Hektisch, hässlich, schön
Bangkok: Wassertaxi fahren, Buddha Hallo sagen, Mai Thai trinken, den Wochenmarkt abgrasen
Wer das erste Mal nach Bangkok kommt, ist nicht darauf gefasst: Schon beim ersten Schritt aus dem Flughafen schlägt die feuchte Hitze zu wie eine Faust. In Wellen branden mindestens 32 Grad Celsius die mächtigen Autobahnen herauf und brechen sich an überdimensionalen Werbeplakaten, gläsernen Kolossen und der Autoschlange, die sich durch den abendlichen Linksverkehr windet.
Die hohe Luftfeuchtigkeit macht, dass sich die Hitze in jede Pore drückt und auch nachts und bei wolkenverhangenem Himmel keine Gnade kennt. Kein Wunder, dass in Bangkok jede nur verfügbare Klimaanlage in Dauerbetrieb läuft: Im neuen Mega-Flughafen, Suvarnabhumi, im Taxi, im Hotel. Wenn man auf der Autobahn direkt an den Wohnblöcken vorbeifährt, sieht man auf jedem noch so winzigen Balkon Air-Condition-Geräte - verbunden mit schwarzen Stromkabeln, die sich in Bündeln von Balkon zu Balkon schlängeln. Wie Schlingpflanzen.
Mit Sicherheit gehört Bangkok nicht nur zu den Städten mit den meisten Klimaanlagen, sondern hat weltweit den längsten Eigennamen: Über 160 Zeichen lang ist der komplette thailändische Name der "Stadt der Engel" - die Kurzform heißt "Krung Thep". Die Langform heißt: "Krung Thep Mahanakhon Amon Rattanakosin Mahinthara Ayuthaya Madhadilok Phop Noppharat Ratchathani Burirom Udomratchaniwet Mahasathan Amon Piman Awatan Sathit Sakkathattiya Witsanukam Prasit".
Vom 30. Stock des Hotels aus raubt Bangkok einem anfangs den Atem. Lichtadern aus Straßenlaternen und Autoscheinwerfern funkeln zwischen hell erleuchteten Hochhäusern. Unzusammenhängend wie übrig gebliebene Bäume nach einem Orkan ragen sie aus dem Moloch auf, der bis zum Horizont atmet und pulsiert. Hektisch, zubetoniert, hässlich.
Der nächste Morgen: wolkig, ungemütlich. Im Hotelzimmer ist es auf unter zwanzig Grad gekühlt, die Fenster kann man nicht aufmachen. Doch wolkig, das heißt noch lange nicht kühl. Im Jahresdurchschnitt ist es um die dreißig Grad warm, Tag und Nacht.
Mit dem Taxi geht es durch brechend volle Straßen, vorbei an den kleinen Wägen mit frischen Früchten oder kalten Getränken. Die Gassen von Chinatown tauchen auf, ein Lokal quetscht sich ans nächste, vor kleinen Geschäften stapelt sich die Ware, es geht hektisch zu, obwohl es Sonntagmorgen ist. Hier in Thailand gelten die Chinesen als die Geschäftstüchtigen. Ein Thai hat einen kleinen Verkaufswagen, vielleicht ein winzig kleines Geschäft. Den Größenwahn brachten die Chinesen mit. Sie sind nicht besonders beliebt.
Dann das indische Viertel. Hier gibt es Schneider, Stoffe, Knöpfe. Ein paar Straßen weiter: Wieder winzige Stände. Junge Frauen und Mädchen hocken dahinter und fädeln Blütenblätter und Knospen auf, um daraus kleine Kränze zu basteln. Später werden sie einem als Opfergabe auffallen, an jeder Ecke, auf jeder Statue. Es gibt Säcke mit Gewürzen, die man nicht benennen kann, Früchte, die man noch nie gesehen hat, Käfige mit Vögeln.
Vor dem Königspalast steigert sich die Dichte der Verkaufshütten enorm. Zu Blütenkränzen und Gewürzen kommen Sonnenhüte, Postkarten, Schirme und Fächer. Der Eintritt zum Königspalast ist die Fahrkarte in eine völlig veränderte Welt - alles erscheint plötzlich unwirklich, kitschig, opulent: Goldene Statuetten, penibel zurechtgestutzte Bonsai, spitze Dächer, viel zu viele Farben. Vor einer Statue knien Gläubige und bedanken sich mit Opfergaben -Blumen und Früchten auf goldenen Schalen- für die erbetene Genesung eines Freundes beim Medizinmann.
Fast alle Thais sind Buddhisten. Gleichzeitig glauben sie an die Macht der Geister. Bei jeder Gelegenheit werden ihnen Opfer dargebracht. Hier im Königspalast schützen Dämonenstatuen die Türen. Der Palast ist nicht mehr bewohnt, nur die Tempelanlagen, die traditionsgemäss zu einer solchen Anlage gehören, sind noch in Betrieb. Die Königsfamilie genießt übrigens höchsten Respekt. Hellgelb, die Farbe des Königs Bhumibol, sieht man überall in Form von T-Shirts mit dem königlichen Wappen auf der Brusttasche.
Hier, im Wat Phra Kaeo, befindet sich auch die wichtigste Sehenswürdigkeit Thailands: Der Smaragdbuddha. Inmitten eines Berges von Opfergaben kann man die Statue erahnen. Zu dem zentralen Raum der Tempelanlage hat man nur barfuß Zutritt. Auf respektvolle Kleidung legen die Thais Wert. Nackte Schultern oder Knie sind im Tempel nicht nur ungern gesehen, sondern verboten. Ebenso im Haupthaus des Wat Po, das den 46 Meter langen, vergoldeten Liegenden Buddha beherbergt.
Das Gelände des Tempels erstreckt sich wie eine ruhige Oase inmitten des lauten, stressigen Bangkok. In einem Park tauchen immer wieder Gebäude auf, kleine, verzierte Türme, Statuen, denen Opfergaben umgehängt wurden, blühende Bäume.
In Wandreliefs kann man Zeichnungen erkennen, die die Akupunkturpunkte zeigen. In der Tempelanlage ist auch die Massageschule untergebracht. Gerade kommen zwei junge Frauen mit einem Leiterwagen und riesigen dampfenden Metalltöpfen zu dem Gebäude - ihr Mittagessen.
Von hier ist es nicht weit zur nächsten Anlegestelle. Auf dem Chao Phraya, der Bangkok wie eine sich windende Wasserschlange teilt, verkehren öffentliche Bootslinien. Sie sind eine gut genutzte Alternative zum Sky Train, dem Zug hoch über der Straße, oder den Tuk-Tuks, Fahrrädern mit Sitzbank. Diese werden von Touristen gemietet - zu viele Warnungen vor Abzocke hat es schon gegeben. Viele Tuk-Tuk-Lenker tragen Mundschutz wegen der Abgase. Mit ihren Knallfarben machen sie die Farbtupfer in den grau in grauen Straßen aus.
Vor der Anlegestelle gibt es einen Fischmarkt. In riesigen Körben bieten Verkäufer getrockneten Fisch an, dazwischen das selbst gemalte Schild eines Thai-Massage-Studios, auf dem eine Thailänderin zu sehen ist, die einen dicken europäischen Mann massiert. Der Geruch getrockneten Fisches steigt brennend in die Nase, in Wellen kommt er von den Marktständen herüber und mischt sich mit dem des Wagens, auf dem Fleisch gegrillt wird. Nichts für schwache Mägen.
Die Nähe Bangkoks zum Wasser spielt eine große Rolle, auch beim Essen. Bei Currys, Tom-Yam-Suppe, Reis und einem kühlen Mai Thai ziehen rechts und links Bangkoks Hütten, Villen, Baracken und Hochhäuser vorbei. Bangkok ist riesig, das wird jetzt noch einmal klar. Doppelt so weit wie Berlin dehnt sich die Stadt aus.
Wochenende bedeutet in Bangkok unter anderem: Chatuchak - Wochenendmarkt mit 9.000 Ständen, undurchdringbarem Wirrwarr an Schmuck, Kleidung, Lampen, lebenden Chinchillas. Unter einem Dach drängt man sich durch die Hitze und ist überfordert: Auf wie viel Bath kann man einen Kissenbezug herunterhandeln, ist die Tasche aus echtem Leder, wie die Verkäuferin schwört, wo bin ich hergekommen und wo ist der Ausgang? Ein einmaliges, aufregendes, fast surreales Erlebnis.
Wer es klimatisierter und geordneter haben will, muss in eines der vielen Kaufhäuser gehen. Dort ist auf mindestens sechs überdimensionalen Stockwerken alles zu haben, was man fälschen kann. Bangkok fasziniert, schockiert, nimmt einen gefangen. Hinter jeder Ecke lauern neue Entdeckungen, Überraschungen oder Enttäuschung. Sextouristen mit blutjungen Frauen im Schlepptau, schmuddelige Bars, vollendeter Luxus, fast übertriebene Gastfreundschaft, Hitze, Dreck.
Wer zum Abschied noch einen betörenden Blick über Bangkok werfen will, fährt in den 63. Stock des Lebua State Tower und hält sich am besten am nächsten Arm oder Geländer fest: Die Aussicht macht schwindlig. Mit einem kühlen Drink blickt man über das Meer aus Licht, Smog und Leben und staunt einfach nur. Es ist wichtig, Fotos zu machen - sonst kann man es später nicht glauben, wirklich da gewesen zu sein.
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