Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Dschungelcamp auf Rädern oder Abstellgleis ohne Schienen

Dschungelcamp auf Rädern oder Abstellgleis ohne Schienen


Wie frisch aus den Gleisen gesprungen, liegen die Eisenbahnwaggons in der nordostaustralischen Savanne, ein halbes Dutzend alter, rotbrauner Wagen unter Eukalyptusbäumen, in Reihe, leicht gegeneinander verschoben. Kein Zugunglück hat sie zum Stehen gebracht, es gibt nicht einmal Schienen. Nächster Bahnhof: Mount Surprise, knapp dreissig Kilometer entfernt, an der Strecke, die Forsayth, die alte Goldgräberstadt, mit Mareeba und der Küste verbindet.

Auf einem Abstellgleis in Mareeba hat Gerry Collins die ausrangierten Waggons entdeckt, fünfzehn Jahre ist das jetzt her. Das Weideland der Rosella Plains Station, auf dem seine Familie, die ersten Weissen in dieser Gegend, seit 1862 Viehzucht betrieben hatte, war gerade zum Nationalpark erklärt worden. Und Collins, daran nicht ganz unbeteiligt, sattelte um. Statt Kühe im hohen Gras zwischen den kniehohen Brocken erkalteter Lava weiden zu lassen, eröffnete er eine Lodge am Rand des neuen Undara Volcanic National Park. Fertigbau der besonderen Art: Nicht in Wohncontainern oder Wellblechhütten, sondern in hundert Jahre alten Eisenbahnwaggons wohnen seitdem seine Gäste, in kleinen Abteilen mit Aussentür, wo unter den Gepäcknetzen aus Eisendrahtgeflecht neben der Sitzbank aus rötlichem Leder gerade ein Doppelbett Platz findet.

Abenteurer, die in Forsayth Gold finden und ihr Glück machen wollten, werden einst in diesen Wagen gesessen haben, als Zugfahren noch nach Russ schmeckte. In einer Zeit, als mit den Schienen, wenn sie einen Ort draussen in der Wildnis erreicht hatten, der Nachschub, der Handel, der Wohlstand kamen. Minenbesitzer werden in diesen Wagen gesessen haben, Beamte, das übliche fahrende Volk, das solche Städte im Goldrausch, in wenigen Jahren erblüht und wieder welk, einst belebt hat.

Jetzt steht der Zug auf offener Strecke, in der schienenlose Savanne. Ein Dauerstopp, für den heutigen Gast gleichwohl nur Haltestelle, Station. Nicht als Bastion gebaut, wie andernorts so manche Lodge: Aussenposten der Zivilisation, wo sich die Menschen zugleich in der Natur behaupten und ihr entziehen, mit ihrem Allerweltskomfort. Es ist vielmehr eine seltsame Mischung aus Unbeweglichkeit und Ignoranz, die den Reisenden auch am anderen Ende der Welt seinen vertrauten Drink erwarten lässt, das Medienangebot möglichst der Heimat, ein immer gleiches Unterhaltungsprogramm. Standard, eine der zentralen Vertrauensformeln im Tourismus, ist tatsächlich eine Abkürzung in Richtung Ödnis: Minibar, Farbfernseher, Fitness-Raum sind Kenngrössen solcher Urlaubsplanung. In der Wildnis sind sie deplaziert. Und dennoch oft genug zu finden.

Gemessen daran wirkt die Undara Lava Lodge wie ein Basislager. Deplaziert auch sie, genau genommen. Die alten Waggons mit dem Sattelschlepper in die Savanne befördert, abgeladen, aufgebockt, mit einem Steg entlang der Türseite und einem zusätzlichen Blechdach gegen die Sommerhitze versehen. Dabei gehören sie auf die Schienen, und sei es aufs Abstellgleis. Und doch fügen sie sich -provisorisch, wie sie wirken, bescheiden unter die Bäume gestellt, selbst wie auf Zeit zu Gast- aufs beste in die Landschaft.

Morgens weckt das Geschrei der Kookaburras die Gäste. Frühstück gibt es fünf Spazierminuten hinter den Waggons auf Baumstämmen an zwei Feuerstellen. In der einen Glut dampfen die Kaffeekannen, die andere dient als Busch-Toaster: hier wird das Brot in einem Drahtgestell geröstet, zwanzig Sekunden von jeder Seite. Zeitig dort, mit etwas Glück, sehen die Frühaufsteher unter den Frühstücksgästen die letzten Känguruhs, die in der Morgendämmerung zum Grasen in die Nähe der Lodge gekommen sind. Und abends am Lagerfeuer erzählen die Savannah Guides, mit denen die Gäste tagsüber im Park unterwegs waren, was man abends am Lagerfeuer so erzählt: von den Giftschlangen, die gerade heute erst nahe der Lodge gefunden worden sind. Von noch viel giftigeren Schlangen, mit denen man hier auch schon zu tun hatte. Und von all den unliebsamen Viechern, denen man in Nächten wie dieser auf dem Weg ins Bett begegnen könnte. Und natürlich auch Geschichten über die kilometerlangen Lavahöhlen draussen im Park, ihre Entdeckung und Erforschung, und wie man sich darin verlaufen könne - doch das ist eine andere Geschichte.

Undara Experience · Undara Volcanic Park, Savannah Way, via Mt Surprise, Queensland, 4871 (Australia)