Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Eine Wäscheleine bremst die 'Rote Rakete'

Eine Wäscheleine bremst die 'Rote Rakete'

Mit der Straßenbahn durch Toronto/Kanada

Bemannte Raumfahrt mit zahlenden Passagieren ist in Toronto seit Jahrzehnten Alltag. Tausende Torontonians nehmen die Rakete auf dem Weg zum Arbeitsplatz, zum Einkaufen und wieder nach Hause: die Red Rockets, wie Torontos rote Straßenbahnwagen heißen. Die größte Stadt Kanadas hat sich das größte traditionelle Straßenbahnnetz Nordamerikas erhalten, gleichsam als Antithese zur perfekten Autostadt Los Angeles. Davon profitieren auch Urlauber, zumal man mit der Bahn nicht nur einen Eindruck von der Vielfalt Torontos erhält, sondern auch von der kanadischen Auffassung von Service.


Zum Beispiel durch Curt Richards. Curt ist Straßenbahnfahrer. Er ist schwarz; seine Eltern sind aus Jamaika eingewandert. Wir erwähnen das, weil die dunkle Hautfarbe durch seine blendendweißen Zähne sein Lächeln erst recht zur Geltung bringen. Jeder Fahrgast, der in die Rakete steigt und seine zweieinhalb Dollar zahlt, dem bietet Curt einen transfer, ein Ticket zum Umsteigen - und dazu dieses Lächeln. Curt ist all smiles. Selbst wenn man ihn nicht sieht, hört man ihn zumindest lächeln. Denn beim Ansagen der Haltestellen nuschelt er nicht, murmelt nicht, leiert nichts herunter; ganz im Gegenteil: Er spielt geradezu mit den Straßennamen. Mal trompetet er fröhlich, mal raunt er verschwörerisch und meist klingt es wie "Wow, was haben wir denn da?" oder "Da solltet ihr mal aussteigen!" Jeder Stopp etwas besonderes: "Spah-di-naaah!" (wie der Zirkusdirektor mit der nächsten Nummer) - "Par-li-a-meeent" (wie "Kaffee-ist-fertig") - "Jaaar-vis!" (wie "Waaahn-sinn!").

Wir treffen Curt auf der 504, der King-Linie. Wir sind eingestiegen in der Dundas West-Schleife, fahren süfwärts die Roncesvalles-Straße hinunter, an der sich trotz des spanischen Namens polnische Geschäfte und Lokale reihen. Am Ontariosee biegt die Bahn in die King Street ein, fährt ostwärts durch ein altes Industriegebiet, in dem jetzt überall Lofts entstehen, fährt durch den musicalglitzernden Entertainment District, wir sehen die Puddingschüssel der Roy-Thompson-Konzerthalle, das neue Goethe-Institut, die Bankenhochhäuser in der City, neue Galerien und edle Möbelgeschäfte im östlichen Teil der King Street, ehe Curt's Rakete auf der Broadway Avenue wieder nordwärts kurvt, vorbei an kleinen Eigenheimen und dem Riverdale Park bis zur Danforth Street, mitten hinein ins Griechenviertel.

Manchmal ertönt unter der Rakete eine Art Fauchen, das ihrem Spitznamen Ehre macht. Doch das Tempo ist eher gemächlich. Die Rakete ist gefedert wie ein alter Straßenkreuzer und schwingt sanft über die Schienen. Gelegentlich klingelt Curt Autofahrer aus dem Weg; wenn es ernster wird, läßt er die quäkende Hupe sprechen. Neue Haltestelle: "Bay - Bay next!" Sanfter Stopp, leises Türenklappern, neue Fahrgäste, summendes Anfahren, Klappern, wenn Curt die Münzen aus dem durchsichtigen Zahlbehälter in die Kasse entleert - damit er besser erkennen kann, ob jemand mogelt.

Die Geräuschkulisse, das Schwingen des Wagens und das zivilisierte Verhalten der kanadischen Fahrgäste macht den Raketenritt zu einer entspannenden Erfahrung. Wenn es draußen nicht bitterkalt ist, hat man schnell den Ellenbogen durchs schmale Fenster geschoben - und zieht ihn pflichtschuldig wieder ein: "Keep Arm in", mahnen kleine Schilder neben den Fenstern.

Von der Broadway-Schleife im Griechenviertel fahren wir gleich zurück nach Westen - diesmal mit der 505. Sie fährt parallel zur King, aber weiter nördlich auf der schier endlosen Dundas Street. Sie passiert im Zentrum das Eaton-Einkaufszentrum und taucht dann in Chinatown ein, fährt direkt vorbei an Auslagen mit Tee, exotischen Früchten, getrockneten Fischen, an Straßenschildern mit chinesischen Schriftzeichen. Auch im Inneren der Rakete versteht man bald nicht mehr viel, weil sich so viele Chinesen schnatternd auf den roten Plüschsitzen niedergelassen haben. Ein paar Stationen weiter beginnt eine neue Lautverschiebung hin zu sanftem Nuscheln - und draußen ist alles portugiesisch, ehe die Tram uns ins polnische Viertel bringt, wo man in Geschäften mit "Dzien dobry" begrüßt wird.

Von der Endstation Dundas West ist es ein Katzensprung zum High Park. Von dort führt die Carlton-Linie 506 ins Stadtgewimmel zurück. Die Carlton-Raketen fahren auf der College Street nach Westen, mitten durch Little Italy, einer der wenigen Orte im winterkalten Kanada, an denen man trotzig Fiat fährt. Wenn wir da nicht auf einen Teller Pasta hängenbleiben, können wir ein wenig später aussteigen, wieder in Chinatown, können den Kensington Market im ehemals jüdischen Viertel erkunden und uns auf der Spadina im Lucky Dragon einen chinesischen Lunch für sieben kanadische Dollar erlauben. Unmittelbar vorm 'Drachen' hält die Spadina-Tram; diese Nord-Süd-Verbindung führt seit einigen Jahren auf neuer Strecke am See entlang weiter nach Osten, durch die neugestaltete Harbour-Front und in einem kurzen Tunnel zur Union Station. Vom Hauptbahnhof wiederum ist es ein kurzer Fußweg zur Queen-Linie 501. Sie fährt westwärts durch die Innenstadt, vorbei an den Boutiquen und Restaurants im Queen West-Viertel bis hinaus nach New Toronto am Ontariosee und ostwärts bis ins hübsche Wohn-, Einkaufs- und Ausflugsviertel The Beaches.

Toronto hat nicht viele klassische Sehenswürdigkeiten. Was die Stadt interessant macht, lebens- und liebenswert, sind die multikulturelle Einwohnerschaft, die neighbourhoods und die Geschäftsstraßen mit ihren vielen kleinen Läden, die trotz der Supermärkte überlebt haben, und den unglaublich vielen Restaurants. Überall fühlt man sich sicher. Denn anders als in mancher amerikanischen Großstadt gibt es in Toronto keine Ecken, an denen touristische Neugier mit Gut und Blut bezahlt werden müßte. Peter Ustinov soll gesagt haben, Toronto sei eine Art New York unter schweizerischer Leitung. Die ersten sechs Exemplare der Red Rockets wurden übrigens in der Schweiz gebaut.

Curt, das sei zugegeben, ist ein besonders netter Straßenbahnfahrer. Das mag damit zu tun haben, dass er die meiste Zeit seines Berufslebens Fernsehmann bei einer privaten Gesellschaft war - auch vor der Kamera, am Mikrofon, on air. Und das mag auch seine besondere Liebe zur Stationsansage erklären. Vor zwei Jahren hat sich sein Arbeitgeber verschlankt; Torontos Medienbranche litt unter den Auswirkungen auf das World Trade Center und die SARS-Epidemie. Curt war arbeitslos. Zufällig hörte er, dass Torontos Verkehrsgesellschaft TTC Straßenbahnfahrer suchte. Nur des Geldes wegen habe er sich beworben. Aber jetzt sagt er über den Job kurz und bündig: "I love it." Als Abstieg versteht er die neue Stelle keineswegs. Auch nicht als Übergangslösung. Was ihm besonders gefällt? "Die Leute", sagt Curt.

Was sich darin wiederspiegelt, ist nicht zuletzt die amerikanische und eben auch kanadische Vorstellung von Dienstleistung. Mit diesem Konzept hat es auch zu tun, dass Curt nicht in der Führerkabine einer futuristischen Riesentram nach deutschem Muster sitzt, sondern auf dem Fahrersitz eines kurzen und verblüffend altmodisch wirkenden Bähnchens. Kurze, schnelle Straßenbahnwagen ohne Anhänger, die alle paar Minuten verkehren: Das war das amerikanische Straßenbahnkonzept, als Straßenbahnen dort noch etwas zählten. Dass dieses Konzept hohen Energieverbrauch bedeutete und viel Personal, war und ist in Nordamerika kein Problem.

Bis in die fünfziger Jahre wurden in Nordamerika Tausende stromlinienförmiger Straßenbahnwagen gebaut, nach den Maßgaben des amerikanischen President's Conference Committee (PCC). Obwohl dieser PCC-Wagen bei den Fahrgästen sehr beliebt war, hat er den Kampf gegen Auto und Bus in fast allen nordamerikanischen Städten verloren. In den siebziger Jahren schien auch Toronto dem Trend zu folgen, dann überwog doch die Zuneigung vieler Torontonians zu den rotlackierten Bahnen. Die Frage war nur, wie die große Flotte alternder Straßenbahnwagen modernisiert werden könnte. Eine amerikanische Tram-Industrie gab es nicht mehr. In Westeuropa hingegen baute man nach ganz anderen Prinzipien: immer längere Straßenbahnzüge, die in vergleichsweise großen Abständen fahren, um Personalkosten zu sparen. Am Ende entwarf man in Toronto einen eigenen Tramwagen und ließ ihn in Kanada bauen: eine modernisierte Version des alten PCC.

Das typische Sirren beim Anfahren verrät, dass die Rockets schon eine elektronische Fahrsteuerung besitzen. Doch sonst wirken die Geschosse leicht anachronistisch - nicht zuletzt durch die Stangenstromabnehmer. Gelegentlich springen sie funkensprühend von den Drähten, dann muß der Fahrer des jäh gestoppten Wagens nach hinten eilen, die wild herumschwankende Stange an ihrem Seil einfangen und wieder an den Draht hängen. Altertümlich im Innern ist die Art Wäscheleine über den Fenstern, an denen Fahrgäste rechtzeitig vor einer Haltestelle ziehen müssen, um kundzutun, dass sie aussteigen möchten. Ping! Eindeutig nicht mehr zeitgemäß ist die Unzugänglichkeit der Raketen für Behinderte und Kinderwagen.

Modern ist der Fahrplan: Die wichtigen Straßenbahnlinien Torontos werden rund um die Uhr bedient - ein Luxus, den man sich in deutschen Großstädten gar nicht mehr vorstellen kann. Tagsüber fahren die Bahnen so häufig, dass man sich um Abfahrtszeiten nicht kümmern muß.

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