ab 80 Dollar.
Freitag Abend, die erste Wochenendvorstellung beginnt in wenigen Minuten. Jean Shepard rauscht mit Gefolge zum Künstlereingang herein, in einem Sixties-Kostüm, das bei einer Drag-Queen-Show bejubelt wurde. Alte Damen, die bei uns längst ins Altenheim abgeschoben worden wären, regieren den großen Backstage-Bereich. Keine Hektik oder erträumte Exzesse, es ist ruhig. Die Türen zu den vielen Garderoben stehen offen, ein Blick hinein und man könnte denken, in einem David-Lynch-Film zu sein: diese Garderobe leer, dann Cowboystiefel auf dem Tisch, dann eine Frau an den Haaren einer anderen, dann nichts als eine einsame, blaue Glühbirne, jetzt drei Musiker in dunklen Anzügen. Endlich die Rückseite der Bühne: Techniker, Musiker, plaudernd; Kabel, Kameras, Scheinwerfer, und was für ein klarer, warmer Sound. Mit ihren stilsicher elektrifizierten Mountain-Songs herzerwärmend, lässig: The Whites. Wie die Filme O Brother, Where Art Thou? und Down From the Mountain wohl ihr Leben verändert haben? Vater Buck White, der mit dunkler Hose und grauem Jackett wie ein pensionierter Kleinstadtbanker wirkt, sagt: "Gar nicht, aber plötzlich haben wir in New York und überall gespielt, so gefragt wie seit 25 Jahren nicht, und es war unglaublich, dass sich so viele junge Leute für traditionelle Musik interessierten." An zwei bis drei Tagen pro Woche ist er mit seinen Töchtern an die Opry gebunden. Just in diesem Augenblick kommt einer wie ein Windstoß den Gang runter, tolles Show-Outfit, mit Hut oben drauf gefühlte 150 Zentimeter groß und reale 86 Jahre alt, aufgekratzt, strahlend, bereit.
"Hey, Jimmie", sagt Buck White, "komm' her, das ist ein Journalist aus Deutschland", und Little Jimmie Dickens sagt "Willst du ein Foto?" Der womöglich am längsten arbeitende Mensch im Showbiz jenseits der Venus springt in Pose. Und stolziert dann raus in den Applaus, wie er das seit 1938 macht. Er deutet Rock'n'Roll-Schritte an, schwingt die Gitarre, man spürt noch, dass dieser Typ einst das Dynamit geliefert hat, ohne das kein Elvis explodiert wäre. Leicht hat er es heutzutage nicht: eingerahmt von fünf Leinwänden, die ihn übertragen, oder von Werbung, verliert man den echten Mann leicht aus den Augen.
Die Grand Ole Opry ist, wie schon immer, umstritten, weil sie sperrigen Künstlern abgeneigt ist, den Kommerz über alles stellt und konservative Politik repräsentiert: Ein Andy Griggs bringt nicht nur den so erfolgreichen wie ekelhaften Pop-Country-Brei, sondern auch einen Song mit der Aufforderung, sei stolz auf dein Land und bereit, dafür zu sterben! So eindeutig zeigt sich die Opry, die zugleich ein Aushängeschild der mächtigen Country-Industrie ist, in der diese politischen Auseinandersetzungen von heftigen künstlerischen begleitet werden: In diese Richtung zeigte der Mittelfinger, den Johnny Cash 1997 öffentlich reckte.
Wie in jeder modernen Stadt wird das Traditionelle weniger wichtig, und immer deutlicher entwickelt sich ein kosmopolitisches Nashville. Dazu passt, dass die Innenstadt seit Jahren renoviert und als kulturelles Zentrum ausgebaut wird. In den 1970er-Jahren hätte man den Symphonie-Komplex wohl an den Stadtrand ins Grüne verlegt wie die Opry. Und die verlegt seit einigen Jahren in den Wintermonaten ihre Show zurück nach Downtown an ihren historischen Ort Ryman Theatre. Die Diktatur des Parkplatz-Denkens scheint zu Ende zu gehen.
In den Broadway-Lokalen Robert's Western World, Legend's Corner und, dem berühmtesten von allen, Tootsie's Orchid Lounge tobt die Touristen-Meute der Country-Fans bis zur letzten Sekunde. Mit den Fotos an den Wänden könnte man großartige Bildbände füllen.
Letzter Morgen, Sonntag, 3:30 Uhr, Ecke Broadway und 5th Avenue. Da ist noch was los und alle scheinen sich zu fragen, wo es lang geht, wenn in den Bars nichts mehr geht. An dieser Straßenecke steht eine Informationssäule, in deren Spitze ein Lautsprecher installiert ist, der die Geschichte der Countrymusik vorführt. Tagsüber und abends fällt das wegen des Verkehrslärms nicht auf. Jetzt aber schallt es über den Platz, als sollten alle animiert werden, hierzubleiben. Kein Streifenwagen hält an, um nach Flaschen mit Alkohol zu suchen, die im Freien nicht erlaubt sind. Aus dem Lautsprecher quillt offensichtlich Non-stop-Sound. Stimmt schon, diese Stadt darf das von sich behaupten: Music City. Das sollte man sich unbedingt mal genauer ansehen.
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