Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Tote Teufel beißen nicht

Tote Teufel beißen nicht

Tasmanien - Auf der größten Ausflugsinsel der Australier gibt es nicht nur viel Wald, sondern auch jede Menge überfahrene Tiere

Um eines vowegzunehmen: Ich töte Tiere nur, wenn es unbedingt sein muss. Eine Fliege kann mich stundenlang nerven, ehe ich zur Klatsche greife. Trotzdem suche ich in meinen Urlauben gewohnheitsmäßig nach toten Tieren.

Nein, ich bin nicht nekrophil, sondern nur der Überzeugung, dass getötete, überfahrene Tiere eine Menge über die Kultur eines Landes und das Verhältnis seiner Bewohner zur Tierwelt aussagen.

Ein Beispiel: Wenn in Südafrika ein Strauß von einem Lkw überfahren wird -was häufiger vorkommt, als man glaubt-, dauert es keine fünf Minuten, bis das Tier von der Straße gezerrt wird. Der Grund: Die Landbevölkerung Südafrikas ist arm und begrüßt den toten Strauß als eine willkommene Ergänzung des Speiseplans.

Wenn hingegen in Tasmanien ein Wallaby -ein kleines Känguru- überfahren wird, liegt es trotz sommerlicher Temperaturen solange auf der Straße, bis es entweder von anderen Tieren aufgefressen wird oder verwest ist.

Die Tasmanier haben es offensichtlich nicht nötig, sich von überfahrenen Tieren zu ernähren. Faszinierender als dieser soziologische Aspekt ist freilich die Möglichkeit, Tiere in ihrer natürlichen Umgebung aus nächster Nähe betrachten zu können. Wie oft blickt man schon einem Känguru oder Wombat ins -zugegebenermaßen tote- Auge? Angewandte Naturkunde sozusagen.

Während meines Urlaubs in Tasmanien drehten Opossums in den Nächten vor Vollmond regelrecht durch, rannten in Massen auf den Straßen herum, um schließlich überfahren zu werden. Auf der 38 Kilometer langen Strecke zwischen Huonville und Hobart zählte ich 63 tote Opossums und 17 überfahrene Wallabies. Nicht mitgerechnet die zahlreichen toten Vögel, die als innocent bystanders ihr Leben ließen, weil sie nicht mehr rechtzeitig von den Kadavern aufflattern konnten.

Für den Jäger toter Tiere sind abgelegene Landstraßen in Wäldern, wo Wombat und Opossum einander Good Night sagen, noch interessanter als viel befahrene Straßen. Tasmanien ist in dieser Hinsicht eine 'Trauminsel': Ein großer Teil des Landes besteht aus undurchdringlich dichten und zerklüfteten Wäldern, die teilweise noch nicht einmal erforscht sind. In den riesigen Nationalparks gehen denn auch immer wieder Wanderer verloren und tauchen nie wieder auf. Dass der Tasmanische Tiger dabei seine Krallen im Spiel hat, ist unwahrscheinlich: Er gilt seit 1936 als ausgestorben. Ganz sicher sind sich die Experten aber auch heute nicht.

Nicht zu verwechseln ist dieses fleischfressende Beuteltier von der Größe eines Hundes mit dem wesentlich kleineren Tasmanischen Teufel, der seinen Namen dem höllischen Lärm verdankt, den er schlägt, sobald er sich bedroht fühlt. Der Tasmanische Teufel ist nachtaktiv - man wird ihm daher nur in Ausnahmefällen in freier Wildbahn begegnen. Außer, er überquert eine Straße ...

Ganz anders verhält es sich mit den Opossums, jenen niedlichen Pelzlieferanten, deren massenhaftes Auftreten in Tasmanien heute auch damit zusammenhängt, dass in Europa Pelze nur noch schwer verkäuflich sind. Kein Wunder, dass Opossums, die sich noch dazu gerne in der Nähe menschlicher Siedlungen aufhalten, zu den am häufigsten überfahrenen Tieren auf Tasmaniens Straßen gehören.

Tasmanien ist freilich mit anderen Attraktionen als überfahrenen Vertretern der Fauna bekannt geworden. Da wären zum Beispiel die 17 Nationalparks, die man auf Wanderrouten mit einer Gesamtlänge von mehr als 2.000 Kilometern durchstiefeln kann.

Der Großteil dieser Wege führt allerdings durch völlig menschenleere Gegenden. Oft sieht man tagelang keinen Menschen. Solche Outdoor-Egotrips sollten tunlichst penibelst vorbereitet werden. Wer sich in einem der Nationalparks verirrt, findet nur mit großem Glück zurück in die Zivilisation.

Zweimal falsch abgebogen, und schon hat man das Gefühl, sich in einer Kulisse für einen Horrorfilm wie Blair Witch Project zu befinden. Da nützt es dann auch nichts, dass man bei einer Begegnung mit einer Schlange nicht lange überlegen muss, ob es sich dabei um ein giftiges oder nicht giftiges Exemplar handelt, da sämtliche auf Tasmanien heimischen Schlangenarten tödlich giftig sind.

Bei aller Begeisterung für die urtümliche tasmanische Landschaft sollte man nicht vergessen, dass man sich hier auf blutgetränkter Erde bewegt. Während die Entdeckung der Insel durch den niederländischen Seefahrer Abel Janszoon Tasman im Jahre 1642 noch weitgehend ohne Folgen für die Ureinwohner blieb, bedeutete die Ankunft der Engländer das Ende der Aborigines. Nachdem die Briten Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen hatten, Tasmanien zu einer Sträflingskolonie auszubauen, starteten sie einen Vernichtungsfeldzug gegen die Aborigines, die in wenigen Jahrzehnten vollständig ausgerottet wurden. Völkermord würde man heute dazu sagen. Als 1876 mit Truganini die letzte Ureinwohnerin Tasmaniens starb, betrug die Zahl der aus Europa Eingewanderten und aus England Deportierten bereits 110.000. Davon waren 70.000 Sträflinge. Wen wundert es also, dass die Tasmanier nur ungern daran erinnert werden, dass die Vorfahren der meisten der 450.000 Inselbewohner entweder Sträflinge oder Soldaten waren. Schließlich verweist niemand gern auf einen Stammbaum, in dem ein Mörder, Bankräuber oder Schweinedieb vertreten ist.