Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Zeit der Einkehr

Zeit der Einkehr

Thailand ist nicht nur Mondschein-Party am Strand - viele kommen zum Meditieren im Kloster

Reportage von Martina Miethig (Quelle: Frankfurter Rundschau)

Wenig reden, wenig essen, wenig schlafen. Das empfahl Buddha vor 2.500 Jahren seinen Jüngern, damit sie auf den Pfad der Erleuchtung nicht zu sehr abgelenkt würden. Der hatte leicht reden! Das Waldkloster Suan Mokkh liegt heute mitten im Dreieck von Flughafen, Bahngleisen und Autobahn in der Nähe der südthailändischen Provinzhauptstadt Suratthani. Hier soll sich über die 120 Teilnehmer eines Meditationscamps im International Buddhist Retreat Center für elf lange Tage das Schweigen senken. Die in englischem Singsang genuschelten Begrüssungsworte des thailändischen Abtes zerstäubt ein Düsenjäger schon mal wie Samen über Palmenhain und Reisfelder. An diesem Tag der Anmeldung reden im offenen Speisesaal noch alle lautstark durcheinander: Amerikaner, Deutsche, Holländer, Polen, Spanier, auch ein paar Japaner sind dabei.

Das Meditationskloster Suan Mokhh ist bekannt für seinen strengen und fast wortlosen Tagesablauf. Die meiste Zeit des 18-Stunden-Tages verbringen die Besucher meditierend, im Schneidersitz dahindösend oder die Stunden und Mücken zählend - je nach persönlicher Übung in der buddhistischen Praxis. Selbst bei der Hausarbeit wird meditiert: beim Kloputzen in der Gruppe oder beim Einzelkampf mit den schweren, herabgefallenen Palmwedeln im Garten. Manche bringen mit dem Reisigbesen den Sand wieder in Ordnung, der für viele thailändische Baht von der Küste extra hierher geschafft wurde, damit die zarten, nackten Füsse der Fremden, auch immer schön weich laufen.

Mittags ist "Freizeit", sich hinlegen ist erlaubt, aber nicht etwa schlafen! Zeit zum Wäsche waschen oder zur Körperpflege, verhüllt im Sarong an den Wasserbottichen, die immer gut gefüllt sind vom Monsunregen in der Nacht. Man kann sich auch im stillen Kämmerlein den Kopf darüber zerbrechen wie man den buddhistisch-ökologischen Rat, kein Toilettenpapier, sondern nur Wasser und Finger zu benutzen, am besten in die Tat umsetzen könnte.

Kurzum, die Zeit in Wat Suan Mokkh wird irgendwie vergehen, und was sind schon elf Tage gegen die angestrebte Ewigkeit: Der Weg ins Nirwana und zum Ende aller Wiedergeburten ist bekanntlich lang. Buddha selbst soll auch mal als Mücke gelebt und gelitten haben, zuletzt allerdings als nordindischer Fürstensohn. Angeblich insgesamt 550 Leben bis zu seiner Erleuchtung. Sagt die Legende. Soviel Zeit haben wir nicht. Elf Tage müssen reichen.

Tag 1, vier Uhr morgens: Die Glocke dröhnt erbarmungslos über die Kutis, unsere kleinen Schlafzellen. Leise und unaufdringlich am Anfang, als träume man von Maiglöckchen im Wind, dann immer schneller, immer lauter. Endlich! Auf dem klobigen "Holzkissen" ruhte auch Buddha schon: ein rechteckiger Klotz mit Nackenmulde. Wahrscheinlich war auch er froh, sich von seinem Lager erheben zu dürfen: eine Bastmatte auf Beton unter einem Moskitonetz. Im Gänsemarsch schwanken die Schatten zur Meditationshalle, die Lichter der Taschenlampen begleiten die kleine Prozession.

Die erste Stunde in Anapanasati-Meditation: "Breathing in, breathing out", wiederholt der alte Abt Ajarn Poh wie ein Mantra. Er rät, imme schön den "Atem zu beschatten". Alte Hasen in der Meditation lassen ihren Atem zwischen Nasenspitze und Bauchnabel selbst auf einem Marktplatz oder im Flugzeig nicht aus dem Sinn. Aber wo ist er, der Atem? Wie Pingpongbälle rasen die Gedanken durch den Kopf, schlagen irgendwo an, drehen ab und nehmen eine andere Richtung. "Keine Sorge, das ist ganz normal", sagt der junge Thai-Mönch Tan Medhi am Nachmittag. Und wie stoppt man die Gedanken?

Im Wat Suan Mokkh sollen acht strenge Regeln dabei helfen, die der Abt und die Mönche immer wieder mit buddhistischen und persönlichen Anekdoten in Erinnerung rufen. Wir dürfen nicht schreiben und lesen, die einzigen Mahlzeiten gibt es morgens um acht Uhr (eine salzige Reissuppe und Tee) und um zwölf Uhr (ein vegetarisches Curry). Rauchen und Drogen sind tabu, ebenso Sex und die Gedanken daran, auch Musik, tanzen oder joggen, sich schminken, stehlen, lügen und töten. Es ist ein bisschen so, als übten sich 120 Kriminelle in buddhistischer Barmherzigkeit. Und die gilt natürlich auch für die vielen Mücken, Ameisen und Tausendfüssler, für Skorpione und Schlangen. "Tham dii, dai dii, tham chua, dai chua". Das thailändische Sprichwort beschreibt das buddhistische Schicksalsgestz Karma: Tue Gutes und dir wird nur Gutes widerfahren. Doch deine schlechten Taten musst du im nächsten Leben mit viel Leid bezahlen!

Aus der Nachbarzelle ertönt vor der Nachtruhe das Geräusch eines Badelatschens, der mit voller Wucht wahrscheinlich eine knackige Kakerlake trifft.

Tag 2: Beim allmorgendlichen Gespräch geht es um samadhi: die Konzentration, die Sammlung aller geistigen Energie, die bei Fortgeschrittenen zu Glücksempfindungen führt. Und wer sich über die Vergänglichkeit eben dieses Glücks im Klaren ist, der ist dem Erleuchtungs-Ziel, dem Erwachen im buddhistischen Sinn, eigentlich schon sehr nahe. Aber noch ringt um diese Uhrzeit jeder mit dem Schlaf.

Alles ist vergänglich, lehrte der Erleuchtete. Deswegen soll man nicht klammern, nicht haben und besitzen wollen. Kein "ich", kein "mein". Der britische Mönch Dhammavida erzählt beim gemeinsamen Singen eine kleine Geschichte: von seinem Strandurlaub 1988 in Griechenland, von dem Zelt, in dem er Nächte voller Glück verbracht hatte. Seine Stimme zittert. Er kann nicht loslassen - das Zelt voller griechischer Erinnerungen besitzt er heute noch.

Die Vergänglichkeit verheisst auch positives: Der Schmerz im Rücken beim Meditieren wird irgendwann vergehen, ebenso die Taubheit in den Beinen, das Kitzeln in der Nase, der Krach um uns herum, und schliesslich: das ganze Ich. Wenn man nur den Trick raus hat. Wenigstens leidet das Ich vorbildlich, braucht mindestens zehn Minuten zum Aufstehen nach einer Stunde im Schneidersitz.

Am Abend knistert es nebenan: Die japanische Nachbarin nascht offenbar Chips.

Tag 3: Bei der Fragestunde mit Dhammavida (nur jetzt dürfen wir reden) mischt sich Banales mit Tragischem: Eine deutsche Frau verspürt "einen Druck auf der Stirn, der heute zur Schläfe gewandert ist". Eine andere sieht "vor dem geistigen Auge immer einen blauen Vogel auf- und abfliegen". Na, wenn es weiter nichts ist, sagt der Mönch, und widmet sich dem jungen Mann, der beim Meditieren immer weinen muss. Depressionen können bei der buddhistischen Reise ins Ich auftauchen wie ein Raubfisch aus den dunklen Tiefen des Ozeans. Die Website vom Wat Suan Mokkh warnt: Wer Psychopharmaka einnehmen muss, ist hier fehl am Platz.

Viele Thailandreisende kommen dennoch mit der Familie, mit der Freundin hierher, um ihre Probleme zu lösen oder um berufliche Ziele zu überdenken. Heiraten? Kinderkriegen? Auffallend viele Gäste sind jung und Weltreisende, dem Sinn des Lebens von Land zu Land hinterher hetzend, von einem Inselparadies zum nächsten, von Vollmond-Party zu Vollmond-Party. Im thailändischen Bermuda-Dreieck zwischen der Khao San Road in Bangkok und den Trauminseln Phi Phi und Phangan wollen sie im Wat Suan Mokkh zur Besinnung kommen.

Allein die Bronzeglocke bestimmt hier die Zeit, und plötzlich ist es, als hätte jemand den Schalter auf Zeitlupe gedreht. Die schnelle Welt muss draussen bleiben. Wir 120 sind allein. Manche sind mit Buddha hier und seinen Weisheiten, die meisten jedoch nur mit sich selbst und ihrem Rucksack voller Sorgen und Ängste. Aus dem Nachbar-Kuti dringt um 22 Uhr kurz vor dem Lichtlöschen ein leises Schluchzen.

Tag 4: Im Morgengrauen gab es was zu lachen: Der englische Mönch machte Witze über Buddhas Tod. Werden wir jetzt sarkastisch in diesem modernen Kloster in Thailand? Rund 300.000 Mönche und Nonnen leben unter den 62 Millionen Thai. Manch ein charismatischer Abt hat Kultstatus, da er angeblich Wunder tut oder die Lottozahlen weissagen kann. Sie weihen teure Amulette, die den Träger vor Pistolenkugeln schützen oder sexuell attraktiver machen sollen! Hinter den Fassaden der Klöster werden Besitz und Spenden per Computer verwaltet wie bei modernen Wirtschaftsunternehmen. Die Mönche spielen nicht nur bei Hochzeiten und Beerdigungen eine wichtige Rolle, auch bei der Eröffnung einer Bankfiliale oder der Autobahn-Einweihung benötigen die Manager und Politiker ihren Segen.

Aber der Buddhismus im modernen Thailand kriselt. Mönch Dhammavida erzählt von einem Glaubensbruder, der nicht einmal mehr im Bus umsonst auf den gewöhnlich für Mönche reservierten Plätzen mitgenommen wurde. Die Schaffnerin, zugleich Busbesitzerin, hielt ihn für reich, weil er eine Robe trug. Die meisten andächtig lauschenden Ausländer im Wat Suan Mokkh wissen nichts von dem 67-jährigen Abt im Badeort Hua Hin, der kürzlich landesweit Schlagzeilen machte: als Besitzer von drei Mobiltelefonen, zwei Computern, einem Riesenleinwand-Fernseher und einem Mercedes. Ausserdem sollen ihm Karaoke-Bars gehören.

Tage 5-7: Die Stunden und Tage im Schneidersitz verfliegen jetzt wie ein Seufzer. Die amerikanische Nonne Brenda gibt Tipps zum Meditieren, ein Bild: "Stellt euch vor, ihr seid eine Lotosblüte. Die aufgehende Sonne wärmt euch, ihr entfaltet euch und reinigt das Wasser um euch herum." Und plötzlich ist er da, der Atem. Er schlägt gerade Purzelbäume, ich verschlucke mich und huste vor lauter Konzentration. Auch nachts tauchen Bilder auf, es sind Albträume, aber keine sehr schlimmen. Ob die Japanerin auch träumt?

Tag 8: Alles läuft wie geschmiert, keine Schmerzen im Knie mehr, der Rücken hat die Betonmatratze akzeptiert, mittags gibt es Gaeng Khiao Wahn (das leckere Grüne Curry). Mittlerweile haben auch die meisten begriffen, dass man den Mönchen und dem Abt nicht die Fusssohlen entgegenstrecken soll (den dreckigsten Körperteil aus buddhistischer Sicht). Der Verkehrslärm, die schräg klimpernde Volksmusik aus dem Dorf oder die Disco-Beschallung am Abend dringen nur noch selten ans Ohr. Die akustische Regie hat ein animalisches Orchester übernommen: Schnalzende Geckos und im Teich glucksende Goldfische, Frösche und Grillen begleiten am Abend mit ihrer Sinfonie die meditative Versenkung.

Tag 9: "Heute gibt es nur geistige Nahrung", nuschelt der Abt. Und die Reissuppe am Morgen, sonst nichts. Immer mehr Leute lächeln. Bei der Geh-Meditation um den Lotosteich kommt mir die Japanerin mit gesenktem Blick entgegen.

Tag 10: Fast alle 120 Teilnehmer sind noch da! Selbst 28 Stunden nach der letzten Mahlzeit stellt sich kein grosser Hunger ein, dafür Verlustangst, das grosse kollektive Loslassen naht. Die Klostergeräusche werden uns zu Hause fehlen: die gemeinsam heruntergeleierte Danksagung vor dem Essen, das 120-fache Scharren der Löffel in den Blechnäpfen, das Atmen in der Stille, das Kratzen des Reisigbesens bei der Arbeitsmeditation. Einige Laien-Novizen haben sich offensichtlich so sehr an das "Holzkissen" gewöhnt, dass der Klotz im Klostershop als ausklappbares Modell für 70 Baht (€ 1,50) verkauft wird.

Tag 11: Wer will, darf heute eine kleine Abschiedsrede halten: Alle Redner sind voller Dank, manche tragen kleine Gedichte vor. Diese unsympathische Frau im Batik-Look, die zehn Tage lang mit Trauermiene und blutrot geschminkten Lippen herumlief, entpuppt sich als offenbar nette (deutsche) Komödiantin. Nur einer schreibt ins Gästebuch: "Es war die unglücklichste Zeit meines Lebens".

Empfehlenswert für den Klosteraufenthalt ist die Mitnahme einer Taschenlampe, Moskito-Lotion, ein oder zwei Sarongs, ebenso bei Bedarf eine Isomatte.
Das Meditationscenter vom Wat Suan Mokkh nahe Chaiya bietet jeden Monat Kurse an. Rund 30 Klöster in Thailand nehmen Ausländer als Laien oder als Mönche und Nonnen für einen längeren Zeitraum auf. Über die unterschiedlichen Lehrmethoden und Meditationstechniken, Ausstattung, Lage und Anmeldeformalitäten informiert die Broschöre "A Guide to Buddhist Monasteries and Meditation Centres in Thailand", zu erhalten im World Fellowship of Buddhists, 33 Sukhumvit Road, Bangkok.
Verhaltenstipps: Trägerhemdchen, Shorts und Miniröcke, bauchfreie und tief ausgeschnittene T-Shirts, modisch zerrissene Klamotten sind in den Tempeln und Klöstern zum Meditieren absolut ungeeignet. Schuhe vor dem Tempelbesuch ausziehen! Einem Mönch sollten Frauen nie die Hand geben. Badekleidung eignet sich in Thailand ausschliesslich für den Strand. Nacktbaden ist landesweit verboten, Oben-ohne gilt als Verstoss gegen die Landessitten.

Suratthani ist ein trubeliges Drehkreuz. Von hier fahren die Fähren in die Inselwelt im südlichen Golf, nach Ko Samui, Ko Phangan und Ko Tao, an die Andamenküste Richtung Phuket und Krabi. Sehens- und erlebenswert sind der lebendige Nachtmarkt am Tapi-Fluss und Bootsausflüge bei Nai Bang. Sehenswert auch die Affenschule im Ort Klong Sai, rund 35 Kilometer nördlich von Suratthani am Highway 41. Hier werden Affen als Kokosnusspflücker ausgebildet. Eine einstündige Show gibt es für Touristen. Alternativ das Monkey Training College, 13 Kilometer ausserhalb Suratthanis an der Landstrasse 401.

Chaiya ist ein ruhiger, aber historisch bedeutender Marktflecken, rund 54 Kilometer nördlich von Suratthani: Der eindrucksvolle Tempel Phra Boromathat (Wat Mahathat) am westlichen Stadtrand von Chaiya ist charakteristisch für den südthailändischen Baustil aus der Srivijaya-Epoche vor rund 1.200 Jahren, eines der letzten erhaltenen Relikte dieser Zeit und wunderschön restauriert. Nebenan befindet sich das Chaiya Nationalmuseum.

Der Khao Sak-Nationalpark westlich von Suratthani an der Landstrasse 401: Es ist einer der schönsten und abwechslungsreichsten Nationalparks in Thailand, mit wilder Dschungelszenerie und bizarren Kalksteinbergen, ausserdem viele Tropfsteinhöhlen, Übernachtung auf Booten oder in Baumhäusern möglich. Die botanische Hauptattraktion ist die seltene Rafflesia, die ihre 80 Zentimeter grossen Blütenblätter allerdings nur für drei bis vier Tage im Januar/Februar entfaltet.

Beste Reisezeit: Tropisches Klima, durchschnittlich 27 Grad Celcius, Monsun-Niederschläge im Süden nur im September und Oktober, ansonsten herrschen unterschiedliche Regenzeiten an den beiden Küsten.

Impfungen sollten vorhanden bzw. aufgefrischt sein (Tetanus, Polio, Diphterie, Hepatitis A). Malariarisiko besteht in einigen thailändisch-burmesischen Grenzgebieten und auf der Insel Ko Chang nahe der kambodschanischen Grenze. Die Tropeninstitute beraten über die notwendigen Impfungen (spätestens sechs Wochen vor Abreise). Einen Schutz vor Malaria und Dengue-Fieber bieten auch die regelmässige Anwendung von Mückenschutzmitteln vor der Dämmerung sowie helle, langärmelige Kleidung und Moskito-Räucherspiralen, evtl. Moskitonetz für die Nacht. Auf keinen Fall Leitungswasser trinken. Eine Auslandskrankenversicherung mit Rücktransport im Notfall ist in jedem Fall sinnvoll.