Spuren vom Urvater des Kängurus
Paläontologen identifizierten den mutmaßlichen Urahn von australischen Beuteltieren. Mit mathematischen Methoden wurden Knochen und Gene zugeordnet. Die Forscher sprechen nun von einem Missing Link in der Evolutionsgeschichte.
Ein Laie hätte sie für fünf Steine gehalten, die zwei bis drei Millimeter messenden, unregelmäßig geformten Körnchen im grünen Lehmmatsch von Tingamarra. Doch was so unscheinbar wirkte, war in Wahrheit der Schlüssel zu einer wichtigen Entdeckung. Wissenschaftler erkannten die Partikel als Felsenbeinchen und Fußwurzelknöchelchen von Australiens ältestem bislang bekannten Beuteltier: Ein mausgroßes Geschöpf, getauft auf den Namen Djarthia murgonensis.
Die Tingamarra-Fundstätte unweit des ostaustralischen Städtchens Murgon im Bundesstaat Queensland ist eine wahre Schatzkammer für Forscher. Sie entstand vor etwa 55 Millionen Jahren und war ursprünglich wohl ein Sumpfsee, umgeben von üppigem Regenwald. Auf dem Boden des Gewässers lagerte sich eine dicke Schicht Lehmsediment ab - eine ideale Konservierungskammer für Fossilien. Bei Ausgrabungen fand man bereits sterbliche Überreste von Schlangen und primitiven Singvögeln, eine Ur-Fledermaus, Krokodile und vor einigen Jahren auch das erste Skelettteil von Djarthia murgonensis, ein Unterkieferfragment mit Zähnen.
Leider ermöglichte dieses Djarthia-Fossil noch keine genaue systematische Einordnung der neu entdeckten Spezies. Zwar kamen später noch mehr Zähne und Kieferstücke ans Licht, aber es fehlten weitere Knochen. Experten der University of New South Wales ahnten jedoch, dass mehr vorhanden sein musste. Sie spülten schaufelweise Tingamarra-Lehm mit Wasser durch einen engmaschigen Siebkasten und wurden fündig. Unter dem Mikroskop zeigten sich winzige Knochenteile im Siebgut. Eine heiße Spur!
Der Paläontologe Robin Beck, Mitglied im Team aus Sydney, unterzog die Minifossilien einer detaillierten Untersuchung. Er verglich ihre Struktur mit der von anderen urzeitlichen Beuteltieren und stellte fest: Die Skelettteile mussten von einer sehr primitiven Art stammen, aufgrund ihrer Maße und Häufigkeit konnten sie nur zu Djarthia murgonensis gehören.
Beck forschte weiter und fragte sich: "Welche Position dürfte Djarthia in der Evolutionsgeschichte einnehmen?" Nach gängiger Lehrmeinung entstand die Gruppe der Beuteltiere (Metatheria) vor circa 150 Millionen Jahren auf dem amerikanischen Kontinent, welcher damals mit der riesigen Landmasse Gondwana verbunden war. In den darauf folgenden Jahrmillionen gelangten die Beutler von Südamerika via dem noch angrenzenden Antarktika nach Australien.
Der Kontinentaldrift riss diese Erdteile vor etwa 40 Millionen Jahren endgültig auseinander. Australien war seitdem isoliert und genau dort hatten die Metatheria bereits eine dynamische Entwicklung gestartet. Sie brachten eine verblüffende Artenvielfalt hervor, von Kängurus und Koalas bis zu den erst vor einigen zehntausend Jahren ausgestorbenen Beutellöwen (Thylacoleo Carnifex) und den massigen Pflanzenfressern der Gattung Diprotodon, die so groß wie Nashörner wurden.
Mittels eines kombinierten mathematischen Modells gelang es Beck, aus Vergleichsstudien von Knochenstrukturen und einer genetischen Analyse des Erbguts heute lebender Spezies einen kompletten Stammbaum der Beuteltiere zu rekonstruieren. Das Ergebnis: Djarthia murgonensis ist zwar nicht direkt mit den Opossums und ähnlichen amerikanischen Metatheria-Arten verwandt, doch dafür mit allen bekannten australischen Beutlern. Und davon ist sie die älteste. "Djarthia könnte der Urahn aller australischen Beuteltiere sein", erklärt Beck. Der Forscher spricht sogar von einem Missing Link, einem fehlenden Glied in der Evolutionskette.
Die Studie zur Einordnung von Djarthia murgonensis offenbart noch ein weiteres Detail: Djarthia ist auch Ahn eines "lebenden Fossils", der Chiloe-Beutelratte, Dromiciops gliroides, einer Bewohnerin chilenischer Feuchtwälder. Deren Vorfahren haben offensichtlich noch den Sprung von Australien zurück nach Südamerika geschafft, bevor sich zwischen beiden Kontinenten die Weiten des Ozeans auftaten.
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