Morgenröte der Glückseligkeit
Nirgends sei der Himmel über Thailand so klar wie über Sukhothai, kann man gelegentlich in Thailand hören. Da mag der Stolz der Thais auf diese Stadt mitspielen, in der sozusagen die Wurzeln des alten Siam und seiner Kultur liegen.
Gut fünf Stunden dauert die Fahrt mit dem Linienbus von Bangkok nach Sukhothai. Man kann zwar auch mit der Bahn fahren, doch liegt der Bahnhof mehr als 50 Kilometer vom einstigen Zentrum Thailands entfernt. Auf lange Strecken geht die Fahrt durch eine eintönige Ebene, dann tauchen allmählich im Osten und im Norden Berge auf, aus der Ebene beiderseits der Straße wachsen Hügel empor, deren Hänge von Reisanbauterrassen bedeckt sind.
Das moderne Sukhothai, Hauptstadt der gleichnamigen thailändischen Provinz, wurde 1968 durch einen Großbrand völlig vernichtet, das Bild der neu erstandenen Stadt besticht fast durch seine Eintönigkeit. Und auch die Hotels, die für eine Unterkunft in Frage kommen, entsprechen kaum europäischen Ansprüchen. Und doch bleibt kaum etwas anderes übrig als sich hier einzuquartieren und von hier aus denn am nächsten Tage das historische Sukhothai kennen zu lernen.
Da die beiden Stadthälften mehr als zehn Kilometer auseinander liegen, pendeln über Tag Busse zwischen dem neuen und dem alten Sukhothai. Das Areal der historischen Stadt, deren Name auf Deutsch so viel bedeutet wie "Morgenröte der Glückseligkeit", gilt heute als größter und umfassendster Ruinenkomplex buddhistischer Architektur Asiens. Auf weite Strecken ist die mittelalterliche dreifache Stadtmauer, die durchbrochen von vier Toren den Komplex umgab, noch gut zu erkennen. Nur schade, dass die Staatsstraße, die Bangkok mit Chiang Mai verbindet, das historische Gelände brutal zerschneidet.
Offizielle Führungen durch Alt-Sukhothai, das auch als Sukhothai Historical Park bezeichnet wird, beginnen in der Regel beim Ramkhamhaeng National Museum am Eingang zum historischen Gelände. Der Name des Museums erinnert an den dritten König Thailands, der Ende des 13. Jahrhunderts in Sukhothai residierte und als Schöpfer der im wesentlichen noch heute gebräuchlichen thailändischen Schrift gilt.
1238 war die Stadt, die angeblich bereits im fünften Jahrhundert von den Khmer gegründet worden sein soll, von den aus Norden, dem heutigen China eingewanderten Thais aus der Khmer-Herrschaft befreit worden und zur Hauptstadt des ersten Siam geworden. Von hier aus wurde zeitweise ein Reich regiert, das nicht nur das heutige Thailand, sondern auch Burma und die malaiische Halbinsel umfasste.
Beim Museum kann man Fahrräder ausleihen. Das empfiehlt sich unbedingt, liegen doch die fast einhundert historischen Bauten und Ruinen nicht nur im verhältnismäßig engen einstigen Altstadtkern, der eine Ausdehnung von 1.800 mal 1.400 Metern hatte, sondern auch weit vor den mittelalterlichen Stadtmauern, die zum Teil allerdings nur aus Erdwällen bestanden haben dürften, die durch Wassergräben gesichert waren.
Vieles in dieser Stadt, die 120 Jahre Hauptstadt war, ist so verfallen und zerstört, dass nur noch die geschulten Augen der Archäologen erkennen können, wo etwa der mit einer Fläche von 160.000 Quadratmetern außergewöhnlich große Königspalast gestanden hat. Während der eigentliche Palast verschwunden ist, blieben eindrucksvolle Ruinen des Königstempels Wat Mathat.
Fast alle Tempel hat der Zahn der Zeit arg angegriffen, doch dadurch, dass Sukhothai nicht kriegerisch erobert und zerstört wurde, sondern allmählich verfiel, nachdem es seine Bedeutung verloren hatte, sind die alten Gebäude nicht so radikal verfallen wie in anderen alt-thailändischen Städten. Einige wurden in einem zehnjährigen, von der UNESCO finanzierten Programm, wenigstens teilweise restauriert. Als 1988 die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen waren, wurde die Anlage als Sukhothai Historical Park durch König Bhumibol eingeweiht. Innerhalb und außerhalb der einstigen Stadtmauern sind heute fast 200 bis 800 Jahre alte Tempelruinen zu sehen, deren älteste also noch aus der Zeit der Khmer-Herrschaft stammen. Da ist ein Leihfahrrad schon gut zu gebrauchen.
Das Beeindruckendste an dieser Ruinenstadt sind die zahlreichen großen und kleinen Buddha-Statuen, aus Stein gehauen oder in Bronze gegossen. Besonders zahlreich sind diese Statuen um den Wat Mahalat, die größte Kloster- und Tempelanlage der alten Stadt. Manche dieser Statuen werden von Mönchen regelmäßig mit safranfarbenen Tüchern bedeckt. Sie tragen die gleiche Farbe, in der auch die Mönche selbst gekleidet sind, die mitunter in langer Prozession zwischen den Tempelruinen und den Buddhas einherschreiten.
Ein wenig außerhalb der mittelalterlichen Stadtbefestigung stößt der Besucher auf eines der eindrucksvollsten Gebäude von Alt-Sukhothai, die einstige Klosteranlage Wat Si Chum. Sie steht wie eine Burg am Waldrand, am Fuß der Berge.
Von der einst wohl sehr weitläufigen Anlage hat sich der gewaltige Haupttempel erhalten, der wie eine gewaltige auf dem Boden stehende Glocke wirkt. Daneben steht noch das Gebäude, in dem der meistverehrte Buddha von Sukhothai sitzt. Es ist ein gewaltiger, gemauerter Klotz. Das Ganze wirkt besonders schön, weil es sich in einem der Seen spiegelt, die über das Gebiet der alten Hauptstadt verteilt waren.
Ebenfalls etwas außerhalb der einstigen Befestigungsanlagen stößt man schließlich auf ein besonders originell verziertes Wat, umgeben von zahlreichen Elefantenskulpturen - oder was vom einstigen Tempelkloster Wat Chang Lom übrig blieb.
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