Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Die Stadt, die immer wieder aufsteht: Toronto

Die Stadt, die immer wieder aufsteht: Toronto


Es ist kochend heiß in Toronto. Das ist nicht ungewöhnlich zu dieser Jahreszeit, wenn sich die Hitze zwischen den Hochhäusern mit der schweren feuchten Luft mischt, die von den Niagarafällen über den Ontario-See heran getragen wird. Der Bus schleicht an Drahtzäunen und Bretterabsperrungen entlang, über Rampen und durch Unterführungen. Es ist, als würden die Baustellen an den drei Terminals des Flughafens, der zum Drehkreuz ausgebaut wird, kein Ende nehmen. Dann endlich ist das Sonnenlicht erreicht. Der Berufsverkehr kriecht vom Flughafen bis in die Stadt hinein und einem halben Dutzend Schnellstraßenspuren.

Toronto bietet ein grandioses Panorama. Es ist klar strukturiert, besteht aus kaum mehr als einer Handvoll markanter Gebäude, die viele Kilometer weit zu erkennen sind. Zu Füßen der Türme liegt der See, darüber wölbt sich der Himmel. In Toronto herrschen klare Verhältnisse. Das wird schon bei der ersten Annäherung deutlich.

Die Stadt überragt als Wahrzeichen der CN Tower, das höchste freistehende Gebäude der Welt. Darunter buckelt das Sportstadion SkyDome, das weltweit größte seiner Art. Das Kuppeldach läßt sich in zwanzig Minuten öffnen, dann kann man die Illusion haben, in der Halle im Freien zu sitzen - und umgekehrt. Amerikaner sind ganz verrückt nach solchen Großspielzeugen; Kanadier offenbar auch. Das gilt auch für die Neigung zu Superlativen. In Toronto scheint sie besonders ausgeprägt. Die längste Straße der Welt teilt die Stadt: Über achtzehn Kilometer führt die Yonge Street, an der noch in den Sechzigern die Unterwelt und billige Vergnügen zu Hause waren, schnurgerade Richtung Norden, dann wird sie zum Highway und endet erst nach fast zweitausend Kilometern. Die St. James Cathedral im restaurierten St. Lawrence District hat den höchsten Kirchturm Kanadas; die Art Gallery of Ontario mitten in Chinatown verfügt über die größte Sammlung von Henry-Moore-Plastiken weltweit. Und auch das Rathaus im viktorianischen Stil legte man zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts besonders großzügig an, spekulierte Toronto damals doch darauf, Hauptstadt Kanadas zu werden. Es reichte dann nur zur Provinzkapitale. Doch im Frühjahr 2003 machte Toronto Schlagzeilen als westliche Hauptstadt einer vermeintlichen Weltepidemie, der hochinfektiösen Lungenkrankheit SARS.

Die Front Street ist die ehemalige Uferpromenade der Stadt. Inzwischen trennen mehrere hundert Meter aufgeschüttetes Land und die Trasse einer Stadtautobahn die Prachtstraße vom Wasser. Hier stehen seit je die großartigsten Gebäude. An der Front Street haben die Architekten schon immer Phantasie, Stilempfinden und vor allem Sinn für Ordnung bewiesen. Es macht Vergnügen, in Toronto mit dem Kopf im Nacken spazieren zu gehen. Die Innenstadt ist ein Säulenwald aus Metall und Glas und gedeckten Farben. Schwarz und Grau dominieren, doch es gibt auch Überraschungen: Die Türme der Royal Bank glitzern betörend in der Sonne, denn in den Fensterscheiben wurde Goldstaub verarbeitet. Die Straßen sind so breit, dass die gleißende Helligkeit von den Fassaden bis hinunter auf den Asphalt strahlt.

Toronto ist die Finanz- und Wirtschaftsmetropole Kanadas. Wer Wohlstand zu zeigen hat, stellt ihn hier ungeniert aus, aber er trumpft damit nicht auf. Es ist keine Stadt für Angeber, hier wird hart gearbeitet. Tagsüber und abends sind die Straßen im Bankenviertel leer; nur um die Mittagszeit füllen sich die schattigen, luftigen Plätze zwischen den Bürogebäuden mit Angestellten in der Pause. Der Verkauf von Hot Dogs ist ein einträgliches Geschäft in Toronto. An jeder Straßenecke steht ein Fahrzeug, in dem das Schnellgericht zubereitet wird. Vor der Union Station, dem Hauptbahnhof, Anfang des vorigen Jahrhunderts wie eine Kathedrale gestaltet, reihen sich jene Hot-Dog-Verkäufer aneinander, die es noch nicht zu einem motorisierten Fahrzeug gebracht haben.

Es gibt viele kleine Parks in Toronto. Doch die meisten sind menschenleer. Alle sind in dieser Stadt ständig in Bewegung, als gelte es, anderswo nichts zu versäumen. Nur einige Obdachlose haben es sich auf den Metallbänken bequem gemacht. Sie stieren vor sich hin und werden von den Vorbeieilenden nicht beachtet. Vielleicht ist dieser Umgang miteinander auch ein Ausweis der vielbeschworenen Toleranz Torontos. Hier leben achtzig Ethnien mit jeweils mehr als zwanzigtausend Angehörigen. Schon seiner Bevölkerungstruktur wegen ist die Stadt ein Paradebeispiel für die Gleichberechtigung aller Bürger, auf die Kanada so stolz ist. Eine Plakette vor der Union Station erinnert an das Bekenntnis zur Multikultur: Keine ethnische Gruppe, so heißt es da, solle eine andere dominieren. Niemand ist in Kanada anders als Kanadier.

Das Prinzip der Gleichberechtigung ließ Toronto zum Mosaik werden. Die Stadt versteht sich nicht als Schmelztiegel wie etwa New York. In Toronto ist Platz für unterschiedlichste Lebensentwürfe auf engstem Raum. Das quirlige Chinesenviertel rund um die Dundas Street, das seit einigen Jahren vor allem durch den unaufhörlichen Zuzug ehemaliger Hongkong-Chinesen schier aus den Nähten platzt, geht unmittelbar über in das karibische Idyll der Kensington Avenue mit ihren hundert Jahre alten Duplex-Häusern, Cafe´s und Billigmodeläden, die verheißungsvolle Namen tragen wie "Courage My Love" oder "Last Temptation". Einige Straßenzüge weiter beginnt Little Italy, wendet man sich nach Süden, dem Seeufer zu, ist man bald im Portugal Village.

Früher oder später steht jeder wieder unter dem mächtigen CN Tower. Er ist nicht zu verfehlen. Seit seiner Eröffnung 1976 betrachtet sich Toronto, mit vier Millionen Einwohnern im Großraum die größte Metropole Kanadas, als Touristenziel. Bei klarem Wetter soll von dort oben aus einem halben Kilometer Höhe sogar die Gischt der Niagarafälle auf der anderen Seite des Ontario-Sees zu erkennen sein. Eine Stunde ist es mit dem Schnellboot dorthin. Doch in diesem Sommer fährt das Schnellboot nicht. Es ist der Sommer nach SARS. Das Büro der Gesellschaft an der Harbour Front ist geschlossen. Die Verbindung soll irgendwann wieder aufgenommen werden.

Wer derzeit von Toronto zu den Niagarafällen will - und welcher Urlauber wollte das nicht -, muß den Landweg wählen. Mindestens anderthalb Stunden dauert eine Strecke mit dem Bus. Organisierte Ausflüge sind teuer und nicht unter neun Stunden zu bewältigen. Das ist viel Zeit, wenn man für Toronto nur ein paar Tage eingeplant hat. Die meisten Fremden, vor allem Europäer, halten es so. Sie fliegen nach Toronto, bleiben dort gerade so lange, dass der Jetlag nachläßt, und schon sind sie mit ihrem Mietwagen oder Wohnmobil in der kanadischen Weite verschwunden.

Eigentliche touristische Klientel der Stadt sind seit je die Amerikaner aus den nahen Grenzstaaten, die "Gummireifen-Touristen", wie man hier ein wenig abschätzig über jene sagt, die im Radius einer Tagesfahrt mit dem Auto wohnen. Doch als Toronto im März 2003 den ersten SARS-Fall meldete, blieben die Amerikaner von einem Tag zum anderen weg. Damit war der Tourismus auf einen Schlag erledigt. Auf umgerechnet zweihundert Millionen Euro wird der Verlust im Tourismus seitdem beziffert. Vielleicht gibt sich jeder in Toronto deshalb so viel Mühe, Alltagsnormalität zu demonstrieren.

Von "neuer Normalität" hatte Denzil Minnan-Wong schon im Mai 2003 gesprochen, in einer bitteren Philippika gegen die Weltgesundheitsorganisation WHO. Minnan-Wong ist Stadtrat von Toronto, Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaftsentwicklung, Tourismus und Kultur, und er war damals Mitglied einer Sonderkommission zur Bewältigung der SARS-Folgen. Eloquent hatte er darüber geklagt, dass es nicht etwa SARS, sondern die WHO war, die den Tourismus in der Stadt zum Erliegen brachte.

Unmittelbar nach dem Ausbruch, so hatte Minnan-Wong gesagt, sei die Krankheit unter Kontrolle gewesen - anders als in den asiatischen Infektionsgebieten habe man in Kanada die Spur des Erregers von Anfang an verfolgen können. Deswegen habe die Krankheit zu keinem Zeitpunkt Besorgnis unter den Torontonians ausgelöst, wie sich die Bürger hier selbst bezeichnen. Kaum einer habe auf der Straße Mundschutz getragen. Man habe gewußt, in welchem Krankenhaus die SARS-Patienten behandelt würden, dort sei man eben weggeblieben. Erst mit der Reisewarnung der WHO erhielt Toronto das Stigma des Aussätzigen. Statt der sonst im April üblichen Hotelauslastung von siebzig Prozent war nicht einmal ein Drittel der Betten belegt.

Im Fairmont Royal York Hotel, dem noblen Haus aus besseren Aufbruchszeiten an der Front Street, standen damals ganze Flure leer. An "normalen" Tagen hingegen meistert die Rezeption souverän bis zu tausend Ankünfte. Doch da sich die Hotellerie der Stadt schon seit dem Einschnitt des 11. September 2001 ganz auf den einheimischen Markt konzentriert hatte, war man den Umgang mit der Krise gewohnt. Die Hoteliers versprachen Einwohnern der Provinz Ontario bei Vorlage ihres Ausweises bessere Zimmerkategorien als gebucht und lockten mit der Gelegenheit, die Attraktionen Torontos ganz ohne Wartezeiten erleben zu können. Und auch während der schlimmsten SARS-Agonie anderswo profitierte die Stadt von ihrer prinzipiellen Weltoffenheit: Der Strom der Verwandtenbesuche riss auch in diesen Monaten nicht ab - auch nicht, als es im Mai 2003, da die SARS-Epidemie schon ausgestanden schien, zu einem zweiten heftigen Ausbruch kam.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass es Bürgersinn war, der die Stadt aus dem Gröbsten rettete. Diese Tugend demonstrierte in den vergangenen Monaten vor allem Ed Mirvish. Der Name des Geschäftsmannes aus Osteuropa, der vor Jahrzehnten sein Glück in Toronto machte und heute die Mitbürger daran teilhaben lässt, fällt dieser Tage bei jedem Gespräch. Mirvish gehören zwei florierende Musicalhäuser in Torontos Unterhaltungsviertel, das kulturelle Angebot der Stadt wird seit je weithin gerühmt. Zusammen mit einigen Hotels legte er Reise- und Erlebnispauschalen auf, die so scharf kalkuliert waren, dass unmittelbar nach der Veröffentlichung sämtliche für die Buchung frei geschalteten Telefonleitungen zusammenbrachen. Die Mirvish-Initiative soll auch über die nächsten Wochen fortgesetzt werden, mittlerweile hofft man, damit wenigstens die Besucher aus den amerikanischen Nachbarstaaten zurückzugewinnen.

Den internationalen Tourismus habe man für diese Saison ohnehin abgeschrieben, sagt Denzil Minnan-Wong. Zwar stellten die kanadische Regierung, Provinz und Stadtverwaltung schon während der ersten SARS-Welle umgerechnet 140 Millionen Euro zur unmittelbaren Schadensbekämpfung bereit, doch bislang wurde der Etat nicht angerührt. Inzwischen erhielt die städtische Werbegesellschaft Anweisung, erst im nächsten Jahr mit einer neuen Kampagne zu beginnen. Das so gesparte Geld lasse sich sinnvoll verwenden.

Am Schalter der Fluggesellschaft auf dem Flughafen von Toronto erhielt jeder Reisende ein rosafarbenes Formular. Darauf war anzukreuzen, ob man Fieber hat, unter Husten oder Kurzatmigkeit leidet oder innerhalb der zurückliegenden zehn Tage einem SARS-Patienten nahe gewesen ist. Man wurde gebeten, das Formular zehn Tage lang aufzubewahren.

Das Gerät, mit dem sich die Körpertemperatur messen lässt, steht gleich hinter den Maschinen zur Durchleuchtung des Handgepäcks. Vier Jugendliche in Uniform sitzen daneben, blättern in einem Buch und albern miteinander. Für die vorbeieilenden Fluggäste haben sie keinen Blick. Als ich fast schon vorbei bin, ruft mir die junge Frau von der Temperaturprüfmaschine hinterher: Hast du dein rosafarbenes Formular? Ich ziehe es aus der Brusttasche und winke damit. Die junge Frau hebt lässig die Hand zum Abschied.

Lest bitte auch die Reportage: Wolkenkratzer und Wasserfälle