Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand


91. Reisetag:
Donnerstag, 30. März 1989

Außer an einigen Pfützen wurde man an das gestrige Gewitter nicht mehr erinnert. Der heutige Tag war wieder sonnig und sehr heiß. Gegen 9:00 Uhr stand ich auf; Alex brauchte wieder etwas länger. Der Schweizer war nicht recht bei Appetit, so dass er sich unten im Restaurant nur mit einem Kaffee begnügte. Ich ließ mir ein Omelette schmecken.

Es war heute wieder Aufbruchstimmung angesagt und so packten Alex und ich unsere Rucksäcke zusammen. In der Rezeption bezahlten wir die beiden Nächte, die wir hier im Ao Nang Villa-Ressort verbracht hatten. Wir machten dann noch einige Erinnerungsfotos. Schließlich fuhren wir mit dem Mini-Bus zurück nach Krabi. Hier hatte ich verschiedene Kleinigkeiten zu erledigen, während sich dazu entschlossen hatte, sich die Haare beim Frisör schneiden zu lassen. Ich ging zunächst zum Postamt, von wo ich einmal mehr versuchte, meine Mutter telefonisch zu erreichen. Nach einigen Schwierigkeiten klappte es schließlich. Alles schien zu Hause wohlauf zu sein; auch das Wetter schien zur Zeit gut zu sein. Viel mehr erfuhr ich in dem dreiminütigen Gespräch nicht. Das Gespräch hatte mich Baht 210 gekostet. Die Sommerzeit hatte in Mitteleuropa begonnen und so betrug die Zeitdifferenz zu Thailand jetzt nur noch fünf Stunden.

Ich ging dann noch zur Bank, wo ich einen weiteren Reisescheck wechselte. Alex war in der Zwischenzeit vom Frisör zurück gekehrt. Wir tranken noch eine Cola und suchten dann die Abfahrtstelle, von wo Boote zur Phra Nang Beach fuhren. Auch die Ao Nang Villa war in der Nähe der Phra Nang Beach gelegen; um sie jedoch direkt zu erreichen, musste man mit dem Boot fahren, da durch die felsige Landschaft keine Straße verläuft.

Vor der Abfahrt kaufte ich mir noch einen weiteren Roman. Ich entdeckte noch eine Bank, in der ich einen Euroscheck einwechseln konnte, was ich sogleich ausnutzte. Alex und ich wollten zu den Mr. Gift-Bungalows und recht bald fanden wir eine Anlaufstelle. Man sagte uns aber dort, dass wir mindestens fünf Personen für eine Bootsfahrt sein mussten. Das schien noch nicht der Fall zu sein, obwohl die Phra Nang Beach gemeinhin als ziemlich überlaufen gilt. Die Wartezeit drohte dann auszuarten. Die Abfahrt verzögerte sich immer weiter. Schließlich hatten Alex und ich von der Warterei die Schnauze voll und so gingen wir bei der Hitze zum einen Kilometer entfernten Bamboo-Restaurant, wo sich laut, wo sich laut Handbuch eine weitere Anlaufstelle befinden sollte. Das stellte sich auch als richtig heraus, doch auch hier sprach man von einem Minimum von fünf Personen. Weitere Wartezeit also. Es trafen dann noch ein Neuseeländer und ein Schweizer Pärchen ein. Auch deren Ziel war die Phra Nang Beach. Geschickt und clever ließen uns die Restaurantbesitzer aber zunächst noch etwas konsumieren - doch dann endlich war es soweit.

Für die bevorstehende Bootsfahrt hatte jeder Baht 30 zu entrichten. Mit dem Auto ging es zunächst an dieselbe Stelle zurück, wo wir vorhin schon so lange haben warten müssen. Samt Gepäck stiegen wir dann in das an eine Gondel erinnernde Boot ein, das bei jeder Bewegung drohend wackelte. Nur nicht hineinfallen! In der Gondel selbst mussten wir sehr auf das Gleichgewicht achten. Die Fahrt bei gnadenloser Hitze dauerte eine dreiviertel Stunde. Am Ufer sahen wir eine große Anzahl bizarrer Felsen, die als Drehort des bekannten James-Bond-Films The Man with the Golden Gun große Bekanntheit errangen.

Mittlerweile war eine weitere Schweizerin an Bord gekommen. Gegen 16:00 Uhr erreichten wir endlich den als Etappenziel gesetzten Strand. Auf Empfehlung der eben erst zugestiegenen Schweizerin gingen wir zur Joy-Bungalow-Siedlung. Unheimlich viele Menschen bevölkerten den berühmten weißen Sandstrand. Unser Bungalow war einmal mehr in unmittelbarer Nähe des Wassers angesiedelt. Vom Restaurant waren wir allerdings etwas weiter als sonst entfernt. In unserem Bungalow gab es kein Bettgestell; die Matratzen befanden sich auf dem Holzboden, was uns aber durchaus recht war. Ein Moskitonetz war in jedem Falle vorhanden. Die Toilette (ein Sitz-WC ohne Wasserspülung) befand sich vor dem Bungalow unter freiem Himmel; nur durch einen Holzzaun abgeschirmt. Die Dusche befand sich ebenfalls dort. In dieser Bungalow-Siedlung hatten wir Baht 150 pro Nacht zu bezahlen.

Zunächst kontrollierten Alex und ich das Bungalow auf etwaige Insektennester. Alles schien in Ordnung zu sein. Alex und ich tranken dann etwas und ich ging gleich ins Wasser, wo ich zu den bizarren Felsen schwamm und dort schnorchelte. Hier gab es zwar keine Korallen, aber unheimlich viele Fische, die sich im Schutz der Felsen aufhielten. Auch salatkopfgroße Pflanzen bestaunte ich dort. Nach dem Schwimmen spülte ich das Salz unter der Dusche ab. Im gegenüberliegenden Waldgebiet kreischten Affen in den Bäumen. Ein liebes Hündchen hatte uns im Bungalow besucht. Es schien durstig zu sein und so trank es gleich das Wasser aus dem Toilettenbecken. Etwas Strom wurde durch einen Generator erzeugt. Nur nach Einbruch der Dunkelheit wurde Energie geliefert. Das wirkte sich auch auf die Restaurantküche aus, die nicht den ganzen Tag über warme Mahlzeiten anbot. Bestellungen wurden abends zunächst an allen Tischen aufgenommen und danach hatten wir recht lange zu warten. In erster Linie gab es hier Selbstbedienung; alles war aber teurer als in den Unterkünften zuvor. Aber die erhöhten Preise konnte man sich hier durchaus leisten, denn die Touristen kamen ja in Scharen.

Mit dem Schweizer Pärchen Daniel aus Erstfeld und Margaretha aus Burglen waren wir schon am Nachmittag im Bamboo-Restaurant ins Gespräch gekommen. Beide stellten sich als sehr nett und witzig heraus. Mit beiden konnte man sich gut unterhalten, denn sie waren weder Hippie- noch Schönheitsköniginnenmäßig gekleidet wie 90 % der anderen Traveller. Beide waren dreiundzwanzig Jahre alt und zuvor schon in Nepal, Indien und China herum gereist. Besonders mit Daniel war ich auf einer Wellenlänge - ihm konnte man stundenlang zuhören. So ging die Zeit schnell vorüber. Zum Tagebuchschreiben oder Lesen war es sowieso nicht mehr hell genug.

Plötzlich schraken wir alle auf: Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich eine üppige Kokosnuss von einer Palme gelöst und fiel mit einem lauten Knall zu Boden. Die Nuss verfehlte Margaretha nur knapp. Verständlicherweise war sie besonders erschrocken. An einem Nebentisch rauchten die Gäste in aller Ruhe eine Opiumpfeife. Drogenmissbrauch wird in Thailand hart bestraft. Wenn hier ein Polizeispitzel oder ein Kopfgeldjäger sitzen würde, wären diese Leute dann für mehr als fünfzehn Jahre im Gefängnis verschwunden. Für soviel Unvernunft hatte ich wenig Verständnis, zumal dann sicher wieder die diplomatischen Vertretungen bemüht werden, um sie wieder aus dem Knast frei zu bekommen.

Gegen 22:30 Uhr war dann wieder Nachtruhe angesagt. Ich sprühte unser Bungalow wieder sorgfältig mit Insektenspray aus. Als wir auf den Matratzen lagen, bemerkten wir, dass sich bei jeder Bewegung das Moskitonetz lockerte, was ja eigentlich nicht der Sinn der Sache war. Die Insekten ließen uns aber in Ruhe; viel unangenehmer war die wahnsinnige Hitze bei Nacht.

Reportage: Und knieend kommt der Tee daher


92. Reisetag:
Freitag, 31. März 1989
Schon um 7:00 Uhr stand ich wieder auf; mir war es viel zu warm geworden. Ich duschte kurz und ging in das Restaurant der Joy-Bungalow-Siedlung. Die Mahlzeiten hier konnte man wirklich vergessen. Deshalb setzte ich mich zunächst nur an den Tisch und schrieb Tagebuch. Aber ich wurde beim Schreiben immer wieder abgelenkt, denn es gab soviel zu beobachten. Gerade spazierte eine ältere Dame mit leichtem Übergewicht an mir vorbei - im Tanga! Zum Schreien schön! Alex kam später. Ich frühstückte hier ein altes Brötchen mit zwei extrem hart gekochten Eiern. Dazu bestellte ich mir ein Früchtemüsli, was schlichtweg grauenvoll war.

Alex und ich waren um 11:00 Uhr mit Daniel und Margaretha verabredet, die auch lange geschlafen hatten und danach gleich ins Meer zum Schwimmen gegangen waren. Wir hatten vor, einen der steilen Hügel zu besteigen, um von oben die Aussicht zu genießen. Dazu nahmen wir uns bei der Bullenhitze einige Flaschen Wasser mit. Gleich hinter dem Sandstrand führte ein schmaler, ausgeschilderter Pfad steil aufwärts. Tiefster Dschungel links und rechts des Weges! Schon nach wenigen Schritten gabelte sich der Weg und wir mussten uns mit Hilfe von Seilen steil den Hang hoch ziehen. Das war mir fast schon zu gefährlich und am liebsten hätte ich den Rückweg angetreten, aber ich wollte natürlich auch nicht kneifen. Regelrecht in der senkrechten Position zogen wir uns hinauf; am Felsen stützten wir uns mit den Füßen ab. Schwindelgefahr bestand ständig, denn bei einem Ausrutscher war unter uns nur gähnende Leere. Der Seilabschnitt war dann beendet und wir waren alle ziemlich erschöpft. Von hier aus gingen wir nun zu einem Aussichtspunkt auf halber Höhe des Hügels. Einige Waghalsige gingen eine in den steilen Fels gehauene Treppe hinauf, was wir aber aus Gründen der Gefährlichkeit unterließen.

Aber auch von unserem Aussichtspunkt hatten wir einen wunderschönen Ausblick auf Strände, Meer und andere bizarre Felsen. Etwas entfernt gab es noch einen See im Hügel, der aber auch extrem schwer zu erreichen gewesen wäre. Der Rückweg stand jetzt bevor: Bedingt durch die dichte Pflanzenwelt war es teilweise stockdunkel. Eine fette Spinne saß in ihrem riesigen Netz. Aus einiger Entfernung konnten wir den See sehen. Jetzt folgte das schwerste Stück des Rückweges, denn um an den Strand zu kommen, mussten wir uns am steilen Felsen an den Seilen herab lassen. Das war total schwierig und funktionierte nur im Zeitlupentempo. Ich musste höllisch aufpassen, wohin ich meinen Fuß setzte. Ein falscher Schritt hätte einen Absturz zur Folge haben können. Aber außer einem kleinen Ausrutscher kam ich sicher unten an; genau wie Alex, Daniel und Margaretha. Unterwegs hatten wir kräftig fotografiert.

Mittlerweile waren Wolken aufgezogen und es sah nach einem Gewitter aus. Am Wasser beobachteten wir noch einen Ausgeflippten, der hysterisch schreiend nach Gott rief. Wahrscheinlich war der arme Kerl mit Drogen vollgepumpt oder er hatte die Magic Mushrooms konsumiert. Er machte einen absolut lächerlichen Eindruck.

Nach unserer anstrengenden Wanderung erfrischten wir uns in einem benachbarten Restaurant. Erwartungsgemäß setzte leichter Regen ein und es donnerte auch etwas. Wir konnten uns noch rechtzeitig in unsere Bungalows retten. Mir war der Sand ein Graus, der sich in der gesamten Hütte, im Bett und einfach überall befand, wo man hingriff. Nach jeder Dusche war ich umgehend wieder sandig und die Hände waren schmierig. Während des Regens las ich in meinem Roman. Dummerweise war meine erst in Bangkok gekaufte (gefälschte) Rolex um 12:20 Uhr stehen geblieben. Ich war über die scheinbar schlechte Qualität doch etwas überrascht. Offensichtlich war der Angstschweiß beim Abstieg vom Felsen doch etwas zuviel für die Uhr gewesen. Ohne Uhr war ich aber ziemlich aufgeschmissen, denn bei Alex' Uhr hatte die Batterie aufgegeben. Und meine Ersatzuhr befand sich im zurückgelassenen Gepäck in Bangkok. So etwas Dummes aber auch.

Gegen Abend ging ich noch einmal unter die Dusche und später trafen Alex und ich uns wieder mit Daniel und Margaretha. Wir gingen in eines der benachbarten Restaurants - jede Bungalow-Siedlung hatte bekanntlich ihr eigenes. Aber das Joy-Restaurant gefiel keinem von uns. Daniel berichtete, dass er nach dem Verzehr eines Thunfischsandwichses sogar Magenschmerzen bekommen hatte.

Der Regen hatte aufgehört; es blitzte aber immer noch und es war unverändert schwül. Im ersten Restaurant entdeckten wir eine dicke Ratte, die sich auf einem Stützpfeiler offenbar ausruhte und so gingen wir in das nächste, wo wir am Mittag nach unserer Wanderung bereits etwas getrunken hatten. Hier war auch das Essen wirklich lecker. Wir haben uns vor, beim und nach dem Essen bestens über Politik, Fußball und das Weltgeschehen im allgemeinen unterhalten.

Zurück in unserem Bungalow habe ich in der Zeitung gelesen. So erfuhr ich die ersten DFB-Pokal-Viertelfinal-Ergebnisse: Borussia Dortmund besiegte den Karlsruher SC mit 1:0; Bayer Leverkusen schlug Bayer Uerdingen mit 2:0 und der VfB Stuttgart schaffte ein klares 4:0 gegen den 1. FC Kaiserslautern.

Gegen 23:00 Uhr wurde der Strom abgestellt und so mussten Alex und ich unser Nachlager unter dem Moskitonetz beim Lichte des Feuerzeugs richten. Es gab wieder Aufregungen, weil wir verschiedene Viecher zu sehen glaubten. Alex war beim Anblick einer imaginären Kakerlake gar ganz aus der Fassung geraten. Das Feuerzeug war leer. Im Zimmer war es stockdunkel, so dass es unmöglich war, die Hand vor Augen zu sehen.

Reportage über Phuket & Umgebung: Zuckerhutinseln im Strandparadies


93. Reisetag:
Sonnabend, 1. April 1989

Von Langeweile und Tatenlosigkeit war dieser erste Tag im April geprägt. Auch heute blieben Alex und ich in der Bungalow-Anlage an der Phra Nang Beach; bekannt durch die vielen bizarren Felsformationen. Aber aus Wasser und Strand gab es hier nicht so viel zu unternehmen. Und auch an die schönsten und weißesten Sandstrände gewöhnt man sich ziemlich schnell.

Ohne Uhr war ich ziemlich aufgeschmissen. Ich besaß einfach keinen guten Zeitsinn. Irgendwann am Morgen ging ich zum Frühstück ins nahe Restaurant. Aus irgendwelchen Gründen war Alex heute ziemlich kurz angebunden. Er war der geborene Morgenmuffel. Da unterhielt ich mich lieber mit dem Schweizer Pärchen Daniel und Margaretha, die noch unschlüssig waren, wo sie nach ihrem Aufenthalt in diesem Ressort hinfahren sollten.

Das Wetter war aber wieder so gut, dass es regelrecht zum Baden und Schnorcheln einlud. Der Himmel war strahlend blau. Auch die Schweizer wollten gern schnorcheln, doch da sie keine eigene Ausrüstung dabei hatten, mussten sie sich eine leihen und das war hier gar nicht so einfach. Das Leihen der Flossen stellte sich noch als einfach heraus; doch Schnorchel und Maske bekamen sie nicht. So war das Thema für die Beiden erledigt. Ich hingegen ging mit meiner Ausrüstung sowie einem Paar geliehener Flossen ins Meer und schwamm zu einem Felsen, der unter der Wasseroberfläche großen Fischreichtum bot.

Nach dieser Exkursion duschte ich mir das Salz von der Haut und legte mich ein wenig auf die faule Haut. Die schlechte Stimmung von Alex steckte jetzt auch mich an. Alex stellte sich einmal mehr als schwieriger Mensch heraus, der nicht in der Lage war, zu kommunizieren, wenn ihm eine Laus über die Leber gelaufen war. Früher oder später lief wohl wieder alles auf eine baldige Trennung hinaus, die ich natürlich nicht wollte, aber so allmählich gewann ich den Eindruck, dass dieses vielleicht genau das richtige für uns beide wäre. Mit Alex kann man sich nur schwer unterhalten. Man muss ihm jedes einzelne Wort förmlich aus der Nase ziehen. Er selbst stellt mir auch nie irgendwelche Fragen; auf von mir gerichtete Fragen an Alex bekomme ich nur selten eine befriedigende Antwort. Er war maulfaul, was auch dazu führte, dass ich derjenige war, der Informationen einzuholen hatte.

Beim Lesen meines Buches hatte ich nicht bemerkt, dass wieder ein Gewitter aufzog. Da ich Durst hatte, lief ich noch schnell hinüber zum Restaurant. Im letzten Moment schaffte ich es, mich unter das Dach des Restaurants zu retten, als die Nacht am Tage hereinbrach und die Schleusentore des Himmels geöffnet wurden. Ein Wolkenbruch mit teilweise heftigen Donnerschlägen ging nieder. Dieser Platzregen war unbeschreiblich! Die Tropfen knallten regelrecht auf den Grund. Auch das Dach der Restaurant-Terrasse bot kaum noch Schutz. Riesige Rinnsale suchten sich auf dem Boden ihren Weg. Andere Gäste flüchteten weiter in den Innenraum. Es war unglaublich. Jetzt kühlte es auch noch empfindlich ab. Etwa eine Stunde dauerte der Spuk. Kaum auszudenken, wenn wir bei unserer gestrigen Hügelbesteigung von solch einem Unwetter überrascht worden wären. Ich konnte es jett wagen, zum Bungalow zurück zu gehen. Unterwegs schaute ich noch bei Daniel und Margaretha vorbei, die den monsunartigen Regen von ihrer Hütte aus beobachtet hatten. Wir verabredeten uns für den Abend zum Essen.

Alex gestand mir nun, dass er unter Durchfall litt. Ihm würde es schon den ganzen Tag nicht besonders gut gehen. Er wolle heute nur noch eine schonende Bouillonsuppe essen. Ungefähr gegen 18:00 Uhr gingen Daniel, Margaretha und ich dann in ein Nachbar-Restaurant. Es war frisch geworden und so zog ich mir noch ein Hemd über. Eine gute Gesprächsatmosphäre wollte heute nicht aufkommen. Als der Videorekorder mit einem stumpfsinnigen und viel zu lauten Film eingeschaltet wurde, verließen wir das Restaurant und gingen zurück in unsere Anlage.

Ich kam nicht ins Bungalow, da Alex scheinbar doch noch weggegangen war. Ich konnte ihn nirgendwo entdecken. So musste ich durch das Hüttenfenster auf umständliche Art und Weise einsteigen. Draußen beobachtete ich in der Dunkelheit bizarres Wetterleuchten. Ich nahm noch die vierte Tablette Lariam zur Malaria-Prophylaxe ein. Anschließend las ich noch in meinem fesselnden Roman Eine Sünde zuviel.

Alex kam angesäuert zurück. Ich musste ihn vorhin wahrscheinlich falsch verstanden haben, denn er wäre wohl doch gern mit uns gemeinsam zum Essen gegangen. Ich entgegnete, dass er mir zuvor deutlich gesagt hatte, er wolle nur noch einen Bouillonwürfel verzehren. Antwort: Dafür hätte er natürlich heißes Wasser benötigt. Warum sagt er es bloß nicht vorher. Wahrscheinlich lasse ich mich doch noch zum Gedankenleser ausbilden. Alex wurde jetzt kindisch und wirkte lächerlich. Wie ein bockiges Kind knallte er die Basttür hinter sich zu und ging noch einmal davon. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie spät es jetzt war.

Irgendwann legte ich das Buch zur Seite und knipste das Licht aus. Als ich bereits eingeschlafen war, kam Alex zurück und verhielt sich provozierend laut. Auch knipste er das große Licht wieder an. Er nahm dann sein Buch zur Hand und wollte noch in aller Ruhe lesen. Jetzt sprang ich wütend auf, fragte, ob er noch richtig ticke und schaltete das Licht wieder aus.

Reportage: Zeit der Einkehr - Meditieren in einem thailändischen Kloster


94. Reisetag:
Sonntag, 2. April 1989

Während der Nacht rollten monotone Donnerschläge über den Himmel hinweg. Ich mochte bekanntlich Gewitter, sofern man sich geschützt aufhielt. In der Nacht gab es keinen weiteren Regen mehr. Das hätte man an den Bastwänden der Hütte nämlich mehr als deutlich wahrgenommen.

Auch am Morgen zogen dunkle Wolken auf und nachdem ich gefrühstückt hatte, gab es ein weiteres Gewitter. Jetzt regnete es in Strömen. Alex versteckte sich hinter seinem Buch. Er war wieder mundfaul! Ich selber wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Da Alex wie ein Grab schwieg, wusste ich auch nicht, ob er heute abreisen wollte oder nicht. Er äußerte sich später, indem er sagte, dass wir bis um 11:00 Uhr an der Rezeption auschecken müssten. Scheinbar nahm er an, dass ich zusammen mit ihm die Phra Nang Beach verlassen würde.

Auch meine Stimmung war ziemlich im Keller. Einerseits war es hier mittlerweile ziemlich langweilig geworden; andererseits graute mir vor den vielfältigen Komplikationen, die das Unterwegssein in Thailand wieder mit sich bringen würde. Andererseits drängte für Alex die Zeit, da er bereits am kommenden Sonnabend wieder nach Hause fliegen würde. Nach drei Nächten an der Phra Nang Beach war hier alles ausgereizt.

Der Regen hatte wieder aufgehört. Die Sonne gewann den Kampf gegen die Wolken. In der Tat konnte man jetzt die Bootsfahrt nach Krabi wagen. Bei einem derartigen Monsunregen wie gestern Nachmittag wäre unser gesamtes Gepäck samt Inhalt auf einer Bootsfahrt bestimmt völlig zerstört worden.

Ich raffte mich ziemlich widerwillig auf und packte meine Klamotten in den Rucksack. Das Schweizer Pärchen haben wir heute nicht mehr gesehen und entfiel leider der Abschied. Es war jetzt 11:30 Uhr und bis Surathani wollten Alex und ich heute noch kommen. Es wurde der Trip mit den erwarteten Komplikationen und Hindernissen, die meine Nerven phasenweise blank liegen ließen.

Wir hatten ausgecheckt und unsere Basthütte verlassen. Die Abfahrt des Bootes nach Krabi sollte um 12:00 Uhr erfolgen, aber um 12.45 Uhr saßen wir immer noch im Boot, ohne auch nur einen einzigen Meter in Richtung Krabi gekommen zu sein. Ich hatte die Schnauze schon wieder ziemlich voll. Schließlich setzte sich das Boot doch noch in Bewegung. Doch nicht für lange, denn plötzlich sahen wir ein anderes Boot auf dem Wasser liegen, das voller Touristen war. Scheinbar ist denen das Benzin ausgegangen und so schipperten sie tatenlos herum und warteten auf Hilfe. Die erfolgte durch unser Boot. Wir fuhren so dicht an das treibstoffleere Boot heran, so dass einige der Passagiere in unser Boot umsteigen konnten. Die Boote schwankten bei der Aktion beängstigend. Über die vordere Spitze des Bootes wurde ein Seil geworfen, so dass wir es abschleppen konnten. Das alles kostete natürlich viel Zeit. Als wir Krabi erreicht hatten, verlor noch ein französischer Traveller die Nerven, weil er Baht 30 statt der ausgemachten Baht 20 zahlen sollte. Der Franzose schrie den thailändischen Bootsführer an und zielte wütend mit dem Finger auf ihn. Beide Gesten sollte man tunlichst vermeiden, denn es würde den Zorn der Dämonen hervor rufen (so der Thai-Glaube). Sein Gesicht hatte der Franzose mit seiner Unbeherrschtheit gewiss total verloren. Eine amüsante Szene, die aber auch deutlich machte, wie häufig in Thailand versucht wird, die Touristen übers Ohr zu hauen. Mir war die Lust an diesem schwierigen Reiseland sowieso etwas vergangen. Für Nervenschwächere sind Australien und Neuseeland die eindeutig angenehmeren Reiseländer. Wenn man in Thailand zwei Wochen an ein und demselben Platz Urlaub macht, mag auch das funktionieren. Aber die Fortbewegung zwischen Städten ist verdammt schwierig und läuft selten ohne Komplikationen ab.

In Krabi gingen Alex und ich in ein Restaurant am Fluss, wo wir eine Kleinigkeit speisten. Direkt neben dem Restaurant führten große Abwasserrohre ins Wasser, wo es grauenvoll stank. Ein Eldorado für Ratten. Alex' Durchfall war nach Einnahme von Kohletabletten offensichtlich zum Stillstand gekommen. Jetzt wagte er mal wieder, eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Danach fuhren wir in einem Minitaxi zur Kreuzung; fünf Kilometer außerhalb von Krabi, wo die Normalbusse nach Surathani abfuhren.

Jetzt wurden Alex' und meine Nerven aufs äußerste strapaziert, denn kaum jemand konnte uns verstehen, als wir nach den Abfahrtzeiten fragten. Und die wenigen, die Englisch sprechen konnten, erzählten widersprüchliches. So sagte uns ein älterer Thai, alle Busse, die nach Bangkok führen, halten auch in Surathani. Am Fahrkartenschalter wurde uns hingegen mitgeteilt, dass dieses nicht immer zutrifft. Der an der Haltestelle wartende Bus fuhr um 16:00 Uhr nach Bangkok - offensichtlich ohne in Surathani zu halten! Trotzdem stiegen wir ein, weil es im Prinzip nicht angehen konnte: Die Route musste über Surathani führen! Einen Sitzplatz bekamen wir in dem voll besetzten Bus nicht. Die wenigen freien Plätze waren offenbar reserviert. So saßen wir auf dem Trittbrett am Hinterausgang. Der Bus fuhr los und bei der Fahrkartenkontrolle erfuhren wir nun, dass wir doch im falschen Bus saßen. Dieser hier fuhr zwar nach Bangkok, aber nicht nach Surathani. Aber was sollten wir heute schon in Bangkok? Es war in keiner Weise möglich, den Kontrolleur zu fragen, welche Route dieser Bus fuhr und wo er überall halten würde. Der Kontrolleur verstand kein Wort Englisch und auch meine Thailandkarte, die ich in der Tasche hatte, konnte er nicht lesen. Es gab jetzt wieder viel Gerede, ohne das wir zu einem Ergebnis kamen. Schließlich half uns ein englischsprechender Thai bei der Übersetzung, der unsere Probleme zwischenzeitlich mitbekommen hatte. Nach schier endloser Diskussion bekamen wir die Information, den Bus in Phrasaeng zu verlassen. Von dort würden Busse auch nach Surathani fahren. Ich war so bedient von all der Laberei, dass mir selbst hier beim Schreiben noch die rechten Worte fehlten. "Hier in Thailand klappte auch gar nichts" fluchte ich erzürnt auf deutsch, was eh niemand verstand.

Zu allem Übel verfinsterte sich jetzt auch noch der Himmel und ein Gewitter ging nieder. Die Fenster und Türen im Bus waren undicht und so wurde ich von allen Seiten nass. Auf dem unteren Trittbrett bildete sich ein See. Das war Fahren vierter Klasse! Alex und ich waren die einzigen Fahrgäste, die keinen Sitzplatz hatten. Kurz nach 18:00 Uhr erreichten wir den Ort Phrasaeng. Der Regen hatte zum Glück aufgehört. Die Probleme gingen weiter, denn es gab zwei Straßen, die nach Surathani führten. Doch wo befand sich die Bushaltestelle? Alles Fragen, die uns hier kein Einheimischer beantworten konnte! Bei jeder Frage wurde nur freundlich gelächelt und "yes" gesagt. Heute hätte ich die Thais würgen können! Hier in Phrasaeng fühlten wir uns verraten und verkauft. Wir stellten uns an einer Straßenecke auf, wo wir die Haltestelle vermuteten. Jetzt fehlte nur noch der Bus! Aber der kam nicht; stattdessen aber die Dunkelheit.

Ich will die Sache abkürzen: Nach langer Wartezeit kam dann doch noch ein Normalbus, der auch für uns hielt und uns direkt bis nach Surathani brachte. Wir hatten doch noch Glück gehabt. Trotzdem fragte ich mich: Wann würde eine Reiseetappe in Thailand einmal unproblematisch ablaufen? Ich war jedenfalls fix und fertig. Alex und ich begaben uns in das Jipa-Gästehaus am Busbahnhof, wo der Schweizer schon am 27. März genächtigt hatte. Leider gab es im Zimmer kein Fenster und somit auch keine frische Luft!

Nach kurzer Verschnaufpause gingen Alex und ich wieder in das gute Restaurant, wo wir damals auch waren. Wir bestellten uns auch heute wieder eine leckere Mahlzeit. Es gab Schweineschnitzel mit Gemüse und Pommes frites und zum Nachtisch eine wahnsinnig leckere gebackene Banane. Mit meiner Rolex-Uhr schien ein Wunder geschehen zu sein: Seit Stunden tickte der Zeiger wieder, als ob es nie einen Stillstand gegeben hätte.

Auf dem Rückweg zum Gästehaus zerrte eine Ratte an einem Speiserest auf dem Gehweg. Mir drohte sich wieder der Magen umzukehren. Surathani und die Rattenplage! Grässlich! Der stressige Tag endete im Gästehaus mit einer Dusche. Auch meine Barthaare hatten an Länge gewonnen und mussten dringend mal wieder geschnitten werden. Ich las dann noch in meiner Zeitung und in meinem Roman. Die Luft im Zimmer war extrem stickig. Im Haus war es stets laut und so war abermals an einen erholsamen Schlaf nicht zu denken. Plötzlich fing es auch noch auf meinem Rücken an unangenehm zu jucken. Begann hier eine Allergie? Gewiss waren die schmuddeligen Matratzen schuld daran. Auch in dieser Nacht wurde ich von stechendem Durst gequält. Zum Glück hatte ich mich mit Getränken eingedeckt.

Im thailändischen Hua Hin findet Mitte September immer der alljährliche Wettbewerb im Elefanten-Polo um den Pokal des Königs statt. Diese besondere Polo-Art -normalerweise sind Pferde im Einsatz- wird nur in drei Ländern gespielt: in Nepal, Sri Lanka und Thailand.

Reportage über Krabi & Khao Lak: Ein Paradies kehrt zurück


95. Reisetag:
Montag, 3. April 1989

Wieder hatte ich das Gefühl, als ob die Nacht kein Ende nehmen würde. Und am Morgen, als es längst hell war, fühlte ich mich erschlagen und todmüde. Irgendwo im Zimmer lag eine riesige tote Kakerlake. Alex hatte natürlich auch nicht besonders gut schlafen können und so war er am Morgen wieder missgestimmt. Da ich sehr viele Seiten in meinem Tagebuch nachzutragen hatte, ging ich allein in das Restaurant von gestern Abend. Natürlich frühstückte ich auch dort. Und zwar wieder sehr gut!

Gegen 10:30 Uhr war ich dann zurück im Jipa-Guesthuse, wo ich Alex traf. Einen Augenblick später gingen wir dann in ein Reisebüro, um uns für den heutigen Nachtzug nach Hua Hin eine Fahrkarte zu kaufen. Die Komplikationen setzten sich in schöner Regelmäßigkeit fort, denn alle Schlafwagenplätze waren offensichtlich ausgebucht. Es ergab sich dann aber sofort die spontane Möglichkeit, in einem bereitstehenden klimatisierten Bus nach Hua Hin zu steigen, was wir auch machten.

Während Alex die Fahrkarten kaufte, holte ich unser Gepäck vom Gästehaus ab. Wir hatten noch ziemliches Glück, denn die Abfahrt des Busses verspätete sich um eine Stunde. So fuhren wir also -flexibel wie wir waren, nicht mit dem Nachtzug sondern tagsüber mit dem Bus nach Hua Hin - weitere Alternativen hätte es auch nicht gegeben. Zunächst war es unangenehm kalt im Bus. Doch zum Glück schien die Klimaanlagen mit den hohen Außentemperaturen nicht klar zu kommen und so wurde es im Fahrgastraum deutlich angenehmer.

Der Bus, der bis nach Bangkok fuhr, war nicht besonders voll. Der Fahrer fuhr sehr schnell und es gab unterwegs nur wenige Stopps. Während der Fahrt wurde sogar ein Essen gereicht; ergänzend wurden wir mit eisgekühlten Getränken und Bonbons versorgt. Und das alles zum Fahrpreis von Baht 225! Mit Alex wechselte ich während der über fünfstündigen Fahrt kaum ein Wort; er versteckte sich hinter seinem Buch. Normalerweise hätte man mit dieser Busfahrt zufrieden sein können, aber es wurden pausenlos Videofilme in einer kaum zu ertragenden Lautstärke vorgeführt. Alle Filme waren slapstickartig albern und liefen in thailändischer Sprache. Von dem lauten Gerede und Geschreie waren wir bald fix und fertig. Auf das Lesen des Buches konnte man sich überhaupt nicht konzentrieren.

In Thap Sakae gab es eine kurze Pause und wir konnten den Bus für einen Augenblick verlassen. Gegen 17:30 Uhr erreichten wir dann die Stadt Hua Hin am Golf von Thailand. Hua Hin war in erster Linie ein Urlaubsort der einheimischen Thais. Bei einer Cola überlegten Alex und ich, in welches Gästehaus wir gehen sollten. Wir entschieden uns für das Raluk Hotel in der Damnoen Kasem Road, das nicht weit entfernt vom Bahnhof, vom Meer und von der Innenstadt lag. Die Straße und das Hotel fanden wir schnell. Wir schienen aber die falsche Wahl getroffen zu haben, denn hinter der Rezeption erlebten wir einen älteren Mann, der Speichel würgte, fürchterlich hustete und abschließend in ein Wasserbecken ausspuckte. Zentimeterlange Speichelfäden hingen aus seinem Mund. Er blinzelte uns mit einem Auge zu; das andere war nur noch undefinierbarer Schleim. Himmel - wir vermuteten, dass der Mann wohl an TBC erkrankt war. Immer wieder wurde er von schweren Hustenanfällen ergriffen und musste sich dann ausspucken. Er schien von seiner Krankheit derart geschwächt zu sein, dass er kaum noch sprechen konnte.

Auch Alex war von diesem Hotel derart geschockt und so war schnell klar, dass wir hier zwar eine Nacht bleiben; morgen aber woanders übernachten wollten, denn schon bald entdeckten wir auch in der direkten Nachbarschaft hübsche Hotels und Gästehäuser. Das Zimmer im Raluk Hotel kostete uns Baht 150 und es war nicht sonderlich schön. Es war eher schmuddelig. Alex und ich unternahmen noch einen Spaziergang ans Wasser. Schlepper wollten uns dazu bringen, am Strand auf einem Pony zu reiten. Reichlich kitschig; wir lehnten ab.

Die Stadt Hua Hin wurde am Abend sehr munter. Überall gab es Stände wo Souvenirs und Essen angeboten wurde. Wir aßen dann in einem Schweizer Restaurant. Alex und ich hatten die asiatische Küche so langsam etwas über und so freuten wir uns über eine Abwechslung. So bestellte ich mir eine Bouillonsuppe; danach folgten Bratkartoffeln mit Käse. Vor uns turnte ein angeketteter Affe auf einem Zweig. Für ein Foto nahm ich ihn in die Arme. Dabei biss er mich zart in mein T-Shirt und in meinen Arm. Ein putziges Kerlchen!

In der Innenstadt war Nachtmarkt! Es war die Hölle los - fast so wie in Bangkok! Unzählige Waren wurden unglaublich günstig angeboten. Es blieb nicht aus, dass ich schnell wieder in einen leichten Kaufrausch verfiel. So kaufte ich mir eine neue Brieftasche für Baht 160, eine weitere Billiguhr für Baht 29 (als Ersatz, falls meine "Rolex" mal wieder stehen bleiben sollte), eine dicke Plastikspinne für Baht 20, zwei Paar Socken und zwei Unterhosen (von "Lacoste" bzw. "Boss") für zusammen Baht 100 und Nivea-Creme für Baht 32. Von überall her kam Lärm und aus den Lautsprechern drang ohrenbetäubende Musik. Alex und mir graute vor der Rückkehr in das Schmuddel-Hotel. So tranken wir noch eine Cola.

Aber schließlich hatten wir keine Wahl mehr. Im Raluk-Hotel duschte ich noch. Die Nacht war dann erwartungsgemäß wieder unruhig. Alex begann damit, Horrorstorys zu erzählen: Auf den Kissen, auf denen wir schliefen, entdeckte er Flecken - er vermutete, dass das die Spucke des Alten war. Musste das sein? Im Zimmer war es auch wieder sehr warm.

Reportage: Wiedergeburt


96. Reisetag:
Dienstag, 4. April 1989

Alex lag am Morgen mit seinen Nerven auf Grundeis. Immer wieder war er nachts aufgeschreckt, weil er glaubte, Kakerlaken krabbelten auf ihm herum. Wer weiß, vielleicht hat ihn sein Gefühl ja gar nicht getäuscht.

Wir hatten ziemlich die Nase voll von diesen schmuddeligen Gästehäuser und hatten in Erwägung gezogen, in ein etwas luxuriöseres Hotel umzuziehen. Der Übernachtungspreis von Baht 300 schreckte uns dann aber doch etwas - das war ja doppelt so viel wie in einem herkömmlichen Gästehaus. So zogen Alex und ich gleich in das Gästehaus Europa um, wo die Zimmer aber ebenfalls trostlos und ziemlich unattraktiv waren. Alex wollte in dieser Nacht unbedingt alleine schlafen und so hatten wir in dieser Nacht zwei Zimmer, was natürlich unnötig ins Geld ging.

Alex war ziemlich schlecht gelaunt. Das er so schlecht schlafen konnte, war nicht meine Schuld. Meine Lust auf Alex' Gesellschaft war ziemlich dahin. Was war denn noch der Reiz? Er sprach kaum ein Wort; lebendige Unterhaltungen waren absolut nicht möglich. Er lebt in sich zurück gezogen und lässt niemanden an sich heran. Darüber hinaus spielt der morgens den Morgenmuffel, wobei der Morgen ziemlich lange dauern kann. Und wenn es darum ging, Informationen einzuholen bzw. etwas zu buchen, drängte er sich alles andere als in den Vordergrund - darum durfte ich mich kümmern. Nach drei gemeinsamen Reisen war ich im Augenblick an einem Punkt angekommen, wo ich mir weitere Trips mit Alex nicht mehr vorstellen konnte. Es fehlte vollkommen die lockere, zwanglose Atmosphäre - wir sind schließlich auf Reisen und stehen nicht an irgendeinem Fliessband in der Fabrik, wo man verbissen die Stunden ableistet. Morgen würde ich wahrscheinlich nach Bangkok zurück kehren; Alex würde am Sonnabend zurück nach Zürich fliegen. Mir war nicht ganz wohl bei dem Gedanken, bis zu meiner Abreise am 16. April die Zeit in Bangkok verbringen zu müssen. Aber ich bin müde geworden und das Reisen innerhalb Thailands war doch bisher sehr anstrengend gewesen.

Die Inhaber des Europa-Gästehauses waren sehr freundliche Menschen. Das war aber auch der einzige Unterschied, denn die Zimmer waren ziemlich unansehnlich. Kaum ein Sonnenstrahl gelang durch den Fensterspalt. Ich plante, auf Alex' Gesellschaft weitgehend zu verzichten. So spazierte ich am Morgen zunächst in die Stadt, wo ich einen weiteren Fotofilm zur Entwicklung gab. Am Bahnhof informierte ich mich über Züge nach Bangkok. Erst danach nahm ich mir die Zeit für ein Frühstück in einem gehobeneren Restaurant. Später holte ich dann meine entwickelten Fotos ab, die recht lustig waren; nur das Format war etwas zu klein geraten.

Jetzt wurde es immer langweiliger. Ich legte mich in unser überhitztes Schmuddelzimmer und las etwas in meinem Buch. Schlafen konnte ich nicht. So plätscherte der Tag dahin. Ein Vorgeschmack auf die Tage in Bangkok. Natürlich gab es in der thailändischen Hauptstadt sehr viel zu sehen, aber es war dort auch alles sehr weitläufig und an die Verständigungsschwierigkeiten mochte ich gar nicht denken.

Ich hatte die Idee, die kleinformatigen Fotos an Alex zu verkaufen und mir von den Negativen großformatige Bilder anfertigen zu lassen. Obwohl Alex natürlich nicht an allen Aufnahmen interessiert war, sah er schnell ein, dass Kopien von Negativen in der Schweiz deutlich teurer sein würden. So gab er mir das Geld für die Bilder. Zeitgleich hatte ich mir bereits die anderen Bilder in größerem Format abziehen lassen. Die Qualität war deutlich besser. Der Deal hatte sich gelohnt.

Ich spazierte noch einmal an den Strand. Im Wasser schien es von Quallen nur so zu wimmeln - deutlich mehr als anderswo. Einen großen Teil meiner Klamotten habe ich heute übrigens für Baht 25 waschen lassen. - Den Abend verbrachte ich dann doch wieder mit Alex, dessen Stimmung sich deutlich verbessert hatte. Im Schweizer Restaurant aßen wir gemeinsam eine Kleinigkeit. Später ging es dann zur Befriedigung unseres Kaufrausches wieder auf den bunten Nachtmarkt. Der Zauber nahm mich auch heute wieder gefangen. Ich kaufte Shorts für Baht 39, zwei farbige "Hippie"-Hosen für zusammen Baht 240, einen Schlüsselanhänger für Baht 29 und eine weitere Geldbörse für Baht 29. Das Warenangebot war enorm vielfältig auf diesem Markt!

Zum Ausklang des Abends tranken wir noch ein Bier in einer Bar. Gegen 23:00 Uhr lag ich dann in meinem Bett (Alex schlief bekanntlich nebenan in einem anderen Zimmer). Ich fluchte, denn aus der Dusche kam kein Tropfen Wasser! Mir blieb nichts anderes übrig, als total verschwitzt ins Bett zu gehen.

Reportage: Luxus im Zelt und am Reisfeld


97. Reisetag:
Mittwoch, 5. April 1989

Die Nacht war ebenfalls nicht besonders ruhig. Nebenan schliefen die Kinder der Gästehaus-Besitzer. Grelles Neonlicht schien durch das schmale Fenster. Die Luft war heiß und stickig. Die Atmosphäre zwischen Alex und mir hatte sich wieder etwas gebessert und so änderte sich auch mein Plan für den heutigen Tag. Ich fuhr jetzt doch nicht gleich nach Bangkok zurück, sondern mit Alex in den etwa siebzig Kilometer entfernten Ort Phetchaburi.

Zunächst frühstückte ich aber im Restaurant des Europa-Gästehauses. Anschließend ging ich zur Thai Farmers Bank, wo ich abermals Bargeld gegen Kreditkarte bekam. Mit meinem Reiseetat ging es rapide bergab. Etwa DM 1.200 DM habe ich bisher mehr ausgegeben als eingeplant. Spätestens zu Hause werde ich mich einschränken müssen. Alex traf ich um 10:00 Uhr am Busterminal von Hua Hin. Der Bus stand schon bereit. Die Fahrt nach Phetchaburi war mit Baht 15 unfassbar billig. Sie dauerte neunzig Minuten. Phetchaburi war kulturell wesentlich anspruchsvoller als Hua Hin. Es gab jedoch deutlich weniger Touristen hier - das erkannten wir sofort nach unserer Ankunft. Mit der englischen Sprache kamen wir kaum weiter. An den Gebäuden und Geschäften gab es keine Übersetzungen! Auffallend viele Chinesen gab es hier. Zunächst bereitete es uns große Mühe, ein preisgünstiges Hotel oder ein Gästehaus für die Nacht zu finden. Wir konnten ja nichts lesen! Am Busbahnhof in der Stadtmitte bekamen wir dann schließlich Auskunft - uns wurde mitgeteilt, wo sich ein Hotel befand. Alex und ich bestellten jeweils ein Fahrrad-Tuk-Tuk und fuhren zur besagten Adresse.

Bei der extremen Hitze gerieten wir kräftig ins Schwitzen. Es war 36 ° C heiß. Das Kaorang Hotel war recht groß und eine Anlaufstelle von Tourbussen. Uns wurden die Zimmer gezeigt. Für Baht 100 hätten wir einen schmuddeligen Raum mit eingerissener Bettmatratze bekommen; für Baht 170 erhielten wir auf Nachfrage ein etwas freundlicheres Zimmer mit sauberer Matratze, reiner Toilette und Klimaanlage (letztere nutzten wir nicht).

Die Atmosphäre zwischen Alex und mir war wieder etwas erkaltet. Er drohte, sich ein anderes Zimmer zu nehmen, weil ihm hier dies und jenes nicht passe. Da ich mir nicht drohen ließ, sagte ich zu ihm, dass er dieses gern tun könne. Er fand dann aber schnell wieder die richtigen Worte, indem er sagte, dass es wohl noch ein paar Tage zusammen gehen werde. Der restliche Tag verlief dann wieder unkomplizierter. In Phetchaburi wimmelte es nur so von spektakulären Tempelanlagen, die wunderschön anzuschauen waren.

Alex und ich spazierten bei der Mittagsglut auf einen Hügel, wo wir zunächst von frei laufenden Affen begrüßt wurden, die es hier zuhauf gab. Frauen am Gehwegrand verkauften Bananen für Baht 5, damit man die Affen füttern konnte. Auch Alex und ich kauften Bananen. Die Affen beobachteten uns genau! Jetzt ließen uns die Tiere nicht mehr weiter laufen - unglaublich: sie schnitten uns regelrecht den Weg ab. Sie wussten ja, dass wir Bananen dabei hatten. Clever schnappten sie nach den Bananen, die wir ihnen hinhielten. Es war ganz zauberhaft! Aber ab und zu fletschten größere Affen aber auch kräftig mit den Zähnen und manchmal befürchteten wir, von ihnen angesprungen zu werden. Zunächst gingen wir dann in eine Höhle, wo sich im Inneren eine riesige Buddha-Statue befand. Wäre interessant zu wissen gewesen, wie die Menschen sie da hinunter bekommen haben! Für Baht 10 Eintritt besuchten wir dann atemberaubende Türme und Tempel, von wo aus wir einen herrlichen Panoramablick auf Phetchaburi hatten. Aber es war so heiß und deshalb entsprechend anstrengend, die vielen Treppen empor zu steigen. Es lohnte sich allerdings sehr!

Immer wieder mussten wir Trinkpausen einlegen. Nach dieser Besichtigungstour war ich etwas müde und so ruhte ich mich im Hotelzimmer etwas aus, während Alex tatenlustig wieder in die Stadt ging. Ich musste dringend erst mal unter die Dusche. Um 18:30 Uhr traf ich mich dann wieder mit Alex am Busbahnhof. Europäische Mahlzeiten fanden wir in Phetchaburi natürlich nirgendwo und so mussten wir zum Abendessen auf Thai-Kost zurück kommen, die uns mittlerweile leider etwas zum Halse heraus hing. Am Fluss entdeckten wir schließlich ein kleines Restaurant. Die Aussicht von der Terrasse war widerlich: Der Fluss stank; er war total verdreckt und überall mündeten Abwasserrohre in das Gewässer hinein. Der Uferweg war von Müll übersät. Aber man mochte es nicht glauben: Die Thai-Frauen wuschen in aller Seelenruhe ihre Wäsche in diesem Fluss! Brr - das war grausig!

Grausig war auch das Essen. Die Speisekarte konnten wir kaum verstehen und die Bedienung verstand eh kein Wort. Mittlerweile war es dunkel geworden und so spazierten Alex und ich noch über den farbenprächtigen Nachtmarkt von Phetchaburi, wo ich mir eine bunte Hose für Baht 70 und einen Wecker für Baht 170 kaufte. Gemächlich gingen wir zu unserem Hotel zurück.

Auch in dieser Nacht gab es wieder einen Grund, der uns um die wohl verdiente Nachtruhe brachte. Thailand bot da bekanntlich viele Alternativen. Hier in Phetchaburi war es eine Musikshow, die direkt vor dem Hotel statt fand. In Begleitung einer nervigen Rhythmus-Orgel sangen abwechselnd Thai-Mädchen fürchterlich anzuhörende Lieder. Besonders die Orgel mit ihrem eintönigen Bum-Bum-Takt war kaum zu ertragen. Alex und ich stopften uns schließlich "Oropax" in die Ohren, doch das war auch irgendwie lästig. Der Lärm dauerte noch bis in die tiefe Nacht hinein. Er wurde begleitet durch lautes Geklapper, das aus der Küche kam.

Reportage: Morgenröte der Glückseligkeit


98. Reisetag:
Donnerstag, 6. April 1989

Auch heute Morgen fühlte ich mich wie erschlagen. Ich wäre gern noch ein wenig im Bett geblieben, aber wir mussten aufstehen. Es ist müßig zu erwähnen, dass es auch heute wieder sonnig, heiß und trocken war. Bevor Alex und ich das Kaorang Hotel verließen, ging ich unter die Dusche, die wenigstens für ein paar Minuten eine kühlende Erfrischung bot. Anschließend verließen wir mit unserem Gepäck das Hotel. Unterwegs stoppten wir an einem Thai-Restaurant und fragten nach einem Frühstück. Aber auch hier wurden wir nicht verstanden und so aßen Alex und ich nur ein Eier-Omelette mit Reis, das nur bescheiden schmeckte.

An der Bushaltestelle stand unser Bus nach Bangkok schon bereit. Die folgende Fahrt in die thailändische Hauptstadt verlief von daher unerwartet komplikationslos. Wir waren eigentlich ständig auf irgendwelche Probleme gefasst, nachdem in Thailand schon so viel schief gegangen war. Die dreistündige Fahrt nach Bangkok kostete nur Baht 30. Alex und ich hatten einen guten Platz vorn gleich hinter dem Fahrer erwischt und konnten wir prima aus dem Fenster schauen.

In Bangkok quälte sich der Bus dann im Schneckentempo durch das Gewühl der mehrfachen Millionenstadt. Aber wir kannten das Chaos ja nun schon und so waren wir nicht überrascht. Am südlichen Busbahnhof war Endstation. Mit einem Tuk Tuk fuhren wir sogleich für Baht 40 in die Khao San Road, wo wir wieder im LEK-Gästehaus abstiegen. Unser damals zurück gelassenes Gepäck lag unverändert da, wo wir es hinterlegt hatten. Nichts war abhanden gekommen!

In Thailand war heute Chraki-Feiertag zu Ehren des Begründers der jetzigen Dynastie. Von diesem Feiertag war in Bangkok absolut nichts zu spüren! Alex würde bereits übermorgen in die Schweiz zurück fliegen und eines der wichtigsten Dinge, die wir noch vorhatten war die Anfertigung eines Maßanzuges. Die Maßschneider gab es praktisch nur in der Sukhumvit Road. Alex wäre am liebsten gleich am heutigen Nachmittag dorthin gefahren, doch dazu hatte ich keine Lust mehr. Morgen war doch noch genug Zeit dafür. Ich musste mich unbedingt etwas ausruhen; ich fühlte mich schlapp und ausgelaugt. Möglicherweise lag es an dem Schlafmangel; vielleicht hatte ich aber auch das falsche gegessen, denn ich war überhaupt nicht bei Appetit. Die Hitze machte mir natürlich auch etwas zu schaffen - ich musste nahezu ununterbrochen etwas trinken.

Alex war total unternehmungslustig, aber er hatte ja auch nur noch ein paar Tage Zeit und das ist ihm wohl jetzt bewusst geworden. Etwas später gingen wir dann in das riesige New World-Kaufhaus; ein wahres Shopping-Paradies zu unglaublich günstigen Preisen. Es war schier unglaublich, was es hier alles zu günstigen Preisen gab. Aber ich musste lernen, mich wirklich auf das wichtigste zu beschränken, denn die Sachen, die ich noch kaufen wollte, waren teurer (aber nicht teuer). Außerdem musste ich mich daran erinnern, dass ich natürlich nicht unbegrenzt viel mit ins Flugzeug nehmen durfte. Alex und ich aßen im Kaufhausrestaurant eine Kleinigkeit.

Die Dunkelheit war mittlerweile hereingebrochen. Wir spazierten jetzt durch die zahlreichen Verkaufsstände unweit der Khao San Road. Der Tag neigte sich dann eher unauffällig dem Ende zu. Mir graute es vor dem Gedanken, noch zehn Tage in diesem Moloch verbringen zu müssen, denn alles war hier so weitläufig und häufig kompliziert zu erreichen. Und bei dem Gedanken, hier in Bangkok ganz allein auf mich gestellt zu sein, war mir auch nicht ganz wohl. Soll Alex sein wie er will, aber in seiner Gesellschaft ist es mir weitaus lieber, als allein. Das muss deutlich gesagt werden bei den vielen kleinen Problemen, die wir in den letzten Tagen miteinander hatten.

Info: Bangkok - Hauptstadt Thailands


99. Reisetag:
Freitag, 7. April 1989

Der Besuch beim Maßschneider war das Highlight des heutigen Tages in Bangkok. Alex und ich standen schon zeitig auf, verließen das LEK-Guesthouse und gingen zur Bushaltestelle am Democracy-Denkmal. Obwohl die Routen in unserem Stadtplan recht gut eingezeichnet waren, graute es uns vor dem Fahren mit dem Bus, denn zu schwer fand man sich in all dem Chaos zurecht. Alex übernahm aber heute die Verantwortung. Mit der Buslinie 2 fuhren wir zwanzig Minuten in die Phloen Chit Road. Hier gab es übrigens auch McDonald's und Kentucky Fried Chicken. Wir mussten dann noch einige Minuten zu Fuß gehen, weil wir etwas zu früh ausgestiegen waren. Schließlich erreichten wir aber die Sukhumvit Road und bereits in der dritten Querstraße fanden wir das Grace Hotel, in dem sich der Maßschneider mit dem deutschen Namen Der Herr befand. Es war erst 9:30 Uhr und der Laden würde erst um 10:00 Uhr öffnen.

So war das eine gute Gelegenheit für ein Frühstück im Hotel-Restaurant. Leider war die Klimaanlage hier sehr unangenehm kalt eingestellt. Die Sukhumvit Road ist eine sehr bekannte Straße in Bangkok; vielleicht sogar die bekannteste. Es gab hier unheimlich viele Bekleidungsgeschäfte, die ihre Waren zu sagenhaft günstigen Preisen anboten. Die meisten Geschäfte boten sogar einen Fahr-Transfer vom jeweiligen Hotel an. Hier ein Beispiel für solch ein Komplettangebot: Das Geschäft Ambassador in der 5. Straße bot zwei Anzüge, einen Abendanzug, ein Sakko mit Hose, ein Freizeithemd, fünf Seidenhemden, vier Extra Hosen, zwei Seiden-Kimonos, fünf Seiden-Krawatten und 6 Yard Seide zum Komplettpreis von DM 99 an! Die Preise beim Maßschneider waren entweder in Deutscher Mark oder in US-Dollar angegeben. Wo war der Haken?

Kurz nach 10:00 Uhr betraten Alex und ich das Geschäft Der Herr, der von einem Inder geführt wurde, der einen mächtigen Turban trug. Das war die erste Überraschung. Bei der großen Anzahl von Kleidungsstücken war der Laden selber nicht besonders groß. Das war die zweite Überraschung. Die Inder sprach neben seiner Landessprache noch Thai, Deutsch und Englisch. Der Haken an der Sache bekamen wir schnell heraus. Nur für die Maßanfertigung(!) investierte man diesen auf den ersten Blick supergünstigen Preis. Ich war etwas enttäuscht und wollte den Laden gleich wieder verlassen, denn nun sah das Angebot folgendermaßen aus: Ein Anzug, zwei Extra Hosen, eine Krawatte und drei Hemden für DM 350! Ein zusätzlicher Kimono war für weitere Baht 400 zu bekommen. Da sich Alex aber trotzdem interessiert zeigte, griff auch ich schließlich bei dem DM 350-Angebot zu. Alex bestellte sich sogar Waren im Wert von DM 690. Kein Wunder: Er brauchte häufiger elegante Kleidung für seinen Job in der Genfer Bank. Ob die Qualität wirklich so toll war, konnten wir nicht beurteilen. Auch wussten wir nicht, wie viel Prozent Seide wirklich in den Kleidungsstücken steckte - vermutlich wenig. Diese ständige Ungewissheit in Thailand -ob man beschissen wird oder nicht- nervte und machte uns misstrauisch.

Der Inder hatte unsere Körpermaße genommen. Am späten Nachmittag mussten wir noch einmal zur Anprobe erscheinen. Die Kleidung selbst würden wir morgen Nachmittag erhalten - für Alex war das auch der letztmögliche Termin vor seinem Rückflug. Uns wurde mitgeteilt, dass wir in fünf Stunden noch einmal zur Anprobe vorbei kommen sollten. Das war meiner Meinung nach ein wenig lange, um sich die Zeit in der Sukhumvit Road zu vertreiben. Alex war da ganz anderer Meinung; er war im Shopping-Fieber. Ich hatte schon genug Geld ausgegeben und musste mich nun noch mehr einschränken - finanziell einerseits und andererseits musste ich stets das maximale Gewicht für den Rückflug im Auge behalten.

In der Sukhumvit Road gab es dann leider gleich wieder Differenzen zwischen Alex und mir. Alex verbrachte aufreizend viel Zeit in den Geschäften, die nicht viel anders als in der Khao San Road waren. Als ich etwas schneller ging, schlug er vor, dass wir uns vorübergehend trennen könnten. Ich wäre lieber zu zweit gegangen. Aber blieb kaum eine Wahl. Die Sukhumvit Road bot nicht die erwarteten Alternativ-Geschäfte; es gab hier auch keine großen Einkaufszentren. Meine Suche nach einem guten Rucksack blieb ebenfalls erfolglos. Die Geschäfte boten alle mehr oder weniger dieselben Waren an: Uhren, Reisetaschen, Tagesrucksäcke, Geldbörsen, Schmuck und T-Shirts.

So begab ich mich in ein deutsches Restaurant. Das war ein Pluspunkt dieser Gegend. Überall gab es europäische Restaurants. Die einheimische Thai-Küche konnte mich im Moment nicht mehr hinter dem Ofen hervor locken. Im Haus München -so hieß das deutsche Restaurant- bestellte ich mir ein leckeres Bauernfrühstück! Im Speisesaal lagen viele deutschsprachige Zeitungen und Magazine aus, die ich natürlich interessiert studierte. Einen alten Stern ließ ich unauffällig in meinem Rucksack verschwinden. Nach dem Essen entdeckte ich in der Straße sogar einen Zeitschriftenladen, der die Bild-Zeitung verkaufte - allerdings für stolze Baht 70. Die Bild war also teurer als ein sogenanntes Nike-T-Shirt. Trotzdem war ich begierig, den Sportteil der Bild zu lesen. Für über Baht 400 kaufte ich am Ende Zeitungen ein.

Schon vorzeitig ging ich dann in das Grace-Hotel zurück. Die Kleidung war natürlich noch nicht zur Anprobe fertig. So ging ich noch einmal hinaus und trank eine Cola. Immer wieder wurde ich von nervigen Thai-Schleppern angesprochen. Ein Thai wollte mir angeblich kostbare Uhren verkaufen, die er im Inneren seines Mantels aufgereiht hat. Thailand würde mir um einiges besser gefallen, wenn man nicht an jeder Ecke angequatscht werden würde!

Um 16:00 Uhr konnten wir dann im Geschäft Der Herr zur Anprobe schreiten. Alex war ebenfalls eingetroffen. Alles wurde mit Nadeln abgesteckt. Anschließend fuhren Alex und ich mit dem Bus zurück in die Khao San Road, wo ich mich erst mal ausruhte und in den Zeitungen las. Alex sagte, er sei den ganzen Tag nicht zum essen gekommen. Was er wohl die ganze Zeit gemacht hat? In der Zeitung las ich, dass die Schauspieler Manfred Seipold, Bernard Blier und Peter Rene' Körner gestorben sind. In Deutschland wird noch immer über eine Kabinettsumbildung von Bundeskanzler Kohl spekuliert. Im Fußball-Europapokal-Halbfinale unterlag Bayern München im Hinspiel dem SSC Neapel mit 0:2, während der VfB Stuttgart im Neckarstadion Dynamo Dresden mit 1:0 besiegte. Beides also keine guten Ausgangspositionen für die Rückspiele.

Ich duschte noch und ging später noch einmal mit Alex los, um ein Bier zu trinken. Der Schweizer schien kein Ende zu kennen; er war voller Energie. Er ging am späteren Abend sogar noch einmal los, als wir schon wieder ins LEK-Guesthouse zurück gekehrt waren. Vielleicht würde ich genau dasselbe tun, wenn ich morgen abfliegen würde, aber ich hatte noch stattliche neun Tage in Bangkok vor mir. Was ich in all den Tagen machen sollte, war mir im Moment ein Rätsel. Fest stand nur, dass ich in keine andere Stadt mehr fahren würde - die Reiserei war mir in Thailand um ein vielfaches zu anstrengend gewesen - und allein hatte ich schon gar keine Ambitionen.

Ich plante, meinen Rückflug vorzuverlegen, wenn dieses möglich wäre. Urplötzlich kam mir diese Idee in den Sinn. Obwohl alle Flüge ausgebucht sind, gab es möglicherweise doch noch eine kleine Chance. Heute Abend war es aber zu spät, um sich noch um eine Umbuchung zu bemühen. Ich wollte morgen in das Büro der Singapore Airlines in die Silom Road gehen.

Reportage: Bangkok - Der Aufsteiger am Szene-Himmel