Im Auge des edlen Juwels oder: Nirwana-Feeling in Bangkok
Wer eine Jahresernte mitleidiger Blicke erfahren will, sollte nach Bangkok reisen, um dortigen Residenten zu erklären, man sei hierher, in die ewig lärmende, tosende Stadt am Chao-Phraya-Fluß gekommen, in diesen pausenlos köchelnden Brodem aus Schweiß, Regen, Bratfett und Benzin, um Weltferne und Ruhe zu suchen.
Die könnte man natürlich in einer der zahllosen buddhistischen Kloster- und Tempelanlagen finden, aber dann müsste man orangefarbene Bettlaken, eine Skinheadfrisur und ein Bettelgefäß mit sich herum tragen. Das überlassen wir lieber den jungen Mönchen, die schon kurz nach Sonnenaufgang vor unserer Residenz vorüber ziehen, um Almosen einzutreiben. Wahrscheinlich kennen nicht einmal sie das versteckt hinter einem doppelten Mauerring ruhende Chakrabongse House, eine charmante kleine Villa, umgeben von einem tropischen Gärtchen, mitten im Auge Bangkoks, des Stadt gewordenen Taifuns.
In der großen Flußschleife, die das historische Zentrum umgibt, liegt diese kleine jüngst eröffnete Hotelanlage. Nur drei Appartements gruppieren sich um ein wunderschön renoviertes Fachwerkhaus mit Auusichtstürmchen, das 1908 von Prinz Pitsanulok Prachanart erbaut wurde, um jenseits der Palastmauern eine kleine Lustresidenz mit eigenem Schiffsanlager zu haben. Danach bezog sein Sohn, Prinz Chula Chakrabongse, die Residenz und frönte dort seinen Interessen als Historiker, Schriftsteller und Rennsportsponsor. In den Neunzigern ließ seine Tochter Narisa das Haus renovieren und kleine Gästehäuser im traditionellen Ayutthaya-Stil errichten. Kühn geschwungene Giebeldächer, viel poliertes Holz und edel glänzende Stoffe harmonieren mit modernem Einrichtungsdesign.
Die Villa selbst wird bis heute von Narisa Chakrabongse bewohnt, sofern sie gerade in Bangkok weilt. Sie lebt in London, wo sie versucht, ihren Vater an Interessenvielfalt zu übertreffen: Sie ist promovierte Kunsthistorikerin, Verlags- und Museumsgründerin, Übersetzerin, schrieb Bücher über die Geschichte von Trix- und H0-Modelleisenbahnen ebenso wie "Katya and the Prince of Siam", in dem sie die Geschichte ihrer königlichen Familie verarbeitet.
Die freundlich lächelnden Hoteldamen schleppen die Schwarte unaufgefordert aus dem benachbarten Büro der River Press herbei, einem Kunstbuchverlag, den die Hoteleignerin ebenso gegründet hat wie die Green World Foundation zwei Häuser weiter, die sich um den Schutz der thailändischen Wälder kümmert. Dabei ist man schon vollauf mit dem Bestaunen des alten Tropengartens beschäftigt, der das Zentrum des kleinen Ensembles bildet. Ein überdachter Hochstand lädt zur Lektüre, eine Terrasse zur Observierung des regen Schiffs- und Knatterbootverkehrs.
Will man da noch raus ins hektische Asien? Man könnte. Könnte die vielen Sehenswürdigkeiten aufsuchen, die direkt vor dem Haustor liegen: den königlichen Palastkomplex mit dem heiligen Wat Phra Kaeo, einem smaragdenen Buddha; daneben blinken die nadelspitzen Türme des Wat Po, des ältesten und größten Tempels der Stadt. In einer riesigen Halle liegt, wie erschlagen von der ihm entgegen gebrachten Verehrung, zufrieden in sich hinein lächelnd, Mister Siddharta Gautama - nichtendenwollende fünfundvierzig Meter lang rundum vergoldet, mit Schuhgröße 840. Der Erleuchtete, just in dem Moment, da er ins Nirwana hinüber gleitet.
Das könnte einem, schräg gegenüber im Chakrabongse House, auch passieren, denn wir sind gerade damit beschäftigt, den historischen Namen der Stadt auswendig zu lernen, die vor gut zweihundert Jahren gegründet wurde: Krungthep-mahanakhorn-bowornrattanakosin-mahinta-rayutthaya-mahagilokpop-nopparatchathani-burirom-udomratchaniwet-mahasathan - womit "Die große Stadt der Engel, unsterblicher, edler Juwel, allmächtig, die lang lebende himmlische Stadt der neuen Juwelen, erbaut von Vishnu-Karma", die jeder nur Bangkok nennt, jeden walisischen Zungenbrecher hinter sich läßt.
Abends, wenn die Dämmerung auf die Stadt fällt, nehme man einige kräftige Schwimmzüge im still und sanft ruhenden Pool, fledermausumschwirrt; bevor man wieder als einziger Gast im offenen, luftigen Flußpavillon mit scharfen Köstlichkeiten versehen wird, den Blick auf den nun leuchtenden Wat Arun gegenüber gerichtet, den hoch aufragenden "Tempel der Morgenröte". Neidische Blicke aus vorbei fahrenden Touristenbooten. Mit freundlichem Mitleid blickt man zurück. Und denkt: Niemals will man wieder rouse, aus dem Chakrabongse House.
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