Amerika ist anderswo
Ein Spaziergang mit dem Schriftsteller Michael Cunningham durch Provincetown
In der Nacht ist ein Hurrikan an Cape Cod vorbei gezogen, und der Morgen hat herbstlich grau begonnen, die Luft war noch kühl und regenschwer. Aber jetzt, an einem Nachmittag im September, brennt sich langsam eine milchige Sonne durch den Dunst. Einige blaßgeschminkte Männer in selbst gebastelten Vogelkostümen, lange Kunststoffschnäbel vor die Nasen geschnallt, hüpften die Hauptstraße von Provincetown entlang. Sie verteilen Werbezettel für die Aufführung eines Theaterstücks namens "The Gulls". "Frei nach Hitchcock" kräht einer von ihnen, "heute Abend zum letzten Mal." Die Menschen, die über die Commercial Street flanieren, gaffen und lachen, strecken die Hände nach den Zetteln aus.
"Provincetown ist eine der ganz wenigen Kleinstädte in den Vereinigten Staaten, in denen das Exzentrische geschätzt wird", sagt der Schriftsteller Michael Cunningham. Er sitzt im Schaukelstuhl auf der Veranda eines schicken Herrenbekleidungsladens, betrachtet das Treiben auf der Straße und nippt an einem Eiskaffee. Immer wieder erspähen ihn Freunde oder Bekannte, winken oder setzen sich auf ein Schwätzchen zu ihm. Ein schwarzhaariger Adonis zieht "Land's End", Cunninghams Buch über Provincetown, aus seinem Rucksack und bittet um eine Widmung.
"Land's End". Ein Spaziergang in Provincetown", 2003 auch in Deutschland erschienen, ist kein Reiseführer, vielmehr das Doppelporträt eines Mannes und der Stadt, die er liebt. Vor mehr als zwanzig Jahren hat es Cunningham zum ersten Mal hierher an die äußerste Spitze der Halbinsel Cape Cod verschlagen, die, so schreibt er, "wie der Schnabelschuh eines Dschinn vor der Küste von Massachusetts ins Wasser ragt". Damals hatte er, ein ehrgeiziger Nachwuchsautor von Ende Zwanzig, ein Arbeitsstipendium des lokalen Kulturzentrums ergattert, verbrachte einen trostlosen Winter hier mit Saufen und Fernsehen und hatte an einem besonders trüben Februarabend gerade beschlossen, nie mehr nach Provincetown zurückzukehren, als er merkte, dass er sich in das Städtchen verliebt hatte. Er ging trotzdem nach New York - und litt daran, dass ihm Provincetown fehlte.
"Bestimmte Bilder hatten sich besonders hartnäckig in meinem Kopf eingenistet. Ein Abend Mitte Dezember, bei Dämmerung weit im Westen der Stadt, wo die Straße in der Salzmarsch endet und in engem Bogen wieder zurückführt, wo es nichts gibt außer einer hell erleuchteten Telefonzelle, ein in sich vollkommenes Gehäuse aus mattgelbem Licht, das sich vor der schwarzgrünen Marsch und dem purpurroten Himmel abhob. Ich hatte dagestanden und das lichte Rechteck und die Marsch dahinter betrachtet, als bärgen sie eine Schönheit, die zu endgültig und zu schlicht war, als dass man sie in Worte fassen konnte."
Cunningham kehrte zurück, blieb am Ende mehrere Jahre und kommt, obwohl er jetzt überwiegend in New York lebt, jeden Sommer getreulich wieder. Seit kurzem besitzt er ein Anwesen hier - finanziert mit dem Geld, das ihm Hollywood für die Filmrechte an seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Besteller, der Virginia-Woolf-Variation "Die Stunden", gezahlt hat. "Provincetown ist ein geheimnisvoller Ort", schreibt Cunningham in "Land's End", "und diejenigen von uns, die ihn lieben, hängen mit einer eigenartigen, unergründlichen Inbrunst daran." Wer hierher kommt, muss wirklich hierher wollen: Provincetown ist die Endstation Sehnsucht. Es gibt nur zwei Straßen, die hierher führen, und wer -auf dem Landweg- wieder zurück in den Rest der Welt will, muss umdrehen und zurück fahren. Aber wer will das schon?
Im Nachbarort Truro hat jahrzehntelang der Maler Edward Hopper gelebt, und seine Gemälde bannen jene kühle, reine neu-englische Schönheit, die Provincetown im Übermaß besitzt, das blendend klare Licht, das die Konturen der dicht aneinander gedrängten, verwinkelten und verschachtelten Schindelhäuser so scharf zeichnet, dass das alte Fischerstädtchen an manchen Sommertagen wie eine Studie in Geometrie wirkt. Von verwittertem Grau sind die meisten Fassaden, dazwischen blitzen weiß und bunt gestrichene Häuser auf, und an den unerwartetsten Stellen öffnen sich Ausblicke auf die glitzernd blaue Bucht.
In gewissem Sinn ist Provincetown ein einziger Strand. Wenn man an der Küste steht und zusieht, wie die Ebbe einsetzt, ist man nur eine Idee näher am Wasser und stärker dem Walten des Wetters ausgesetzt als in der Stadtmitte. An der Seite der Bucht zieht sich der sanft abfallende, mit Tangbärten und trockenem Seegras bedeckte Strand die ganze Straße entlang. Da Provincetown tief auf dem Kontinentalsockel steht, machen sich die Gezeiten extrem bemerkbar, ein Tidenhub von mehr als dreieinhalb Metern, wenn Sonne, Mond und Erde in einer Reihe stehen. Ganze Strandabschnitte, die bei Ebbe mehr als hundert breit sind, verschwinden einfach, wenn die Flut den höchsten Stand erreicht.
Auf Sand gebaut und im Westen, Norden und Osten umgeben von Wasser, ist dieser Außenposten Amerikas -nur zwei Meilen lang und knapp eine halbe Meile breit- heute vor allem ein Ferienort. Den Winter über leben etwa 3.800 Menschen hier, die Year-Rounders, die häufig ihren Status stolz auf Autoaufklebern vermerken. Im Juli und August aber schwillt die Einwohnerzahl auf das Zehnfache an.
Es quartiert sich eine äußerst ungewöhnliche Kombination von Sommerfrischlern ein: Neben den Kleinfamilien, die allmorgendlich von Herring Cove Beach zuckeln, fallen Cliquen hübscher, schwuler Großstadtjungs ein, die lange schlafen und schon am Nachmittag zur ersten Party aufbrechen, und rustikal gewandete Lesbenpaare aus dem Mittelwesten, die wenigstens zwei Wochen im Jahr auf offener Straße Händchen halten wollen. Und dann gibt es noch die Tagesausflügler, die eben dieses unorthodoxe Durcheinander bestaunen. "Für die sind wir die Affen im Zoo", sagt Cunningham und lehnt sich in seinem Schaukelstuhl zurück, "aber das ist okay. Wir nehmen ganz gern ihre Erdnüsse."
Eigentlich ist die Urlaubszeit vorüber: Sie endet traditionell am Labor Day, dem ersten Montag im September. Doch selbst an diesem Frühherbsttag verwandelt sich die Commercial Street, die sich längs durch den ganzen Ort zieht, in einen Nonstop-Karneval. Zwischen den bunt aufgeputzten Geschäften, Bars, Restaurants und Galerien tummeln sich Hunderte von Menschen, und zusammen laden sie die schmale Straße mit einer elektrisierenden Kraft auf, die auf jeden einzelnen zurück zu strahlen scheint: Wer einige Male auf und ab bummelt, kann in eine Art Provincetown-Trance verfallen - und wird sich hinterher fragen, ob er wirklich Männern in Vogelkostümen begegnet ist und einer zwei Meter großen Drag Queen, die Cher verblüffend ähnlich sah.
Noch haben auch fast alle Abendvergnügungen geöffnet. Anders als in den übrigen, eher gutbürgerlichen Ferienorten auf Cape Cod hat sich in Provincetown ein reges -und manchmal ziemlich ausgefallenes- Nachtleben entwickelt. Performer, die den Sommer hier verbringen wollen, finanzieren ihren Aufenthalt dadurch, dass sie in lokalen Clubs auftreten: So gewinnt das Städtchen das Flair eines New York en miniature.
Während heute in der Universalistenkirche ein Schubert-Konzert gegeben wird, läuft zwanzig Schritte weiter eine nicht gerade jugendfreie Revue; nebenan reißt die grandiose Kabarettistin Kate Clinton Witze über George W. Bush und amerikanischen Bigotterien ("Die Bibel ist wie Google für Christen: Man findet alles, was man sucht."), und im Fine Arts Cinema wird passenderweise "Die unbarmherzigen Schwestern" gegeben, ein international ausgezeichneter Film über die Schrecken irischer Mädchenklosteranstalten.
Wer genug zum Trubel hat, kann sich innerhalb einer Viertelstunde mitten in menschenleere Natur flüchten. Rund um Provincetown liegen lange Atlantik-Strände, Salzmarschen, Wäldchen und ausgedehnte Dünen, die überwiegend zu einem Naturschutzgebiet, der Cape Cod National Seashore, gehören. Schon Henry David Thoreau, der amerikanische Transzendentalist, ist im neunzehnten Jahrhundert hier gewandert, und die karge, spröde Wildnis hat sich ihre Aura vollkommener Abgeschiedenheit bewahrt.
Die Dünenlandschaft ist grün und mondfahl zugleich. Sie ist mit Gestrüpp und verkrüppelten, verkümmerten Kiefern durchsetzt. Sie hat einen besonderen Geruch: nach Kiefern und Salz, mit irgend etwas unterlegt, das ich nur mit staubig und grün umschreiben kann. Stellenweise besteht die Landschaft aus purem Sand, rein wie Zucker. Die sandigen Bereiche in ihrer Stille und den Schatten wirken urtümlich, obwohl sie natürlich überhaupt nicht alt sind - vor hundert Jahren sahen sie noch nicht so aus; in einem Jahrhundert werden sie ganz anders aussehen. Dennoch habe ich, wenn ich dort draußen bin, oft das Gefühl, als könnte ich regelrecht spüren, dass ich mich auf einem Planeten befinde, über mir die dünne blaue Himmelshaut und dahinter das Universum.
Provincetown selbst ist für amerikanische Verhältnisse uralt. Die Pilgerväter, die 1620 mit der Mayflower in der Neuen Welt anlandeten, verbrachten ihren ersten Winter hier, segelten dann aber weiter nach Plymouth, weil sie genügend Trinkwasser vorfanden. Nur dieser Landgang in Plymouth hat es in die offizielle Geschichtsschreibung geschafft, und mancher Provincetowner jammert immer noch darüber, dass seine Stadt um den Ruhm der Erstbesiedelung betrogen wurde, wohl nicht zuletzt, weil Geschichtsträchtigkeit immer gut fürs Business ist. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts beschloss die Stadtverwaltung sogar, ein Monument für die Pilger zu errichten - entschied sich dabei aber für den Nachbau eines Stadtturms von Siena, so dass die Verbindung zwischen dem Pilgrim Monument, das bis heute die Silhouette des Ortes überragt, und den puritanischen Urahnen sich beim besten Willen nicht erschließt. Den Panoramablick, der sich von dort aus bietet, beeinträchtigt dies nicht. "Ich bin noch nie oben gewesen", gesteht Cunningham, der inzwischen zu einem Stadtspaziergang aufgebrochen ist, "das hebe ich mir für einen besonderen Tag auf."
Jahrhundertelang lebte Provincetown, das 1727 offiziell begründet wurde, von der Fischerei, auch vom Walfang, und in einer Art Parallelwelt zum Touristenrummel schuften die einheimischen Fischer, die überwiegend von portugiesischen Einwanderern abstammen, auch heute noch am MacMillan Wharf auf ihren Kuttern. Nach der Arbeit steuern sie ungerührt ihre zerschrammten Pickup-Trucks durch die Commercial Street, Netze und Bojen auf der Ladefläche, und verziehen sich abends in den Governor Bradford, das Old Colony Tap oder eine der anderen Kneipen, die zu vergilbt sind, um Urlauber anzulocken.
"Gehe hinaus zum Ende der Werft. Wo sich die Möwen auf die Abfälle stürzen und wie üblich ein Riesengezeter veranstalten. Wo Männer, die vom Leben auf See dunkel gegerbt sind, auf den Booten arbeiten oder in kleinen Trupps beisammen stehen, miteinander reden, Pappbecher mit Kaffee in der Hand haben, aus denen sie ab und zu einen Schluck trinken. Vom äußersten Ende der Werft aus kann man den Wellenbrecher, auf dem nachts das Nebelhorn ertönt, genauer betrachten; man kann den Möwenkot sehen, mit dem er überzogen ist, perlweiß schillernd und in dieser Menge fast phosphoreszierend. Vom Land aus ist das vielleicht der beste Standort, um zu begreifen, wie anmutig und klein, wie rührend und bedeutungslos die Stadt aus der Sicht der Wale wirken muss, wenn sie draußen im Meer zum Atmen auftauchen."
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts müssen sich die Fischer ihren Landstreifen zwischen Cape Cod Bay und Atlantik teilen: Nachdem eine (inzwischen längst wieder still gelegte) Eisenbahnverbindung eingerichtet worden war, kamen die Künstler und die Aussteiger. In Provincetown entstand eine der ersten impressionistischen Kunstschulen Amerikas, und am Vorabend des Ersten Weltkriegs verwandelte es sich in eine echte Künstlerkolonie. Die jungen Maler und Schriftsteller, die nun nicht mehr den Initiationstrip nach Europa unternehmen konnten, tobten sich hier aus - das Leben war billig, und die Sitten galten ohnehin als rau. Eugene O'Neill reifte in Provincetown zum Alkoholiker und Autor heran, im Laufe von acht Jahren schrieb er mehr als zwei Dutzend Dramen hier, und die Provincetown Players, eine Amateur-Theatertruppe, die es zu unerwartetem Ruhm bringen sollte, führten auf, was immer er verfaßte.
In den darauf folgenden Jahrzehnten zog das Städtchen Maler wie Hans Hofmann, Franz Kline, Mark Rothko und Robert Motherwell an, die hier lebten oder zumindest eine Zeitlang zur Sommerfrische kamen. "Siehst du die blaue Plakette?" fragt Michael Cunningham, während er gemächlich die Commercial Street entlang schlendert und auf ein stattliches weißes Haus zeigt. "Hier hat Hans Hofmann jahrzehntelang gearbeitet."
Bis heute reihen sich im East End die Galerien aneinander, in denen lokale Maler aller Talentkategorien ihre Werke ausstellen. Aber eine wirklich ungebärdige Avantgarde hat Provincetown nicht mehr aufzubieten. Ein paar etablierte literarische Größen kann man bisweilen im Supermarkt treffen, etwa Norman Mailer, der -zum Neid vieler- die einzige Ziegelvilla in dieser Stadt der Holzhäuschen bewohnt oder die vielfach preisgekrönten Lyriker Mary Oliver und Stanley Kunitz.
"Heute ist Provincetown so etwas wie ein älterer Bohemien, der einst sehr einflussreiche Leute kannte, sich immer noch exzentrisch kleidet, nach wie vor in trotziger Armut lebt, nach wie vor tapfer und voller Zuversicht malt und bildhauert und nur an schlechten Tagen damit hadert, dass er begabt und engagiert gewesen und dennoch links liegen gelassen worden ist."
Immer noch aber gibt es Leute, die alles aufgeben, um hier leben zu können - häufig unter bescheidenen Umständen, denn Arbeit findet sich außerhalb der Urlaubssaison kaum. Sie ziehen ans Ende der Welt, weil sie Provincetown mit jener Inbrunst verfallen sind, die auch Cunningham einst gepackt hat. Sie kommen seiner Schönheit, aber auch seiner Toleranz wegen, sie kommen, weil es hier normal ist, anders zu sein, weil man den Präsidenten kritisieren darf, ohne für unamerikanisch gehalten zu werden und weil man seine Kleidung falsch herum tragen kann -wie der Inside Out Man es seit Jahrzehnten tut-, ohne als besonders bekloppt zu gelten. "Provincetown hält auf eine nachdenklich-versonnene Art Abstand zum Rest des Landes", glaubt Cunningham. "Es sieht sich nicht unbedingt als Teil von Amerika, und da hat es vermutlich sogar recht."
Auf seinem Spaziergang ist er inzwischen am Captain Jack's Wharf angekommen, einer Ansammlung winziger, wild aneinander geflickter Wohnungskästchen, die auf einem Pier weit hinaus in die Bucht hinaus gebaut sind. "Wie jeder Ferienort zeigt Provincetown seine Seele nicht gleich", sagt er, "aber wenn man eine Weile hier bleibt, begreift man, wie vielschichtig und magisch der Ort ist." Er klopft an die Tür einer Bekannten namens Sally, die im vergangenen Herbst eine Ausstellung lokaler Künstler zusammen gestellt hat: Die Besucher wurden aufgefordert, alle Werke mitzunehmen, die ihnen gefielen. "Ein paar Künstler haben gemault", erzählt Cunningham, "aber die meisten waren begeistert. Natürlich gab es am ersten Abend einen wilden Ansturm, und den Rest der Zeit bestand die Ausstellung aus den Werken, die keiner haben wollte." Er lacht. "So etwas geht nur in Provincetown."
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