Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Wo Gras, Jade und die Kiwis am grünsten sind (Neuseeland-Resportage)

Wo Gras, Jade und die Kiwis am grünsten sind

Mediterranes Flair, majestätische Eisgipfel, bacchantische Freuden, Urwald und Traumstrände: Willkommen im Inselstaat Neuseeland. Die Bewohner hier nennen sich Kiwis und kommen bis heute ohne geschriebene Verfassung aus.

Über den polierten Granit spazieren Securities im Mountie-Look mit Hut und weinrotem Blazer. "Haere Mai", der Beagle der Zollbeamtin legt die Stirn in Falten und steuert den Rucksack an: Auspacken! "Was ist da drin?" Ah, ein Speckbrot. Vor einer Woche? Fazit: Es ist alles okay. Bloß der Hund sieht etwas enttäuscht aus.

Wenn es stimmt, dass das Gras woandern grüner ist als zu Hause, dann auf Neuseeland. Das südlichste der Südseeparadiese ist ein einziger Garten und die Bewohner hüten ihn wie ihre Augäpfel. Bilderbuchschafe blöken auf sanft gewellten Weiden und Wälder tertiärer Baumfarne überziehen die Hügel. Der Farn gilt als inoffizielles Wappen.

Im Schatten eines solchen Waldes zuckelt die D.C.R-Schmalspurbahn den Berg hinauf. Barry Brickell hat sie gebaut, um Ton für seine Töpferei zu holen. Damit Touristen auf den Gipfel zu bringen, hat sich zufällig ergeben. Nach Kilometern über Brücken, Reversierplattformen und Spiralkehren auf Stelzen überblicken wir den Hauraki Golf. Von den Buchten blitzen weiße Strände und im Dunst des Pazifiks verlieren sich malerische Inseln.

Paradise Cove trägt den Namen zu Recht. Auch hier warten strahlend weiße Strände, türkisgrünes Meer und ein Felstor, mit Vegetation dekoriert wie ein japanischer Garten. Das Ganze ist nur wandernd zu erreichen und die ersten Leute trudeln gegen Mittag ein. Dabei fällt Aufstehen mit den Hühnern leicht in diesem Land der B & B's.

Man plaudert beim Frühstück im Grünen mit den Gastgebern über das Wie, Wo, Was und Wann. Unter Palmen und Zitronenbäumen sprießt die Blumenpracht und lässt kaum den schmalsten Weg frei. In dem subtropischen Klima duften sogar Rhododendren - und die Nase nimmt ein unfreiwilliges Bad im Blütenstaub.

Ein Sturm über der Cook Street während des Fluges auf die Südinsel rüttelt unsere winzige Maschine durch und ich bete mir vor, die werden wissen, ob man bei dem Wetter fliegen kann. Der Pilot im Cockpit dreht sich um und lacht: "Don't worry. In Nelson ist das schönste Wetter." Beim Anflug grüßen dann tatsächlich sonnige Rebhänge, die sich bis zur Tasman Bay ziehen. Lifestyle pur offeriert die Winerie von Hermann Seifried. Österreicher würden Nobelheuriger dazu sagen, abgesehen von den sagenhaften Austern. Der in der Steiermark geborene Winzer war 1973 der Erste, der Chardonnay und Sauvignon Blanc auf der Südinsel produzierte. Heute gilt Nelson als eines der besten Anbaugebiete der Welt. Um ein bißchen Südinsel-Luft zu schnuppern, eignet sich der idyllische Abel Tasman-Nationalpark mit Wasserfällen, Hängebrücken und goldgelben Stränden vor der Haustür (Foto).

In einer unwegsamen Schlucht hinter Greymouth schleppt ein Bär von einem Mann einen Fels zu Tal. Das ist Jade, erklärt er und fischt eine Visitenkarte seiner Galerie aus der Jacke. Kay Boustridge steht drauf, Direktor. Vor Ort schweben die Angestellten wie Stewardessen herum und wir kommen nicht aus dem Staunen. Seine magische Maske aus Jade ist vermutlich das größte Stück, das ein Mensch der Neuzeit je bearbeitet hat.

Das Design geht auf Motive der Maori zurück. Im Alltag haben wir von der alten Kultur allerdings wenig bemerkt außer exotischen Ortsnamen mit vielen Vokalen und fantasievoll geschnitzten Versammlungshäusern. Das Gros der Maori fühlt sich wegen der grundverschiedenen Wertvorstellungen an den Rand gedrängt. Lediglich der Adel mischt in Politik und Gesellschaft noch mit.

Gleichwohl bleibt die Südinsel das wilde, spirituelle Land, das es den einstigen Herren bedeutet. Die Wetterküche der Tasman Sea braut tropisch feuchte und antarktische Strömungen zu unwirtlichen Frühjahrscocktails und es wird klamm. Die eben noch tanzenden Lichter am Meer sind stumpf wie Blei und die Gletscher der neuseeländischen Alpen in Wolken gehüllt. Die Kreuzfahrt am Milford Sound und der Flug zum 3.754 Meter hohen Mount Cook fallen ins Wasser. Ein Versuch, in den klitschnassen Urwald einzudringen, scheitert kläglich. Stockwerke hoch türmen sich gestürzte Baumriesen kreuz und quer, und es ist finster wie in einer Höhle. Der Modergeruch verschlägt den Atem. Ich muss mich umziehen, so verdreckt kann ich nicht ins Auto.

Wir fahren aus Richtung Central Otago nach Arrowtown. Der BH-Zaun, von feuchtfröhlichen Damen gestiftet, dient als Wegweiser und an der Bar des stilecht zerbröselnden Cardrona Hotels heben wir einen auf die gute alte Goldrauschzeit. Die Gestalten auf den Hockern sehen zwar nicht danach aus, als würden gleich Nuggets auf die Theke poltern, ansonsten könnten sie wohl aus der Zeit stammen.

Arrowtown wäre die perfekte Filmkulisse dazu, nur ein Cancan mit Strapsen fehlt noch. Immerhin tuckert ein Herrenfahrer mit Tweedmütze und Handschuhen im Oldtimer über die Buckingham Street. Am Pass liegt das Tal von Queenstown vor uns wie das gelobte Land, mit Palmen am Ufer des Wakatipu Sees und Schneegipfeln rundum. Die Stadt vermarktet sich als Sportmetropole der südlichen Halbkugel und Vaterstadt des Bungee-Jumpings. Der Erfinder H.J. Hacket Bungy hat hier seine Zentrale. Um Action ist man nie verlegen. "Fly by Wire" bedeutet, mit 170 Sachen im Turbogeschoss durch eine Schlucht zu rasen. Pflichtprogramme sind die Speedboat-Fahrt durch ein felsiges Nadelöhr am Shotover und dann der Sprung am Gummiseil 70 Meter in die Schlucht des Skippers Canyon runter (sicher würde ohne Zuschauer die Zahl der Helden im entscheidenden Moment drastisch schrumpfen). Die Kür im Anschluss besteht im Feiern bis zum Abwinken.

Wer mehr seiner romantischen Ader folgt, dampft mit der 97 Jahre alten TSS Earnslow ans andere Ufer. Auf der Walter Peak Country Farm vertrödelt man den Tag mit Selbstversuchen am Spinnrad und staunt, wie ein Schaf in zwei Minuten geschoren wird oder speziell dafür trainierte Hunde eine Herde dirigieren. Ein zweisames Candlelight Dinner oder die Bekanntschaft neuer Freunde am großen Colonel's Table werden in Erinnerung bleiben.

Authentisch für jedes Alter und jede Gesellschaftsschicht gilt: Der wachechte Kiwi fürchtet nur, seine Inseln könnten vom Globus rutschen, weil sie so weit unten hängen. Bevor das also passiert, nix wie hin.