Alles am Fluss
Wasser, Wärme und viel technisches Knowhow lassen im subtropischen Thailand Trauben für feine Weine sprießen
Kann aus Thailand guter Wein kommen? Um diese Frage zu beantworten, bemühen Weinkenner zunächst eine ganz simple Regel: Gutes Weinland liegt entweder zwischen dem 30. und 50. Breitengrad auf der Nordhalbkugel oder zwischen dem 30. und 40. Breitengrad südlich des Äquators. Dort stimmt das Klima, dort erwartet man gute Böden und ausreichend Wasser. Was von diesen sogenannten Weltrebengürteln abweicht, kann nichts wirklich Gutes sein.
Schlechte Karten also für Wein aus Thailand. In dem subtropischen Land liegen die Anbauflächen zwischen dem 12. und dem 14. nördlichen Breitengrad - und damit weit jenseits jeder Diskussion. Dass thailändische Winzer heute dennoch einige sehr gute Weine hervorbringen, ist mutigen inländischen Investoren und dem Knowhow und Pioniergeist ausländischer Kellermeister zu verdanken. Inzwischen kommen aus dem Land am Golf von Siam so gute Weine, dass hier der Begriff New Latitude Wines geprägt wurde: Neue Breitengrad-Weine. Hierzu zählt man neben Thai-Weinen mittlerweile alles, was jenseits der Weltrebengürtel gekeltert wird, also auch Tropfen aus Sachsen oder Schweden, aus Nordbrasilien oder Indien.
Die Erfolgsstory in Thailand begann Mitter der 1980er Jahre. Der Tourismus förderte damals zunehmend den Kontakt der Thais mit Europa und Amerika. Neben Geld kamen neue Ideen ins Land und natürlich steigerten auch die Touristen selbst die Nachfrage nach einem guten Tropfen zum Essen. In jüngster Zeit wuchs in Thailand außerdem eine Mittelschicht heran, die teilhaben möchte am Lifestyle des Westens. Dabei will man nicht mehr nur auf teure Importweine setzen, zumal die Erfolge bestätigen: "Wein machen können wir auch".
Etwa 1990 begannen engagierte, von ausländischen Experten unterstützte Thais, mit Reben für Wein zu experimentieren. Die Sorten Riesling und Müller-Thurgau, die kühle Nächte lieben, mochten das subtropische Klima gar nicht. Mit Shiraz, Chenin Blanc und Colombard dagegen zeigten sich bald Erfolge. Um diese Rebsorten jedoch in subtropischen Breiten gute Tropfen zu entlocken, braucht es eine Menge Knowhow in Sachen Weinberg- und Zeitmanagement sowie in Bewässerungstechnik. Außerdem muss man mit einer ausgeklügelten Temperaturkontrolle bei Vergärung und Weinausbau arbeiten. Geerntet wird übrigens im März und April - und immer manuell.
Heute widmen sich in Thailand acht Kellereien der Herstellung mehr oder weniger feiner Tropfen und das Land liefert mittlerweile schon ein Prozent der weltweiten Produktion - Tendenz steigend. Das größte Anbaugebiet liegt 250 bis 300 Meter über dem Meer in den Hügeln des Nationalparks Khao Yai, etwa zwei Autostunden nordöstlich von Bangkok. Als beste Wahl haben sich hier die Rebsorten Shiraz, Chenin Blanc und Colombard erwiesen. Neue Pflanzungen dieser Sorten entstanden seit 2005 in der Provinz Hua Hi südlich von Bangkok, wo man auch mit unterschiedlichen roten Rebsorten wie Grenache, Pinot Noir, Mourvedre und Carignan sowie mit der weißen Albarinho experimentiert.
Die spektakulärsten Anlagen aber kann man am nördlichen Golf von Siam, sechzig Kilometer südwestlich von Bangkok, besuchen: die schwimmenden Weingärten im Mündungsdelta des Chao Praya (Foto). Was auf der Landkarte aussieht wie ein blaues Netz vor grünem Grund ist ein System aus hunderten Klongs; Kanälen, die das flache Land durchziehen. Gegraben wurden sie im 18. und 19. Jahrhundert zur Entwässerung sowie als Transportwege. Heute versorgen die Wasserstraßen in erster Linie eine intensive Landwirtschaft. Sie werden zunehmend für die Zucht von Fisch und Garnelen genutzt. Auf den schmalen Landstreifen zwischen den Wasseradern sieht man dick mit Trauben behängte Rebstöcke, umrahmt von Mango- und Kokosplantagen. Hier lässt der Branchenführer Siam Winery, der mit seinen Monsoon-Valley-Weinen international Furore macht, von lokalen Bauern einheimische Speisetrauben für die Kellerei anbauen. Aus der dickhäutigen White-Malaga- und der Red-Pokdum-Traube werden erstaunlich gute Weine gekeltert.
Mittlerweile haben die New-Latitude-Weine der Thai-Kellereien schon einiges Lob von Weinexperten sowie einige Medaillen europäischer Wettbewerbe eingefahren. In Bangkok und auch in den Ferienregionen eröffnen immer mehr Vinotheken und wer sich ein gutes Thai-Essen gönnt, hat immer öfter auch die Chance, dazu auch einen guten einheimischen Wein zu bekommen.
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