Das Paradies setzt Speckringe an
Im Südpazifik grassiert die Fettleibigkeit - Inselbewohner zählen zu den dicksten Menschen der Welt
Reisebroschüren verkaufen die Südsee als Paradies. Sie zeigen drahtige, muskulöse Menschen, die in türkisfarbenen Lagunen mit dem Speer auf Fischfang gehen oder mühelos Palmen erklimmen. Doch die Idylle der Hochglanzfotos täuscht. Auf den Inseln im Südpazifik grassiert die Fettleibigkeit, wie eine neue Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO belegt - die Inselbewohner zählen sogar zu den dicksten Menschen der Welt. Die Folgen sind fatal: Schon junge Menschen bekommen Diabetes, erleiden Schlaganfälle oder Herzinfarkte.
Vor allem am westlichen Lebensstandard liegt es wohl, dass die einst gesunden, schlanken Insulaner immer mehr Kilos auf die Waage bringen: An Stelle der traditionellen Gerichte mit Fisch, grünem Gemüse und Kokosnuss kommen auch bei ihnen zunehmend fettes Import-Fleisch, Reis sowie zuckersüße Snacks und Getränke auf den Tisch. "Schweinefleisch und Huhn aßen wir früher nur sonntags. In der Woche gab es regelmäßig frischen Fisch und Meeresfrüchte. Außerdem verbrachten wir viel Zeit damit, durch die Felder zu reiten, zu fischen oder zu schwimmen", erinnert sich Malokai Ake, Chef der Gesundheitsbehörde im Königreich Tonga. Heute sind die Menschen auf Tonga urbanisiert: Statt selbst zu pflanzen und zu fischen, fahren sie mit dem Auto zum Supermarkt.
Von einer "verheerenden Epidemie" spricht Carl Hacker, Chefstatistiker der Marshall-Inseln. Seinen Berechnungen zufolge leiden mittlerweile 6.000 bis 8.000 der 53.000 Einwohner an der Zuckerkrankheit. Auf den anderen Inseln sieht es nicht besser aus: Laut WHO liegen bereits acht der zehn übergewichtigsten Nationen dieser Welt in der Südsee.
Die dicksten Menschen leben demnach im kleinen Inselstaat Nauru. Die Phosphatbestände, die früher für einigen Wohlstand gesorgt hatten, sind weitgehend erschöpft; die Insulaner werden ärmer und kränker. 94,3 Prozent der über 15-Jährigen -also so gut wie alle- sind laut WHO übergewichtig. Eine Rekordzahl von fast 45 Prozent der Erwachsenen leidet an Diabetes.
Die Krankenhäuser auf den Marshall-Inseln, auf Nauru und Tonga können sich kaum vor Patienten retten - Diabetes, Schlaganfälle und Herzinfarkte als Folge der Fettleibigkeit nehmen zu. Inzwischen treten sie schon bei jungen Insulanern auf. "Früher war es ungewöhnlich, wenn unter 50-Jährige einen Schlaganfall erlitten. Heute haben ihn Leute schon mit 20, 30, 40 Jahren. Man sieht es jeden Tag", berichtet Jan Pryor, Forschungsdirektor an der medizinischen Fakultät der Fidschi-Inseln.
Für die armen Länder bedeutet das eine schwere finanzielle Bürde. "Hier entwickelt sich ein doppeltes Desaster - gesundheitlich wie finanziell", klagt Statistiker Hacker. Den Staat koste es tausende Dollar, wenn ein Patient schon in jungen Jahren an Altersdiabetes erkrankt, ein Phänomen, das vor allem durch Fettleibigkeit hervorgerufen wird.
Der Kampf gegen die Kilos ist jedoch schwierig, schon allein, weil Fettpolster auf den Inseln traditionell als Zeichen von Wohlstand gelten. In der Vergangenheit allerdings sorgten Essgewohnheiten und Lebensstil dafür, dass nur die Oberhäupter und ihre Familien dick wurden. Nun haben ihre Untertanen kräftig aufgeholt.
Die Behörden stehen der Entwicklung weitgehend hilflos gegenüber. Manche Länder haben die Einfuhr einiger ungesunder Lebensmittel verboten, doch sind das nur punktuelle Maßnahmen. Alle Versuche, den Einheimischen gesunde Kost schmackhaft zu machen, haben in den vergangenen 20 Jahren wenig bewirkt - trotz prominenter Vorkämpfer wie dem inzwischen verstorbenen König von Tonga, Taufa'ahau Tupou IV.: Der einst dickste Monarch der Welt musste im hohen Alter abspecken und ließ deshalb regelmäßig Landepisten des internationalen Flughafens sperren, um dort Rad zu fahren.
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