Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Neuseelands Süden: Schatzinsel für Abenteurer

Neuseelands Süden

Schatzinsel für Abenteurer

An einem Vormittag im Dezember im Queenstown Visitor Centre. Das Regal im Eingangsbereich quillt über vor Prospekten, die begeisterte Menschen beim Überwinden ihrer Grenzen zeigen. "Most Exciting" lesen wir da, oder "Challenge for Thrillseekers". Am Tresen helfen freundliche junge Damen abenteuerlustigen Israelis und japanischen Reisegruppen bei der Suche nach dem größten Kick. "Warum buchst du nicht einen Kombi", rät eine von ihnen einem leicht überforderten französischen Rucksacktouristen, "da kannst du aus 134 Metern aus einer Art Seilbahnkabine abspringen. Jet-Boat, Rafting und Heliflug sind im Preis mit drin." Wir wundern uns im Stillen - und kommen uns doch ein bisschen langweilig vor, als wir die Hüttentickets für unsere nächste Trekking-Tour kaufen.

Denn dafür sind wir schließlich hergekommen, mein Kollege und ich - vier Wochen aktive Erholung in der herrlichen Natur der Südinsel haben wir uns vorgenommen. Und dann schnell festgestellt, dass man an Städten wie Wanaka oder Queenstown, der selbst ernannten Adventure Capital of the World, einfach nicht vorbeikommt. Ihre grandiose Umgebung mit den schroffen Bergen, zahlreichen Flüssen und Schluchten gleicht einem überdimensionalen Abenteuerspielplatz, auf dem der Adrenalinpegel und die Besucherzahlen allerorten in die Höhe schnellen. Allein das quirlige Queenstown mit seinen 7.500 Einwohnern verbucht 1,7 Millionen Übernachtungen im Jahr.

Und egal wie abgefahren - hier kann jeder seinen Spaß haben. Etwa wenn das Jet-Boat mit siebzig Sachen durch den Canyon brettert und die Köpfe der kreischenden Insassen haarscharf an den Felswänden vorbeischrammen. Andere wie Jeff, 29, aus Chicago/USA brauchen etwas mehr, um weiche Knie zu bekommen. "Fuckin' crazy", murmelt er, als er nach zehn Minuten benommen aus dem Fly by Wire steigt, einer Art selbst gesteuertem Torpedo am Drahtseil. Der nimmermüde neuseelädische Erfindungsgeist kreiert eben ständig neue Formen des Nervenkitzels.

Doch das meiste davon spielt sich unter den Augen der Naturschutzbehörde (DOC) ab, die aufpasst, dass die Umwelt nicht für den schnellen Thrill verheizt wird. Fast ein Drittel des Landes steht unter Naturschutz; insgesamt 16 Nationalparks bieten genug Raum für Naturgenuss der klassischen Art. Und nachdem wir alle Outdoor-Shops der Stadt durchkämmt und die meisten Kneipen von innen kennen gelernt haben, geht es schließlich doch zum Trekken in die Wildnis.

Und die ist in Neuseeland nie weit vom Rummel entfernt. Die ursprüngliche, teilweise völlig unbesiedelte Landschaft der Südinsel - hier wohnen gerade mal eine Million Menschen auf einer Fläche, die ungefähr halb so groß ist wie die alten Bundesländer - weckt selbst im hartnäckigsten Anhänger des Großstadtlebens den Nattouristen. Und vielleicht ist Neuseeland wie kein anderes Reiseziel geeignet, mit dem Vorurteil aufzuräumen, Wandern sei ein eher schlaffes Freizeitvergnügen für Menschen ab Mitte vierzig. Der Milford Track an der wilden Westküste gilt unverändert als einer der schönsten Wanderwege der Welt - was auch daran liegt, dass seit der Eröffnung 1967 nur vierzig Individualtrekker pro Tag den Weg laufen dürfen und wegen der Nachfolgenden kein Pausentag erlaubt ist. Das kann zum echten Härtetest mutieren, wenn der Himmel über der Gegend seine Schleusen öffnet - und an bis zu zweihundert Tagen im Jahr die Erde mit weit über sechs Metern Niederschlag tränkt.

Da man wegen des Andrangs bereits im Juli buchen muss, um in der Hochsaison einen Platz zu bekommen, müssen wir uns zwar für einen anderen Weg entscheiden. Doch als ich auf dem Rees Dart Track knietief im Schlamm stecke, habe ich plötzlich wieder die Worte der DOC-Mitarbeiterin aus Wanaka im Ohr: "Um diese Jahreszeit dürfte es eigentlich nicht sehr matschig sein." Die Firma dankt...

Ergo: Ohne Kondition und gute Ausrüstung geht auf allen mehrtägigen Touren kaum etwas. Aber ob man dem moderaten Weg durchs Tal des Hollyford River folgt, sich auf dem harten, 88 Kilometer langen Dusky Track durch den Regenwald des Fjordlands schlägt oder auf dem Cascade Saddle am Mount Aspiring fast tausend Meter senkrecht ins Tal blickt: Hier darf sich der Trekker noch wie ein Entdecker fühlen.

So geht es uns auch an den einsamen Stränden der Südküste nahe der Catlins. Von gelegentlichen Joy-Rides der örtlichen Jugend auf den breiten Sandpisten und vereinzelten Wohnmobilurlaubern abgesehen, teilen wir uns den Strand meist mit faulenzenden Robben. Ohnehin geht's in Neuseeland oft genug tierisch ab: Auch Keas, die neugierigen Papageien, knabbern uns rastenden Wanderern schon mal keck an den Bergstiefeln. Und vor der Ostküste tummelt sich ein ganzes Ozeanium - vom 25 Zentimeter großen Blauen Pinguin bis zum 20 Meter langen Pottwal. Um ihnen oder auch den selig hüpfenden Dusky-Delfinen mal aus der Nähe "Hallo" zu sagen, lässt man sich sogar bis zum Erbrechen seekrank schaukeln.

Verflucht haben wir jedoch die Schwärme von Sandflies, deren Hunderte kleine Stiche noch tagelang höllisch jucken. Bis wir lesen, was sich Maori-Ureinwohner erzählen: Die Götter hätten die winzigen Quälgeister absichtlich geschickt - damit die Menschen nicht denken, sie seien bereits im Paradies. Okay, damit können wir leben.