Abstecher in eine vergessene Welt
Alle Wege führen nach Whangamomona. Zumindest, wenn man den Forgotten World Highway befährt. Da trifft man aufständische Dorfbewohner und mit Glück Hobbits. Und Millionen Schafe.
Es gibt Farben, die tragen Musik in sich. Auf dem Tahora-Sattel, wo das Kaieto Cafe von Bob und Annie Fletcher steht, kann man sie hören. Eigentlich gibt es dort, mitten im Nirgendwo auf Neuseelands Nordinsel, nur eine Farbe: Grün. Aber das in unzähligen Tönen. Es ist leicht, schwer, satt, weich, stolz und es legt sich über Hunderte Hügel. Rundum. Unterbrochen nur von gefühlten Millionen von Schafen; weiße Punkte, die in der Sonne leuchten. Am Horizont erheben sich die Vulkane der Nationalparks. Allein für diesen langen Blick lohnt sich die Reise um die halbe Welt.

Nicht überall ist Neuseeland so unberührt. Bungy Jumping, Jetboating, Abseiling und Canyoning dominieren an vielen Orten Luft, Wasser und Erde. Anders ist das an der Straße mit dem Kaieto Cafe, die gerne Touristenroute wäre, aber doch nur ihrem Namen alle Ehren trägt: der Forgotten World Highway, der 'Highway der vergessenen Welt'. 150 Autos fahren dort am Tag. In der Hochsaison. Ein Glück, wer abseits dieser reist. Dann ist man alleine. Nach zwei Stunden Fahrt entfährt dem Stadtmenschen ein "Schau, da kommt ein Auto!" Alles ist eine Frage des Blickwinkels und Neuseeland ist ein guter Ort, um die Seiten zu wechseln.
Findige Inselbewohner haben dem Weg -ursprünglich ein Pferdetreck der europäischen Siedler aus dem 19. Jahrhundert- in der abgelegenen Region diesen Abenteuer verheißenden Namen gegeben. Wohl, um etwas vom boomenden Tourismus des Landes abzubekommen.
Auf 155 Kilometern schlängelt sich diese von phantasielosen Menschen auch State Highway 43 genannte Route zwischen den Orten Taumarunui und Stratford dahin - die Städtenamen offenbaren im Vorbeifahren die von den Maoris und den britischen Kolonialherren geprägte Geschichte des Landes. Verfallende Häuser und Ställe zeugen von der Schwierigkeit, sich in diesem wilden Hügelland anzusiedeln.
Geoff Taylor ist geblieben. Ihn scheint die Ruhe nicht zu stören, auch wenn er ein Hotel führt. "Ist schön bei uns, was?" sagt er, grinst und hebt eine Augenbraue. Die Männer an der Bar nicken stumm in ihr Bierglas. Auch die am Billardtisch. Hier biedert sich niemand den Touristen an. Wenn man etwas trinken möchte, hebt man die Hand. So ist das in Whangamomona - ein alter Maori-Name, 'Fangamomona' ausgesprochen. Doch Taylor weiß, was Reisende bei ihm suchen. Sie wollen Staatsbürger werden.
Denn weil 1988 eine Landreform durchgeführt wurde und die Bewohner des Dörfchens diese nicht wollten, protestierten sie auf ihre Art: Sie riefen eine Republik aus. Alle zwei Jahre gedenken sie im Januar mit einem Fest dieses Ereignisses. Der 40-Einwohner-Ort empfängt dann 8.000 Gäste. "Komm nach Whangamomona und vergrößere unsere Population!" fordert ein Schild vor dem Ort. Nicht, dass man eine andere Möglichkeit als die Durchfahrt hätte, aber man kommt dem natürlich gerne nach.
Taylors Miene verfinstert sich. Der groß gewachsene Kiwi, wie sich die Neuseeländer nach ihrem Nationalvogel selbst nennen, ist jetzt Beamter und stellt einen 'Reisepass' aus. Man kann sich das Lachen nicht verkneifen. "Das ist eine ernste Sache", sagt er. Die Augen blitzen. Das Ganze hat etwas von den Monty Pythons. "Macht fünf Dollar". Ein Schnäppchen. Und man sollte besser nicht unaufmerksam sein. Denn es könnte gut sein, dass Geoff Taylor auch dem deutschen Pass blitzschnell einen Stempel der "Republic of Whangamomona" verpasst.
Fährt man vom verschlafenen Whangamomona weiter Richtung Süden, hat man den größten Teil der Strecke geschafft. Doch drei bis vier Stunden sollte man sich für die ganze Fahrt schon reservieren. Mindestens. Ein unbeleuchteter, einspuriger Tunnel(!) namens Hobbits Hole, 20 Kilometer Schotterstraße, eine Schlucht, viel Regenwald und vier Gebirgspässe sind zu überwinden. Tanken sollte man vorher. Benzin gibt es unterwegs nicht. Aber wer zum Forgotten World Highway fährt, anstatt die schnelleren Verbindungen SH3 oder SH4 zu wählen, will ohnehin Zeit haben. Ganz viel Zeit.
In Kawakawa, einem 1.500-Einwohner-Ort fast an der oberen Spitze von Neuseelands Nordinsel, leuchtet ein öffentliches Klo in bunten Farben. Es ist eines der letzten Werke des im Jahr 2000 auf der Schifffahrt von Neuseeland nach Europa gestorbenen Friedensreich Hundertwasser. In Kawakawa hatte der Künstler einige Jahre gelebt und ist auch dort begraben. Die Einwohner hegen ihren Kunstschatz mit viel Stolz.
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