Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand


11. Reisetag:
Montag, 9. Januar 1989

 Langsam senkte sich die Maschine und die Konturen wurden deutlicher. Die Lichter der Großstadt kamen näher und näher. Leider regnete es, als wir um 21:20 Uhr (Ortszeit Tahiti) in Auckland landeten. In Neuseeland bin ich ja bereits vor zwei Jahren gewesen und hatte dort eine schöne und interessante Zeit erleben dürfen. Damals hatte ich fast drei Monate Zeit gehabt für Neuseeland, um die Nord- und Südinsel zu erkunden. Nun war ich für knapp drei Wochen wieder im Lande.

Wie schon damals kam auch diesmal ein Beamter durch das Flugzeug, um alles mit einem Spray zu desinfizieren. Es war jetzt 20:30 Uhr neuseeländischer Zeit, als Beat, Ulli und ich am Ausgang auf unser Gepäck warteten. Hier warteten unzählige von Menschen, die irgendwelche Angehörigen oder Freunde abholen wollten.

Ich konnte mich kaum noch an Jon Stephenson erinnern. Wir hatten uns kurz vor meinem Abflug in Sydney kennen gelernt und uns praktisch nur einen Abend unterhalten, was aber genügte, um von ihm eingeladen zu werden. Ich durfte in seinem Haus übernachten. Allerdings konnte ich nicht erwarten, dass Jon, nachdem ich versäumt hatte, ihn über die verspätete Ankunft zu informieren, heute noch einmal zum Flughafen kommt, um mich abzuholen.

Deshalb waren Beat, Ulli und ich auch ganz froh, dass uns Jugendliche, die vom Network Hostel angeheuert waren, um neue Übernachtungsgäste abzuholen, in die Stadt mitnehmen wollten. Eine Übernachtung in einem privaten Network Hostel würde nur unwesentlich mehr kosten, als in der Jugendherberge.

Ich wollte allerdings ganz sicher gehen, dass nicht Jon vielleicht doch hier am Flughafen auf mich warten würde. So schrieb ich seinen Namen auf eine Tafel und hielt sie den wartenden Angehörigen entgegen. Und tatsächlich hatte diese Methode Erfolg! Jon war tatsächlich hier und hatte mich jetzt entdeckt. Er begrüßte mich. Darüber freute ich mich sehr. Allerdings musste ich nun leider von den beiden freundlichen Schweizern aus Gstaat, Beat und Ulli. Abschied nehmen. Jon hatte beim Warten noch ein schwedisches Pärchen, Mats und Carina, aufgegabelt, dass auch noch keine Unterkunft besaß. Er bot auch ihnen eine Übernachtung bei sich zu Hause an. Tja, das ist die berühmte neuseeländische Gastfreundlichkeit!

Draußen war es zwar mild, aber es regnete doch immer wieder kräftig. So fuhren wir jetzt gemeinsam in den Aucklander Stadtteil Mount Eden in die Pencarrow Avenue, wo Jon in einem Haus zusammen mit seinem Freund Vincent und deren Schwester plus deren französischen Freund wohnte. Bei der Ankunft war alles ein wenig nervös und hektisch. Die Unruhe legte sich aber bald. Jon wies dem Pärchen ein größeres und mir ein kleineres Zimmer zu.

Nach einer erfrischenden Dusche setzte ich mich zu Jon und den beiden Schweden in die Küche, wo der Neuseeländer einen Kaffee gekocht hatte. Trotz der schon späten Stunden haben wir uns noch sehr nett unterhalten. Schon von unserem damaligen Treffen in Sydney wusste ich, dass sich Jon sehr für Skandinavien, Deutschland und Europa im allgemeinen interessierte. Er war ja schon mehrere Male in Europa gewesen. Immer wieder lud er Traveller zu sich nach Hause ein, um sein Wissen zu intensivieren.

Im November hatte sich Jon einer Operation unterziehen müssen. Ihm wurden damals Nieren- und Blasensteine entfernt. Er spürt noch heute die Nachwirkungen dieses Eingriffs und muss regelmäßig zu Routineuntersuchungen.

Gegen 0:40 Uhr Ortszeit zog ich mich in mein Zimmer zurück, denn ich war jetzt doch ziemlich müde. Draußen ging wieder ein heftiger Regenschauer nieder. Auf dem uralten, aber weichen Sofa konnte ich gut schlafen.

Info: Tipps zu Neuseeland


12. Reisetag:
Dienstag, 10. Januar 1989

Auf dem weichen, alten Sofa in dem kleinen Zimmer konnte ich vorzüglich schlafen. Obwohl das Wetter am Morgen noch unbeständig aussah, besserte es sich im Tagesverlauf beträchtlich. Jon weckte uns dann gegen 9:00 Uhr. Der gastfreundliche Neuseeländer brachte mir sogar eine Tasse Kaffee und ein Brot ans Bett. Was für ein Service!

Ich war natürlich bestrebt, heute so viel als möglich in der Stadt zu erledigen, denn auf meinem Zettel hatte sich so einiges angesammelt. Aber bis wir soweit waren, dauerte es noch einen Moment. Jon hatte dem schwedischen Pärchen angeboten, noch bis morgen zu bleiben. Dieses Angebot nahmen Mats und Carina gerne an. Sie blieben sowieso nur bis zum 23. Januar in Neuseeland. Deshalb wollten sie morgen per Flugzeug nach Christchurch fliegen, wo ein Mietwagen auf sie wartete, den sie vorab gebucht hatten.

Endlich konnten Jon und ich dann in die City fahren. Am Bahnhof der Großstadt stoppte Jon erstmals. Hier nahm ich mir einen Fahrplan mit. In der Innenstadt trennten wir uns dann vorübergehend. Ich ging zunächst in die Westpac-Bank. Dann war ich im Postamt und kaufte Briefmarken. Im Büro des neuseeländischen Jugendherbergsverbandes besorgte ich mir ein aktuelles Verzeichnis aller Herbergen. Schließlich brachte ich meinen ersten Kodak Disc-Film zur Entwicklung in ein Fotogeschäft und kaufte mir gleich zwei neue Filme. All diese Einkäufe gingen natürlich kräftig ins Geld. Meine in Papeete zerrissene Halskette ersetzte ich durch eine neue. Zwei Packungen Zigaretten kaufte ich mir ebenfalls noch. Und natürlich einige weitere Ansichtskarten, die ich an meine Freunde schicken wollte. Das Essen durfte auch nicht zu kurz kommen. So kehrte ich in einen der vielen Coffee-Shops ein und aß einen Hamburger, der mir gewiss früher oder später aus dem Hals hängen wird. So war es jedenfalls vor zwei Jahren, als ich zuletzt hier war. Später aß ich noch ein Hot Dog.

Pech hatte ich nur mit den Telefongesprächen. So konnte ich weder Jean Wiebelitz, Ian Constable noch Farmer Kevin Murphy erreichen. Alle hatte ich vor zwei Jahren besucht. Gegen 14:30 Uhr fuhr ich dann wieder mit dem Bus in den Stadtteil Mount Eden zurück. Das Wetter hatte sich unerwartet gut entwickelt. Es war warm und die Sonne kam mehr und mehr zum Vorschein.

Zusammen mit Jon saß ich noch einen Moment vor dem Fernseher. Er präsentierte mir auf Video Ausschnitte von den Rugby-Weltmeisterschaften, was mich aber nicht so brennend interessierte. Jon war sehr freundlich und höflich, manchmal auch etwas distanziert, so dass ich nicht immer wusste, woran ich bei ihm war. Mats und Carina kamen dann mit etwas Verspätung aus der City zurück. Wir wollten das tolle Wetter dann noch ausnutzen und Jon fuhr uns in seinem Auto, wo allerdings die rechte Fensterscheibe fehlte, aus Auckland hinaus und hinein in wunderschöne waldige und hügelige Landschaften mit einer bezaubernden Beach in der Nähe von Piha; etwa 40 km von Auckland-City entfernt.

Von einem Aussichtspunkt hatten wir einen wunderschönen Ausblick auf Himmel, Meer und Umgebung. Jon war die kurvenreiche Strecke sehr schnell und ziemlich risikoreich gefahren. Ab und zu drohte der Hamburger, den ich mittags gegessen hatte, wieder ans Tageslicht zu kommen. Er war aber definitiv ein guter Fahrer. Bei einem kleinen Imbiss löschten wir unseren Durst; außerdem aßen wir eine Kleinigkeit. Dann fuhren wir zurück nach Auckland.

Es war etwas kühler geworden und durch den Fahrtwind das fehlende Seitenfenster froren Mats und Carina auf dem Rücksitz. Zurück in Auckland fuhren wir an die Hafenpromenade. Hier erlebten wir den Sonnenuntergang, der den Himmel über der Großstadt wunderbar verfärbte.

Gegen 21:30 Uhr waren wir dann zurück in Jon's Haus. Jetzt konnte ich abermals versuchen, den Farmer Kevin Murphy zu erreichen. Jetzt war jemand daheim. Ich gewann den Eindruck, dass sich sowohl Kevin als auch Jenny sehr über meinen geplanten Besuch freuten. Ich schlug den 23. Januar als Termin vor. Es ist dort dann zwar ein lokaler Feiertag, aber ich hoffte, dass es beiden nichts ausmachen würde. Ich freute mich sehr auf das Wiedersehen. Jon, Mats, Carina und ich saßen dann noch einen Augenblick zusammen. Ich duschte mich dann noch und fiel ziemlich erschöpft auf das alte weiche Sofa.

Info: Neuseeland - Alles im grünen Bereich


13. Reisetag:
Mittwoch, 11. Januar 1989

Mats und Carina, das schwedische Pärchen, standen natürlich schon frühzeitig auf. Beide wurden von Jon zum Flughafen gebracht. Von dort flogen sie dann nach Christchurch auf die Südinsel.

Ich blieb auf meinem Sofa noch etwas liegen und las in meinem Buch. Dann ging ich kurz unter die Dusche. Bei herrlichem Sonnenschein ging ich dann in das kleine Einkaufszentrum von Mount Eden und suchte einen Frisör auf. Das Haarschneiden hatte ich vor meiner Abreise leider nicht mehr geschafft. Die Angelegenheit war aber mit $NZ 20 für meinen Geschmack etwas zu teuer geraten. Ich aß dann noch ein getoastetes Sandwich und ein frisch belegtes Baguette. Dann ging ich zum Haus von Jon Stephenson zurück. Er war mittlerweile vom Flughafen zurück. Allerdings war er etwas müde und deshalb legte er sich für zwei Stunden aufs Ohr. Derweil setzte ich mich in die Küche und unterhielt mich ein wenig mit Vincent. Auch eine Nachbarin schaute mal kurz vorbei.

Ich schrieb noch einen Brief an meine Krankenhauskollegin Dörte. Im Garten rollte ich mein Zelt aus, um es auf Vollständigkeit nach der Desinfektion im Flughafen zu kontrollieren. Jon machte dann eine Kleinigkeit zum Mittagessen. Er hatte ein Süppchen gekocht und Toast geröstet. Hunger hatte ich sowieso ständig. Jon's leidenschaftliches Thema war immer wieder der "zweite Weltkrieg", mit dem er nur zu gerne Gespräche begann. Leider war dieses Thema jetzt in der Umgebung von Tahiti und Neuseeland überhaupt nicht mein Ding.

Das Wetter war auch heute wieder wunderschön. Deshalb fuhren Jon und ich am Nachmittag noch einmal in die City. Bei der Automobile Association bekam ich nach vielen Überredungskünsten doch die gewünschten Straßenkarten (eine Mitgliedschaft war dafür normalerweise Voraussetzung).

In der Bank musste ich heute schon wieder einen Reisescheck einwechseln. Der Rubel rollt im Augenblick leider viel zu schnell. Jon und ich wollten dann noch der Krankenschwester Christine einen Besuch abstatten. Sie war eine gute Bekannte von Jon und auch schon einmal in Deutschland gewesen. Leider war sie nicht zu Hause und so machten Jon und ich stattdessen eine Pause bei einem Dairy, wo wir einen leckeren Milchshake tranken.

Wieder bei Jon zu Hause versuchte ich erneut Jean Wiebelitz oder Ian Constable telefonisch zu erreichen. Nur Ian's Frau war zu Hause und diese schrieb die Telefonnummer von Jon's Haus auf, damit er zurückrufen konnte, was er aber leider nicht tat. Zur Erinnerung: Bei Günter und Jean Wiebelitz war ich am Ende meiner Neuseeland-Reise vor zwei Jahren zu Besuch gewesen. Einen Nachmittag verbrachten wir bei Ian, einem Verwandten der beiden.

Im Fernsehen verfolgten wir dann die relativ langweiligen Hauptnachrichten. Daran anschließend fuhren wir dann in ein italienisches Restaurant, wohin ich Jon als Dank für seine Gastfreundschaft einlud. Obwohl das Restaurant gut war, kam bei mir kein Gefühl von Gemütlichkeit auf. Grund war die Klimaanlage, die eiskalte Luft in den Gastraum pustete. Das Essen war dann auch kostspieliger als eingeplant.

Jon und ich machten dann noch einen Trip zu Christines Haus, die jetzt daheim war und Gäste hatte. Wir gingen hinein und ich muss sagen, dass es sehr amüsant bei ihr war. Von Christine erfuhr ich einiges über die Arbeit in neuseeländischen Krankenhäusern. Mit David, dem Freund der Engländerin Carol, sprach ich ausnahmslos über Sport. Nur mit Christines Hausnachbarin kam ich nicht recht ins Gespräch.

Jon und ich brachen dann bald wieder auf. Der Neuseeländer wollte unbedingt Dallas im Fernsehen anschauen. Ich guckte mit und nach der abschließenden Dusche legte ich mich wieder ziemlich erschöpft auf mein Sofa. Morgen werde ich wohl Auckland verlassen, aber bei meiner Rückkehr wieder bei Jon übernachten können.

Reportage: Auckland - Stadt der Segel


14. Reisetag:
Donnerstag, 12. Januar 1989

Auch in dieser Nacht konnte ich auf dem Sofa in Jon's Haus wieder ausgezeichnet schlafen. Wir hatten es am Morgen nicht eilig und so standen wir erst gegen 9:30 Uhr auf. Ich genoss die Ruhe am Morgen. Ich packte dann alle meine Sachen in den Rucksack.

In der Küche lag schon die Morgenzeitung, der New Zealand Herald bereit. Zu Hause scheint es nach wie vor mild und regnerisch zu sein. Ich war ziemlich hungrig und so war ich froh, dass Jon ein gutes Frühstück zubereitete. Es gab Müsli und mit Käse überbackenes Brot. Das war delikat!

Natürlich fiel mir auch hier der Abschied wieder sehr schwer. Zu schön waren die Tage hier in der Pencarrow Avenue gewesen. Erst ziemlich spät -um 12:30 Uhr- brachte Jon mich dann zum Ortsausgang von Auckland; nicht nach Bombay, wo vor zwei Jahren die Anhaltermassen auf einen Lift nach Süden warteten. Jon stoppte am Motorway, wo das Trampen allerdings verboten war. Jon hatte mir ein Pappschild mit der Aufschrift Hamilton gemalt. Damit ausgerüstet, stellte ich mich an den Straßenrand und hob meinen Daumen, nachdem ich mich von dem sympathischen Neuseeländer verabschiedet hatte.

Etwas im Hintergrund wartete Jon darauf, ob ich mitgenommen werde. Schon ziemlich bald hatte ich Erfolg. Ein Ehepaar wollte mich die halbe Wegstrecke mitnehme, aber schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass sie mich nur bis Drury mitnehmen konnten. Dieser Ort war nur ein Katzensprung von Auckland entfernt. Lieber wäre es mir gewesen, ich stünde noch an der Ausgangsposition, wo mich Jon abgesetzt hatte, als hier!

Hier wartete auch noch ein Pärchen darauf, mitgenommen zu werden. Und in der Tat begann eine verhältnismäßig lange Wartezeit. So schön wie gestern war das Wetter heute auch nicht mehr. Immer wieder tröpfelte es aus den Wolken. Zu ärgerlich wäre es gewesen, wenn jetzt auch noch starker Regen eingesetzt hätte. Hier wüsste ich nämlich nicht, wo ich mich unterstellen hätte können.

Das Pärchen, das vor mir gewartet hatte, wurde zwischenzeitlich mitgenommen. Bei mir hielt niemand. So schnallte ich meinen Rucksack auf und wanderte in Richtung Motorway, der in Bombay sein musste. Allerdings hatte ich keine Vorstellung, wie weit Bombay von Drury entfernt lag. Aber zum Glück brauchte ich nicht mehr lange zu laufen, denn in einiger Entfernung vor mir hielt ein roter Wagen. In der Fahrt bot mir der Fahrer an, mich mitnehmen zu wollen. Ich war selig! Harold war ein älterer Mann aus Hamilton, der mich bis zum gewünschten Ziel mitnahm. Natürlich hatten wir uns während der Fahrt nett unterhalten.

Rückblende: Im letzten Jahr hatte ich ja in Cairns den Neuseeländer Peter Borroughs kennen gelernt, der aus Hamilton stammt. Er hatte mir im Verlauf des Jahres einige Male geschrieben und mir auch ein Foto von unserem Schnorchelgang auf Green Island geschickt. Zuletzt hatte er mir aber geschrieben, dass er Anfang diesen Jahres nach Europa wolle.

Harold kannte die Straße, in der Peter wohnte. Es war die Storey Avenue und da sie gut zwei Kilometer vor Hamilton lag, wollte er mich dort absetzen, damit ich eine Nachricht hinterlassen konnte. Nach längerem Klopfen öffnete mir Paul, Peter's Bruder, die Tür. Jetzt überschlugen sich die Ereignisse, denn Paul teilte mir mit, dass Peter nicht nach Europa fliegen konnte, da ihm unmittelbar vorher sein Rucksack, seine Reiseschecks und sein Pass gestohlen worden sind. So musste er den Reisebeginn aufschieben. Peter war im Moment nicht anwesend, da er auf einer Farm in Matamata arbeitete. Dieser Ort liegt auf dem halben Weg nach Tauranga. Paul gab mir Peter's Telefonnummer; er rief dann aber selber auf der Farm an.

So ging ich zurück zu Harold, der im Auto immer noch auf mich gewartet hatte. Paul lief hinter mir her und bot mir an, im Haus zu übernachten. Das war vielleicht eine nette Überraschung! Ich sagte zu und verabschiedete mich von Harold. Ich brachte mein Gepäck in das schöne Haus von Paul, dass er zusammen mit Peter bewohnte. Jetzt rief Paul bei Peter in Matamata an. Allerdings hatte Peter noch etwas vor und würde erst am späteren Abend nach Hamilton kommen können. Er bot mir an, mich morgen die halbe Wegstrecke bis nach Tauranga mitnehmen zu wollen. Das waren ja gleich eine Latte guter Nachrichten.

Paul kümmerte sich zuvorkommend um mich. Er hatte Besuch von zwei Nichten und ihrem süßen Hund. Zusammen gingen wir später zum Supermarkt, um einzukaufen. Wieder zurück wurden die zwei Kinder von Paul's Schwager abgeholt. Paul hatte mir zwischenzeitlich mein Zimmer gezeigt. Es war ein schöner Raum - besser konnte ich es nicht treffen.

Paul hatte dann ein fürstliches Abendessen zubereitet. Er hatte einen leckeren Salat gemacht und dazu gab es frisches Gemüse aus seinem Garten hinter dem Haus. Ein saftiges Steak mit einer Kartoffel rundeten das Mahl ab. Das schmeckte prima. Paul war wirklich unheimlich nett. Erst vor wenigen Stunden sind wir uns zum ersten Mal begegnet. War ich nicht ein völlig Fremder für ihn? Aber sein Vertrauen ging noch weiter: Paul hatte heute Nachtdienst in einer Fabrik und da Peter noch nicht zurück war, musste er mich allein im Haus zurück lassen.

Als Paul das Haus verlassen hatte, nutzte ich die Zeit und setzte mich auf die Terrasse, wo ich ein paar Ansichtskarten geschrieben habe. Unter der Dusche war ich natürlich auch wieder. Drinnen wartete ich jetzt auf das Wiedersehen mit Peter Borroughs. Er kam kurz nach 22:00 Uhr. Wir haben uns noch über meine Reise und seinen geplanten Trip nach Europa unterhalten. Allerdings waren wir beide ziemlich müde (Peter hatte einen harten Farmarbeitstag hinter sich). So legten wir uns nach einem letzten Glas Milch hin und nach kurzer Zeit befand ich mich im Tiefschlaf.

Reportage: Abstecher in eine vergessene Welt


15. Reisetag:
Freitag, 13. Januar 1989

Am Morgen klingelte das Telefon. Es war Peter's Schwester, die darum bat, dass Peter schon etwas früher auf die Farm zur Arbeit kommt. Wir standen also gegen 9:00 Uhr (gute Zeit!) auf und in der Küche gab es ein Frühstück. Auch Paul, der Nachtschicht hatte, war noch wach.

Nach dem Frühstück deponierten wir meinen Rucksack in Peter's Wagen. Der Grund, warum Peter so frühzeitig mit der Farmarbeit beginnen sollte, war eindeutig das gute Wetter, denn so lange es trocken war, konnte man das Heu gut bündeln. Sein Arbeitsplatz in Matamata lag auf halbem Weg nach Tauranga. Peter war dann aber so freundlich, mich direkt vor die Haustür der Jugendherberge zu bringen. Während der Fahrt haben wir uns nett unterhalten. Peter wollte natürlich viel über das Reisen in Europa wissen, seinem nächsten Reiseziel.

In Tauranga verabschiedeten wir uns dann. Vielleicht sehen wir uns dann in Deutschland wieder. Es war jetzt 11:15 Uhr und natürlich war die Jugendherberge jetzt noch geschlossen. Dieses sollte meine erste Übernachtung in einer Jugendherberge während dieser Reise sein. Ich bin schon 1987 in der Jugendherberge Tauranga gewesen. Das Haus lag wunderschön am Wasser. In der Innenstadt hatte ich vor dem Wochenende noch verschiedene Kleinigkeiten zu erledigen. So war ich bei Bank und Post sowie im Touristbüro. Natürlich aß ich auch wieder eine Kleinigkeit.

Im Gemeinschaftsraum der Jugendherberge las ich noch ein wenig und machte ein kurzes Nickerchen. Aber zu vielen Fliegen nutzten mein Gesicht immer wieder als Landeplatz und so war es mehr ein Dösen als Schlaf. Ich schrieb einen zweiten Brief an Alex in die Schweiz. Ich hoffte wirklich darauf, dass er noch nach Thailand kommen wird.

Irgendwie war ich nicht in Stimmung. Ich verzichtete weitgehend auf Gespräche mit anderen Travellern. Ich hatte in den letzten Tagen genug Englisch sprechen müssen. So verzog ich mich in eine ruhige Ecke und las in meinem Buch. Zwischendurch war ich ein zweites Mal in der Innenstadt. Abends konnte ich mich dann an der Rezeption offiziell anmelden. Es passierte heute nichts aufregendes mehr. Schon zeitig legte ich mich in mein Bett und las noch ein wenig. Beim Versuch einzuschlafen, wurde ich dann immer wieder von anderen gestört, denn nebenan fand eine Disco statt. In einem so großen Schlafraum, wie es dieser war, ist es eben meist ziemlich unruhig.

Info: Neuseeland auf einen Blick


16. Reisetag:
Sonnabend, 14. Januar 1989

Gegen 8:00 Uhr stand ich heute Morgen in der Jugendherberge von Tauranga auf. Ruckzuck packte ich meine Siebensachen zusammen und aß Müsli zum Frühstück. Vor der in neuseeländischen und australischen Jugendherbergen üblichen Duty drückte ich mich. Der Blick aus dem Fenster war aber nicht so verheißungsvoll, denn es angefangen, leicht zu regnen. Aber Regen stand meinen Tramp-Plänen im Wege. Zum Glück hörte es bald wieder auf.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass das Trampen heute ohne Probleme verlief. Aber der Trip an mein Ziel Opotiki war mit viel Lauferei und mit insgesamt sechs Lifts verbunden. Aber die ganze Aktion war nie nervig, denn ich brauchte nie besonders lange am Straßenrand zu warten.

Von der Jugendherberge zur Ausgangsposition in der 15th Avenue war es ein ganz schön langer Fußmarsch, den ich zurücklegen musste. Ich kam kräftig ins schwitzen. Beim ersten Lift hielt ein junger Mann, der mich nur wenige Kilometer bis zu einer größeren Straßenkreuzung mitnahm. Hier wartete schon ein anderer Tramper vor mir, der aber schon bald mitgenommen wurde. Gleich danach hatte ich Glück. Der zweite Lift brachte mich zur Abzweigung nach Maketu. Der Fahrer hieß Steve und er war in seinem kleinen Lastwagen unterwegs.

Das Wetter war jetzt herrlich und so genoss ich die schöne Landschaft, denn in dieser Ecke bin ich vor zwei Jahren noch nicht gewesen. Jetzt stand ich ziemlich abseits von der Zivilisation. Der dritte Lift brachte mich nach Thornton. Der nette Fahrer hieß Noel, der stolz auf seinen neu erworbenen Mitsubishi war. Der Wagen war mit vielen Extras (oder soll ich sagen "Schnickschnack"?) ausgestattet. Noel machte noch einen kleinen Abstecher an die Küste, von der man die Vulkaninsel White Island sehen konnte. Das kleine Stück nach Whakatane (vierter Lift) nahm mich ein Mann mit seinem süßen Hund mit. Die Hitze war jetzt beträchtlich.

Jetzt stand wieder ein längerer Fußmarsch auf dem Programm. Am Ortsausgang war ich überrascht, wie viele Autos in Richtung Opotiki unterwegs waren. Doch schnell erkannte ich, dass die meisten nur in den drei Kilometer entfernten Urlaubsort Ohope wollten. Diese kurze Strecke (fünfter Lift) nahmen mich zwei Youngsters mit. Eine weitere lange Wegstrecke hatte ich anschließend zu laufen. Vorher rastete ich aber erst in einem Imbiss, wo ich einen Hamburger aß und eine Milch trank. Der Ort Ohope zog sich unheimlich lange hin. Aber am Ortsausgang wartete ich abermals nur kurze Zeit.

Die sechste Etappe nahmen mich Jim und Tracy mit, die besonders nett waren. Es war jetzt 13:45 Uhr, aber nach Gisborne wollte ich heute nicht mehr trampen. Das Wetter war unverändert gut und so wollte ich im Opotiki Holiday Park zelten. Jim und Tracy setzten mich direkt am Eingang ab. Für einen Zeltstandplatz hatte ich nur $NZ 6,50 zu zahlen. Das Zelt war schnell aufgebaut. Das kleine Loch, dass der Wind auf der Insel Moorea versucht hatte, dichtete ich mit Pflaster so gut es ging ab. Doch plötzlich war es mit dem guten Wetter vorbei, denn starke Bewölkung zog auf und es begann kurz danach zu regnen. Nicht stark - aber Regen und Wind machten das Campen nicht besonders angenehm.

Später kam die Sonne wieder durch und ich nahm noch ein Bad im Swimmingpool, den es auf dem Gelände gab. Es sah aber nach weiterem Regen aus. Ich sah mich schon morgen früh im Regen das klamme Zelt abbauen, um es in meinem wahrscheinlich genauso klammen Rucksack zu verstauen.

Gegen 17:00 Uhr ging ich noch in die vollkommen ausgestorbene Innenstadt von Opotiki. Ich war froh, als ich einen chinesischen Takeaway fand, wo ich mir ein leckeres Essen mit Huhn, Reis, Cashewnüssen und Gemüse bestellte. Ich setzte mich zum Essen auf eine Bank vor dem Postamt.

Wieder zurück auf dem Campingplatz setzte ich mich in den Gemeinschaftsraum, wo ich etwas rätselte und einige alberne Serien im Fernsehen verfolgte. Schon um 20:00 Uhr legte ich mich in mein Zelt, wo ich noch einen Augenblick in meinem Roman gelesen habe. Müdigkeit überkam mich aber schon bald und aufgrund der noch frühen Uhrzeit stand mir eine lange Nacht auf hartem Untergrund bevor. Jedes Mal wenn ich mich drehte, war ich wach und blieb es auch für eine ziemlich lange Zeit.

Reportage: Neuseeland - Am anderen Ende der Welt


17. Reisetag:
Sonntag, 15. Januar 1989

Ich kann gar nicht beschreiben, wie froh ich war, als ich am Morgen der Tatsache entgegen blickte, dass es in der Nacht trocken geblieben ist. Schon frühzeitig um 7:00 Uhr verließ ich mein Zelt. Da es in der Nacht kühl gewesen ist (wovon ich im Schlafsack aber nichts merkte), war mein Zelt ziemlich feucht. Ich baute das Zelt ab und hing es für eine Stunde in die Sonne.

Vom Manager des Campingplatzes lieh ich mir eine Tasse, so dass ich mir in der Gemeinschaftsküche einen Kaffee aufbrühen konnte. Nachdem ich schließlich alle meine Sachen im Rucksack verstaut hatte, konnte ich mich auf den Weg zum Ortsausgang von Opotiki machen. Sehr weit musste ich zum Glück nicht gehen. Ich freute mich über das gute Wetter. Meinen Rucksack hatte ich noch gar nicht abgeschnallt, als bereits der erste Wagen hielt. Eine Maori-Frau wollte mich mitnehmen, aber nur die wenigen Kilometer bis in das kleine Nest Waioeka. Es musste sich hierbei um eine Maorisiedlung handeln, denn ich sah hier praktisch nur Ureinwohner.

Rundherum befand sich eine Traumlandschaft mit Wiesen, Feldern und grünen Hügeln. Es war sehr friedlich hier. Ich hatte genug Zeit, mir die Landschaft anzuschauen, denn von regem Straßenverkehr konnte jetzt keine Rede mehr sein. Durchschnittlich alle zehn Minuten kam mal ein Fahrzeug vorbei und am Steuer saßen fast immer nur Maoris, die hier oder in der direkten Umgebung lebten. Andere Autos waren mit Familien, die einen Sonntagsausflug machten, voll besetzt, so dass es für mich und meinen Rucksack keinen Platz mehr gab.

Doch da das Wetter gut war, war ich ziemlich geduldig, denn die Position, wo ich stand, war gut. Ich glaube, dass noch mehr als eine Stunde am Straßenrand verging, als mich schließlich Ross mitnahm. Ein freundlicher Neuseeländer, der auch schon in Australien gelebt hat. Er nahm mich die lange Wegstrecke bis nach Osmond mit. Bis nach Gisborne, meinem heutigen Etappenziel, war es jetzt nicht mehr weit. Die Straße nach Osmond führte durch eine zauberhafte Berglandschaft. Neben der Straße floss ein Fluss. Ross war so freundlich und stoppte den Wagen, damit ich Fotos machen konnte.

Urplötzlich änderte sich dann aber das Wetter. Von blauem Himmel konnte jetzt keine Rede mehr sein. Graue Wolkenbänder zogen über den Hügeln auf und es gab ein paar kurze Regenschauer. Das war weniger schön. Auf der extrem kurvigen Wegstrecke mit vielen Auf und Ab's wurde mir manchmal etwas schlecht, zumal Ross sehr zügig fuhr, aber er kannte die Strecke schließlich auch. Ross setzte mich dann in Osmond ab, doch schon kurze Zeit später wurde ich erneut mitgenommen.

Ein Vater mit seinem Sohn war unterwegs. Sie nahmen mich bis nach Gisborne mit. Sie waren sogar so freundlich, mich direkt an der Jugendherberge abzusetzen. Ich war ein wenig stolz darauf, dass ich es von Auckland bis Gisborne geschafft hatte, ohne auch nur einen Cent für Busfahrten habe ausgeben müssen. Wenn das Wetter weiterhin so gut mitspielte, werde ich es natürlich weiterhin trampend versuchen. Apropos Wetter: Hier in Gisborne schien nun wieder die Sonne und es war dabei angenehm warm.

Es war erst 13:00 Uhr und die Anmeldung der Jugendherberge war natürlich noch geschlossen. Der Gemeinschaftsraum war jedoch offen. Geleitet wurde das Haus von einem freundlichen, ziemlich dicken Maori-Mann. All zu viele Reisende waren offensichtlich nicht hier. Ich nutzte die frühe Stunde und das gute Wetter, um einen Teil meiner Wäsche zu waschen. Im Nu war alles trocken. Ich verbrachte den Nachmittag überwiegend im Haus, ohne mich dabei groß zu unterhalten. Nach der Anmeldung ging ich dann in die am Sonntag leergefegte Innenstadt und aß eine Kleinigkeit in einem chinesischen Takeaway.

Abends zogen wieder Wolken auf und es kühlte deutlich ab. Am Abend unterhielt ich mich dann sehr nett im Gemeinschaftsraum der Jugendherberge mit einem Engländer, der mir wertvolle Informationen über Thailand gab, wohin ich ja auf dieser Reise auch noch wollte. Außerdem unterhielt ich mich mit zwei weitgereisten Damen aus Schweden, die aber schon deutlich älter waren.

Ich duschte noch und legte mich gegen 22:00 Uhr ins Bett. Wir waren im Zimmer nur zu dritt und deshalb war es auch angenehm ruhig hier.

Spontan kam mir der Gedanke, von Australien aus einen ausführlichen Abstecher nach Tasmanien machen zu wollen, was aber einiges an Fähr- bzw. Flugkosten nötig machen würde. Bisher ist es nur eine Idee, mit der ich mich beschäftigte - mal sehen, was daraus wird. Im Moment war ich erst einmal in Neuseeland.

Reportage: Der hohe Norden Neuseelands - ein vergessenes Paradies


18. Reisetag:
Montag, 16. Januar 1989

Mit viel Ruhe ließ ich den neuen Tag angehen. Ich blieb noch einen Moment länger im Bett der Jugendherberge Gisborne liegen. Anschließend trank ich noch eine Tasse löslichen Kaffee und wechselte noch ein paar Worte mit dem Engländer, der heute dahin trampen wollte, woher ich kam: nach Opotike oder Ohope. Gemeinsam gingen wir in die Innenstadt. Gisborne zeigte sich im Gegensatz zum gestrigen Sonntag, wo praktisch alle Geschäfte geschlossen hatte, heute sehr lebendig. In einem großen Warenhaus nahm ich ein ausgedehntes Frühstück mit Schinken, Toast und Eiern ein. In einem kleinen Cafe schrieb ich anschließend noch Ansichtskarten; eine davon an den Kanadier Harold J. Travis, den ich vor zwei Jahren in Neuseeland kennen gelernt hatte und mit dem ich immer noch in Kontakt war.

Beim Uhrmacher ließ ich einen kleinen Defekt an meinem Armband reparieren. Das Wetter war auch heute wieder sehr angenehm. Morgens hatte es ein paar Wolken gegeben; im Laufe des Tages kam die Sonne mehr und mehr zum Vorschein und die Temperaturen stiegen an. Dabei ging ein starker Wind. Ich begab mich dann zur Waikanae Beach, wo es recht frisch war. Auf der Grünfläche vor dem Strand ruhte ich mich etwas aus. Danach spazierte ich am Wasser entlang. Ich sah durchaus einige Kinder und Jugendliche, die im Meer badeten oder surften. Das wäre mir doch etwas zu kühl gewesen!

Ich ging dann zur Jugendherberge zurück. Das Haus war recht leer, denn fast alle Gäste waren heute früh abgereist. Für einen Moment ruhte ich mich auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum aus. Wie schon so oft, änderte sich der Tagesablauf dann urplötzlich. Durch die Tür spazierte die niedliche 20-jährige Dagmar aus München herein! Sie machte einen unbeschwerten und fröhlichen Eindruck. Sie war schon einmal hier in der Jugendherberge gewesen und kam nur wegen eines Paares liegengelassener Schuhe hierher zurück.

Wir kamen sofort ins Gespräch und verstanden uns auf Anhieb. Ich hatte große Lust, mit ihr am Abend etwas zu unternehmen. Dagmar wollte sich aber lieber ausruhen. Aber ich konnte sie dann doch noch zu einem kleinen Gang in die Stadt bewegen. Ich wollte auf jeden Fall noch etwas essen. Bei McDonald's stillte ich meinen Hunger. Dagmar wollte dann unbedingt ins Kino. Dazu hatte ich nicht die allergrößte Lust, aber dieses Mal ließ ich mich überreden. Wir schauten uns die US-amerikanische Filmkomödie Big mit Tom Hanks an, der mir aber etwas zu schmalzig und unrealistisch war. Aber für einen Eintrittspreis von nur $NZ 5 konnte man sich nicht beschweren.

Dagmars Art gefiel mir sehr gut. Auf dem Weg zurück zur Jugendherberge haben wir uns angeregt unterhalten. Was hätte ich dafür gegeben, wenn wir die Nacht zusammen in einem Zimmer verbracht hätten. In meinem Neun-Bett-Zimmer war ich schließlich ganz allein. Auf die anderen Zimmer verteilten sich noch drei weitere Übernachtungsgäste.

Erwartungsgemäß passierte nichts. Dagmar war sofort auf ihr Zimmer verschwunden und ich würde sie auch nicht mehr wiedersehen, denn morgen früh wollte ich schon früh aufbrechen. Wie schade! Dagmar mochte ich wirklich! Aber vielleicht ist es auch besser so, denn sie war bereits auf der Rückreise und ein längeres Zusammensein wäre sowieso ausgeschlossen gewesen.

Einmal mehr zeigte sich das Drama: Man lernt liebenswerte Menschen kennen, verbringt ein paar schöne Tage oder Stunden zusammen und verliert sich dann wieder aus den Augen. Aber vielleicht ist das auch gerade der Reiz!

Ich war überhaupt nicht müde und setzte mich noch einen Moment in den Gemeinschaftsraum; auch in der Hoffnung, dass Dagmar vielleicht noch einmal vorbeikommen würde, was aber nicht der Fall war. Ich ging in das leere Neun-Bett-Zimmer und genoss wenigstens die nächtliche Ruhe!

Reportage: Dezember 2007 - Erdbeben in Gisborne


19. Reisetag:
Dienstag, 17. Januar 1989

Schon kurz vor 7:00 Uhr stand ich in der Jugendherberge von Gisborne auf und packte zügig meinen Rucksack. Nur zu gern wäre ich noch ein Weilchen liegen geblieben, um dann Dagmar vielleicht noch einmal sehen zu können. Aber ich hatte heute nun einmal viel vor. Die 215 Kilometer lange Strecke nach Napier sind kein Pappenstiel! Und um nicht durch ganz Gisborne laufen zu müssen, wollte ich einen Stadtbus bis zum Ortsausgang nehmen. Dieser fuhr schon gegen 8:00 Uhr ab.

Das Wetter zeigte sich am Morgen noch wolkig und etwas kühl. Nach Regen sah es aber nicht aus. Mit dem Bus fuhr ich also bis Makaraka. Um nicht völlig nüchtern unterwegs sein zu müssen, kaufte ich mir noch schnell ein ordinäres Sandwich. Dann wartete ich wieder an der Straße. Und es passierte wieder einmal nichts! Trotz normalen Verkehrs wollte für mich niemand halten. Schon hatte ich wieder meinen Busfahrplan aus dem Rucksack gekramt, um nach Busverbindungen in Richtung Napier zu schauen, als nach etwa einer Stunde zwei Maoris in ihrem Mini-Truck hielten. Sie machten einen etwas finsteren Eindruck. Sie wollten mich nur die kurze Strecke bis zur nächsten Abbiegung mitnehmen. Diese Position war in der Tat etwas besser. Zwischenzeitlich hatte ich nämlich bemerkt, dass nur äußerst wenige Fahrzeuge in Richtung Süden fuhren.

Im selben Augenblick, wo ich aus dem Maori-Truck stieg, postierten sich auch zwei Schweden (ein Pärchen) am Straßenrand. Zum Glück hinter mir! Es dauerte ein Weilchen, aber dann hielt wieder jemand. Und wer saß drinnen? Die beiden Maori-Männer von eben! Jetzt wurde es mir doch etwas mulmig. Hatten die beiden vielleicht zwischenzeitlich etwas schlechtes geplant und kamen deshalb jetzt zurück? Von der Hand zu weisen war dieser Gedanke gewiss nicht. Sie sagten, sie könnten mich noch bis dreißig Kilometer vor Wairoa mitnehmen. Das war ein beträchtliches Stück!

Meine Zweifel stellten sich dann aber als unbegründet heraus, denn nur wenige Meter weiter hielten die Maoris erneut und nahmen auch noch das wartende schwedische Pärchen mit. Die Männer waren während der Fahrt total schweigsam. Sie waren einfach nur hilfsbereit! Das schwedische Pärchen und ich saßen hinten auf dem Boden des Trucks. Die Fahrt ging nur langsam voran. Auch auf dieser Strecke des Highway 2 war es kurvig und hügelig. Mit dem netten schwedischen Pärchen, die aus Göteborg stammten, unterhielt ich mich während der Fahrt.

Mitten im Nirgendwo stoppten die Maoris dann noch einmal und nahmen jetzt auch den Anhalter Gerard mit; ein 24-jähriger Neuseeländer aus Invercargill, der in Dunedin studiert hat und seit Oktober im Kiwiland herum reist. Ein echt witziger Typ mit einem unglaublich schweren Rucksack! Wie angekündigt setzten uns die Maori-Männer dann dreißig Kilometer vor Wairoa ab. Nun sah ich doch etwas schwarz. Wie sollten vier Tramper auf dieser wenig befahrenen Straße wohl wegkommen? Aber auch dieser Zweifel war völlig unbegründet, denn was sich nur wenige Minuten später abspielte, war schon unglaublich. Ich stand an der Straße vor einer Brücke an erster Position, das schwedische Pärchen dahinter und der Kiwi marschierte als dritter weiter in Richtung Süden. In der Ferne sah ich einen Bus kommen. Das einzige, was ich erkennen konnte, war, dass es keiner der sogenannten Inter-City-Busse war. Ich hielt meinen Daumen nicht in die Höhe. Trotzdem hielt der Bus. Und was für ein Fahrzeug das war! Ein junges Ehepaar saß drinnen mit ihren drei Kindern und dem Bruder des Fahrers plus ein australisch-neuseeländisches Tramperpaar, die auch aufgelesen wurden. Bei dem Bus handelte es sich um einen ehemaligen Wellingtoner Stadtbus, der innen total umgebaut war. Im Bus gab es jetzt Betten, Toilette, Dusche, Küche und einige Extras mehr. Unglaublich! So etwas hatte ich noch nie vorher gesehen! Das war ein Erlebnis der besonderen Art, hier mitgenommen zu werden. Und zwar bis zur heutigen Endstation Napier!

Das schwedische Pärchen ist sofort von dem Fahrzeug, das hinter dem Bus fuhr, mitgenommen worden. Auch Gerard musste nicht lange warten. Alle vier Tramper haben in glaublich kurzer Zeit einen Lift bekommen. Es war richtig toll hier. Den besten Lift hatte ich bekommen. Im Bus war die Atmosphäre einmalig! Natürlich ging die Fahrt mit diesem Bus noch langsamer voran, aber das störte mich überhaupt nicht. Unterwegs legten wir sogar eine Rast ein und die Familie gab mir einen Kaffee aus. Leider habe ich mir die Namen der alternativ reisenden Familie nicht merken können. Sie und Er waren nicht älter als dreißig. Die Kinder waren noch sehr klein. Das war ein prima Trip!

Kurz nach 14:00 Uhr erreichten wir Napier, wo die Sonne schien. Gerard wollte nicht mit in die Jugendherberge, wo ich bereits vor zwei Jahren meinen Geburtstag verbracht hatte. Eigenen Angaben zu Folge hat er noch nie in einer Jugendherberge übernachtet. Stets hatte er sein Zelt vorgezogen. Auch in Napier wollte er einen Campingplatz aufsuchen. Zunächst stellten wir unser Gepäck in der Jugendherberge ab. Anschließend gingen wir in die Stadt, denn Gerard und ich hatten Hunger. Im Kentucky Fried Chicken nahmen wir einen Imbiss zu uns. Danach ging der Kiwi zum Campingplatz, während ich mich in der Jugendherberge etwas entspannte. So gut der Tag gestartet war, um so schwächer wurde nun der restliche Tag.

Ich hatte zu großen Unterhaltungen keine Lust. Leider sind doch immer wieder dieselben Floskeln zu hören. Um 17:00 Uhr meldete ich mich für zwei Nächte in der Jugendherberge an. Dann ging ich noch einmal in die Stadt, um herauszufinden, wo sich der Fahrradvermieter befindet. Morgen wollte ich eventuell zum Cape Kidnappers, wo sich eine berühmte Tölpel-Kolonie befindet. Ich fand den Vermieter; danach ging ich auf einen kleinen Imbiss zu McDonald's.

In der Jugendherberge duschte ich noch und löste ein paar Rätsel. Außer mir lagen noch zwei andere im kleinen Drei-Bett-Zimmer, mit denen ich aber nicht in Kontakt kam. Schon sehr früh legte ich mich ins Bett, denn ich war erschreckend müde. Auch zum Lesen reichte es nur noch wenige Kapitel.

Reportage: Wo Gras, Jade und die Kiwis am grünsten sind


20. Reisetag:
Mittwoch, 18. Januar 1989

Da ich ja für heute eine Fahrradtour zum Cape Kidnappers geplant hatte, ließ es sich nicht umgehen, abermals frühzeitig aufzustehen. Um 7:45 Uhr erhob ich mich und ging sofort zum Fahrradverleih, wo ich für $NZ 12 ein erstklassiges Mehrgang-Fahrrad bekam. Bis um 17:00 Uhr konnte ich es benutzen.

Das Wetter war auch an diesem Morgen alles andere als sonnig. Die Straßen waren feucht - vermutlich hatte es in der Nacht geregnet. Dunkle Wolken lagen über der Hawke's Bay. Mit dem Fahrrad fuhr ich zunächst zurück zur Jugendherberge, wo ich mir ein Frühstück machte: Toast, Eier und Kaffee. Im Gemeinschaftsraum gab es dann eine kleine Überraschung. Ich fand einen dicken Roman in deutscher Sprache von Utta Danella, den ich mir sofort unter den Nagel riss. Ich ließ ein bereits ausgelesenes Buch zurück. Ich weiß: Utta Danella wird wohl auch in diesem Jahr den Literatur-Nobelpreis nicht gewinnen; aber auf Reisen war derartige Lesekost genau das richtige.

Dann machte ich mich auf zum Cape. Die Strecke war herrlich eben. Kaum einmal ein Hügel. Trotz der Witterung machte das Radfahren Spaß. Außerdem schaute ich schon mal, von wo es morgen am besten zu Trampen ging. Nur einen Anhalter sah ich am Morgen an dieser Straße stehen. Und bei diesem Tramper handelte es sich um keinen geringeren als Kiwi Gerard, der sich jetzt auf den Weg nach Wellington machte.

Das Wetter bereitete mir nun doch etwas Sorge. Über dem Meer sah man deutliche Regenschleier. Eigene Tropfen spürte ich bereits. Aber ich kann es vorweg nehmen: Einen richtigen Schauer bekam ich nicht ab. Unheimlich schnell kam ich mit dem Rad voran. Ruckzuck war ich in Clive, wo ich den Highway 2 verließ und über die Mill Road nach Haumoana fuhr, wo ich eine Rast einlegte. Doch schlechte Nachrichten bekam ich dann in Te Awanga zu hören. Der Besitzer eines Motorcamps erzählte mir, dass ich nur bei Niedrigwasser zum Cape und zur Tölpel-Kolonie könne. Und Ebbe war jetzt nicht! So ein Pech aber auch!

Rückblende ins Jahr 1987: Am 8. März trampte ich von Palmerston North nach Napier und mit einem Pärchen, dass mich damals mitnahm, sind wir auf einen Abstecher bis nach Clifton gefahren. Ich konnte mich heute aber nicht mehr daran erinnern, welchen Grund es hatte, dass wir damals nicht zum Cape gewandert sind. Wie Schuppen fiel es mir jetzt von den Augen! Wahrscheinlich war damals auch gerade Flut. Also: Zweimal war ich in Clifton und beide Male scheiterte der Versuch, die Tölpel zu sehen.

Ich fuhr zwar heute auch noch mit dem Fahrrad nach Clifton, aber das war praktisch nicht mehr wichtig. Um 9:30 Uhr war ich in Napier gestartet und jetzt war es 11:00 Uhr. Inklusive der Pausen hatte ich praktisch nur 1 ˝ Stunden für die geschätzten zwanzig Kilometer gebraucht. Nicht schlecht. Nachdem ich den Reinfall verdaut hatte, fuhr ich wieder nach Napier zurück. Jetzt legte ich häufiger Pausen ein, denn mein Hinterteil bereitete mir zunehmend Schmerzen auf dem Sattel. Gegen 13:00 Uhr war ich dann wieder zurück in der Jugendherberge. Ich war ziemlich k.o.

An der Straße, von wo ich morgen trampen wollte, stand auf dem Rückweg kein Tramper. Nach einer kurzen Pause fuhr ich in die Stadt, wo ich in einem Cafe´ einen Brief an Freunde in Buchholz schrieb. In der Bank besorgte ich mir noch Bargeld und in einem Kaufhaus kaufte ich mir eine neue Umhängetasche, da meine mittlerweile deutliche Schäden aufzeigte. Wie sich die Bilder doch gleichen: Auch vor zwei Jahren musste ich mir in Napier eine neue Tasche kaufen.

In der Jugendherberge überkam mich dann aber wirklich die totale Müdigkeit. Ich döste ein wenig, was sehr erholsam war. Als Abendessen machte ich mir dann Spiegeleier auf Brot. Der Abend wurde dann noch unerwartet nett, denn bei Tisch kam ich ins Gespräch mit dem neuseeländischen Mädchen Esther aus Carterton bei Wellington. Sie hatte nur einen Kurztrip nach Tauranga und Napier gemacht. Sie war 23 Jahre alt und ziemlich flippig. Sie arbeitete im Moment nicht, aber sie fertigte Taschen an, die sie an Geschäfte verkaufte. Mit Esther spielte ich in den nächsten Stunden noch das entspannende und sehr unterhaltsame Spiel Scrabble. Leider hatte ich manchmal Mühe, Esther zu verstehen, denn sie sprach einen ziemlich harten Dialekt. Unser Spiel dauerte gute zwei Stunden. Gegen 22:30 Uhr war ich dann im Bett. Mittlerweile war ein starker Sturm aufgekommen, der an den Fenstern rüttelte.