Endlich allein!
Um seine Sehnsucht nach vollkommener Ruhe zu stillen, reist man auf eine einsame Insel in der Südsee. Dort findet man sich selbst - und Theo, den Einsiedlerkrebs
Warm muss es sein, keine Frage. Wenn das Essen in den Bäumen hängt - umso besser. Doch das, wonach ich mich wirklich von Herzen sehne, ist die vollkommene Ungestörtheit. Niemand spricht mich an. Niemand will etwas von mir. Kein Kollege, kein Freund, kein Feind. Nein, auch kein Kind. Erst recht keine Frau. Ich bin ganz allein in einer Hängematte, die zwischen zwei Palmen schaukelt, und höre nur das leise Rauschen der Brandung. Mein Sehnsuchtsort ist eine einsame Insel.
Inselvermietung ist längst ein blühendes Geschäft. Aber damit es dort auch traumhaft aussieht, leben auf den Inseln fast immer Inselwarte oder Butler. Zumindest aber Leuchtturmwärter. Wer wirklich allein sein will, muss lange suchen. Ich fand meine garantiert menschenleere Insel schliesslich 18.000 Kilometer und elf Zeitzonen von zu Hause entfernt in der Südsee nicht weit von Tahiti.
Die Eskapade will gut geplant sein. Zu Zelt, Kocher und Hängematte packe ich ein Moskitonetz, eine gut sortierte Reiseapotheke, allopathisch und homöopathisch, eine Taschenlampe mit Ersatzbatterie und Esatzglühbirne, eine kleine Musikanlage samt 12 CDs. Ausserdem wasserdicht verpackte Dokumente. Satte 35 Kilo Expeditionsgepäck sind am Ende im Bauch des Jumbojets verstaut. Vor dem Einchecken habe ich noch Schnaps ud eine Bibel gekauft zur Erinnerung an Robinson Crusoe.
Das Südseegefühl beginnt schon an Bord. Auf dem Weg nach Papeete, der Hauptstadt Tahitis, werden wir auch auf Tahitianisch angesprochen. La ora na heisst hallo, maeva bedeutet willkommen und man bedankt sich für die Aufmerksamkeit mit maruru roa. Das klingt ungemein melodiös, schon weil die Sprache fast nur aus Vokalen besteht. Über dem Pazifik tauschen die Stewardessen der Air France sogar ihre Uniformen gegen luftige, knallbunte, floral gemusterte Kleider. Sie stecken sich Blüten hinters Ohr, riechen anders und verströmen plötzlich eine fast beängstigende Weiblichkeit.
Wer morgens um sechs bei 30 Grad Celsius und Sturzregen auf Tahiti landet, riskiert allerdings eine Enttäuschung. Papeete ist eine lärmende, dreckige Tropenstadt, über deren Strassen sich braune Wassermassen ergiessen. Im Supermarkt des Vorortes Faaa drängen sich unglaublich dicke Polynesier in Windjacken durchs üppige Angebot an europäischer Importware. Wer nicht aufpasst, dem werden auf ruppige Art die riesigen Einkaufswagen in die Hacken gefahren. Der Umgangston ist rau, und niemanden scheint zu kümmern, dass es durch die Decke regnet.
Während ich meinen Proviant im Taxi verstaue, erklärt mir Bernie, der Fahrer, die Sache mit dem Übergewicht: »Die Leute ernähren sich falsch.« Er zeigt auf die "Tahitihühner" - herrenlose Hühner, die überall in der Stadt herumspazieren, weil niemand auf die Idee käme, sie zu schlachten. Man kauft lieber Tiefkühlhähnchen aus Übersee. Bernie selbst hatte auch mal ein Figurproblem. Er liess sich deshalb den Magen operativ halbieren und schmolz daraufhin 40 Kilogramm ab. »Seitdem komme ich wieder ans Lenkrad«.
Am nächsten Tag geht es weiter mit dem Inselhopper. Zunächst nach Tikehau, was so viel wie "sanfte Landung" heisst. Tikehau ist ein ringförmiges Atoll 300 Kilometer nördlich von Tahiti. Aussen der finstere Pazifik, innen die von Grün über Türkis ins Blaue changierende Lagune. Das Atoll hat einen Durchmesser von zwanzig Kilometern und besteht aus grösseren und kleineren Motus, Inselchen. Tahuna-Tara heisst sie, übersetzt »versteckter Dorn«. Nicht gerade einladend, der Name.
Eine Betonpiste, ein kleines Steinhaus und zwei Feuerwehrautos: Das ist der Flughafen des 400-Seelen-Atolls. Ein drahtiger Mensch in blauer Uniform tritt auf mich zu: »La ora na«. Das ist Arai, der Dorfsheriff und mein Inselvermieter. Er hängt mir eine Kette aus stark duftenden Blüten um. Dann fährt er mich im Riesen-Pickup die hundert Meter zu seinem Haus. Zu Fuss gehen ist hier nicht üblich.
Ein heftiger Wind weht. Dunkelgraue Wolken jagen über den Himmel. Immer wieder werden Regenschauer fast horizontal übers Atoll getrieben. Überall liegen Kokosnüsse und abgebrochene Äste herum. Das Land wirkt karg und merkwürdig zerzaust. Arai stoppt sein Auto vor einer kleinen Strandhütte und rückt mit der bitteren Wahrheit heraus: Die Robinsoninsel sei im Moment nicht zu erreichen. Zu viel Wind fürs Boot. Er murmelt etwas von einem Wirbelsturm, der sich nähere. »Vielleicht ist es morgen besser.« Dann lässt er mich im Regen stehen.
Eine merkwürdige Stimmung befällt mich. Ich bin nicht mehr unterwegs und doch nicht angekommen. Was soll ich hier nur tun? Die beiden anderen Strandhütten stehen leer. Nachbarn sind nicht zu sehen. Einmal höre ich ganz in der Nähe ein Knallen und Rumpeln: Der erwachsene Sohn des Polizisten wirft mit Kokosnüssen. Dann nimmt er ein Kanu und übt Wildwasserpaddeln. Ich versuche zu baden. Das Wasser ist brühwarm, doch etwas zu lebhaft. Der Versuch endet blutig: Die Wellen fegen mich von den Füssen und zerren mich über ein messerscharfes Korallenriff. Der Rücken ist zerkrazt. Ich lege mich lieber wieder ins Bett und denke nach. Über mich. Über das Altern, die Einsamkeit. Über die Liebe und alles, was sie unmöglich macht. Ich schlafe ein und träume von einer riesigen Kokosnuss. Sie ist offen, ich tauche mit der Hand ein und verschlinge das schneeweisse Innere. Es schmeckt wie Sahne.
Hat man mich vergessen? Am nächsten Nachmittag werde ich nervös. Niemand nimmt Notiz von mir. Ich suche Arai. Er kommt, eingehüllt in ein buntes Laken, aus dem Bett. Zum Motu? Heute? Lange und ernst schaut er übers Wasser und sagt dann: »Zu viel Wind. Morgen.« Wenigstens kann ich ihn veranlassen, mir zu zeigen, wie man eine Kokosnuss öffnet. Arai nimmt die Nuss in die Linke, greift sich eine rostige Machete und schlägt drauflos. Nach heftigen Hieben ist die äussere, zentimeterdicke Faserschicht durchtrennt, dann erst liegt die Nussschale frei. Zwei Schläge - und das Kokoswasser fliesst. Die Machete darf ich behalten.
Ich warte vier Tage lang. Vier Tage und Nächte, in denen ich keine Sonne sehe und darum auch keinen atemberaubenden Sonnenuntergang und erst keinen flimmernden Sternenhimmel. Ich spüre, dass man mich hier für etwas verrückt hält. Die Motus sind für Polynesier so etwas wie für uns Schrebergärten. Sie sind in Privatbesitz und gehören meist einer weit verzweigten Familie. Man fährt ab und zu vorbei, um Nüsse zu ernten oder sich einen Fisch zu grillen. Was würde ich sagen, wenn ein Polynesier in meinem Schrebergarten zelten wollte? Allmählich verabschiede ich mich von der Idee weiterzureisen. Einsam habe ich es auch hier. Vielleicht ist ja Arais Strandhütte, eigentlich Teil des Weges, zugleich mein Ziel. Am Morgen des fünften Tages kommt Arai und sagt: »Fahren wir los!«
Aaaaah! Unrasiert, am Leib nichts als eine Badehose, stehe ich im Wind und schreie. Werfe die Arme in die Luft, hüpfe albern herum und lache. Ich packe meine knallorange Hängematte aus und befestige sie klischeegetreu am Strand zwischen zwei Palmen. Als ich mich in die Matte fallen lasse, weiss ich plötzlich ganz genau: Das ist es, genau das! Ein warmer Wind streichelt mir über Gesicht, Bauch, Arme und Beine. Über dem Kopf, in den Palmen, rauscht es. In der Ferne wälzt sich der Pazifik dumpf grollend gegen das Korallenriff. Ich bin angekommen.
Mein Inselchen Tahuna-Tara misst 150 bis 200 Meter im Durchmesser. In der Nähe liegen weitere Motus, ein winziges im Süden, da wächst nur eine einzige Palme; ein Fischer hat seine Reusen dort abgelegt. Im Norden blicke ich auf die Insel Kahaia. Hier gibt es eine Familienpension. Die Gäste wohnen in Pfahlbauten, die über der Lagune schweben.
Die paar Palmen, die auf den kargen Inseln überleben, sind blassgrün oder gelb. Was in den Prospekten wie rosiger Feinsand aussieht, entpuppt sich beim Betreten als scharfkantiger Korallenschutt. Wer keine polynesische Hornhaut hat, braucht -versteckter Dorn!- Schuhe. Dass auf meiner Insel gelegentlich gepicknickt wird, erkenne ich an einem grob gezimmerten Unterstand mit löchrigem Blechdach. Darunter Tisch und Bank und eine gut gefüllte Zisterne, dazwischen allerlei Müll. Sogar ein Bett finde ich vor. Das Laken hat vielleicht noch nie eine Waschmaschine gesehen. Ich baue lieber unter dem Dach mein Zelt auf.
Links von mir nehme ich eine Bewegung wahr. Ich drehe mich um. Nichts. Kaum schaue ich nach vorn, tut sich neben mir wieder etwas. Langsam wende ich den Kopf. Die Muscheln wandern! Hunderte faustgrosser und winzig kleiner, schöner und zerkratzter Muscheln und Schneckenhäuser bekommen Arme und Beine und beginnen herumzukrabbeln. Sie sind allesamt bewohnt. Von Einsiedlerkrebsen. Sobald ich mich bewege, verschwinden die Tiere in ihren Häusern. Schnell wird klar, was die Invasion soll: Essensreste sind der Grund, Kokosstückchen, Brotkrümel. Manchmal vergreifen sie sich auch an meinen nackten Füssen. Den fettesten Brocken mit einem violett getupften Grossraumpalast nenne ich Theo. Theo bewegt sich gemächlich und ein bisschen brutal. Er erinnert an einen amerikanischen Monster-Truck.
Als es dunkel wird, werfe ich ein paar Nudeln in den Topf und koche sie auf dem Spirituskocher. Nach dem Essen krieche ich ins Zelt. Die Dunkelheit ist allumfassend und gründlich, aber nicht beängstigend. Wenn eine Kokosnuss vom Baum fällt, gibt es einen dumpfen Knall. Und auch die Krebse machen einen Höllenspektakel, weil sie gern in leeren Blechdosen herumturnen.
Wer viel allein ist, zumal in der Fremde, neigt dazu, auch kleine Ereignisse als Zeichen zu interpretieren. Am nächsten Tag fängt es mit Sonnenbrand an. Ein schmaler Hautstreifen am Schulterblatt, den ich beim Eincremen nicht erreichen konnte, hat trotz des bedeckten Himmels zu viel Sonne abbekommen. Es brennt ordentlich. Ich erfinde ein Unerreichbare-Stellen-Salbgerät aus meiner Machete und einem Papiertaschentuch.
Am Mittag will ich die Insel vermessen und die Palmen zählen. Da schiesst mir plötzlich ein heisser Schmerz vom Fuss her durchs Bein. Ein hässliches, wespenartiges Insekt hat sich offenbar gestört gefühlt und ohne Warnung gestochen. Dieses Biest sei tres dangereux, hatte Arai noch gewarnt. Es tut ziemlich weh, aber ich überlebe. Kurze Zeit später möchte ich in der Lagune ein wenig schnorcheln. Bei den Korallen tummelt sich tatsächlich die ganze Pracht der Aquarienfische, die wir aus dem Zoo kennen. Leider ist das Wasser fürs Tauchen zu unruhig. Vielleicht hat auch der Barrakuda nicht richtig sehen können. Jedenfalls schiesst plötzlich wie ein Torpedo ein grosser heller Fisch auf mich zu, prallt hart gegen mein bein und verschwindet ebenso schnell wieder. Die Zeichen verdichten sich zu einer Botschaft: Hier zu sein ist kein harmloser Spass. Man sollte es ernst nehmen.
Vorsichtshalber knote ich die Hängematte von den beiden Palmen los und hänge sie unterm Blechdach auf. Fehlte noch, dass mich eine Kokosnuss erschlüge. Abends im Dunkeln habe ich zum ersten Mal Angst. Vor Schurken, die mich überfallen könnten. Die nicht mit sich reden liessen und Geld oder Leben oder beides wollten. Später beginnt der Wind durch die Palmen zu heulen.
Irgendwann in der Nacht werde ich wach. Der Wind ist immer stärker geworden. Teile des Wellblachdachs lösen sich. Der Wasserspiegel ringsum steigt. Von einem schweren Betonmischer hatte Arai erzählt. Den hatte es neulich von meinem Motu gespült. Musik, Kerzenlicht, Bibellesen - nichts hilft. Ich mache mir Sorgen. Verpacke meine wichtigsten Sachen wasserdicht und beginne, an Evakuierung zu denken. Das Handy ist griffbereit. Robsinson mit Handy finde ich auf einmal gar nicht mehr so komisch.
Natürlich scheint am nächsten Morgen die Sonne. Türkisblau liegt die Lagune zu meinen Füssen. Ich steh im piksigen Korallensand und fühle mich grossartig. Energievoll, männlich, sogar sexy. Ein kleiner Strandläufer schaut mich erstaunt an. Mein Körper. Meine Insel. Mein Ozean. Um diesen Tag zu krönen, mixe ich mir aus Vitamin C, Zucker und Schnaps einen Inselcocktail. Ich lasse mich in die Hängematte fallen und höre zum ersten Mal Musik. Jan Garbarek, Visible World. Der norwegische Saxofonist hat allerbeste Inselmusik gemacht. Sehnsüchtig und demütig zugleich. Weit weg und tief drinnen.
Einmal nähern sich von drüben, von der Motu-Pension, vier gelbe Kanus. Eine Familie, ununterbrochen plappernd, und zwar auf Norddeutsch. Die Boote machen an meiner Insel fest. Ich kann mich nicht so entscheiden, ob ich die Eindringlinge macheteschwingend vertreiben oder nach der Kurkarte fargen soll. Nach einer Woche Einsamkeit bin ich den Umgang mit Menschen nicht mehr gewohnt.
Mein letzter Abend. Ich untersuche meine Beine. Es juckt entsetzlich. Hunderte von Stichen, so kommt es mir vor, quälen mich. Ich schaue ganz genau hin und entdecke die Übeltäter: Nonos, winzige Südseefliegen. In allen Reiseberichten kommen sie vor. Ich will soeben eine Antijuckcreme holen, da höre ich eine Stimme. Die Stimme sagt: »Geh' baden!«
Es dämmert, die See ist unruhig, und mein Respekt vor den spitzen Korallen ist gross. Und seit wann höre ich auf Stimmen? »Schwimm!«, befiehlt die Stimme, als ich am Strand stehe. Ich schwimme drauflos. Mitten durch die Korallenriffe. Es geht eigentlich ganz einfach. Ich muss mich nur bewegen, dann tun sich die Durchlässe wie von selbst auf. Schliesslich bin ich im offenen Gewässer. Ich schwimme in die Lagune hinaus und sehe zum ersten Mal einen wirklich fotogenen Sonnenuntergang. Für einen Moment durchrieselt mich vollkommenes Glück. Dass ich nur drauflosschwimmen muss, um meinen Weg zu finden, das ist, ich spüre es deutlich, eine Lektion fürs Leben. Un die Stimme? Ich muss nicht alles wissen.
Am Morgen ertönt beim Frühstück das absurdeste Geräusch auf einer einsamen Insel: Das Handy klingelt. Arai will mich abholen, und zwar sofort. Wind komme, viel Wind. Ich packe zügig, aber gelassen. Dann verabschiede ich mich von meinen Inselgefährten, den Einsiedlerkrebsen. Besonders vom dicken Theo.
Übrigens können Einsiedlerkrebse weinen. Wenn sie sich streiten. Dann stossen sie beinahe menschliche Klagelaute aus. Ein masslos trauriges Geräusch, welches aber nur hört, wer wirklich ganz allein ist.
Reportage: B. Strassmann
 |