Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Vom Missverständnis zum Mythos: Rugby im Zeichen des Sonnengottes

Vom Missverständnis zum Mythos:
Rugby im Zeichen des Sonnengottes

Auch durch ihren Kriegstanz sind die neuseeländischen All Blacks eine Weltmarke

Die Australier verstehen die Welt nicht mehr. Der Versuch, ihren Wallabies die Kraft zu nehmen, hat sie mitten ins Mark getroffen. Bis zum Premierminister reichte der Protest gegen die Entscheidung des Internationalen Rugby-Verbandes (IRB). Dessen Funktionäre hatten den Gastgebern der am Freitag begonnenen Weltmeisterschaft 2003 untersagt, zur Einstimmung ihres Teams vor den Spielen im Stadion die Volkshymne "Waltzing Matilda" abzuspielen. Um so schlimmer, dass sich ausgerechnet der Erzrivale von der anderen Seite der Tasmanischen See weiterhin aufbauen darf, nicht mit einem melodischen Liedchen, sondern dem traditionellen Kriegstanz.

Die All Blacks aus Neuseeland werden ihren martialischen Haka auf Gegners Platz besonders feurig zelebrieren. Im ersten Gruppenspiel am Samstag in Melbourne gegen Italien haben sie schon mal 70:7 gewonnen, aber das ist nur Nebensache. Denn vor allem die Rivalität mit dem ozeanischen Nachbarn bewegt die Gemüter, sie ist den Abkömmlingen der Mutter Britannien in die Wiege gelegt. Und im sportlichen Bruderzwist sehen die Zeiten schlecht aus für die Australier: Vieles deutet darauf hin, dass die Neuseeländer diesmal aus dem kleinen Kreis der Rugbygiganten als großer Triumphator hervorgehen und ihrem Dauerrivalen den Titel endlich entreißen. Sechzehn Jahre ist es her, dass die Eiländer aus dem Südpazifik zuletzt Weltmeister wurden, zwischendurch machten Südafrikaner und Australier die Sache allein unter sich aus. Aber die vielen Tests im Vorfeld der Weltmeisterschaft und nicht zuletzt der Gewinn des bedeutsamen Bledisloe Cup, dem Wanderpokal zwischen den ozeanischen Sportmächten, geben den Neuseeländern nun neue Hoffnung, dass ihr Team am Ende mal wieder ganz oben steht. Diese WM soll den Weg für ein neues glorreiches Kapitel in der Geschichte der All Blacks ebnen.

Für die Neuseeländer ist Rugby mehr als nur ein Sport. Die All Blacks sind zum Mythos geworden, gehören zum festen Bestandteil von Kultur und Wirtschaft, obwohl alles nur mit einem großen Missverständnis begann. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, während der ersten Tour des Nationalteams durch England, schrieb nämlich ein Journalist, die Mannschaft agiere so defensiv, als seien alle Spieler all blacks (Verteidiger). Seine Zeitung druckte fälschlicherweise All Blacks und so war der inzwischen legendäre Name geboren. Die Befindlichkeit des Teams bestimmt heute noch viel mehr das Selbstwertgefühl der Nation, die Mannschaft fördert im besonderen Maße die Verständigung zwischen Nachfahren der Ureinwohner und weißen Einwanderern. Als die Spieler im Jahre 1999 im WM-Halbfinale überraschend an Frankreich scheiterten, lag nicht nur die Moral des ganzen Landes am Boden, auch die Börsenkurse purzelten in den Keller. Eine ähnliche Leidenschaft entfacht im Volk der nicht einmal vier Millionen nur noch das Segelteam der Black Magic im America's Cup, aber da wehten die Flaggen zuletzt auf halbmast.

Inzwischen nutzten auch andere über die Grenzen Neuseelands hinaus das exotische Image der All Blacks. Das immer ganz in Schwarz gekleidete Rugbyteam ist zu einer gut funktionierenden globalen Marke im Portfolio des in Deutschland beheimateten Sportartikelriesen Adidas geworden. Das Unternehmen hat sich die Rechte an den All Blacks bis ins Jahr 2011 gesichert und zahlt dafür pro anno etwa 10 Millionen Euro. Egal wo die Mannschaft in der Welt auftritt, strömt das interessierte Rugbypublikum in die Stadien. Das tiefschwarze Trikot mit dem Silberfarn als nationales Symbol auf der Brust findet in mehr als vierzig Ländern auf der Welt seine Käufer. Weder die australischen Wallabies noch die Springboks aus Südafrika kommen an ähnliche Werte heran. Die umschwärmten Frontmänner aus Neuseeland heißen Joe Rokocoko, Tana Umaga oder Kevin Mealamu, auf ihren nierenkranken Star Jonah Lomu muss das Team aber diesmal verzichten. Im Werben um neue Rugbyanhänger rund um den Globus spielen starke All Blacks auch für die Funktionäre des IRB eine besondere Rolle. Allein deshalb würde ein Verbot des spektakulären Haka für die Funktionäre nie in Frage kommen.

Der wilde Kriegstanz bringt vor allem dort Aufmerksamkeit, wo Rugby weniger populär ist. Der Weltverband arbeitet seit Jahren hart daran, den Sport über die traditionellen Länder hinaus zu verbreiten. Mit zunehmendem Erfolg: Zu toppen gilt diesmal der Zuschauerrekord von 1999, mit drei Milliarden Menschen vor den Bildschirmen rund um den Erdball. Die Herzen der Fans schlagen dabei meist für die All Blacks. Nicht zuletzt auch deswegen, weil das Team für den Versöhnungsprozess von Schwarz und Weiß steht. Farbige Maori und Polynesier kämpfen auf dem Platz zusammen mit den hellhäutigen Nachfahren der eingewanderten Briten und Europäer. Alle zusammen huldigen beim Haka dem Sonnengott Tama-nui-to-ra, die verschiedenen Herkünfte verbinden sich im Sport.

Anders sieht das bei den Australiern aus. Zwar profitieren die Wallabies von starken Spielern mit Aborigine-Abstammung, doch das angelsächsische Leitbild ist unumstößlich. Nur der Versuch, dem Kriegstanz der Neuseeländer einen der eigenen Ureinwohner entgegen zu setzen, wurde vor Jahren von den Offiziellen des nationalen Rugby-Verbandes abgeschmettert. Ganz aktuelle Probleme diesbezüglich hatten die südafrikanischen Rugbyspieler. Die Weigerung des Nationalspielers Geo Cronje, zusammen ein Zimmer mit seinem farbigen Kollegen im WM-Trainingslager zu beziehen, weitete sich zum handfesten Skandal aus. Schon deshalb wünschen sich selbst viele Nicht-Neuseeländer den Durchmarsch der sympathischen All Blacks bei dieser Weltmeisterschaft. Eben nur nicht die Australier, deren Rugbyexperten übrigens schon aus Prinzip England als Favoriten benennen - Ehrensache.

Selbstbewusst sieht der internationale Rugby-Verband seine Weltmeisterschaft als "eine der größten und wichtigsten Sportveranstaltungen auf der Welt". Und wirklich, was die Turnierdauer angeht, liegt die Veranstaltung weit vor Olympia, einer Fußball-WM und den Titelkämpfen in der Leichtathletik. Sechs Wochen kämpfen zwanzig Mannschaften auf dem fünften Kontinent um die Rugby-Krone
Nachtrag: Das Finale der Rugby-Weltmeisterschaft 2003 gewann im Olympiastadion von Sydney das Nationalteam Englands mit einem Sieg über Gastgeber Australien. Damit hat zum ersten Mal in der WM-Geschichte ein Rugbyteam aus der nördlichen Hemisphäre den Titel gewonnen. Das Spiel um den 3. Platz gewannen die All Blacks aus Neuseeland gegen Frankreich.