Sprungbrett für Abenteuertouristen
Abenteuer mitten in der Natur, Extremsport für Kinder bis Senioren, aktiv sein, solange die Sonne scheint. Auch das ist Reisen in Neuseeland. Keiner muss mitmachen bei diversen Verrücktheiten. Aber kaum jemand kann sich dem Fieber entziehen, wenn es einen einmal gepackt hat - und dann wird man möglicherweise süchtig nach dem gewissen Kick.
Da stand ich nun mit meiner Höhenangst auf der Brücke, die Beine zusammengebunden mit Gummiseilen, die mich kurz vor (oder nach) dem Eintauchen in einen Fluss weit, weit unter mir stoppen und wieder hochschleudern sollen. "Spring!" befahl der Mann, der mich gerade so verschnürt hatte. Ich glaube, nicht nur mein Magen, sondern mein ganzes Becken krampfte sich wie in einem Würgegriff zusammen, der Puls schlug nicht, sondern donnerte. Noch ein Blick runter - "nein, bindet mich los, ich bin zu alt für so was" hörte ich mich sagen.
"Und was wirst du deinen Freunden daheim erzählen?", war die hundsgemeine Replik des grinsenden Typen neben mir. Irgendwas in mir gab daraufhin den Beinen den Befehl, entgegen aller Instinkte loszuspringen. Ein Schrei in Todesangst, scharfe, kalte Luft sticht in die Nase, das Wasser nähert sich rasend schnell - und wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, schwebe ich plötzlich wieder empor, fast bis zur Brücke, fliege scheinbar schwerelos und schreie wieder. Diesmal aber vor Euphorie, Glück, Befreiung. Als ich Minuten danach am Seil baumelnd in ein Schlauchboot auf dem Fluss gezogen und ans Ufer gebracht werde, laufe ich von der Schlucht bis zur Brücke wieder hinauf, ohne auch nur zu keuchen - eine Wirkung des enormen Adrenalinausstosses von vorhin.
A. J. Hacket's Bungee Jump an der Kawarau Bridge bei Queenstown war weltweit der erste Ort, an dem Leute dafür regelmäßig Geld bezahlten, um sich in einen Abgrund stürzen zu dürfen. Und für Neuseeland war es der Geburtstag des Abenteuertourismus. Mittlerweile springt man zwar auch schon andernorts von Brücken und Türmen, aber die extremeren Events wurden wieder hier erfunden.
Queenstown ist das Zentrum der Verrücktheiten. In dem von hohen Bergen eingerahmten und an einem See gelegenen Sommer- und Wintersportort kann man sich als menschliche Rakete durch die Gegend schießen lassen, auf einem Sesselchen festgeschnallt durch hundert Meter tiefe Schluchten schleudern lassen, in einer riesengroßen Kaugummiblase eingesperrt über Hänge kullern lassen - es gibt keinen Irrsinn hier, den es nicht gibt. Passieren tut einem übrigens nichts, denn die Neuseeländer sind Bürokraten und tüfteln so lange an Sicherheitsbestimmungen herum, bis wirklich nichts mehr schief gehen kann.
Ein sicheres, und vergleichsweise harmloses, Vergnügen sind -nicht nur in Queenstown, sondern fast überall, wo es haarsträubende Wildwasser und Schluchten gibt- die Hochgeschwindigkeits-Gummiboote oder Jetboats. Höhepunkt jeder Fahrt sind die unter ohrenbetäubendem Kreischen der Touristen angekündigten 180-Grad-Kreisel bei gut 60 km/h. Kalte Duschen durch das tosende Wasser sind im Vergnügen inbegriffen.
Nach all den schwindelerregenden Erfahrungen, suchte ich dann doch eher das stille, wenn auch nicht unspektakuläre Abenteuer. Etwa ein Segelflug mit Southern Soaring in Omarama. Hier wurden aufgrund der einzigartigen Aufwinde bereits viele Weltrekorde im Segelsport gebrochen. Immer, wenn sich der Gleiter einer Bergwand nähert, geht's los. In schwindelerregenden Spiralen schießt er in die Lüfte, nur Meter trennen die Plexiglaskuppel über dem Kopf vom Fels. Und dann, ganz oben, das einmalige Panorama der neuseeländischen Südalpen, vom Mount Cook im Norden bis zu den strahlenden Wiesen. Die Hochschaubahn endet, sobald man dem Piloten mitteilt, dringend wieder Boden unter den Füßen zu brauchen.
Wer es prinzipiell vorzieht, eher bodenständig aktiv zu sein, kann entweder allein oder in geführter Gruppe mehrtägige Trekking-Touren rund um die Fjorde im Südwesten buchen. Die Routen sind hervorragend ausgeschildert, die Landschaften und Ausblicke märchenhaft. Eine gute und wasserfeste Ausrüstung ist Voraussetzung, denn Regen gehört zu Neuseeland wie leider auch das nahe Ozonloch. Ein hochwirksamer UV-Schutz ist auch bei bedecktem Himmel ratsam.
Zu Fuß, und zwar in einer gemütlichen Wanderung vom Hotel aus, kann man hier sogar Gletscher erobern. Denn der Franz-Josef- oder der Fox-Gletscher an der Westküste sind die einzigen auf der Welt -außer in Süd-Chile- die fast bis ans Meer reichen. Auch hier wird scheinbar Extremes für jedermann angeboten. Geführte Klettertouren über die riesigen Eisblöcke an der Gletscherzunge sind dank Spikes an den Schuhen und Pickel in der Hand fast mühelos zu bewältigen und ermöglichen hautnahe Einblicke in die Wunderwelt des ewigen Eises. Aus tiefen Spalten und scheinbar wie von Menschenhand geschaffenen Grotten leuchtet es in allen Farbschattierungen von hellgrün bis dunkelblau. Und weit unten rauscht das Meer...
Aktivitäten ganz anderer Art bieten die Städte Neuseelands. So hat sich das noch vor kurzem als eher verschlafen geltende Christchurch auf der Südinsel zu einer Stadt mit einer äußerst interessanten Szene entwickelt. Zwischen Oxford Terrace und Worcester Street pulsiert das Leben, ein Pub reiht sich an den nächsten, und die Menschen sind weltoffen, laut, fröhlich und kreativ. Ein gutes Beispiel dafür ist das Boutique-Hotel Off the Square mitten im Zentrum, wohl das einzige auf der Welt, unter dessen Zimmern die Straßenbahn Station macht.
Start- oder Endpunkt jeder Neuseelandreise ist Auckland, jene Stadt mit der weltweit höchsten Dichte an Segelbooten pro Einwohner. Sie liegt an zwei Meeren - im Westen wird sie von der Tasman Sea begrenzt, im Osten vom Pazifik. Das Zentrum liegt am Hafen und ist ein multikultureller Schmelztiegel. Binnen weniger Gehminuten kann man sich mitten in einer Kaufhaushalle für wenig Geld traditionell chinesisch massieren lassen, riesige neuseeländische Grünlippenmuscheln in der Hafenkneipe schmausen, durch indische Gewürzläden schnuppern oder einen teuflisch scharfen mexikanischen Chili in Gesellschaft von australischen Rucksackreisenden mit englischem Stout-Bier löschen.
Den besten Überblick über die Metropole, in deren Großraum fast ein Drittel der Bevölkerung lebt, hat man vom Sky Tower, dem höchsten Turm der südlichen Hemisphäre. Und wem der traditionelle Bungee Jump von der 43 Meter hohen Kawarau-Brücke noch nicht gereicht hat, kann sich -es wäre sonst ja nicht Neuseeland- auch hier von der Aussichtsplattform in die Tiefe stürzen. Aus 300 Meter auf die Victoria Street. Ich hab's nicht gemacht.
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