Die Parton-Kinder
Das gute Herz von Tennessee: In Pigeon Forge hat der Country-Star Dolly Parton ein Traumland für alle Amerikaner gebaut
Hast du alles? Die Eintrittskarte? Den Lederbeutel mit den magensaftresistenten Süssigkeiten? Hast du das kleine blaue Plastikherz um den Hals gelegt und die Kabel hinten am Kontakt zusammengesteckt? Ja, das Herz leuchtet in mattem Mentholblau. Hast du die beiden Fähnchen, das Graue für den Süden, das Blaue für den Norden? Dann geh rein, ja, mach schon, wir haben nicht ewig Zeit.
Amanda führt euch dann in den Fotoraum. Amanda ist das dicke Mädchen, in dessen Gesicht sich Dummheit und Wut einen unerbittlichen Kampf liefern. Amandas mondrundes Gesicht bebt von diesem Kampf. Und wenn sie sagt, dass sich die Grösseren in die erste Reihe knien sollen, dann machen die das auch, denn wer weiss, wozu Amanda so fähig ist. Sie macht jetzt das Foto, auf dem ihr alle zu sehen seid wie eine grosse stolze Familie. Bestimmt hat niemand von euch je ein peinlicheres Bild besessen.
Ihr habt jetzt noch zwei Karten, passt gut drauf auf. Mit der einen werdet ihr ein Begrüssungsgetränk aus einem kleinen Plastikstiefel bekommen. Den könnt ihr behalten, wenn ihr wollt. Und dann führt euch Amanda durch diese halbdunkle Scheune, die ein bisschen aussieht wie der Partykeller des Marquis de Sade, direkt in die Arena, wo gleich Dolly Parton's Dixie Stampede anfängt.
Ihr kennt doch Dolly Parton? Die Countrysängerin mit den aufgespritzten Lippen und dem festgezurrten Gesicht? Es gibt ein Lied von ihr, das heisst »False Eyelashes«. Dolly kommt aus einem kleinen Dorf hier in der Nähe von Pigeon Forge, Tennessee. Sie war ein armes Mädchen, das sich nach ganz oben, na ja, gesungen hat. Heute tut Dolly Parton alles dafür, dass die Kinder hier in Pigeon Forge gute Bücher zu lesen bekommen. Dass sie lernen und lachen. Dafür hat Dolly Parton einen gigantischen Freizeitpark anlegen lassen: Dollywood. Mit einer Adlerwarte, in der ein Vogel namens Challenge lebt. Er lässt sich gern vor dem Sternenbanner knipsen. Und denkt, dass er ein Mensch ist.
Die Arena ist schon ziemlich voll besetzt, ihr könnt sei sehen, die von Norden. Ihr wisst ja: Ihr seid South, die sind North. und jetzt kommt eine Kollegin von Amanda und stellt euch eine kleine Schüssel mit eienr weissen Flüssigkeit hin, in der rote und grüne Punkte schwimmen. Eine leckere Gemüsesuppe ist das. Die zweite Karte, bitte. Nein, Löffel gibt es nicht, ihr müsst den Henkel nehmen und das Zeug aus dem Schüsselchen schlürfen. Servietten liegen da.
Was wollt ihr trinken, Kaffee oder Pepsi? Da habt ihr Pepsi, könnt ihr euch aus dem Plastikeimer nehmen soviel ihr wollt. All you can drink. Licht aus, Laserstrahlen an die Decke und eine Marlboro-Stimme aus dem Off ruft, dass es hier um Amerika geht, land of the free. Dass Amerika im planetarischen Sinne eine führende Rolle spielt und auf Erden sowieso. Jetzt zuckt ihr schon ein bisschen zusammen, was? Eine Büffelherde stampft in die Arena, richtige Cowboys reiten auf richtigen Pferden und jetzt geht das Licht auf der gegenüberliegenden Seite an und ihr seht die Leute von »North« - im hellen Lampenschein sitzen sie da wie eine grosse durchgeknallte Jury.
Der Cowboy mit der coolen Marlboro-Stimme kommt hereingeritten und erklärt euch den Krieg: Ihr müsst gegen North kämpfen. Zum Beispiel im Ringewerfen. Also schickt ihr am besten den fettesten Südstaatler in die Arena, ja, den mit dem karierten Hemd, das ihm aus der Schlabberjeans hängt. Der kriegt das hin. Wieder ein Punkt für South. Oder, nein, der andere Dicke mit dem Backenbart ist doch noch etwas näher dran gekommen. North kriegt den Punkt.
Auf eurem Teller liegt jetzt ein knurspriges Huhn. Daneben eine halbe Kartoffel mit einem Schweinebauch drauf. In der Arena steigt Lisa in ein Fass auf einem Pferdewagen. Sie hat ein rotes Kleid an, ihr könnt euch leicht merken, wer Lisa ist. Aber dann fahren die anderen Wagen um den Wagen mit dem Fass mit Lisa herum. Und jetzt ratet mal, wo Lisa ist! In dem mittleren Fass? Nein, in dem Fass, das ganz hinten bei North steht. Wie ist das bloss alles möglich? Gibt's am Ende mehrere Mädchen im roten Kleid, die Lisa heissen?
Und immer wieder reiten sie durch die Arena. Mit Büffeln, mit Pferden und dann kommen Ziegen und Hühner, die um die Wette laufen. Als dann die Mädchen auf lebendigen Straussen reiten, liegt eine Apfeltasche auf eurem Teller. Ihr kriegt das süsse Teilchen kaum runter. Aber mit etwas Pepsi geht das schon. Und jetzt ist Stampede zu Ende. North hat gewonnen. Nehmt alles mit, was ihr als Souvenir gebrauchen könnt. Die Hühnerknochen und das, was von der Apfeltasche übrig blieb, fegen die Jungs jetzt in ihre riesigen Müllsäcke. Schaut euch noch einmal um, bevor ihr die Arena verlasst: Auf den Bänken sieht es aus wie nach einer Explosion.
Es ist Abend geworden. Und ihr sitzt auf der Terrasse eures kleinen Chalets, etwas oberhalb von Pigeon Forge. In den Wäldern um euch herum ist es dunkel, ihr habt die winzigen Jack-Daniels-Flaschen unter euch verteilt und denkt noch einmal über euren Tag nach. Wie ihr, kaum dass ihr hier in Tennessee angekommen seid, erst mal raus in die Outlets gefahren seid, um zu shoppen. Der Busfahrer hatte euch auf dem elend grossen Parkplatz rausgelassen und dann seid ihr ausgeschwärmt in die grossen Hallen, in denen ihr die einzigen Besucher wart. Sonst nur leise Musik und traurige Geschäfte, in denen ihr Koffer kaufen konntet, Clip-Uhren und Bücher, Jeans und Feuchtigkeitcremes. Die Hallen waren fast menschenleer. Nur ein paar alte Männer habt ihr gesehen. Sie sassen da auf den Bänken und schauten vor sich hin. Vielleicht dachten sie darüber nach, ob es richtig gewesen war, das Land zu verkaufen, das ihnen vorher gehört hatte. Nur damit hier diese Outlet-Shopping-Hallen gebaut werden konnten.
Hört ihr die Grillen? Oder habt ihr noch immer Dolly's Lied im Ohr, in dem es heisst, dass es nur ein Amerika gibt und nicht ein South und ein North, so wie es der Marlboro-Cowboy euch zuerst hatte weismachen wollen. Ein grosses Amerika für alle, land of the free, in dem jeder seine Punkte machen kann. Dann geht ihr allmählich zum Schlafen in eure gemütlichen Zimmer. Gute Nacht, John-Boy.
Am nächsten Morgen fahrt ihr mit dem Auto die fünf Kilometer hinauf zur National Association for the Protection of the American Eagle. Dort wartet Al Louis Cecere auf euch. Ein ernster Mann mit randloser Brille, mittelgescheiteltem grauen Haar und einem feinen Bärtchen um Kinn und Mund. Er erzählt euch, wie er einmal im Fernsehen gesehen hat, dass Menschen Adler einfach töten. Wie sie die stolzen schönen Tiere einfach kaputt machen. Al hat sich erkundigt, was er gegen diese Dinge tun kann. Und wurde bald einer der besten Adlerhüter in diesem Land. Dolly Parton hat ihm ihre Adler in Dollywood anvertraut. Schöne stolze Vögel, ernst und entschlossen wie Al Cecere selbst. In der grossen Halle leben die verletzten Vögel hinter fest verschlossenen Türen. Manche wippen auf der Stange hin und her, einige schauen ratlos aus dem Fenster nach draussen. Einer wirft sich mit seinem ganzen Hass gegen die Gittertür, sobald ein Mensch hereinschaut. Der sich gegen die Tür werfende Vogel ist der sympathischte, weil er sich nicht abfinden kann und will mit den Bedingungen hier in der Zelle.
Al hat jetzt Challenge auf seinem Arm sitzen, der nie wieder in die Freheit entlassen werden kann, weil er sich zu sehr an die Gefangenschaft hier oben gewöhnt hat. Trotzdem hat Challenge eine Menge zu tun. Er muss fliegen, wenn Amerika sich feiert, sei es vor dem Weissen Haus, dem World War II Memorial oder vor der Flagge. Challenge ist der amerikanische National-Adler geworden. Er breitet jetzt die schwarzen Adlerflügel aus und fliegt einmal den schmalen kalten Gang entlang und wieder zurück. Und damit ihr Challenge richtig fotografieren könnt, schickt Al den Adler nochmal los. Da seht ihr, wie gross seine schwarzen Schwingen sind. Er schreit und hebt den Kopf. Jetzt muss er wieder in seine Zelle zurück. Dass er Challenge heissen muss, ist natürlich eine zusätzliche Belastung für das Tier. Aber gut für das Land.
Es ist richtig heiss geworden hier oben in Al Cerere's Adlerhorst. Die Smoky Mountains haben jetzt nur noch kleine Nebelfetzen vor sich und man kann ahnen, wo sie sich erstrecken. Am besten, ihr fahrt wieder ins Tal runter und schaut euch ein bisschen Dollywood an. Manche von euch sagen, dass sie sich deshalb auf Dollywood freuen, weil das bestimmt der dümmste, amerikanischste Kitschpark ist, den man sich vorstellen kann. Aber kaum seid ihr drin, müsst ihr zugeben, dass es eigentlich ganz gut gemacht ist. Es gibt Nachbildungen alter Hufschmieden, Kerzenmacher und andere schöne Handwerksberufe. Und das Blues-Museum ist nicht nur informativ, sondern auch lustig gestaltet. Eine Gesangsgruppe aus den vierziger Jahren ist in Wachs nachgebildet. Vier Männer, deren Münder mechanisch auf und zugehen, während ihre grössten Erfolge vom Band kommen. Sie wirken rührend, aber auch unheimlich. Als hätte man die vier so gern gesehen, dass man sie ausgestopft hat.
Wer geht mit auf die Holzachterbahn Thunderhead? Dicke Männer mit Vollbärten prüfen, ob die Barriere im Wagen richtig fixiert ist. Ihr sitzt zu zweit und werdet langsam zur ersten Steigung gefahren. Plötzlich reisst es euch hoch bis zur Spitze des ersten Abschnitts und vor euch liegt eine Landschaft aus Holzbalken, die so chaotisch ineinander verschlungen sind, wie das Schuhband eines Vorschulkindes. Ihr habt drei Sekunden, um das Holzkunstwerk anzuschauen. Dann fallt ihr in die Tiefe. Teenager schreien. Ihr sagt gar nichts mehr. Weil alles so schnell geht, dass es nichts mehr zu sagen gibt. Eine Fahrt wie eine grosse schmerzlose Ohrfeige. Aber hinterher fühlt ihr euch ein bisschen schlecht. Nicht im Magen, sondern eher seelisch, weil ihr Donnerköpfe diesem rasenden Wahnsinn so ausgeliefert gewesen seid.
Habt ihr auch nichts vergessen? Denkt an das blaue Herz und seinen mentholblauen Schein. Nehmt den Lederbeutel mit den Drops und dem Eiskonfekt. Und vergesst nicht die beiden Fähnchen, das graue für den Süden, das blaue für den Norden. Aber wenn ihr noch ein paar Minuten Zeit habt, lauft ihr noch einmal zurück und holt euch im Store eine von Dollys wunderbaren CDs. Vielleicht hat der Busfahrer ja Lust, sie einzulegen, während ihr ein bisschen schläfrig schon an den Great Smoky Mountains vorbei Richtung Flughafen fahrt: »In my Tennessee mountain home / Life is as peaceful as a baby's sigh / In my Tennessee mountain home crickets sing in the fields near by.«
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