Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Der hohe Norden Neuseelands: Ein vergessenes Paradies

Der hohe Norden Neuseelands - ein vergessenes Paradies

Eindrückliche Landschaft an Neuseelands East Cape

Der Tagebucheintrag liest sich vielversprechend: "Das Land ist über jede Beschreibung hinaus angenehm und könnte, richtig bewirtschaftet, geradezu ein Paradies sein". Und der Autor dieser Einschätzung muss es wissen, schliesslich hat er ausgiebig die Südsee bereist. Der Autor, das ist Sydney Parkinson, englischer Zeichner und Maler und Teilnehmer der ersten Expedition des britischen Entdeckers James Cook in den Südpazifik. Der Anblick, den Parkinson 1769 entzückt in seinem Reisetagebuch festgehalten hatte, zieht den Betrachter auch heute noch in seinen Bann. Captain Cook hatte damals sein Schiff Endeavour in eine kleine, geschützte Bucht steuern lassen und bei der Mündung eines Bachs ins Meer frisches Wasser und einen lauschigen Lagerplatz vorgefunden. Und vor allem waren die Eingeborenen freundlich und bereit, mit allem Möglichen zu handeln. Beim vorhergehenden Landeplatz hatten sich Cooks Männer mit Waffengewalt für das nackte Leben wehren müssen.

Das romantische Plätzchen, das heute Cooks Cove heisst, lässt sich immer noch besuchen. Ein gut unterhaltender Wanderweg führt dorthin, über imposante Steilküste und durch schattigen Wald. Ausgangspunkt ist ein kleiner Parkplatz bei der Mole von Tolaga Bay, einem verschlafenen Ort an der Ostküste Neuseelands. Wir befinden uns in der Region des East Cape, einer spektakulären, aber relativ wenig besuchten Landschaft der neuseeländischen Nordinsel.

Die Abgeschiedenheit hat ihren Grund. Das East Cape ist auch nach neuseeländischen Massstäben weit, weit weg von allem. In die grosse Welt der Millionenstadt Auckland oder der Landeshauptstadt Wellington sind es von Tolaga Bay aus mit dem Auto je sieben bis acht Stunden Fahrt. Immerhin gibt es in Gisborne, der einzigen mittelgrossen Stadt der East Cape-Region, einen Flughafen mit Inlandverbindungen. So empfiehlt sich Gisborne als Ausgangspunkt für eine Rundreise, für die ein Mietwagen wohl das einzige sinnvolle Transportmittel ist. Öffentlicher Verkehr ist zwar nicht vollkommen inexistent, aber die Fahrpläne sind dünn, weil eben fast alle per Auto unterwegs sind.

Gisborne als architektonisch reizvolle Stadt zu bezeichen, wäre wohl etwas zu verwegen. Am Strassenzug durch das Zentrum stehen zwar einige historische Gebäude, doch die Stadt mit ihren 30.000 Einwohnern gleicht allzu sehr jeder anderen ähnlich grossen Stadt Neuseelands: ein kleines, sehr belebtes Geschäftszentrum, darum herum ein Meer von Einfamilienhäuschen. Einen speziellen Charakter hat Gisborne dennoch. Der Ort rühmt sich des Titels Chardonnay-Kapitale Neuseelands. In der Tat befindet sich hier eines der drei wichtigsten Weinanbaugebiete des Landes, und zahlreiche der Weingüter lassen sich auch besuchen. Weintourismus erfreut sich unter den Neuseeländern zunehmender Beliebtheit, umso mehr, als kleine Wineries oft zum Nebenerwerb ein Restaurant führen oder sogar Unterkunft anbieten. Man mag sich wundern, weshalb denn die umliegende Region Poverty Bay (Bucht der Armut) heisst. Diesen Namen bekam sie von Captain Cook, der nach einem Konflikt mit den hiesigen streitbaren Maori befand, die Gegend habe eigentlich nichts zu bieten.

Aus der Sicht des heutigen Reisenden könnte dies aber nicht unrichtiger sein. Verlässt man die Stadt auf dem State Highway 35, der hinauf zum East Cape führt, dauert es nicht lange, und man erreicht kilometerlange Sandstrände, die man auch an einem Sonnentag fast ganz für sich hat. Nur Surfer, die sich in den gewaltigen Brechern verlustieren, wird man immer wieder antreffen. Und mit etwas Glück sieht man gar Wale etwas weiter draussen vorbeiziehen.

Auf einem dieser Wale kam vor Jahrhunderten Paikea geritten. Dem Urahnen der hiesigen Maori kann man heute noch begegnen - in Holz geschnitzt sitzt er auf dem Dach des Meeting House, der Maori in Whangara rund eine halbe Autostunde nördlich von Gisborne und etwas abseits der Hauptstrasse. In Whangara spielt die Geschichte des Whalerider, der die riesigen Meeressäuger bändigte und von den Maori als mythischer Held verehrt wird. Die Geschichte Paikeas und seiner Nachfahren ist jüngst durch einen erfolgreichen Film in aller Welt bekannt geworden. Sie erzählt vom Konflikt der überlieferten Lebensform der Maori, die gerade hier noch sehr starke Wurzeln haben, mit der heutigen Welt; vom Versuch des Brückenschlags zwischen Tradition und Moderne, dem Bemühen, die westliche Zivilisation und das Wissen der Vorfahren unter einen Hut zu bringen.

Die Maori stellen nicht nur in Whangara, sondern in der ganzen East Cape-Region eine Bevölkerungsmehrheit (im gesamtneuseeländischen Durchschnitt hingegen nur gut 13 Prozent der Bevölkerung), und entsprechend sichtbar sind die Zeichen ihrer Kultur. Es lohnt sich, in den Dörfern jeweils das Meeting House aufzusuchen, das Haus, das im Zentrum des traditionellen Gemeinschaftslebens steht. Vielfach sind es prachtvoll geschnitzte und verzierte Räume, mit exotischen Mustern bemalt und Stücken der bläulich schimmernden, nur in Neuseeland vorkommenden Paua-Muschel geschmückt.

Schwieriger ist es hingegen, hinter die Kulissen des heutigen Lebens der Maori zu blicken. Im Gegensatz etwa zur touristisch stark erschlossenen Gegend um die Kraterseen von Rotorua, wo die Maori ihre Kultur aktiv den Besuchern präsentieren, ist es am East Cape weniger einfach, einen Einblick in die Lebensform zu erhalten; hier lebt man für sich. Gelangt man als Besucher durch Zufall oder glückliche Fügung aber etwa an einen gesellschaftlichen Anlass im Dorf, ist das Erlebnis authentischer Tradition eindrücklich.

Tolaga Bay ist mit seinen rund 900 Einwohnern das grösste Dorf und damit quasi der Hauptort der Ostküste nördlich von Gisborne. Doch fliesst das Leben so gemächlich dahin wie der Fluss Uawa, der aus den umliegenden Bergen kommt und hier ins Meer mündet. Wer Touristen-Hype mit Adrenalinsport und pulsieredem Nachtleben sucht, vielerorts ein Markenzeichen des neuseeländischen Tourismus, ist hier definitiv am falschen Ort. Um verlassene Sandstrände zu erkunden, ausgedehnte Wanderungen über hohe Steilküsten zu unternehmen oder zuzuschauen, wie sich imposante Wellen am Ufer brechen, liegt man hier aber richtig.

Wer sich zum East Cape aufmacht, sollte keine Fünfsternhotels erwarten. Und wird mit Bestimmtheit auch keine finden. Doch die Unterkunft in den allgegenwärtigen Motels ist generell solide, und mit etwas Glück findet man ein Bed and Breakfast oder einen Farmstay, wo man mit den Gastgebern ins Gespräch kommt und etwas über das Leben hier erfährt. Und dann gibt es auch noch die sogenannten Holiday Parks. Diese sind mehr als nur Campingplätze, denn sie bieten meist auch fix montierte Wohnwagen oder kleine Hütten zur Übernachtung an. Das ist die Art, auf die viele einheimische Touristen Ferien machen. Und wo man deshalb der Wesensart der Menschen in Aotearoa, dem Land der langen, weissen Wolke, als das die Maori ihre Heimat poetisch bezeichnen, auf die Spur kommen kann.

Rikoriko Cave: Für den Meeresforscher Jacques Cousteau gehörte das Gebiet um die subtropischen Poor Knights Islands zu den besten Tauchplätzen. Viele Tauchbegeisterte folgen seinem Beispiel nahe der nordöstlichen Küste der Nordinsel Neuseelands mit Sauerstoffflasche und Flossen. Seit November 2004 wird die Rikoriko Cave Besuchern per Eco-Tour auch für Nichttaucher erschlossen. Die Teilnehmer entdecken das Gewölbe der gigantischen Meeresgrotte, erfahren etwas über ihre Entstehung vor zehn Millionen Jahren aus einer gigantischen vulkanischen Gasblase und lernen die Tier- und Pflanzenwelt der Poor Knights Islands kennen.