Australiens bestgehütetes Geheimnis

Das Pilbara ist eine Wildnis für Abenteurer

Rote Felsen, blauer Himmel und ein unendlich scheinender Horizont. Hellgrüne Hügelchen aus stacheligem Spinifex-Gras im Sand der Steppe, eine kleine Echse, die hinter einem Termitenhügel huscht, ein Vogel, der vor einem der einsam dastehenden Eukalyptusbäume pfeift. Eine Szenerie wie aus einem Reiseprospekt. Für das klassische Australien-Bild fehlt im Hintergrund nur noch der Ayers Rock. Der allerdings steht im Zentrum Australiens und nicht hier im Nordwesten in der Pilbara-Steppe. Und das ist der Grund dafür, dass man diese Landschaft ganz für sich hat. Kein Reisebus mit lärmenden Tagestouristen stört das grandiose Erlebnis. Das Pilbara ist eine Wildnis, die es noch zu entdecken gilt.

Das fängt schon damit an, wie man überhaupt hierher kommt. Auf der Karte sieht das noch relativ einfach aus: Von der Millionenstadt Perth nach Norden, entweder durch das Landesinnere nach Newman oder der Küste entlang nach Port Hedland. Stutzig wird man erst beim Blick auf die Distanztabelle: rund 1.200 Kilometer, mit vielleicht einem halben Dutzend grösserer Siedlungen und dem einen oder anderen Roadhouse am Weg. Mit dem Bus, der zwei- bis dreimal pro Woche fährt, bedeutet das eine unangenehme Nachtfahrt. Mit dem Auto zwei strapaziöse Tagesetappen. Also doch lieber per Flugzeug?

Seit der inneraustralische Flugverkehr liberalisiert und damit relativ günstig geworden ist, ist dies eine ernst zu nehmende Option. Allerdings wird an der Destination der Mietwagen dann praktisch zum Muss, und es sollte gleich ein Geländewagen sein. Denn mit einer Ausdehnung von einer halben Million Quadratkilometern ist das Pilbara zwölfmal so gross wie die Schweiz, aber nicht einmal alle Hauptverbindungsstrassen sind asphaltiert. Und das, was das Gebiet so einmalig macht, liegt abseits der Teerstrassen.

Lassen wir die Reise durch das entrückte Gebiet, das wohl Australiens bestgehütetes Geheimnis ist, am Flughafen in Newman beginnen. Dessen Terminal -was für ein hochtrabender Ausdruck für den bescheidenen Wellblechschuppen- steht inmitten von Palmen, durch die auch im Winter ein warmer Wind streicht; schliesslich sind wir hier fast genau auf dem Wendekreis des Steinbocks. Die zahlreichen weissen Geländewagen der drei Autovermieter (auch sie in Wellblechschuppen untergebracht) warten allerdings nicht auf Touristen, sondern auf Bergbaufachleute. Denn im Pilbara sind riesige Minen, in denen Eisenerz abgebaut wird, das Gestein, das dem Gebiet seine leuchtend rote Farbe gibt.

Den Mount Whaleback, der von seiner Form her tatsächlich dem Rücken eines Wals gleicht, gilt es zu besuchen, solange er noch dasteht. Zur Hälfte ist er nämlich bereits abgetragen, und als die grösste Eisenerzgrube der Welt ist er eine der touristischen Attraktionen von Newman. Lastwagen brummen hier herum so gross wie zweistöckige Einfamilienhäuser. Beladen sind sie so schwer wie ein voll besetzter Jumbo-Jet beim Abflug. Ihre Last kippen sie in die Wagen von Zügen die zwei oder auch sieben Kilometer lang sind. In Port Hedland, 450 Kilometer weiter nördlich, wird dann alles auf riesige Schiffe verladen, die Japan oder China ansteuern. Das eiserne Herz Australiens pumpt derzeit auf vollen Touren, und in sehenswerten Rundfahrten wird dies den Besuchern vorgeführt.

Superlative anderer Art: die Outback-Farmen. Mit dem Flugpöstler von Newman kann man sie besuchen. Es leuchtet ein, dass es keinen Sinn hat, auf Farmen von der Grösse des Schweizer Kantons Tessin die Post mit dem Auto zu bringen. Deshalb besorgt Damian Kulcyk von der Chartergesellschaft Polar Aviation dies auf drei verschiedenen Touren mit seiner Vierplätzer-Cessna. Die freien Sitze lassen sich im Informationsbüro von Newman buchen. Der Flug führt über ausgedehnte Steppengebiete, durch die sich ab und zu Staubstrassen ziehen, schnurgerade bis an den Horizont. Dann taucht, mitten im Nirgendwo, eine Häusergruppe auf, daneben einige Gerätschaften und Maschinen, und natürlich die Schotterpiste für den Kontakt zur Aussenwelt.

Die harsche, bedrohliche Schönheit der Landschaft ist der Trumpf des Pilbara und seines Herzstücks, des Karijini-Nationalparks. Zurück zur Natur ist hier kein leeres Schlagwort, denn die Zivilisation lässt man in Newman oder in Tom Price, den beiden Bergbaustädten, von denen aus man in den Nationalpark gelangt, hinter sich. Die Fahrt führt, vorerst noch auf geteerten Strassen, durch eine archaische Landschaft mit starken Farbkontrasten: roter Sand und rote Felsen, erstaunlich viel Grün, ein makelloser, transparenter Himmel. Royden, der freundliche Fremdenführer von den Pilbara Blue Sky Tours, kennt das Gebiet in- und auswendig. "Aus diesem Grassamen hier machen die Ureinwohner Mehl für ihr 'Buschbrot', und dieser Baum dort, der ist ein echter Überlebenskünstler", erklärt er. Der Snappy Gum, eine hiesige Eukalyptusart, hat einen blendend weissen Stamm. "Aber siehst du dort die schwarzen Äste? Die bekommen kein Wasser mehr. Wenn der Baum spürt, dass das Wasser knapp wird, entscheidet er, welche Äste er behalten kann, um zu überleben, und welche gehen müssen". Und noch eine botanische Besonderheit zeigt Royden, eine Pfanze, die nur auf hochgradigem Eisenerz-Untergrund wächst. Ob dies Stan Hilditch gewusst hatte, der Mann, der 1957 die Lagerstätte des Mount Whaleback entdeckte?

Inzwischen sind wir ans Ende der Strasse gelangt, auf den Parkplätzen der Kehrschleife stehen einige Jeeps und Camper. Einige Schritte durch halbhohes Gebüsch, dann ein Geländer und eine Überraschung, eine tief ins Palteau eingeschnittene Schlucht. Der Schluchtgrund ist wie eine Oase, mit üppiger Vegetaion und einem Wasserlauf. Ständig fliessendes Wasser machte aus dem heutigen Karijini-Nationalpark für die Ureinwohner ein heiliges Land, kaum verwunderlich in einer Landschaft, in der Wasser ein äusserst kostbares Gut ist. Die Felswände sind eine Spielwiese für Geologen, die hier bis weit in die Urgeschichte des Planeten vorstossen können. Funde und Analysen lassen den Schluss zu, dass das Pilbara eines der Gebiete der Welt ist, wo das erste Leben entstanden sein könnte.

Die Schluchten sind mit Wegen erschlossen und generell gut zu begehen, an einigen Orten muss allerdings über Felsen geklettert werden. Und es gilt die Natur nicht zu unterschätzen. Gewitter, die weit entfernt vorbeiziehen, können das Wasser unvermittelt anschwellen und zur Gefahr werden lassen.

Respekt vor der Umgebung ist im Übrigen immer angebracht, selbst wenn man auf der asphaltierten Fernstrasse unterwegs ist. Im australischen Outback ist man allein auf weiter Flur und auf sich allein gestellt; eine Erfahrung, die dem europäischen, telekommunikativ vernetzten Menschen zunehmend fremd ist. In den Städten funktioniert das Handy natürlich, aber auf den weiten, einsamen Überlandstrecken muss es schon ein Satellitentelefon sein. Ins Auto gehören Wasser, Verpflegung und Ersatzteile. Wege können unpassierbar sein - viele Naturstrassen führen ohne Brücken durch Wasserläufe, die lange trocken sind, nach Regenfällen aber zu unüberwindlichen Hindernissen werden. Nicht umsonst sind in den grösseren Siedlungen die Strassenzustandsberichte ausgehängt. Sie gilt es zu konsultieren und zu respektieren, wenn man abseits der Hauptstrasse unterwegs ist. Die Natur ist zu gross und übermächtig, um sich durch den Menschen zähmen zu lassen - man muss sich ihr anpassen.

Wer dies allerdings tut, wird mit ausserordentlich starken Eindrücken entschädigt. Und man muss nicht gleich allein den Schritt in die Einsamkeit tun. Joe und Maria Furulyas bieten sogenannte Tag-Alone-Tours an: Sie fahren mit ihrem Jeep voraus, die Tourteilnehmer mit ihrem eigenen Allradfahrzeug hintennach. Man profitiert von der Ortskenntnis der Führer und muss Satellitentelefon und den Kurzwellensender für den Royal Flying Doctor Service, sollte wirklich ein Notfall eintreten, nicht selbst mitbringen. Wasser, Proviant, Campingausrüstung und Autoersatzteile hingegen schon. Aber dann kann es losgehen zu den kühlen Teichen, den im Frühling blühenden Wildblumen nach oder vielleicht gar in den entlegenen Rudall River National Park, wo man den Pionieren nachfühlen kann, die vor Jahrzehnten in diesem menschenleeren Gebiet auf der Suche nach Bodenschätzen waren. Allerdings, so warnt die Nationalparkverwaltung von Westaustralien, sollte das Rudall-River-Gebiet nur von erfahrenen und strapazierfähigen Outback-Touristen besucht werden. Die Tracks sind nicht unterhalten und schwer zu befahren. Und von allen Einrichtungen der Zivilisation ist man Hunderte Kilometer entfernt.

Aber man muss nicht das Extreme suchen, um im Pilbara nahe an eindrücklicher Landschaft zu sein, die einen in ihren Bann zieht. "Manchmal setze ich mich einfach in den Geländewagen und fahre eine Stunde hinaus zu einem der 'Waterholes'", sagt Yvonne Bradfield, die Leiterin des Tourismusbüros in Newman, "um den Sonnenuntergang zu sehen. Was gibt es Schöneres?"

Routenplanung: In der Wittenoom- und der Yampire-Gorge am Nordrand des Karijini-Nationalparks wurde bis etwa 1966 Asbest abgebaut. Wegen Rückständen, die bei Wind immer noch in die Luft gelangen können, wird ein Besuch in der Umgebung von Wittenoom nicht empfohlen.
Beste Reisezeit: Im australischen Winter/Frühling, d.h. Juli bis September. Ausserhalb dieser Monate ist das Pilbara sehr heiss und/oder feucht.