Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Der niedliche Teufel von Tasmanien

Der niedliche Teufel von Tasmanien

Auf der im Südosten Australiens gelegenen Insel präsentiert sich die 'wilde Bestie' eher wie ein Schoßhund.

Dass der Teufel so niedlich aussieht, habe ich nicht geahnt. Vielleicht drei Meter vor mir sitzt er. Zusammengekauert, eine schwarze, gedrungene Gestalt, wie ein kleiner Schoßhund. Seine roten Ohren leuchten im Gegenlicht, die Augen hat er fest zusammengekniffen, dafür reißt er sein Maul extra weit auf.

Er gähnt und blinzelt in die Sonne, hält die kleine Schnauze besonders hoch. Hochnäsig ist der kleine Teufel also, denn er weiß anscheinend um seinen Ruf und genießt den Starrummel. Wer will es ihm verübeln? Ein Blick in die Knopfaugen dieser Kreatur und jedes Känguru kann einpacken.

Der Tasmanische Teufel ist eine Rarität, nicht nur zoologisch betrachtet. Der größte Raubbeutler der Erde nennt die Insel Tasmanien seit Jahrhunderten seine einzige Heimat. Nur hier kommt er noch vor, nur hier streift er durch die einsam wuchernden Eukalyptuswälder und treibt sein mehr oder minder diabolisches Unwesen.

Doch nun ist der Beutelteufel auch in Tasmanien rar geworden, sein Bestand schrumpft dramatisch. Leann Green vom Something Wild Wildpark in Glenorchy erzählt besorgt: "Seit 1996 sind unsere Teufel von Gesichtskrebs befallen und haben 89 Prozent ihres Bestands eingebüßt. Sie gelten als bedrohte Tierart." In diesem Park werden die possierlichen Tiere artgerecht gehalten und gezüchtet - für den Fall, dass die Forschung nicht rechtzeitig ein Heilmittel oder Impfstoff gegen die Teufelskrankheit DFTD (Devil Facial Tumour Disease) entwickeln kann.

Der Park baut ausschließlich auf private Spenden, Tierpatenschaften und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, denn Sarcophilus Harrisii soll nicht wie sein entfernter Verwandter, der Tasmanische Tiger, aussterben. Von dem erzählt man sich unbeirrbar, dass er manchmal noch in den wilden Wäldern der Insel gesichtet wird. Tatsächlich gilt der Beutelwolf seit 1936 als ausgestorben und auch als Symbol für verspätete Hilfe und zuwenig Einsatz.

Tasmaniens Nationalparks tragen den Teufel im Logo; auf Wasserflaschen und in jedem Souvenirgeschäft prangt das Konterfei der kleinen Raubtiere. Urbane Mythen spannen sich um die Beuteltiere und ihre enorme Beißkraft, Menschen sollen sie angefallen und gerissen haben. Ein Ranger des Parks lacht: "Aber nein, was für ein Quatsch! So ein Teufel wird nicht gröer als ein kleiner Hund. Er sieht, dass sein Gegenüber um einiges größer ist als er. Wir passen nicht in seinen Speiseplan. Aber wenn er sich angegriffen fühlt, dann kann er fuchsteufelswild werden."

Und dann faucht und knurrt er, ganz wie sein Name es verlangt. Wilde Teufel, so beruhigt mich der Ranger, treffe man in den Wäldern nur sehr selten und mit viel Glück. Die nachtaktiven Tiere haben in der weiten Wildnis Tasmaniens genügend Rückzugsmöglichkeiten, um sich von den Menschen fernhalten zu können.

In den Hartz Mountains etwa leben sie sicher irgendwo. Hier wuseln die Räuber durch die wunderbar wanderbare Natur Tasmaniens. Wenn man ganz leise in seiner Hütte sitzend lauscht, ist das entfernte Fauchen der schwarzen Kreaturen zu vernehmen. Und auch ein zehrendes Kreischen kündet von tierischen Aktivitäten in der Nacht: Die Opossums schreien wie hysterische Hexen. Walpurgisgeschichten, Märchen und Fabeln - so etwas erzählen sich die Tasmanier nicht.

Die australische Nation formierte sich, als in Europa längst das Zeitalter der Aufklärung angebrochen war - Hirngespinste und heidnische Riten hatten längst ausgedient. Wer sich in Tasmanien Gruselgeschichten am Lagerfeuer anhören möchte, der muss sich auf die Realität einstellen. Da ist die Rede von erfrorenen oder verhungerten Wanderern, die von Schneestürmen überrascht wurden oder nicht rechtzeitig den Weg aus der Schönheit tasmanischer Bergwelten fanden. Diese trügerisch schöne Natur lässt einen aber auch nicht so einfach los. Während wir am spiegelglatten Lake Osborne sitzen und auf das Wasser gucken, braut sich hinter dem Hartz Peak ein großes Unwetter zusammen. Der Wetterumschwung kommt so schnell wie er sich wieder legt: Als wir hektisch und nass ins Auto hüpfen, strahlt der Park schon wieder in der aufhellenden Sonne. Nur noch die Eukalyptusbäume wackeln mit dem immergrünen Blattwerk ihrer höchsten Wipfel. Und bald wird es wieder dunkel, Zeit zum Aufstehen für die Teufel am Ende der Welt.