Bora Bora
Als Pedalritter im Paradies
Nein, keine Mopeds sondern Fahrräder - quatre bicyclettes, s'il vous plait. Erst bei genauerer Betrachtung klärt sich das Missverständnis auf. Die Zweiräder mit ihren armdicken Reifen und wuchtigen Rahmen unterscheiden sich von Mopeds lediglich durch das Fehlen des Motors. Mit einem solchen sind die Gefährte, die beim Verleiher Europcar in Vaitape gemietet werden können, tatsächlich nicht ausgestattet. Leichtere und sportlichere Räder gebe es leider nicht, meint die Damen am Schalter mit einem entschuldigenden Lächeln. Eine Probefahrt zeigt, dass diese altersschwachen Drahtesel genauso schwerfällig zu bewegen sind, wie sie aussehen. Dazu leisten auch eine völlig verrostete Kette und das Fehlen einer Gangschaltung ihren Beitrag.

Egal, für Bora Boras Straßen sollte es dennoch reichen. Eine Umrundung der Hauptinsel beschränkt sich auf 32 Kilometer und viel mehr als zehn Höhenmeter dürften dabei nicht zu bewältigen sein. Frohen Mutes wird also bei Rückenwind in Richtung Süden gestrampelt. Vaitape, der Hauptort von Bora Bora, scheint auch an dessen Peripherie lediglich aus Boutiquen, Bars, Restaurants, Pizzerien und Souvenirgeschäften zu bestehen. Die Baie de Povai wirkt ebenso 'verhüttelt' wie die Ufer am Attersee. Noch verschließt sich den Radlern der Glanz der "Perle des Pazifiks", wie Bora Bora vielfach gerühmt wird.
Dafür lockt am Straßenrand ein Wegweiser mit der Aufschrift "Tahiti Pearl Market". Der Weg führt zu einer jener Farmen, in denen die schwarzen Perlen gezüchtet werden. Sie stellen eine der Haupteinnahmequellen der Südsee-Insel dar, sind in aller Welt begehrt und entsprechend teuer. Für einen Laien ist es unmöglich, gute Qualitäten von eher schlechten zu unterscheiden. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, ob die 50.000 Euro für eine Perlenkette wirklich gut investiert sind, wendet sich am besten an die OPEC. Dabei handelt es sich nicht um die Organisation Erdöl exportierender Länder mit Sitz in Wien, sondern um das Office d'Expertise et de Comercialisation mit Sitz in Vaitape. Hier wird mit Röntgenapparaten festgestellt, wie dick die Perlmuttschicht über dem Kern ist. Diese Stärke und die Makellosigkeit der Oberfläche entscheiden über den Preis. Im OPEC-Büro finden sich auch einige Gästebücher mit Eintragungen von Besuchern aus aller Welt. Einer von ihnen hat folgendes vermerkt: "Für meine Gerda ist ein Traum (4 Perlen) in Erfüllung gegangen. Wir werden Bora Bora nie vergessen." Wer bisher geglaubt hat, dass Träume nicht käuflich seien, der liegt offenbar falsch.
Unweit der Perlenfarm taucht das Restaurant Bloody Mary am Straßenrand auf. Der Kellner scheint vorerst an einen Irrtum zu glauben, als vier leicht verschwitzte Radfahrer einen Tisch für den heutigen Abend reservieren wollen. Jane Fonda, Harrison Ford, Julio Iglesias, Pierce Brosnan, Marlon Brando und alle anderen prominenten Gäste, die hier bereits getafelt haben, dürften nicht mit altersschwachen Mieträdern vorgefahren sein. Nach einigem Hin und Her wird der Name ins dicke Reservierungsbuch eingetragen. Damit sollte die Belohnung für die Strapazen der kuriosen Radtour gewährleistet sein.
Unter schwüler Südseehitze können auf staubigen Straßen auch 32 Kilometer sehr lang sein. "Wind auf die Nase" meint der Segelfreund, der zur Radtour erst überredet werden musste, mit lakonischem Unterton in seiner Stimme. Mit einem hat er Recht: Die Schönheit erschließt sich Besuchern, welche die Insel auf dem Landweg umrunden, nur bedingt. Hier geizt Bora Bora mit Reizen. Das Eiland präsentiert sich Seefahrern von seiner attraktivsten Seite: makellos weiße Strände, grüne Palmenhaine und türkisblaues Wasser.
Der deutsche Schlagersänger Tony Marshall, der wegen seines Hits "Bora Bora" sogar zum Ehrenbürger der Insel ernannt wurde, dürfte diese ebenfalls nicht mit dem Fahrrad umrundet haben, denn ansonsten hätte er niemals "Mein Paradies im Sommerwind, wo alle Menschen glücklich sind" reimen können. Der heftige Gegenwind relativiert nämlich die Glücksgefühle der Pedalritter gehörig.
Die letzten vier Kilometer zurück zum Ausgangspunkt der Tour in Vaitape werden zum schweißtreibenden Unterfangen. Die freundliche Dame beim Fahrradverleih führt bei der Rückgabe der antiquitierten Drahtesel ihren europäischen Kunden vor Augen, wie sich Transpiration in der Südsee vermeiden lässt: Jede ihrer Bewegungen scheint in Extremzeitlupe anzulaufen, doch irgendwann ist die Rechnung für die Tagesmiete von vier Rädern über 6.800 Pazifische Franc dann doch ausgestellt. Zumindest das freundliche Lächeln, das zum Abschied über die Lippen der Insulanerin huscht, tut dies in "Echtzeit".
Reportage: M. Stadler
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