Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Giftattacke aus der Spraydose

Giftattacke aus der Spraydose

Obwohl Passagiere mitunter allergisch reagieren, bleiben die meisten Airlines beim Procedere

Für Silke Martensen aus Lüneburg begann der Urlaub schlecht. Statt sich entspannt unter der Sonne Kubas am Strand zu räkeln, mußte die 41-jährige im Hotel bleiben. Sie litt unter Kopfschmerzen, juckender Haut und gereizten Augen.

Für Silke war der Grund klar: Eine halbe Stunde vor der Landung in Havanna hatte eine Stewardess den Inhalt mehrerer Sprühdosen in der Flugzeugkabine verteilt. Auf Grund nationaler Vorschriften müsse der Innenraum derart behandelt werden, hieß es.

Tatsächlich fordern Staaten wie Australien, Neuseeland, Indien, Jamaika, Mauritius, Mexiko, Brunei, Dubai, Argentinien, Kuba und die Malediven, dass sogenannte Vektoren an Bord getötet werden. Das sind Überträger von Infektionskrankheiten, zum Beispiel Mücken. Gesprüht wird auch auf der Hinreise, denn viele Staaten wollen sich vor eingeschleppten Risiken schützen.

Zum Einsatz kommen vor allem zwei Wirkstoffe. Da ist zum einen Pyrethrum, ein natürliches Insektizid, dass aus Chrysanthemenarten gewonnen wird. Zum anderen kommen Pyrethroide zum Einsatz, die quasi Labornachbauten der natürlichen Vorlage Pyrethrum sind. Beide Stoffe sind auch in Haushaltsmitteln wie Paral oder Baygon enthalten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilt dazu mit: "Wenn diese Mittel richtig eingesetzt werden, besteht für Reisende keine Gefahr".

Tatsächlich bauen sich die Stoffe in der Luft rasch ab, sammeln sich aber an Oberflächen - zum Beispiel an Staub, Kleidung sowie Haut und Haar. "Der Einsatz von Pyrethroiden ist besonders in geschlossenen Räumen bedenklich, wenn nicht sogar gefährlich", warnt denn auch der Sachverständige Michael Obeloer aus Korschenbroich. Eine akute Vergiftung sei zwar nur bei sehr hohen Dosen möglich, problematisch dagegen bliebe die chronische Belastung. Und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mahnt: "Gesundheitliche Beeinträchtigungen sind nicht auszuschließen".

Dass es auch ohne Belastung geht, zeigt die Lufthansa. Sie hat in Zusammenarbeit mit verschiedenen Behörden vor einem Jahr eine neue Methode vorgestellt, mit der das Desinsektieren im Beisein der Passagiere auf vielen Strecken vermieden werden kann. Beim Preembarkation-Verfahren wird die Kabine zwar ebenfalls mit einem Pyrethroid eingenebelt. Bis zum Boarding vergehen dann aber zwischen zehn und sechzig Minuten. Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty: "Wenn die Passagiere einsteigen, hat sich das Mittel bereits abgebaut". Insekten, die mit an Bord gelangen, werden jedoch getötet - das BfR spricht von "einhundertprozentiger Killwirkung".

Dennoch: Das gesundheitsschonendere Vorgehen setzt sich nur langsam durch. "Wir sprühen zwischen dem Schließen der Türen und dem Start der Maschine. Eine Umstellung ist nicht geplant", heißt es etwa bei Air France. Auch British Airways behandelt ausschließlich in Gegenwart der Fluggäste - "auch bei Destinationen, in denen eine Malaria-Prophylaxe nicht zwingend notwendig ist". "In flight" bekämpfen auch das niederländische Charterunternehmen Martinair und die LTU etwaige Insekten an Bord.

Chancen, dem chemischen Sprühangriff zu entgehen, haben die Passagiere nicht. Zwar lautet die offizielle Anweisung an die Kabinenbesatzung, das Sprühen kurz vorher anzukündigen. Nur so könnten Asthmatiker und besonders empfindliche Menschen sich schützen. Tatsächlich aber hätten die Fluggäste keine Chance zu reagieren, meint der britische Gesundheitsexperte John Collard. "Wenn die Passagiere merken, was passiert, ist es schon zu spät". Kein Wunder, denn sollte ein Passagier gegen das Sprühen Einspruch erheben, wären die Folgen gravierend: Die Maschine müßte schlimmstenfalls umkehren.

Silke Martensen jedenfalls hatte keine Chance, dem Insektengift zu entkommen. Und das, obwohl die Airline schon fast rührend versichert: "Es wird darauf geachtet, das Mittel nur in Bodennähe und im Toilettenbereich zu versprühen, damit die Passagiere nicht gestört werden".