Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Die Südinsel Neuseelands

Die Südinsel Neuseelands


Normale Nationen tragen einen Adler im Wappen. Oder wenigstens einen Kondor. Etwas Majestätisches also. Der Vogel, den die Neuseeländer haben, ihr Nationalvogel, sieht hingegen aus wie eine Mischung aus Stachelschwein und Schnepfe und ist noch dazu von schmutzig-brauner Färbung. Gemeinhin trippelt er nur bei Nacht durch Neuseelands Fluren, was seine Attraktivität auch nicht gerade erhöht. Trotzdem haben ihn die Menschen dort unten in ihr Herz geschlossen. So sehr, dass sie nicht nur ihren Exportschlager, eine säuerlich behaarte Frucht, nach ihm benannt haben, sondern sogar von sich selbst als den Kiwis sprechen. Was zeigt, dass die Neuseeländer anders ticken.

Das sind die auf der Nordinsel, wo die Mehrheit der Nation lebt. Und die auf der Südinsel, die flächenmäßig deutlich größer ist und daher von ihren eher spärlichen Bewohnern gnadenlos als das Hauptland bezeichnet wird. Zwar eint der gemeinsame Glaube an den durchs Dunkel huschenden Kiwi die Nation, ansonsten aber stehen die beiden Landesteile zueinander wie Bayern und Preußen. Schild im gemütlichen Pub einer Mini-Brauerei des tiefen Südens: "Wir exportieren unser Bier nach China, nach Europa und sogar auf die Nordinsel."

Von hier an soll nur noch von der Südinsel die Rede sein. Die Südinsel ist so wild und weit und schräg, dass sie einen Neuseeland-Urlaub voll und ganz ausfüllt. (Zugegeben sei: Die Nordinsel tut das sicherlich auch).

Und wie schräg. Wo sonst auf der Welt fährt der Tourist en traumhaftes Bergpanorama entlang, über sich einen tiefblauen Himmel, rundherum blühenden Ginster von fast unanständigem Dottergelb, und plötzlich verhakt sich sein schönheitstrunkener Blick in einem Weidezaun, an dem Hunderte Slips Und Büstenhalter sacht im Wind schaukeln? Fata Morgana? Nein, Neuseeland. Gerade hängt eine dralle Schöne ihren BH, Körbchengröße D, an den Maschendrahtzaun vor der Gipfelkette des Mount-Aspiring-Massivs. Das sei so Sitte geworden, klärt uns ihr Mann auf, der wohlgefällig daneben steht. Aha.

Irgendein Typ weiter im Süden, bei Cardrona, habe damit angefangen, und inzwischen habe sich diese Dessous-Manie inselweit ausgebreitet. Die Polizei sieht das neue Brauchtum übrigens gar nicht gern, wegen der Gefahr von Auffahrunfällen durch abgelenkte Autofahrer. Tatsächlich, der Vater der hängenden Büstenhalter ist bei Cardrona zu Hause. In diesem Örtchen war bis vor kurzem eines der ältesten Hotels Neuseelands die Hauptattraktion, eine Bretterbude aus den Goldgräbertagen von 1865. Heute sind es die BHs am Zaun. Der Mann, ein Schafzüchter, leider zurzeit auf Geschäftsreise, ist Purist: "Bitte nur BHs", fleht ein Schild. Diese Aufforderung wird offensichtlich hier, wo alles begann, befolgt. Höschen oder gar Socken fehlen.

Wo sonst auf der Welt ist ein Wohnzimmer mit 1.130 hochglanzpolierten Paua-Muscheln tapeziert, wie das des Ehepaars Flaty in Bluff ganz and der Südspitze? 41 Jahre haben die beiden gesammelt, gereinigt und geschliffen, bis das Perlmutt nur so schimmerte. Selbst die englische Königin, nominell noch immer die Oberherrin Neuseelands, hat sie für ihre Verdienste um die Paua-Muschel schriftlich gelobt, und die Tochter der beiden will zur Freude aller Mitbürger das Vermächtnis der Eltern bewahren und weiterführen.

Auch der Name für die beliebteste Nascherei ist eher ungewöhnlich. Sie ist weiß, süß, einer europäischen Meringue nicht unähnlich und wird in jedem besseren Cafe kredenzt. "Pat Lover", so verstehen wir, heiße das luftige Zuckerwerk, "nach einer berühmten Sängerin." Aha, ein Star des Neuseeland-Pops! Falsch, der Name lautet deutlich ausgesprochen "Pawlowa", und es handelt sich um die weltbekannte russische Balletttänzerin. 1926 gab sie ein viel umjubeltes Gastspiel im Land, das bis heute in der Pawlowa-Meringue nachklingt.

Es verwundert nicht, dass hier auch die Natur ein bisschen aus der Reihe tanzt. Vom Kiwi war schon die Rede. Auf der Südinsel gibt es aber auch die merkwürdigsten Pinguine der Welt. Die Gelbaugenpinguine sind zwergenhaft gegen die schwarzweiß befrackten Könige der Antarktis. Und sehr scheu. Wer sie beobachten will, muss sich hinter einem Sichtschirm verbergen. Dann kann er zusehen, wie der kleine Kerl aus dem Wasser watschelt und tapsig seinem Nest zustrebt, das er unglücklicherweise meist an Steilhänge baut, so dass er sich fast immer mehrmals überschlägt, bevor er ankommt.

Neuseeland ist aber auch die Heimat des größten aller Vögel. Doch leider wurde der Moa, er konnte bis zu viereinhalb Meter hoch werden, schon ausgerottet. Ausnahmsweise einmal nicht durch gierige Kolonialisten, sondern bereits durch die Urbevölkerung. Die Maori schätzten das Riesenvieh als Fleischlieferanten und schlachteten es ab. Der Moa wehrte sich kaum. Denn bis zum Eintreffen des Menschen hatte es auf den beiden Inseln keine Säugetiere und damit keine natürlichen Feinde für den Laufvogel gegeben. Heute findet man nur noch die Knochen des Moa oder seine imposanten Nachbildungen auf öffentlichen Plätzen.

Selbst die Gletscher in Neuseeland sind etwas anders. Alle drei schmelzen auf der Südinsel langsam vor sich hin. Der größte ist der Tasman-Gletscher. Er schiebt sich an den Hängen des Mount Cook, des mit 3.753 Metern höchsten Berges im Land, noch ziemlich normal talabwärts. Die beiden anderen hingegen lecken mit ihrer blau schimmernden Eis-Zunge fast an den subtropischen Buchenwäldern der Westküste, und das ist schon ein eigenwilliger Kontrast. Der eine heißt Fox-Gletscher, sein nur 20 Kilometer entfernter Zwillingsbruder Franz-Josef-Gletscher - ein deutscher Forscher hat ihn im 19. Jahrhundert nach dem österreichischen Kaiser benannt.

Eine Gletschertour auf der Südinsel ist ein touristisches Muss, und so krabbeln jeden Tag Wandergruppen mit Steigeisen und Eispickeln hinauf ins ewige Weiß. Vor allem Japaner machen dabei ein Gesicht, als bezwängen sie die Eigernordwand im Winter. Trägere Besucher lassen sich mit dem Hubschrauber oben absetzen, bewundern die fast grenzenlose Fernsicht und noch mehr die emsigen Ameisen auf den Eisfeldern, die sich beim Näherkommen als die wahren Alpinisten entpuppen.

Wer sich auf den Gletschern tummelt, hat meist die Pancake-Felsen schon hinter sich. Dieses Naturwunder am Meer liegt rund 200 Kilometer nördlich vom Mount Cook. Es heißt so, weil die aufragenden Felsen aussehen, als wären Hunderte von Pfannkuchen vom lieben Gott aufeinander gestapelt worden. Das Meer hat in die Felstürme schon große Löcher gefressen, die der Fachmann blow holes, Blaslöcher, nennt. Wenn die Brandung in diese Höhlungen hineinrauscht, und dann hoch spritzt, gleicht es einer Schule von Großwalen, die gerade alle auf einmal Luftfontänen aus ihren Atemlöchern pusten.

Noch aber hat der Tourist das Wunder aller Wunder vor sich, den Milford Sound im Fjordland-Nationalpark im Südwesten der Insel. Die einzige Straße im Park, führt über das Feriendorf Te Anau mal gerade, mal gewunden in Neuseelands berühmteste Postkartenidylle. Doch Vorsicht! Erstens, so warnt sogar ein offizieller Reiseführer, "misst man hier die jährlichen Niederschläge in Metern", was bedeutet, dass tief hängende Regenwolken häufig den grandiosen Panoramablick auf brutalste Weise kappen. Zweitens ist der Milford Sound bei Sonnenschein zwar ein einmaliger Anblick, ein Sound of Silence aber ist er dann nicht. Denn im Fünf-Minuten-Takt starten kleine Wasserflugzeuge zu Rundflügen über diesen harmonischen Mix aus Fels und Meer.

Trotzdem lohnt sich der Besuch. Vor allem am späteren Nachmittag, wenn die Ausflugsboote auf der langen Rückfahrt in die Zivilisation sind, kann man die Schönheit des Fjords voll genießen. Am besten von einem der beiden Kreuzfahrtschiffe aus, die um fünf Uhr in See stechen und erst am nächsten Vormittag wieder in den Hafen zurückkehren. Diese Art, den Milford Sound zu erleben, ist nicht billig. Die Doppelkabine, Dinner und Frühstück eingeschlossen, kostet pro Person rund 140 Euro. Doch es ist ein Erlebnis, wenn die Schiffe an lotrechten Felswänden entlang gleiten, über die Wasserfälle wie Silberadern 150 Meter in die Tiefe stürzen. "Dreimal so hoch wie die Niagara-Fälle". sagt stolz der Kapitän.

Sie nehmen Kurs auf Mitre Peak, dessen Silhouette an eine Bischofsmütze oder an das Matterhorn erinnert, und sie stoppen in einer ruhigen Bucht, wo die Gäste sich als Kanuten versuchen oder sich mit einem Schlauchboot auf Fotopirsch nach Pinguinen begeben können (es sind wieder mal nur die kleinen). Wer will, kann auch schwimmen. Doch das tut bei 14 Grad Wassertemperatur während unserer Tour nur ein weibliches Besatzungsmitglied. Die Dame sieht nachher so bläulich aus wie der dämmernde Abendhimmel.

Beim Dinner gibt es zum Nachtisch Pat Lover, äh, Pawlowa-Dessert, und am nächsten Morgen lange Gesichter. Die Wolken hängen so tief, dass man hoch greifen möchte. Doch als wir in den Hafen zurück kehren, nehmen sie -ist es die Spiegelung des Wassers, ist es die verdeckte Morgensonne?- eine Tönung zwischen Kobaltblau und Violett an, wie ich sie noch nirgendwo auf der Welt erlebt habe.

Kaum sonst auch sind Seelöwen so zum Greifen nah wie in Neuseeland. "Gehe nicht dichter ran als 20 Meter!" warnen Schilder an den Stränden um den Nugget Point bei Owaka am Südostende der Insel. Der Wind pfeift, ein paar zweibeinige Strandläufer stapfen durch den Sand, und die schwarzbraunen Riesenwürste, die da reglos rumliegen, werden plötzlich lebendig. Die 20 Meter Sicherheitsabstand sind längst unterschritten. Aus der Wurst wird ein ungnädiger Gigant mit gesträubtem Schnurrbart, der den feisten Hals reckt und mit einem bellenden Röhren sein Gebiss entblößt. Es ist beachtlich. Sobald der Klops erstaunlich behände loswackelt, geht jeder Tierfreund auf Distanz. Das Untier beruhigt sich und wird wieder zur Riesenwurst. Doch das Foto "Auge in Auge mit dem Seelöwen-Bullen" ist bereits im Kasten.

Müssen wir Queenstown noch erwähnen, die selbst ernannte "Abenteurer-Hauptstadt der Welt"? Die Adrenalin-Süchtigen dieser Erde kennen den Namen der Kleinstadt in den Bergen, wo unter anderem das Bungee-Springen erfunden wurde. Hier hüpft, schleudert, rast oder stürzt die Fun-Generation ohne Unterlass bei höchst merkwürdigen Mutproben - vom freien Fall am Gummiseil bis zur Speedboatfahrt über Stromschnellen. "Warnung: Dieser Abenteuer-Cocktail könnte einem langweiligen Lebensstil für immer beenden!" wirbt eins der vielen Nervenkitzel-Unternehmen am Ort.

Dabei hätte Queenstown so viel Action gar nicht nötig. Es liegt selten schön zwischen Bergen und Seen. Rundherum gibt es eine Menge Weingüter, die hervorragende Rote und Weiße ausschenken. Und der Blick von oben in den Canyon des Shotover River, dessen Ufer der blühende Ginster zu einer Orgie in Geld macht, beeindruckt so sehr, dass man fast zu atmen vergisst. Bis eins der Speedboote haarscharf an der Felswand vorbei durch die Idylle röhrt.

Warum sind sie hier nur so Action-besessen, wo sonst die Menschen von der Südinsel so freundlich, hilfsbereit und gelassen wirken? Ihre Vergangenheit in mehreren liebevoll restaurierten Städtchen aus der Zeit des Goldrausches um 1865 so gemütlich pflegen? Etwa in Shantytown bei Greymouth, wo sich jedermann als Goldwäscher versuchen kann und -garantiert!- ein paar Krümelchen des gelben Metalls in seiner Pfanne findet.

Oder wie sie in Akaroa nahe der Inselhauptstadt Christchurch ihr französisches Erbe vorzeigen. Französisches Erbe? Um ein Haar wäre die Südinsel französische Kolonie geworden. Denn 1838 landete ein Kapitän aus Frankreich in der Bucht von Akaroa, fand sie für die Kolonisation hervorragend geeignet, kehrte in die Heimat zurück und sammelte dort ein paar Dutzend Auswanderer, die zwei Jahre später, am 16. August 1840, in Akaroa die französische Fahne hissten. Die Maori, die sich auf der Südinsel weit spärlicher niedergelassen hatten als auf der Nordinsel, hinderten sie nicht daran.

Doch die Franzosen waren zu spät gekommen. Wenige Wochen vorher hatten bereits die Engländer von Auckland aus auch die Südinsel annektiert. Trotzdem blieben die Franzosen. Leider konnten sie Lamm in Minzsauce als Nationalgericht so wenig verhindern wie den Linksverkehr auf den Straßen. Doch in Akaroa gibt es noch immer Lokale, die "Maison des Fleurs", oder Läden, die "Feu et Glace" heißen und neben dem unvermeidlichen Pawlowa-Dessert etwa einen Coq au vin offerieren.

Neuseeland, ein Land, zwei Inseln. So ist es, außer man wohnt auf "Stewart Island". Für die 450 Bewohner dieses gebirgigen Eilands, eine Fährstunde vom südlichsten Hafen Bluff entfernt, besteht Neuseeland aus drei Flecken im Meer: North, South, Stewart Island. Der größte Fehler, den ein Tourist in Halfmoon Bay -dem einzigen Ort auf Stewart- machen könne, sei es, diese Tatsache zu ignorieren. Das sagt uns Sam, der langhaarige, langbärtige Betreiber des einzigen Sightseeing-Busses namens Billy bei einem Bier. "Der zweitgrößte ist, überhaupt hierher zu kommen". Und Cheers!

Na, na, Sam, nur keine falsche Bescheidenheit. Immerhin ist Stewart Island der Teil Neuseelands, der der Antarktis am nächsten liegt. Und seine wilden Wälder sind die Heimat einer Kiwi-Spezies, die ganz unüblich das Tageslicht nicht scheut. Trotzdem ist der komische Vogel auch auf Stewart Island schwer zu sichten. Zu misstrauisch. Hören könne man ihn bei längerem Aufenthalt aber garantiert, sagt Sam. Wenn durch den Wald ein kräftiges "Kiwi! Kiwi!" halle, sei das der Ruf des Männchens. Und schalle dann ein zärtliches "Quak! Quak!" zurück, antworte das Weibchen. In diesem Sinne, ihr Neuseeländer: ein dreifaches Kiwi, kiwi. Quak quak!