Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Kanadas Ureinwohner: Die mit dem geheiligten Vogel tanzen

Kanadas Ureinwohner: Die mit dem geheiligten Vogel tanzen

Auf ihren Powwows zelebrieren Kanadas Ureinwohner Traditionen. Die Treffen sind Gradmesser ihres wiedergewonnenen Stolzes geworden.

Eine feine Linie in Rot und Schwarz läuft von der Stirn über den Nasenrücken und den Mund bis zum Kinn. Die ganze linke Gesichtshälfte ist weiß angemalt, durchzogen von zwei gezackten Linien und versehen mit vier schwarzen Punkten. "Es sind die Kriegsfarben, Weiß, Schwarz und Rot", sagt Brendan Davey, ein 12-jähriger Ojibwa-Indianer. Die vier Punkte symbolisieren die Himmelsrichtungen. Der Kopfschmuck aus Adlerfedern wirft einen Schatten auf sein Gesicht. Gesichtsausdruck und Körperhaltung verraten Stolz und Anspannung. Gleich wird er erstmals auf dem Powwow am Rande von Ottawa tanzen.


Brendan strahlt trotz seiner jungen Jahre Selbstbewusstsein aus. In der Hand hält er einen Fächer aus Adlerfedern. Es sind sieben Federn des geheiligten Vogels, die zugleich für sieben Tugenden stehen. "Dies ist Teil meiner Kultur", sagt Brendan über seinen ersten Powwow-Auftritt an der Seite seines Vaters. "Der Medizinmann gab mir die Farben, als ich ein Baby war."

Mehrere tausend Indianer sind aus Kanada und den USA zum Odawa-Powwow nach Ottawa gekommen. Algonquin, Irokesen, Sioux, Delaware, Mohawk, Ojibwa, Cree und Mi'kmaq. Das Fest auf der Lichtung in einem Wald bei Ottawa hat sich zu einer der größten Veranstaltungen der Ureinwohner des Landes entwickelt. Mehr als 200 Tänzer sind registriert. Drei Tage lang zeigen sie ihr Können vor Publikum und Wertungsrichtern, denn es geht auch um Preisgelder. In den Sommermonaten finden im ganzen Land Powwows statt, die zu einem Gradmesser des wiedergewonnenen Stolzes der Indianer geworden sind. Allein um den 21. Juni, den Tag der Sommersonnenwende, der in Kanada als "Tag der Ureinwohner" gefeiert wird, finden Dutzende Powwows statt. Seit 1996 wird dieser Tag in Kanada gefeiert, um die Beiträge der 1,2 Millionen Indianer, Métis und Inuit zur kanadischen Gesellschaft zu würdigen.

Kirby Mianskum, ein Cree von der Hudson Bay, leitet als Master of Ceremonies durchs Programm. Mi'kmaq-Indianer trommeln und singen. Kirby kündigt den Grand Entry, den Einzug der Tänzer, an. Sie kommen in ihren "Regalia", in Festkleidung, mit Insignien und Ornat. Die Zuschauer erheben sich. "Keine Fotos", bittet Kirby. Powwows haben viele Elemente, die den Indianern heilig sind und bei denen nicht fotografiert werden soll.

An der Spitze geht ein älterer Indianer mit dem Adlerstab, gefolgt von Veteranen mit den Flaggen Kanadas, der USA und der Vereinten Nationen. Ihnen schließen sich die Tänzer an: Zunächst kommen die Männer, die traditionelle oder modernere Tänze zeigen; Frauen folgen gemessenen Schrittes; junge Frauen und Mädchen drehen sich im Kreis und lassen ihre bunten Schals wehen; Jungen in Wildlederkleidung tanzen nach vorne gebeugt und halten in ihren Händen Adlerfedern. Eine alte, weise Indianerin spricht ein Gebet: "Ich bitte unseren Schöpfer, dass er bei uns ist. Danke, dass er die Tänzer, Sänger und Trommler in unseren Kreis brachte."

Der Grastanz eröffnet den Wettbewerb. Etwa ein Dutzend Indianer betreten die Arena. Zu den Trommeln einer Mohawk-Gruppe tanzen sie in weiten Schritten. Dabei verstreuen sie etwas Tabak, eine geheiligte Pflanze. Der Grastanz der Prärieindianer soll den Boden bereiten. Das Gras wird symbolisch flach getreten. Die Bänder an der Kleidung flattern im Wind und symbolisieren die Bewegung der Grases.

Louise Lahache, eine Mohawk vom Schildkrötenklan aus dem Kahnawake-Territorium bei Montreal, ist Professorin für Aboriginal Studies am Algonquin College in der kanadischen Hauptstadt Ottawa. "Powwows sind ein sehr altes Konzept", erzählt sie. "Aber es wurde lange von Kanada unterdrückt." Noch in ihrer Kindheit in den 50er-Jahren sei Singen und Tanzen verboten gewesen. "Unsere Sprachen, unsere Kultur, unsere Regalia waren illegal, unsere geheiligten Gegenstände sind uns weggenommen worden." Aber nun sieht sie eine "Wiederbelebung unserer Kultur, die nicht mehr verbannt ist".

Die Powwows als Bewegung haben daran maßgeblich Anteil. Sie sind keine folkloristische Show. Jeder Tanz, jeder Gesang hat Wurzeln, die eine tiefe Bedeutung haben. "Powwows sind eine Feier unserer Kultur und unserer Traditionen", sagt Louise Lahache. Einige Kinder im Ornat gehen vorbei. "Diese Kinder können frei ihre Kultur leben. Für sie ist das Powwow eine große Lernerfahrung."

Die Männer haben ihre traditionellen Tänze beendet, bei denen Kleidung und Bewegungen auf alten Überlieferungen basieren. Nun folgen die fancy dances –modernere Tänze–, die den Akteuren mehr Freiheiten geben. In etwa zwanzig verschiedenen Kategorien finden die Wettbewerbe statt: für Frauen und Männer verschiedener Altersstufen, für Jugendliche und Kinder, in traditionellen Tänzen, Gras- und "Chicken"-Tanz und fancy dances.

Während Kanadagänse über das Powwow-Gelände hinwegziehen, lädt Zeremonienmeister Kirby Mianskum zum "Intertribal" ein, einem Tanz, der für alle offen ist. Die Trommeln schlagen in konstantem Rhythmus. "Die Trommeln", sagt Kirby, "sind der Herzschlag unserer Nationen und von Mutter Erde."