Michaels Reisetagebuch: Tahiti-Neuseeland-Neukaledonien-Australien-Tasmanien-Thailand - Ein Tier, das wenig Freunde hat: Der Tasmanische Teufel

Ein Tier, das wenig Freunde hat:
Der Tasmanische Teufel


Nein, ein Kuscheltier ist er nicht. Er wird auch keinen Schönheitspreis gewinnen und nie im Zirkus auftreten. Wer je Gelegenheit hatte, einen Tasmanischen Teufel aus der Nähe zu studieren, wird kaum den Impuls verspürt haben, ihn spontan auf den Arm zu nehmen. Wer ihn je auf dem Arm hatte, wird ihn kaum gestreichelt haben. Und wer ihn je gestreichelt hat, wird sich immer noch fragen, warum.

Sarcophilus harrisii, so sein wissenschaftlicher Name, ist wirklich ein Vierbeiner ohne große Lobby. Vor fünfhundert Jahren lebte er außer in Tasmanien noch verbreitet auf dem australischen Kontinent. Dann verdrängten ihn die Dingos, und er flüchtete sich auf die dünnbesiedelte Insel im Süden, wo er seine Ruhe hatte, aber auch nur, bis die europäischen Siedler kamen. Die Van Diemens Land Company setzte 1830 ein Kopfgeld auf den Tasmanischen Teufel aus; 25 Cent gab es für ein totes Männchen, 35 für ein totes Weibchen. Man glaubte nämlich, dass er, wie sein Namensvetter, der sagenumwobene Tasmanische Tiger, Lämmer und Schafe riss oder sich an Haustieren verging. Hundert Jahre lang wurden Tiger und Teufel in Fallen gefangen, vergiftet oder erschossen, dann gab es in Tasmanien keinen Tiger mehr. Und auch der Teufel war kurz davor, von der Bildfläche zu verschwinden. Seit 1941 erst steht er unter Schutz.

Nun pflegen die Tasmanier, wie alle Australier, ein recht robustes Verhältnis zur Natur. Man sieht das an den Rändern der Landstraßen: Plattgefahrene Kängurus sind keine Seltenheit. In Tasmanien sind es die Wallabys, hin und wieder sieht man auch einen plattgefahrenen Wombat. Wallaby, Wombat und Teufel gehören alle drei zu den Beuteltieren, allerdings ist nur der Teufel ein Fleischfresser. Was nicht heißt, dass er wählerisch wäre: Im Magen eines obduzierten Tieres fand man einmal neben etlichen Stachelschweinborsten ein Bündel Stahlwolle, den Kopf einer ziemlich giftigen Tigerschlange, eine Socke, einen Kängurufuß samt Jägerschlinge, ein halbes Hundehalsband, Aluminiumfolie, zahlreiche Fischgräten und Eulenfedern sowie einen Kugelschreiber und eine Zigarettenkippe.

Wenn man überhaupt sagen kann, dass der Tasmanische Teufel eine Vorliebe hat, dann ist es die für Aas. In der Abenddämmerung wird er aktiv und zuckelt los, die ganze Nacht hindurch, auf vorzugsweise ausgetretenen Pfaden. Seit der Erfindung des Automobils gehören auch die Straßen dazu. Wie gesagt: Erst das Wallaby, dann das Auto, dann der Teufel, dann noch ein Auto - so sieht ein Teil der tasmanischen Nahrungskette aus.

Normalerweise ist Sarcophilus harrisii ein strikter Einzelgänger, der seinesgleichen nur zum Zwecke der (ziemlich kurzen) Paarung trifft. Dabei regt er sich sehr auf und bekommt, wie immer, wenn er sich aufregt, knallrote Ohren. Liegt aber irgendwo ein größerer Kadaver herum, zum Beispiel eine tote Kuh, dann wittern das alle tasmanischen Teufel in der näheren und weiteren Umgebung. Unter wüstem Fauchen und Zähnefletschen machen sie sich gemeinsam über den Fleischberg her, übrig bleiben allenfalls ein paar dickere Knochen. Ein ausgewachsener Teufel ist zwar nur so groß wie ein Foxterrier, aber er kann innerhalb von dreißig Minuten knapp die Hälfte seines Körpergewichtes vertilgen, also an die vier bis fünf Kilo. Als Aasvertilger spielt er eine ähnlich nützliche Rolle wie der Geier.

Der Bestand des Tasmanischen Teufels hat in den vergangenen Jahrzehnten immer mal wieder geschwankt. 1996 lag er zwischen 150.000 und 200.000 Tieren. Dann wurden erste mysteriöse Fälle von krebsartigen Wucherungen registriert: Die befallenen Tiere wurden blind, taub oder konnten nicht mehr fressen. Jetzt, sieben Jahre später, hat eine neue Zählung ergeben, dass inzwischen beinahe 85 Prozent der Population ein Opfer der Seuche geworden sind; Wildbiologen vermuten, dass ein Virus dahintersteckt.

Wäre der Tasmanische Teufel ein Pandabär (oder wenigstens eine Robbe), würden jetzt erschütternde Bilder um die Welt gehen. Leider ist er aber nur das, was er immer schon war: ein obskures Beuteltier mit fragwürdigen Manieren. Wünschen wir ihm trotzdem alles Gute.