Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Ich bin kanadisch

Ich bin kanadisch

Toronto ist die größte Stadt Kanadas - und verbindet Wall Street-Atmosphäre mit Multi-Kulti-Flair

Joe ist kein Holzfäller. Und er lebt in keinem Iglu. Er hat einen Premierminister und keinen Präsidenten. Keine Frage: Joe ist Kanadier. Und nicht nur das, sondern auch - ein riesiger Werbeerfolg. Im Jahr 2000 erregte die kanadische Biermarke Molson großes Aufsehen mit einem TV-Spot. In diesem erklärt uns der Protagonist Joe, was typisch kanadisch ist und was eher in die USA gehört.


Schließlich war das Motto des Biers: "Ich bin kanadisch". Die eigene Identität finden - damit hatte Kanada immer schon Probleme. Die USA fanden ihr Selbstverständnis in Abgrenzung zum alten Kontinent Europa. Den Kanadiern blieb da nur mehr der südliche Nachbar, der jedoch gar nicht so anders ist.

Doch wenn man ein bißchen sucht, dann finden sich zahlreiche Unterschiede, auf die Kanada stolz sein kann. Und einige der Besonderheiten Kanadas sind speziell für Touristen angenehm. So sind etwa Innenstädte wie jene Torontos nicht nur verhältnismäßig sicher und sauber.

Sie sind darüber hinaus lebendige Orte, an denen Menschen arbeiten, wohnen und -auch nach Laden- und Büroschluss- ihre Freizeit verbringen. Sei es im Finanzdistrikt, in dem die Wolkenkratzer von Banken und Versicherungen ein wenig Wall Street-Atmosphäre verströmen ("Toronto ist wie ein von Schweizern geführtes New York", meinte Peter Ustinov einmal und spielte dabei auf die Sicherheit und Sauberkeit der Stadt an). Sei es in Kensington Market, dem Bohemien-Viertel Torontos mit zahlreichen kleinen, in Backsteinhäusern untergebrachten Geschäften und Cafes. Sei es in der farbenfrohen, exotisch anmutenden Chinatown, wo sich Sino-Kanadier mit Touristen und all jenen vermischen, die auf der Suche nach ausgefallenen asiatischen Gewürzen oder schlicht ein wenig Fernost-Lebensgefühl sind.

Nicht nur im Chinesenviertel kommt einem ein weiterer Spruch von "Joe, the Canadian" in den Sinn: "Ich glaube an Vielfalt, nicht Anpassung". Während die USA zumindest das Ideal des Schmelztiegels hochhalten, setzt Kanada mehr auf die Multi-Kulti-Karte. Dem Stadtbild und auch dem kulturellen Leben Torontos tut das auf jeden Fall gut.

Die ethnische Vielfältigkeit -achtzig verschiedene Nationalitäten sind in Toronto zuhause- wurde während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 besonders deutlich, als jedes zweite Auto mit der Flagge der jeweiligen Lieblingsmannschaft geschmückt war. Viele Autos hatten sogar zwei oder mehr unterschiedliche Flaggen - oft aufgrund gemischter Ehen, wie der Flaggen-Verkäufer Ahmed Eleman im Toronto Star meinte. "Ich hatte auch einen Typen aus Ecuador, der eine schwedische Flagge kaufte, weil sein bester Freund aus Schweden war."

Das Identitäts-Problem findet sich nicht nur auf der Ebene der Staaten, sondern genauso auf jener der Städte. Toronto hat sich im Laufe der Zeit zur größten Stadt Kanadas (mit 2,5 Mio. Einwohnern) und zu ihrem wirtschaftlichen Zentrum entwickelt. Die direkte Rivalin ist Montreal, die zweitgrößte Stadt. Nachdem sie in puncto Business ein wenig hinterherhinkt, betont sie stolz ihr kulturelles Leben.

"Toronto the Good", nannten die Leute aus Montreal die Stadt am Lake Ontario, weil hier angeblich nie sehr viel los war. Böse Zungen behaupten, dass Toronto so brav ist, dass man schon Probleme hat, wenn man nur Aspirin kaufen will.

Projekte wie Renaissance ROM sprechen da eine ganz andere Sprache. Das Royal Ontario Museum (ROM) ist zwar bereits Kanadas größtes Museum für Weltkulturen und Naturgeschichte. Trotzdem hat es den polnisch-stämmigen Star-Architekten Daniel Libeskind mit einem 244-Mio-Dollar schweren Erweiterungsprojekt beauftragt. Dieses soll nicht nur Platz für noch mehr Ausstellungen schaffen, sondern mit einer kühnen Komposition kristalliner Formen zugleich ein markantes architektonisches Zeichen setzen.

Ein anderes Highlight des hiesigen Kulturlebens: In Toronto wird die weltweit erste Musicalversion von Lord of the Rings aufgeführt, angeblich die "größte und ehrgeizigste Theaterproduktion, die es jemals gab". Mit Kosten von 27 Millionen Dollar jedenfalls eine der teuersten. Und überhaupt: Toronto hat nach New York und London weltweit die meisten Live-Bühnen und Theater.

Die dynamische Metropole mit Multikulti-Flair hat noch zahlreiche andere Facetten, zum Beispiel unterirdische: Unter dem Stadtkern befindet sich eine zweite Stadt, die Underground City. Das unterirdische Wegesystem, das sich über 27 Kilometer erstreckt, ist besonders im Winter beliebt, wenn es "oben" bis zu minus 30 Grad haben kann. Es bietet die Möglichkeit, sich ohne Erfrierungen von einem Punkt zum nächsten zu bewegen, wartet aber auch mit Einkaufszentren, Plätzen und Cafes auf. Über den Underground kann man nicht zuletzt das Wahrzeichen Torontos, den 533 Meter hohen CN Tower, erreichen.

"Joe, der Kanadier" hat eine Welle des Patriotismus ausgelöst und zumindest ein bisschen zur kollektiven Selbstfindung beigetragen. Doch trotz des Erfolgs verzichtet Molson seit 2005 auf den "Ich bin kanadisch"-Slogan. Verständlich: Kurz zuvor hatte das Unternehmen mit der US-Brauerei Coors fusioniert.