In den letzten Zügen
Die Bahnfahrt von New York nach Boston ist schöner als Fliegen - aber das US-Streckennetz rentiert sich nicht
Am Anfang ist das Dunkel. Minutenlang rauscht der Waggon durch den Tunnel unter dem Hudson River. Fast befürchtet man, die viel gepriesene Zugfahrt von New York nach Boston bleibe von dieser U-Bahn-Atmosphäre beherrscht, da fällt das Licht wieder in die großen Fenster - und mit ihm eine beeindruckende Aussicht: Die Skyline von Manhattan, wie sie ein Flugreisender nie zu sehen bekommt. Von der Bahntrasse schaut man über Fluss und Parks geradewegs zu den dicht gedrängten Wolkenkratzern der City. Ein Blick wie in einem Fotoband.
Danach sieht es weniger nach Hochglanz aus, aber nicht minder spannend: Auf die Schrotthalden und Tümpel vor den Toren New Yorks folgen weite Landschaften, Wälder, Schnipsel der Atlantikküste - immer wieder unterbrochen von flüchtigen Einblicken in die All-American-Towns zwischen den Ostküsten-Metropolen der USA.
Die Fahrt mit Amtrak, dem halbstaatlichen Betreiber des nationalen Bahnnetzes, gilt im Autoland USA als Überbleibsel der Vergangenheit. Dabei ist sie eine entspannende, unterhaltsame Alternative zum ewig gleichen Fliegen - gerade jetzt im Herbst, wenn der Indian Summer die Wälder hinter der Scheibe in sein flammendes Rot, Orange und Gelb taucht. Und obwohl auch der sogenannte 'Nordost-Korridor' der Bahngesellschaft am riesigen, nordamerikanischen Kontinent nur kratzt: Verfolgt man die Fahrt durchs flache Land der USA-Karte, bekommt man eine Ahnung von der Weite der Staaten.
Solche romantischen Gründe für die Wahl des Transportmittels kennt freilich nur der Tourist. US-Amerikaner sind eher überrascht, wenn jemand freiwillig per Amtrak reist. "Schau' doch mal nach Flügen, die sind gar nicht so teuer", rät ein US-Kollege. Tatsächlich ist der Preisverfall der Binnenflüge zum Sargnagel für die amerikanische Bahn geworden. Von New York nach Boston fliegt man bereits unter 200 Dollar, der Großraumwagen (Coach Class) im Amtrak kostet 90 Dollar.
Allerdings ist das schlechte Image, das Amtrak vor allem wegen seiner Strecken im Süden und mittleren Westen hat, ungerecht gegenüber seiner Ostküsten-Route: Hier sind die Gänge breit, rauchfrei und mit rotem Teppich ausgelegt. Die Sitze tragen saubere Stoffbezüge und bieten mehr Beinfreiheit als im deutschen ICE. Abends werden Decken und Kissen ausgeteilt.
Auch tagsüber ist die Fahrt entspannender als in deutschen Zügen - nicht zuletzt, weil die Wagen höchstens halb voll sind. Eine Durchsage weist auf den 'quiet wagon' hin, in dem "Bibliotheks-ähnliche Atmosphäre" herrsche, also bitte nicht gesprochen werden soll. Umso ausgelassener ist die Stimmung im 'snack car', wo ein Kellner mit Entertainer-Qualitäten günstige Mikrowellen-Pizzen und Muffins in kleine braune Pappboxen steckt. Sogar Bier kann man zum Platz tragen, natürlich ist es Heineken.
Mit dreieinhalb Stunden Fahrzeit braucht die Bahn zwar länger als die Stunde Netto-Flugdauer vom New Yorker JFK-Flughafen zum Bostoner Logan Airport. Dafür fährt Amtrak direkt ins Zentrum von Boston und startet mitten in Manhattan.
Die New Yorker Amtrak-Station war einst ein Vorzeige-Bahnhof: Die Wartehalle der Pennsylvania Station, Ecke 34th Street und Sixth Avenue, wurde 1910 nach Vorbild antiker Bäder gebaut - mit schicken Marmorböden, verziertem Dachgewölbe und großen römischen Säulen. Wegen Finanznot des Betreibers wurde der Bahnhof 1963 abgerissen, heute ist Penn Station ein schmuckloser unterirdischer Bahnhof unter dem Madison Square Garden. In eingezäunten Bereichen warten die Reisenden, bis der Schaffner sie zum Bahnsteig führt.
Der Amtrak-Charme, wie eine Airline aufzutreten und doch immer etwas altmodisch zu wirken, entfaltet sich auch im Zug. In Netzen am Sitz stecken Sicherheitshinweise und Bordmagazine, aber die Uniformen der Schaffner, ihre Trillerpfeifen und Papierschildchen, die sie emsig an die Plätze klemmen, erinnern an die glorreichen Zeiten der US-amerikanischen Eisenbahn.
Am Fenster zieht derweil das Amerika der Gegenwart vorbei: Von New York geht die Fahrt nach New Rochelle im selben Bundesstaat, vorbei an Superstores, Kirchtürmen, Wal-Marts, Baufirmen, den obligatorischen Häusern aus weißen Holzlatten und dazwischen immer wieder Wald und Gebüsch. Hinter Stamford fährt der Zug parallel zum Highway - für ein paar Meilen vereint mit Autos und Asphalt, die seit den staatlichen Autobahnen, den Interstates, das Ende der Bahn brachten.
In Bridgeport, Connecticut, sind zum ersten Mal Hafenanlagen zu sehen und allmählich nimmt die Zahl der roten Ziegelsteingebäude zu: Willkommen in New England. Vor New Haven wechseln sich an der Strecke Stapel von Baumstämmen mit Bootsanlegeplätzen und Küstenstreifen ab. Einen Steinwurf vom Waggon entfernt drehen Motorboote ihre Runden. Der Zug kommt zum ersten Mal voll in Fahrt und nähert sich seiner Höchstgeschwindigkeit: 240 Stundenkilometer schafft Amtrak nur auf der Schnell-Trasse zwischen Washington und Boston.
"Nächster Halt: Old Saybrook", ruft der Schaffner - wenn da mal nicht deutsche Einwanderer Schuld am Ortsnamen sind, denkt man und sucht den Streckenrand nach einer solchen "Seebrücke" ab. Amtrak fährt etliche solcher Provinzbahnhöfe für seine Zwei-Minuten-Stopps an, insgesamt gibt es rund 500 Stationen in 46 Staaten. Viele vergammeln, andere sind adrett wie die Cafe- und Restaurant-Meile in New London.
Ein spektakulärer Halt steht noch an, ehe die Bahn in Boston einfährt: Providence. Zwar begrüßt auch die Hauptstadt des Staats Rhode Island den Bahnreisenden mit alten, rostenden Fabrikanlagen. Aber der Bahnhof ist sehenswert. Er ist selbst ein Schmuckstück moderner Architektur, zudem blickt man von hier auf das Capitol des kleinsten US-Bundesstaates. Das in den Boden des Rundbaus gravierte Zitat des 'Schatzinsel'-Autors Robert Louis Stevenson taugt zum Motto des Bahnfahrers in den USA: "Ich reise nicht, um irgendwo anzukommen, sondern um unterwegs zu sein. Ich reise um des Reisens Willen".
Boston ist nicht irgendein Ziel: Der Reisende fährt in die South Station ein, einen klassizistischen Riesenbau, 1899 als größter Bahnhof der Welt eröffnet, heute voller kleiner Shops und Snackbars und mit Anschluss an die älteste U-Bahn der USA.
Wie lange die USA sich den Luxus eines Bahnnetzes noch leisten werden, ist offen. 1971 startete Amtrak selbst als Auffanggesellschaft bankrotter privater Regionalbetriebe - und schaffte es nie aus den roten Zahlen. Fast alle Strecken sind heute unrentabel. Wer sich das Abenteuer gönnen will, mit dem Netzpass quer durch die Staaten zu gondeln, sollte sich bald entscheiden.
Zunächst bekommt Amtrak jedoch eine letzte Chance. Die zwischen Chicago und Seattle verkehrenden Waggons werden für mehrere Millionen Dollar renoviert - um mehr Fahrgäste anzuziehen. Die Strecke feiert in diesem Jahr ihr 75-jähriges Bestehen und ist auf einen symbolträchtigen Namen getauft: 'Empire Builder' - in Erinnerung daran, dass der Aufstieg der USA einmal eng mit der Eisenbahn verbunden war.
Anreise: Die beschriebene Fahrt New York - Boston dauert zwischen 3,5 und 4,5 Stunden und kostet rund 45 Euro (Kinder ca. 25 Euro; alle Preise Oktober 2005). Andere Verbindungen: New York - Niagara Falls ca. 9 Stunden (ab 50 Euro), New York - Montreal ca. 10 Stunden (ab 40 Euro). In den Amtrak-Zügen besteht grundsätzlich Reservierungspflicht. Darüber hinaus gibt es Strecken-Pässe. Die verschiedenen Versionen des günstigen 'USA Rail Pass' sind Angebote für Reisende, die keine kanadischen oder US-amerikanischen Staatsbürger sind. Es gibt regionale und landesweite Rail-Pässe.
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