Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Jahrmarkt der Traditionen

Jahrmarkt der Traditionen

Sie tragen bunte Trachten und Messingspiralen um den Hals. Bei Touristen gelten die Bergvölker Thailands als sehr fotogen und deshalb besuchenswert. Eine Reise mit dem Geländewagen an die burmesische Grenze.

1.864 Kurven und 1.864 Gebete liegen zwischen Chiang Mai und Pai, und ansonsten vor allem viel Grün. Grüne Reisfelder, grüne Hänge, grüner Bambus. Dazwischen ein schmales, graues Band aus Asphalt, das sich wie ein Regenwurm unvermittelt nach links und rechts krümmt, nach oben und nach unten windet. Darauf Deng, der die Strecke seit zwölf Jahren fährt und sich in jede Kurve legt, als sei der klappernde Geländewagen ein Schumacher-Ferrari. Besonders gerne fährt Deng Kurven, und so nimmt er noch jede 180-Grad-Biegung mit Tempo 80, was kein Problem ist, denn Deng ist gut geschützt. 20 Buddha-Amulette aus Plastik trägt er um den Hals, extra für diese Strecke. Deng ist gläubiger Buddhist, aber er spielt auch Lotto und hofft auf den Hauptgewinn von hundert Millionen Baht. »Alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit«, sinniert Deng, und das gilt nicht nur im Lotto.

Moderne und Tradition sind in Thailand jedoch keinesfalls Gegensätze, und so steigt der Buddhist Deng ins Auto, als zöge er ins Gefecht. Sein zierlicher Körper steckt in einer olivgrünen Kämpferuniform. Auf dem Kopf trägt er ein Tarnnetz (»gegen den Fahrtwind«), dazu eine verspiegelte Sonnenbrille. Die Füsse stecken in schweren Lederstiefeln, und bevor es losgeht, tankt er einen halben Liter »Red Bull«. Normalerweise baut Deng Reis an, er hat auch zwei Kinder und eine Frau, irgendwo in der Nähe von Chiang Mai.

Aber auf den 500 Kilometern Schlaglochpiste, die in Chiang Mai anfängt und über Pai und Mae Hong Son wieder zurück nach Chiang Mai führt, beginnt Dengs zweites Leben. Hier, im äussersten Nordwesten Thailands, wo Burma und China näher sind als Bangkok, fahren keine Reisebusse mehr, weil die Strassen zu schlecht oder die Busse zu schwach sind oder vielleicht auch, weil die meisten Touristen lieber ins sagenumwobene »Goldene Dreieck« reisen, was noch ein Stück nördlicher liegt.

Da passt es ganz gut, dass nahe der Strasse überall heisse Quellen dampfen, in denen man sich entspannen kann, auch wenn die Luft selbst nicht gerade kühl und erfrischend ist. Auch sonst kann man in den Quellen alles Mögliche waschen. Mopeds oder Wäsche zum Beispiel. Alles ist jedoch nicht erlaubt. »Eier kochen verboten«, steht in Englisch auf einem Schild. Vielleicht gilt das nur für die vielen Backpacker im nahen Pai, wo die Gästezimmer zwei Euro kosten und das Bier 50 Cent, was zur Ansiedlung von Heerscharen jugendlicher Thailand-Reisender mitten in den Bergen geführt hat. Danaben wirken die Frauen vom Volk der Lisu und Shan in ihren traditionellen Trachten, die auf dem Markt gegrillte Schlangen, frisch geschlüpfte Küken und fette Kröten am Spiess verkaufen, etwas befremdlich.

Pai ist hübsch, aber am schönsten ist es, wenn man am nächsten Morgen weiterfahren kann, hinaus in die Berge, wo Eier kochen vermutlich wieder erlaubt ist und wo es kaum Touristen gibt, denn die sind ja alle in Pai. Zum Frühstück isst Deng einen Teller Reissuppe mit frisch geschlüpften Küken und spült mit einem halben Liter »Red Bull« nach. Dann geht die Reise weiter, rundherum ist wieder alles grün und Reisbauer Deng ist Rennfahrer Deng.

Die Strassen sind menschenleer, zum Glück. Der Geländewagen fliegt über Bergkuppen und durch Täler, über denen noch der morgendliche Nebel hängt. Vorbei an kleinen Wasserfällen und Dörfern, in denen bunt gekleidete Frauen ebenso bunte Tücher weben, die Schulkinder gerade Pause haben und die Grossväter im Schatten der Häuser sitzen. Vorbei an Wasserbüffeln, die im Schlamm liegen wie Kurgäste in einer Fangopackung, und Hunden die ohne mit der Wimper zucken eine Schnauze breit neben dem vorbeifahrenden Auto dösen. Vorbei an kleinen Tempeln aus dunklem Holz im burmesischen Stil mit grossen, stillen Gärten, in denen Mönche flanieren. Vorbei an Dörfern in Talkesseln, die so tief sind, dass man nicht sicher ist, ob die Bewohner Kontakt zur Aussenwelt haben.

Doch sie haben Kontakt zu der Aussenwelt, manche mehr als sie wollen. Die thailändische Moderne hält in die Dörfer Einzug - und natürlich der Tourismus. Die meisten Dorfbewohner gehören zu den Minderheiten der Hmong, Yao, Lahu, Lisu, Akha oder Karen, die von der Thai-Regierung allesamt als »chao khao« bezeichnet werden, was soviel wie Bergstämme heisst, auch wenn sie keinesfalls immer in den Bergen lebten und dies heute eher mangels anderer Möglichkeiten tun. Die Thailänder selbst betrachten sie meist abschätzig als »Primitive«, bei Touristen gelten sie als ursprünglich, farbenfroh, exotisch und überhaupt als sehr fotogen. Gerade in der Nähe von Chiang Mai werden die Bergvölker daher vermarktet wie ein seltener Gorillastamm in einem Freigehege. Man kann »Sechs-Bergstämme-an-einem-Tag-Touren« buchen und zahlt Eintritt wie im Tierpark.

Doch je mehr Berge zwischen Chiang Mai und den Dörfern liegen, desto weniger Touristen kommen. Und so gibt es zwischen Pai und Mae Hong Son noch viele Dörfer, die zwar weder »unberührt« noch »unverfälscht«, aber eben doch noch hauptsächlich Wohnorte und nicht Kulisse sind. Auch da jedoch gibt es Ausnahmen. Am beliebtesten, weil exotischsten, sind die Padaung-Frauen, die fingerdicke Messingspiralen um den Hals tragen, so dass ihre Gesichter so wirken, als schwebten sie über einer goldglänzenden Säule. Etwa 50 Frauen und Kinder leben in dem burmesischen Flüchtlingslager von Nai Soi in der Nähe von Mae Hong Son, nur vier Kilometer von der Grenze zum Nachbarland entfernt.

Die Padaung sind eine kleine Untergruppe der Karen, und es wird angenommen, dass ihre Vorfahren aus China oder der Mongolei stammten. Umgerechnet fünf Euro zahlen Besucher an die thailändischen Soldaten »für die Dorfgemeinschaft«, wie es offiziell und wenig glaubwürdig heisst.

Die Frauen und Mädchen wirken ein bisschen wie Gefangene in ihrem Dorf mitten im Wald und in ihrem Gerüst aus Messing. Die Metallringe werden den Mädchen an den Hals geschmiedet, wenn sie fünf bis acht Jahre alt sind, und jedes Jahr kommt ein neuer dazu. Dadurch werden die Schultern und Schüsselbeine immer weiter nach unten gedrückt, bis es schliesslich so aussieht, als sei der Hals verlängert worden. Der Besuch bei den Padaung ist ein bisschen wie der Besuch eines Schlosses, wo man nicht sicher ist, ob die Landschaft hinter dem Fenster echt oder nur aufgemalt ist. Und so hinterlässt der Besuch im Dorf der Padaung ein mulmiges Gefühl über Sinn und Unsinn von Tourismus und die Folgen für die Bevölkerung.

Ein paar Dörfer weiter weicht der geübte Silberblick der Padaung-Frauen der Schüchternheit der Hmong, die mit 100.000 Angehörigen die zweitgrösste Gruppe der Bergstämme stellen. Hunderte von ihnen sind an diesem Tag aus den umgebenden Dörfern zusammengekommen, um das Neujahrsfest zu feiern. Ihr Neujahrsfest. Das wichtigste Ereignis des Jahres, ganz ohne Show und fremde Zuschauer. Die Mädchen tragen schweren Silberschmuck, Plissee-Röcke in Bonbonfarben, mit Troddeln und Münzen bestickte Jacken und Blusen, Mützen und Hüte, bei denen ein Fransenvorhang das Gesicht fast verdeckt. Jedes Jahr nähen die Mütter neue Kleider, denn sie symbolisieren neues Leben im neuen Jahr.

In der linken Hand halten die Mädchen bunte Regenschirme mit Herzchen und Plastikbeutel mit Limo, die stets farblich genau auf das Kleid abgestimmt sind. Mit der rechten Hand werfen sie Tennisbälle über eine Linie - dorthin, wo die Jungen stehen. Wer fängt, zeigt Interesse am Gegenüber, wer den Ball fallen lässt, gibt der anderen einen Korb. Eine unverbindliche und stressfreie Form des Flirtens. Die Mütter sitzen am Rand des grossen Festplatzes und tuscheln, die Väter tragen derweil einen Kreisel-Wettbewerb aus. Es ist eine traditionell-moderne Mischung, bei der die Jüngeren den Traditionen zwar folgen, sie aber ganz unverkrampft mit modernen Elementen versehen: Turnschuhe und Sonnenbrille.

Noch weniger Moderne gibt es im Dorf Sob Mae, einige Kilometer entfernt. Es liegt eingequetscht zwischen den Bergen, eine steile Sandstrasse führt hinunter, die selbst bei Trockenheit schwierig zu befahren ist und zu deren Bezwingung man während der Regenzeit vermutlich Rafting-Erfahrung benötigt. Dann sitzen die Bewohner in ihrem Dorf für Monate fest, und es sieht nicht so aus, als ob sie das sonderlich stört. Sie sind Angehörige der Karen-Minderheit, die mit rund einer halben Million Angehöriger die grösste Gruppe der Bergvölker in Thailand darstellt.

Vor 100 Jahren wanderten die ersten von ihnen aus China, Tibet und Laos in den gebirgigen Norden Thailands ein, in den letzten Jahren sind Hunderttausende als Flüchtlinge aus Burma gekommen. Nur die wenigsten von ihnen besitzen die thailändische Staatsbürgerschaft, sie sind akzeptiert, aber nicht anerkannt. Nur selten verlassen sie ihr Dorf. Wohin auch und wozu? Bauen sie doch alles an, was sie zum Leben brauchen: Tabak, Knoblauch, Sesam und Reis, Kohl und Zwiebeln, die zum Trocknen an den Holzhäusern und Veranda-Geländern hängen. Kleine schwarze Schweine schlafen im Schatten der Häuser, und ein paar Hühner picken im Sand. Thailändisches Landleben eben, ohne Tempel und bunte Folkoretrachten.

Und deswegen auch nur äusserst selten auf der Besichtigungsroute der »Langnasen«, weshalb sie sich über jeden Besucher freuen, der sich in ihr Dorf verirrt. Aufgereiht stehen dann Kinder und Eltern und selbst Grossmütter neugierig blinzelnd an der Hauptstrasse, die auch die einzige Strasse ist. Eine riesige Staubwolke kündigt jeden Fremden an, lange bevor er da ist.

»Keine Angst« sagt Deng, und es ist nicht klar, an wen das gerichtet ist, an die Besucher oder die Besuchten. Neugierig schart sich das ganze Dorf um die Fremden, die Kinder stellen sich schüchtern im Halbkreis auf, Mütter und Väter mit Kindern setzen sich in den Schatten als wäre Kinotag. Der Dorfälteste saugt genüsslich an einer daumendicken Bananenblatt-Zigarre, gefüllt mit selbst angebautem Tabak. Zähne hat er nicht mehr, aber sein Lachen ist umso breiter, vor allem als er Deng die Zigarre anbietet. Der setzt zum ersten Mal seine Sonnenbrille und das Army-Kopftuch ab und nimmt einen tiefen Zug. Etwa 70 Menschen stehen im Halbkreis herum und blicken unverhohlen neugierig. Diesmal auf uns.

Beste Reisezeit: Von November bis Januar, da ist es tagsüber angenehm warm, nachts manchmal recht kühl. Im März und April ist es dagegen sehr heiss und staubig, während der Regenzeit von Mai bis Oktober sind viele Strassen nicht passierbar.

Anreise: »Thai Airways« oder »Lufthansa« fliegen ab Frankfurt/Main nach Bangkok; von dort weiter mit »Thai Airways« nach Chiang Mai.

Rundreise: Die beschriebene Reise führt von Chiang Mai über Pai, Mae Hong Son und Mae Chaem zurück nach Chiang Mai. Für die 500 Kilometer lange Strecke sollten mindestens vier bis fünf Tage eingeplant werden. Die meisten Touren beinhalten Stopps in den Dörfern der Bergstämme, an Wasserfällen, Tempeln und Märkten. In Chiang Mai gibt es hunderte von Agenturen, die Trekking- pder Jeeptouren anbieten und vor Ort gebucht werden können. Grundsätzlich sollten Besucher die Sitten der Bergstämme achten, d. h. nicht in Bikini und Shorts durch die Dörfer laufen und bei Fotos vorher eine Einwilligung einholen. Wer den Bergbewohnern und ihren Kindern eine Freude machen will, kann eine Spende für die Schule oder das Dorf hinterlassen. Luftballons oder nützliche Dinge wie Nähzeug oder Pflaster mitbringen.

Gesundheit: Die gesundheitlichen Risiken sind relativ gering, wenn man einige Grundregeln beherzigt: Rohes oder ungeschältes Obst und Gemüse meiden, nur abgefülltes Wasser trinken und sich mit langer Kleidung vor Mückenstichen schützen. Malaria ist zwar im Norden Thailands nicht sehr verbreitet, kommt aber vor; zur aktuellen Situation geben die Tropeninstitute Auskunft.