
51. Reisetag: Sonnabend, 28. Februar 1987
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Die Jugendherberge Kaikoura lag wirklich inmitten einer wunderschönen Landschaft. Nur durch eine Straße getrennt, war das Haus direkt am Ozean zu finden. Direkt dahinter befand sich ein attraktiver Steilhang.
 Wenn man im Gemeinschaftsraum saß, hatte man ein Bilderbuch-Panorama auf das Meer. Im Zimmer hörte man das Rauschen der Wellen. Die schöne Jugendherberge verfügte zwar nicht über viele Betten; war aber gut ausgelastet. Zu fünft lagen wir in unserem Zimmer.
Ich blieb wieder recht lange im Bett. Danach frühstückte ich. Das Wetter war auch heute wieder sehr schön. Wolkenloser Himmel und angenehme Wärme.
Nach dem Frühstück ging ich dann den recht langen Weg ins Zentrum von Kaikoura, wo ich mich über Bus- und Bahnfahrten nach Picton informierte (Preise, Abfahrtzeiten usw.). Das Reisen am Wochenende war offenbar gar nicht so einfach. Der Tea Room von der Newman'sBus-Firma war ziemlich weit entfernt und auch deren Büro im Bahnhof war nicht besetzt. Ich telefonierte dann mit Newman's. Der Mann am anderen Ende der Leitung wollte mir die notwendigen Tickets dann am Abend in der Jugendherberge vorbei bringen.
Später ging ich dann wieder zurück, an der Jugendherberge vorbei und dann in Richtung Seehund-Kolonie. Für diese Kolonie ist Kaikoura sehr berühmt. Ich musste bis ans Ende der Halbinsel gehen. Der Weg war recht lang und um die Mittagszeit herum, war es sehr warm. Bei Ebbe soll man besonders dicht an die Seehund-Kolonie herankommen können. Jetzt war es allerdings etwa eine Stunde nach Niedrigwasser.
Hier traf ich auch das Schweizer Pärchen, Jacqueline und Jean-Pierre, das die letzte Nacht ebenfalls in der Jugendherberge verbracht hat. Beide waren schon sehr früh hier gewesen und hatten tatsächlich ein paar Heuler sehen können. Mein Glück, einen Seehund zu sehen, beschränkte sich auf ein Tier, das offensichtlich auf seinen Tod wartete. In der Ferne sah ich mehr Seehunde auf einem Felsen sitzen. Um näher heranzukommen, hätte ich aber einen Priel durchqueren müssen – und der schon ziemlich mit Wasser angefüllt. Auf nasse Klamotten hatte ich aber keine große Lust!
Jacqueline und Jean-Pierre waren beide aus Münchenhausen bei Basel. Ich freundete mich mit den beiden an. Sie waren sehr sympathisch und humorvoll. Wir gingen dann langsam zurück zur Jugendherberge. Jean-Pierre schlug vor, am Abend gemeinsam zu kochen und zu Abend zu essen. Die Kosten wollten wir dann aufteilen.
Ich erledigte am Nachmittag noch einige Einkäufe. Das Wetter verschlechterte sich dann etwas und es gab einen Regenschauer. Danach wurde es wieder schön. Ich ging dann unter die Dusche. Gerade in diesem Augenblick kam Peter von Newman's und brachte mir die Fahrkarten für die Busfahrt nach Picton und für die Fähren-Überquerung nach Wellington vorbei.
Mit Jacqueline und Jean-Pierre aß ich dann ein leckeres Rissotto-Reisgericht, das total lecker schmeckte. Dazu gab es Wein. Ursprünglich wollten wir Fisch essen, doch das Fischgeschäft hatte, wie viele andere Läden auch, am Wochenende geschlossen.
Noch ein anderer netter Schweizer war als Gast in der Jugendherberge, mit dem ich mich am Abend nett unterhielt. Am Abend gingen Jacqueline, Jean-Pierre und ich dann noch in die Stadt, denn in einer Bar spielte eine Band Live-Musik. Dort war es wirklich super! Bei Bier, Zigaretten und interessanten Gesprächen genossen wir die hervorragende Musik. Wieder war es die Sängerin, die mit einer eindrucksvollen Stimme überzeugte. Der Saxophonist spielte professionelle Soli. Die populären Songs waren prima anzuhören und sorgten für eine wunderschöne Atmosphäre.
Leider mussten wir gegen 22:30 Uhr aufbrechen, da der Warden die Jugendherberge pünktlich zusperren wollte. Um 23:00 Uhr wäre das Konzert aber sowieso beendet gewesen. Wie in Großbritannien, schließen auch in Neuseeland die Pub's sehr zeitig.
In der Jugendherberge saßen wir noch einen Augenblick beisammen. Dann ging ich in mein Bett. Der heutige Tag hat erneut bewiesen, dass sich auch nach einem sentimentalen, von Abschiedsstimmung geprägten Tag, schon der nächste äußerst positiv gestalten kann. Dafür hatten die freundlichen Schweizer deutlichen Anteil. Morgen werden sich aber auch diese Wege trennen.
52. Reisetag: Sonntag, 1. März 1987
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In der Nacht endete in Neuseeland die Sommerzeit: Um 3:00 Uhr wurden die Uhren auf 2:00 Uhr zurück gestellt. In Zukunft wird es also abends eine Stunde eher dunkler werden! Schade, denn von früher Helligkeit am Morgen hat man ja nicht so viel! In jedem Fall konnte ich heute morgen eine Stunde länger schlafen. Danach machte ich mir in der Küche wieder ein Frühstück und packte meine Klamotten in meinem Rucksack zusammen.
Es hatte den Anschein, als wollten am Morgen alle anderen Gäste ebenfalls die Jugendherberge Kaikoura verlassen. Es herrschte nämlich rege Aufbruchstimmung.
Das Wetter war auch heute wieder prächtig. Mit Jacqueline und Jean-Pierre verließ ich das Haus und ging in Richtung Highway. Das Schweizer Pärchen wollte per Anhalter versuchen, bis nach Nelson zu kommen. Das dürfte an einem Sonntag aber nicht so einfach sein, zudem mussten sie ab Blenheim die Provinzstraße benutzen.
Ich wartete dann auf meinen Bus. Es waren heute einfach Sicherheitsgründe, den Bus zu nehmen. Ich wollte nämlich auf gar keinen Fall die Fähre nach Wellington verpassen.
Um kurz nach 11:00 Uhr kam dann der Bus, der ziemlich gefüllt war. Die Fahrt von Kaikoura nach Picton kostete mich $NZ 22. Für eine längere Pause schien kaum mehr Zeit zu sein, so dass der Fahrer zügig bis Picton durchfuhr. Dort lud ich meinen Rucksack auf einen Transporter und nach einer gewissen Wartezeit konnte man dann die Fähre betreten. Planmäßige Abfahrt war dann um 14:20 Uhr; jedoch verspätete sich die Abfahrt um dreißig Minuten. Die Übersetzung nach Wellington kostete mich weitere $NZ 24,50.
Wie schon bei der Hinfahrt änderte sich während der Überfahrt das Wetter. Es wurde wolkig und durch den Fahrtwind war es an Deck ziemlich kühl. So setzte ich mich nach drinnen. Es war eine langweilige Fahrt, so wie auch der heutige Tag recht schwach war. Aber es gibt eben Tage, an denen die Reiserei im Mittelpunkt steht und da gibt es eben nicht so viele Knüller.
Erst gegen 18:00 Uhr lief die Fähre im Hafen Nicholson ein. Ich war wieder zurück auf der Nordinsel. Mit der Deutschen Susi, die auch schon in der Jugendherberge Kaikoura war, ging ich zur Jugendherberge von Wellington, die ich schon zuvor aufgesucht hatte, als ich auf die Südinsel übersetzte. Schon in Kaikoura hatte ich mir ein Bett reservieren lassen. Zum Glück brauchte ich nicht wieder in das alte Gemäuer der Overflow-Zusatzherberge ausweichen.
Ich war müde und schlapp und verspürte kaum das Bedürfnis, mich mit anderen zu unterhalten. Auf meinen kürzeren Reisen kann ich dieses Phänomen nicht; da war ich über jeden Kontakt und jedes Gespräch dankbar. Jetzt überkam mich oft Müdigkeit bei dem Gedanken, wieder dieselben Fragen wie Where are you from? und Where are you going to? beantworten zu müssen. Ich mache auch kein Hehl daraus: Ich vermisste Alex, Harold und Marian!
Ab und zu gesellte sich die Frage in meinen Kopf: Sollte ich meine Reise morgen wirklich verlängern und zusätzlich noch einige Tage in Kanada verbringen? Manchmal wusste ich nicht, wie ich mich entscheiden sollte. Auf der anderen Seite habe ich häufig erlebt, wie schnell nach einem mageren Tag ein hervorragender folgte. Außerdem hatte ich überhaupt keine Ambitionen, vorzeitig nach Deutschland zurückzukehren.
Abends hatte ich ziemlichen Hunger. Ich ging deshalb in die City. Doch in der Hauptstadt waren praktisch alle Snack-Bars, Take-aways und Restaurants geschlossen. Es war halt Sonntag in Neuseeland und Wellington wirkte deshalb wie eine Geisterstadt! Man sah erstaunlich wenig Passanten und Autos auf den Straßen. Wo waren die alle? Und das in der sonst so geschäftigen Hauptstraße Cambton Quay!
Mit einiger Mühe entdeckte ich doch noch ein indonesisches Restaurant, wo ich mich entschloss, etwas zu essen, obwohl der Tag heute eigentlich schon ziemlich teuer gewesen ist. Allein gehe ich eigentlich ungern in ein richtiges Restaurant. Doch der Hunger trieb mich hinein.
Für Nasi Goreng, ein Bier und Zigaretten (ich hatte keine mehr) bezahlte ich dann stolze $NZ 19,60 – ein strammer Betrag für meinen heute gequälten Geldbeutel.
Zurück in der Jugendherberge setzte ich mich dann noch in den Gemeinschaftsraum und schrieb in mein Tagebuch. Gegen 22:30 Uhr begab ich mich dann in den Schlafsaal. Es war wirklich ein Saal. Ich konnte mich spontan nicht erinnern, wann ich mal einen Jugendherbergsschlafsaal mit derart vielen Betten gesehen habe! Ich gab mir gar nicht die Mühe, alle Betten zu zählen, aber zwanzig waren es mindestens!
Schlechte Luft und Durst quälten mich in der Nacht. Es war unbarmherzig warm im Saal.
53. Reisetag: Montag, 2. März 1987
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Ziemlich gerädert stand ich am Morgen im überfüllten Schlafsaal der Jugendherberge Wellington auf. Nachts hatte ich total schlecht geschlafen; morgens war ich dann entsprechend müde. In so einem riesigen Raum ist es praktisch nie ruhig. Wenn sich die letzten schlafen legen, stehen die ersten morgens wieder auf und rascheln mit ihren Plastiktüten oder schlagen die Zimmertüren.
Morgens stand ich zeitig auf, denn ich hatte viel zu erledigen und wollte dafür den heutigen Werktag nutzen. Die Zeit war eng bemessen, denn bereits um 13:00 Uhr wollte ich Wellington wieder verlassen.
Erste Aktion des Tages war um 9:00 Uhr ein Telefonat nach Wanganui. Ich erkundigte mich telefonisch im Tourist Office, ob für mich immer noch die Möglichkeit bestehen würde, auf die Farm nach Waverley zu gehen, wie das ja Ende Januar angedacht war. Schließlich wollte ich heute nicht umsonst von Wellington nach Wanganui reisen. Mir wurde versichert, dass die Möglichkeit unverändert bestünde. Ich könne einige Tage in Waverley auf der Farm bei Kevin und Jenny Murphy verbringen. Trotzdem hatte ich Zweifel, ob das wirklich eine gute Idee war. Ich habe absolut keine Ahnung, was mich dort erwartet. Ein kräftezehrender achtstündiger Arbeitstag oder eher ein Anpacken mit einem Touch von Ferien auf dem Bauernhof? Meine Knochen haben die knallharte Arbeit auf der Rosenkohlplantage in Ohakune nämlich immer noch in Erinnerung.
Und wo würde ich auf der Farm schlafen? In einem besseren Stall oder in einem komfortablen Zimmer? Muss ich vielleicht doch etwas bezahlen? Zusammen im Haus mit der Familie oder separat in einem anderen Gebäude? Und was würde ich sagen, wenn ich gefragt werde, wie lange ich bleiben wolle? Am liebsten würde ich dann sagen: “Eine Nacht und wenn es gut läuft, gerne länger ...“. Ich spekulierte im Augenblick auf drei bis vier Tage.
Ich wusste nicht einmal, ob ich heute Nachmittag vom Busbahnhof in Wanganui abgeholt werde oder ob ich auf eigene Faust morgen nach Waverley fahren müsse.
Doch soweit war es noch nicht. Noch hielt ich mich in der Hauptstadt Wellington auf: Nach dem Telefonat ging ich den kurzen Weg über die Straße zur Deutschen Botschaft. Das war ein Erlebnis für sich. Von einer zur anderen Sekunde war ich nicht mehr in Neuseeland sondern in Klein-Deutschland. Sofort wurde ich von der Pförtnerin mit dieser unsäglichen Anrede “Sie“ begrüßt. Kleinkarierte Beamte liefen dort herum. Ob die sich hier in Neuseeland eigentlich wohlfühlen ob das von den Bediensteten eher als unsägliche Dienstpflicht empfunden wird?
An die Deutsche Botschaft kann man sich Briefe schicken lassen. Ich fragte die Pförtnerin, ob etwas für mich angekommen ist. Zu dumm Kein Brief wartete hier auf mich, was natürlich schlecht war, weil ich ja nicht wieder nach Wellington zurückkehren würde. Einen oder zwei Briefe hatte ich eigentlich schon erwartet.
Ich erkundigte mich jetzt nach der Visumspflicht für Kanada. Ich brauchte keines beantragen. Ein entsprechender Sichtvermerk wird bei der Einwanderung am kanadischen Flughafen im Reisepass eingestempelt.
Abschließend setzte ich mich in den Leseraum und studierte die etwa zwei bis drei Wochen alten Zeitungen. Das war hochinteressant! Unter anderem erfuhr ich, dass Showmaster Hans Rosenthal nun doch seiner Krebserkrankung erlegen ist. Zwischenzeitlich war auch Hessens grüner Umweltminister Joschka Fischer zurückgetreten. In Berlin wurde Smog-Alarm ausgelöst. Aber auch viele der kleineren Artikel interessierten mich nach all den nachrichtenlosen Wochen sehr.
Bei warmem, heiter bis wolkigen Wetter ging ich dann in die Innenstadt von Wellington. In der Brandon Street erfolgte dann ein wichtiger Schritt. Ich ging in das Büro der Fluggesellschaft Canadian Pacific Airlines, wo ich meine Flugdaten abänderte, sprich: meine Reise verlängerte! Statt am 29. März werde ich erst am 12. April Neuseeland verlassen, vorausgesetzt, es kommt nichts dazwischen. Dann möchte ich noch einige Tage –bis zum 17. April- in Kanada verbringen und am 18. April nach Amsterdam zurückkehren. Ich war erstaunt, wie unproblematisch und unbürokratisch diese Umbuchung möglich war.
Der Vormittagsstress ging weiter: Ich wollte eine Postkarte an die Jugendherberge Nelson schreiben. Womöglich wurde dort vergessen, meine Post von daheim, an die Deutsche Botschaft nachzuschicken. Außerdem schickte ich noch einen Luftpostbrief an meine Mutter.
Dann aß ich auf die Schnelle zwei Sandwichses und trank eine Tasse Kaffee dazu. Am Bahnhof kaufte ich mir dann ein Busticket für die Fahrt nach Wanganui, die mich $NZ 19 kostete.
Um 13:00 Uhr kehrte dann während der Busfahrt etwas Ruhe ein. Ich schaffte es sogar, ein kleines Nickerchen zu halten – kein Wunder nach dem wenigen Schlaf in der letzten Nacht.

In Levin legte der Busfahrer dann eine Pause ein. Ich nahm einen leckeren Milchshake zu mir. Das Wetter war schlechter geworden. Immer wieder gab es Regenschauer, aber dabei war es zum Glück recht mild. Der Bus traf dann gegen 16:15 Uhr in Wanganui ein.
Ich war etwas nervös, da ich nicht sicher war, was mich jetzt erwarten würde. Keine Ahnung, ob ich bereits jetzt am Bahnhof abgeholt werden würde. Ich schaute mich um; entdeckte auf die Schnelle aber niemanden. So ging ich zum Tourist Office, wo ich aber keine der mir bekannten Damen ausmachen konnte. Trotzdem erhielt ich die Auskunft, dass ich erst morgen früh mit dem Bus nach Waverley kommen möge. Von dort würde ich im Auto abgeholt und auf die Farm gebracht werden. Das passte mir durchaus ins Konzept, denn ich bekam praktisch noch eine Schonfrist vor dem Unbekannten.
Wenn man mich hier schreiben sieht, könnte man meinen, ich werde gegen meinen Willen auf die Farm gebracht. Hatte ich vergessen, dass ich mich darum freiwillig bemüht habe? Noch detaillierte Informationen gab es heute nicht mehr.
Eine weitere Nacht in der Jugendherberge Wanganui stand nun bevor. Es war die mittlerweile dritte Übernachtung. Vorher wollte ich noch etwas beim chinesischen Take-Away essen, den ich schon vor ein Wochen getestet hatte. Ich betrat den Imbiss und sah niemanden. Augenblicke später sah ich den chinesischen Koch in einer gekrümmten Stellung mit dem Kopf auf dem Tresen liegen. Er hatte dort selig geschlafen! War wohl nicht gerade die Hauptessenszeit. Das Essen war aber trotzdem prima.
In der Jugendherberge meldete ich mich an. Zunächst bekam ich ein Zimmer, wo bereits fünf Schweizer untergebracht waren. Ich verließ das Zimmer später aber wieder, weil ich ja morgen früh schon zu sehr früher Stunde wieder aufstehen wollte. Der Warden gab mir ein anderes Zimmer, wo ich morgen niemanden stören würde.
Ich wechselte noch einige Worte mit den Schweizern, aber sie blieben dann unter sich. Meine Stimmung war nicht euphorisch. Ich war eben nervös wegen morgen. In den neuseeländischen Nachrichten hörte ich dann von einem ziemlich schweren Erdbeben in der Bay of Plenty, im Osten der Nordinsel. Tote gab es glücklicherweise nicht; aber sehr wohl zerstörte Häuser, eingerissene Straßen und beschädigte Brücken. Beschädigungen wurden auch aus Whakatane und Tauranga gemeldet. Einige Menschen mussten vorübergehend nach Rotorua evakuiert werden. Die Wasser- und Stromversorgung waren offensichtlich unterbrochen. Ich war einigermaßen erschrocken, machte es mir doch bewusst, dass ich mich in einer Erdbebenregion aufhielt. Neuseeland gehört schließlich zum erdumspannenden Ring of Fire. Irrte ich mich, oder hielt Alex sich gerade in dieser Gegend auf?
Ich ging unter die Dusche und setzte mich dann in den Aufenthaltsraum der Jugendherberge, wo ich einige nette Worte mit einem älteren Neuseeländer wechselte. Die Leiterin der Herberge, eine Maori-Frau, bat ich, mich morgen früh zeitig zu wecken. Ich begab mich dann bald ins Bett und hörte, wie der Regen gegen die Fensterscheiben prasselte. Keine idealen Wetterbedingungen für den anstehenden Farmaufenthalt!
54. Reisetag: Dienstag, 3. März 1987
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Mit den Worten ”Michael, it is a quarter past seven” weckte mich am Morgen die freundliche Leiterin der Jugendherberge Wanganui.
Bei mildem, aber regnerischen Wetter stand ich auf und packte recht zügig mein Gepäck zusammen. Die Leiterin war dann sogar so freundlich, mich samt Rucksack zum Busbahnhof am Taupo Quay zu fahren. Hier kaufte ich mir für $NZ 5,50 ein Ticket für die Busfahrt ins nahe Waverley. Um 8:15 Uhr begann die etwa fünfundvierzig Minuten dauernde Fahrt dorthin.
Im fast leeren Bus war ich der einzige Passagier und in Waverley war ich der einzige Fahrgast, der den Bus verließ. Beim Aussteigen war es überhaupt kein Problem, die bereits wartende Jenny Murphy zu entdecken. Ich hatte jetzt eher vermutet, dass mich eine wettergegerbte Farmers Frau vom Bus abholen würde. Jenny war allerdings eine äußerst hübsche, junge Frau, die um die dreißig Jahre alt war. Sie war in Begleitung von zwei ihrer vier Kinder. Es waren die beiden Mädchen Amy, fünf Jahre, und Maggie, ein Jahr alt.
Jenny hieß mich freundlich willkommen. Ich lud meinen Rucksack vom Bus in ihren Wagen ein. Der erste Bann war somit gebrochen; trotzdem blieben noch einige Unklarheiten offen. Zunächst kaufte ich mit Jenny und den beiden Kindern im Supermarkt ein. Danach fuhren wir den durchaus langen Weg von Waverley zu der Farm, die weit ab von jeglicher Zivilisation lag. Die Farm war auch Aufenthaltsort für Ferienmacher auf dem Bauernhof. Solche Gäste wurden in der modern eingerichteten Mount Hiwi Lodge untergebracht.
Nach der Ankunft auf der Farm machte ich dann sofort Bekanntschaft mit ihrem ebenfalls sehr freundlichen Ehemann Kevin, der im nahen Stall beschäftigt war. Die beiden Söhne von Kevin und Jenny waren noch in der Schule. Dies waren der neunjährige Damian und der achtjährige Ben.
Trotz des schlechten Wetters waren die ersten Eindrücke durchaus positiv. Mir wurde das komfortable Gästezimmer links vom Haus der Murphy's zugeteilt. Ein Doppelbett mit Sesseln und kleinem Schrank. Es gab eine separate Dusche und Toilette. Zuerst tranken wir dann eine Tasse Kaffee und die ersten Unterhaltungen waren erwartungsgemäß recht intensiv und ausgeprägt. Der Gesprächsstoff würde uns sicher nicht so bald ausgehen.
Es war alles ziemlich anders, als ich es mir vorgestellt hatte, denn auf dieser Farm gab es weder Gemüse noch Früchte zu ernten. Es war eine reine Nutztierfarm mit 600 Schafen, Kühen und Bullen, Rehen, Enten, wilden Ziegen, den drei Arbeitshunden Digger, Jim und Pat, einer Katze und Hühnern.
Auch mein Wunsch, etwa drei Tage hier zu bleiben, schien völlig in Ordnung zu sein. Völlig überraschend musste ich dann aber feststellen, dass kaum oder gar keine Arbeit für mich zu tun war. Auch Kevin tat aufgrund des schlechten Wetters nicht viel. Doch womit sollte ich mir dann die Unterkunft und das Essen verdienen?
Kevin nahm mich dann mit zu einem beschädigten Zaun, den er nun notdürftig reparierte. Mit dem Farm-Jeep fuhren wir dann mit Hund Pat zu einer der vielen verschiedenen Schafweiden. Eine Herde von Schafen wurde jetzt auf eine andere Weide getrieben. Hund Pat musste dabei ganze Arbeit leisten. Ich schaute dem Geschehen gebannt und interessiert zu. Es war ein Erlebnis! Meine einzige Arbeit bestand darin, die Gatter auf- und abzuschließen.
Die Fahrt mit dem Jeep ging quer über das ganze Land. Pat's Platz war hinten auf der Ladefläche des Fahrzeugs. Die Farm war enorm groß. Sie umfasst etwa 1.000 ha und man braucht wohl einen Tag, so Kevin, um einmal rundherum zu gehen. Immer wieder sah ich kleine, idyllische Seen und Teiche. Überall sah man Hügel! Das Farmgebäude lag etwa 300 Meter über dem Meeresspiegel.
Das war es zunächst. Wir fuhren zurück ins Haus, wo es zum Lunch Brote und Kaffee gab. Kevin richtete seinen Blick immer auf den stets angeschalteten Fernseher, wo das für fünf Tage anberaumte Cricketspiel New Zealand - West Indies live aus Auckland übertragen wurde. Cricket ist wahrlich kein Sport für Menschen, die nichts mit dem Commonwealth zu haben. Ein normaler Mensch kann die Regeln nicht verstehen. Ich zweifelte manchmal, ob Kevin sie überhaupt voll verstand.
Kevin und ich rauchten zusammen, guckten das Cricketspiel und unterhielten uns dabei. So einfach hatte ich mir den Tagesablauf nicht vorgestellt. Um ehrlich zu sein: Ich wäre jetzt viel lieber draußen in dieser zauberhaften Natur, was das Wetter aber nicht zuließ.
Die Atmosphäre im Haus war so freundlich und ich hoffte natürlich, das das positive Klima auch anhalten würde. Nach dem Lunch gingen Kevin und ich dann schließlich doch wieder nach draußen und fuhren mit einem Fahrzeug, einer Kombination aus Traktor und Motorrad über das weite Land der riesigen Farm. Ich saß hinten in diesem offenen Fahrzeug. Wir fuhren über Hügel steil auf- und abwärts. Was für ein Vergnügen! Die Scheiße der Schafe und Kühe spritzte in meterhohen Fontänen an meine Hose und an meinen Anorak. Ich ging mit meinem Kopf hinter Kevin in Deckung! Immer wieder holte er mit seinen Armen aus und sein Finger fand immer wieder etwas interessantes, was er mir zeigte und erklärte.
Immer wieder liefen Schafe vor uns her und Rinderbullen schauten uns grimmig nach, wenn wir vorbeifuhren. Der schon ziemlich betagte Hund Jim war auch dabei – er lief die ganze Zeit neben dem manchmal sehr schnell fahrenden Fahrzeug her.
Wir schauten jetzt an den verschiedenen Seen vorbei. Die Schafe waren frisch geschoren, doch manchmal sah man auch Tiere, die der Schur wohl entgangen sein mussten. Sie waren voller Wolle! Manchmal sahen wir auch offensichtlich kranke Tiere, die von Fliegen traktiert werden. Man sah ihnen an, dass sie wohl sterben würden. Zum Schutz vor Fliegen werden die Schafe besprüht. Es dauerte dann nicht lange, bis wir ein völlig blankes Schafsskelett entdeckten. Die Farm ist viel zu groß, als das man verendete Tiere ständig abtransportieren könne – das überließ man der Natur. Schon kurz danach stieg uns typischer Verwesungsgeruch in die Nase. Wir entdeckten ein verendetes Schaf, das wohl schon von Aasfressern angegangen worden ist.
Wir kehrten zum Farmhaus zurück. Völlig verdreckt zog ich mich erst mal um. Wahrscheinlich wollte Kevin nur testen, ob mir Schmutz und Dreck etwas ausmachen würden. Kevin kehrte derweil zum Fernsehapparat zurück und verfolgte weiter das Cricketspiel, in welchem aber immer noch nicht viel passierte. Wunderlich war, dass es alle dreißig Minuten die Höhepunkte in einer Zusammenfassung zu sehen gab – was man halt so Höhepunkte nennt!
Gegen Abend fuhren Kevin und ich noch einmal mit dem Jeep los. An einem Weiher fütterte Kevin imaginäre Enten, die bis zur Jagdsaison noch mehr Enten anlocken sollen, damit diese dann abgeschossen werden können. Die Jagd hat in Neuseeland eine hohe Bedeutung.
Immer wieder entdeckte ich wilde Ziegen. Im Stall treiben Kevin und Hund Jim jetzt zwei Schafe von einem Teil der Scheune in den anderen. Die Schafe waren jetzt völlig aufgeschreckt, besonders als sie den Hund sahen. Unkontrolliert liefen die Tiere jetzt auch gegen meine Beine! Kevin packte ein Schaf und hielt es rücklings fest. Dann demonstrierte mir Kevin die Schur der beiden Schafe. Mit einem elektrischen Messer wanderte Kevin über die Haut der Tiere. Es sah so einfach aus. Aber es ist allein schon eine Kunst, die Tiere so zu halten, dass sie sich keinen Millimeter mehr bewegten. Innerhalb kürzester Zeit war die Wolle der Schafe entfernt und lag jetzt auf dem Stallboden. Gelegentlich stehen die Schafe nach der Schur für einige Minuten unter Kälteschock, weil sie verwirrt sind, plötzlich ohne Wolle dazustehen. Völlig hilflos hing ein Schaf jetzt in Kevin's Armen. Wenn die Zeit gekommen ist, finden hier Wettkämpfe im Schafscheren statt, die total schweißtreibend sind.
Im Stall entdeckte Kevin dann ein erschossenes Opossum. Alltag auf der Farm.
Wieder zurück im Haus gab es ein Bier und kurz danach war es Zeit fürs Abendessen. Die beiden Jungen, Damian und Ben, und ihre Cousine Rebecca waren mittlerweile auch angekommen. Jenny tischte ein wunderbares Abendessen mit einer Flasche Wein auf. Ich gerne ihr gern beim Tischdecken oder Abwaschen geholfen, was aber dankend abgelehnt wurde und mir etwas unangenehm war.
Es gab Lammbraten mit Soße, Kürbis, Erbsen, gekochten Kartoffeln und Blumenkohl. Einmalig lecker!
In den Fernsehnachrichten gab es dann einmal mehr Bilder vom Erdbeben in der Bay of Plenty zu sehen. Menschen mussten dort tatsächlich in Zelten ungebracht werden. Ich schrieb noch zwei Geburtstagskarten an Verwandte nach Deutschland. Der nächste Briefkasten befand sich im weit entfernten Waverley.
So langsam aber sicher endete ein packender und hochinteressanter Tag, der so völlig anders war, als die bisherigen. Jenny servierte noch einen Kaffee. Bei strömendem Regen ging ich dann hinüber in mein Gemach. Ich war noch unter der Dusche, schrieb Tagebuch und habe etwas gelesen. Sonntag war ich noch in diesem schrecklich großen Schlafsaal in der Jugendherberge Wellington untergebracht; heute genoss ich das komfortable Doppelbett auf der Farm.
Regen und Sturm klatschten gegen das Fenster. Normalerweise empfinde ich das als gemütlich; aber für morgen wünschte ich mir natürlich einigermaßen gutes Wetter!
55. Reisetag: Mittwoch, 4. März 1987
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Mit dem einigermaßen guten Wetter wurde es allerdings überhaupt nichts. Vergleichbar mit dem deutschen Novemberwetter hatten wir hier heute neuseeländisches Märzwetter. Das Wetter war unfassbar schlecht und vielleicht noch schlimmer als in Franz Josef an der Westküste der Südinsel. Peitschender und pausenlos anhaltender Regen mit orkanartigem Sturm und niedrigen Temperaturen. Das war schade und ich hatte wenig Hoffnung, dass dieses massive Tiefdruckgebiet in den nächsten zwei Tagen noch verflüchtigen würde. Nun hatte ich mal die Möglichkeit, direkt das leben auf einer neuseeländischen Farm mitzuerleben, da spielte das Wetter dummerweise überhaupt nicht mit.
Kevin Murphy weckte mich um 7:30 Uhr. Seine beide Jungen hatten das Frühstück schon eingenommen; sie waren schon unterwegs zur Schule, die hier gewiss nicht um die Ecke lag. Ich richtete schnell mein Bett und erfrischte mich etwas. Dann ging ich hinüber zu Kevin und Jenny ins Haupthaus, wo bereits lebhaftes Treiben herrschte.
Ich aß zum Frühstück etwas Müsli mit Milch und Zucker und trank guten Kaffee von Jenny dazu. Kevin und ich wollten dann trotz des schlechten Wetters etwas arbeiten. Ich war nicht abgeneigt, denn das Farmleben interessierte mich schon sehr. Es war x-mal interessanter, als stundenlang Rosenkohl zu pflücken, wie noch in Ohakune. Außerdem befürchtete ich schon, stundenlang Cricket im Fernsehen schauen zu müssen.
Kevin und ich gingen hinüber in den Wollstall und pressten Schafwolle in einen großen Sack. Das war keine sonderlich harte Arbeit. Kevin suchte dann ziemlich lange nach einer Nadel, um den Sack zunähen zu können.
Nach einem weiteren Kaffee fuhren Kevin und ich mit dem Jeep zu einem anderen Stall. Davor zersägte Kevin die Zweige und Äste von zerstörten Bäumen. Der Regen peitschte jetzt besonders und die Bäume bogen sich bedrohlich im stürmischen Wind. Hin und wieder krachte ein Ast herunter. Um mich vor der Nässe zu schützen, trug ich die berühmte Swandri-Jacke der Kiwis. Kevin hatte sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt, denn mein Parka wäre im Nu durchnässt gewesen. Das war jetzt durchaus etwas körperliche Arbeit, aber es brachte viel Spaß. Außerdem fror man nicht, wenn man etwas arbeitete.
Während Kevin die Zweige und Äste mit einer Motorsäge zerschnitt, sammelte ich das Schnittwerk und stapelte es zu einer Art Osterfeuer. Nachdem wir klatschnass waren und die Arbeit beendet war, gingen wir in den Stall, um eine Zigarette zu rauchen. Danach fuhr ich zum Fahrhaus zurück, wo ich mich meiner nassen Kleidung entledigte und umzog. Das war dann schon wieder das Ende des heutigen Arbeitstages. Das extreme Wetter ließ einfach nicht mehr zu. Der Regen ließ in keinster Weise nach.
Im Haus hatte Jenny dann etwas zum Lunch gerichtet. Jenny servierte leckere Pastete; dazu gab es wieder Kaffee. Danach fuhren Kevin und ich nach Waverley, wo wir einem Seminar über Wolle beiwohnen wollten. Zuvor holten wir noch Bruce ab; er besaß eine der Nachbarfarmen. In Waverley warf ich meine geschriebenen Briefe in den Postkasten. Ich wechselte etwas Geld auf der Westpac-Bank.
Das Seminar fand dann in einem Stall statt. Es wurde über die verschiedenen Arten von Wolle gesprochen und wie unterschiedlich die jeweilige Qualität war. Das Thema ging schon ziemlich in die Tiefe und ich verstand bestimmt nicht alles. Man kann sich außerdem gut vorstellen, welch breiten und schwer verständlichen Akzent die Farmer hier sprachen. Die anderen Farmer –es waren ziemlich viele- lauschten den Ausführungen interessiert und stellten viele Farmen. Nur drei Frauen waren anwesend; Maori-Farmer sah ich überhaupt nicht. Der Vortrag dauerte etwa 2 ½ Stunden und war mit der Zeit ziemlich langatmig geworden.
Der heftige Regen und der starke Wind sorgte für viele Nebengeräusche im Stall. Es zog erbärmlich. Überall tropfte es durch die Decke; mit der Zeit wurde es ziemlich kühl. Gegen 16:00 Uhr war der Vortrag vorbei und es wurden nun einige Biere gereicht; dazu gab es Sandwichses, Pasteten und Tee. Ob wohl auch so viele Farmer gekommen wären, wenn es dieses leckere Essen nicht gegeben hätte? Auch ich wurde immer wieder angetrieben, einige Biere zu trinken. Mir wäre allerdings lieber nach einer heißen Milch mit Honig gewesen. Ich unterhielt mich noch recht nett mit einer Farmers Frau, die sich zu mir gesellt hatte. Kevin machte keine Anstalten, abzufahren. Er fachsimpelte mit anderen Farmern herum. Mir war es jetzt langweilig.
Schließlich fuhren wir gegen 18:00 Uhr ab. Es ging aber nicht zurück zur Farm, sondern in einen Pub, wo die Zecherei weiterging. Kevin und Bruce hatten schon ziemlich viel getrunken und hier im Pub setzten sie es fort. Ich hatte derweil im Dairy für erhebliche $NZ 53 einiges eingekauft: Schokolade für die vier Kinder, Saft für das Baby Maggie, Pralinen für Jenny, vier Flaschen Bier und eine Packung Zigaretten für Kevin, Honig und Zigaretten für mich.
Als wir den Pub nach längerer Zeit verließen, hatte es aufgehört, zu regnen. Es sah aber nicht besonders freundlich aus; der Sturm tobte noch weiter. Wir fuhren jetzt aber immer noch nicht zur Farm zurück. Wir brachten Bruce nach Hause und gingen noch mit in sein Haus, wo uns seine nette Frau, deren Name ebenfalls Jenny war, willkommen hieß. Sie war schwanger und schon Ende des Monats dürfte es soweit sein.
Bruce servierte Bier. Ich konnte schon lange nicht mehr trinken. Außerdem sorgte ich mich darum, dass Kevin ja noch sich, mich und sein Auto heil zur Farm zurückbringen musste. Viel Verkehr würde auf der Strecke zur Farm zwar nicht herrschen; aber wohl war mir trotzdem nicht. Er hatte wirklich schon einiges konsumiert.
Bruce, Jenny, Kevin und ich haben uns noch glänzend unterhalten, ehe es endlich zurück zur Farm ging. Mittlerweile war es dunkel. Einige Schafe waren aus der Umzäunung ausgebrochen und rannten nun aufgescheucht vor dem Auto herum. Auch Opossums sah ich im grellen Licht der Scheinwerfer. Wir erreichten sicher das Haus. Ich hatte Gelegenheit, meine kleinen Geschenke zu verteilen. Jenny hatte unser Essen auf dem Herd freundlicherweise warm gehalten. Es gab leckeres Kalbsgulasch, Erbsen, Kürbis, Kartoffeln und Soße.
Ich bat Jenny noch, mir eine heiße Milch mit Honig zu machen, was sie auch tat. Das Getränk war jetzt bitter nötig, denn mir war doch ziemlich kalt geworden. Wir saßen dann noch ein wenig im Wohnzimmer beisammen. Der Gesprächsstoff war bisher nicht ausgegangen.
Jetzt schauten wir einen Moment Fernsehen. Mir fiel auf, wie viel Werbung es während eines Films gab. Laufend wurde der Streifen unterbrochen. In den Fernsehnachrichten hörte ich dann, dass es bei diesem schrecklichen Wetter um den Ausläufer eines tropischen Zyklons handelte.
Ich zog mich dann schließlich in mein Zimmer zurück. Dort war es eiskalt. Nach der Dusche fror ich erbärmlich. Der Sturm rüttelte immer noch an den Fenstern. Ich schlief schnell ein und hoffte weiter auf Wetterbesserung. Ich bin bisher sehr angetan von diesem Farmaufenthalt und freute mich auf noch viel mehr Erlebnisse.
Beeindruckend ist, wie ich hier von völlig wildfremden Menschen aufgenommen und wie gut ich behandelt werde. Schließlich hatte ich nie vorher Kontakt zur Murphy-Family gehabt. Ob so eine Gastfreundschaft auch in Deutschland möglich wäre...?
Cricket gilt als eine der ältesten Sportarten der Welt, wenn nicht als die älteste überhaupt. Frühformen können bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Es stehen einander jeweils eine Feld- und eine Schlagmannschaft gegenüber. Den Teams gehören jeweils elf Spieler an. Die Grundidee ist ein Duell zwischen Schlagmann und Werfer (Bowler). Dieser Spieler der Feldmannschaft schleudert den Ball auf das gegengesetzte Tor (Wicket) zu. Gelingt es dem postierten Schlagmann (Batsman), den Ball wegzuschlagen, rennt er gemeinsam mit dem zweiten Schlagmann zwischen den Wickets hin und her, um Punkte (Runs) zu sammeln. Verlässt der Ball sogar das Spielfeld (Pitch), erhält die Schlagmannschaft vier oder sechs Punkte. Die Feldmannschaft versucht, den Ball möglichst schnell zu stoppen. Anschließend tauschen die Schlagmänner ihre Plätze, und der zweite schlägt den nächsten Wurf des Bowlers. Verfehlt der Schlagmann den Ball und dieser zerstört das Wicket, wird der Batsman durch einenn neuen seiner Mannschaft ausgetauscht. Sechs gültige Würfe eines Werfers sind ein Over. Nach jedem Over wechselt der Bowler. Feld- und Schlagmannschaft tauschen die Rollen, sobald alle Schlagmänner vom Feld sind oder eine vor dem Spiel festgelegte Anzahl von Overs erreicht ist.
56. Reisetag: Donnerstag, 5. März 1987
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Wegen der großen Kälte hier in meinem Zimmer, trockneten meine nass gewordenen Klamotten natürlich überhaupt nicht. Freundlicherweise hatte mir Kevin aber eine alte Hose von seinem Vater überlassen, so dass ich am kühlen Morgen nicht in meine klammen Hose steigen brauchte.
Ich wachte um 7:00 Uhr auf und war vom Wetter erneut nicht begeistert. Es regnete zwar nicht, stürmte aber heftig weiter. Um 7:30 Uhr rief mich dann Kevin hinüber zum Frühstück. Ben, Damian und Rebecca machten sich bereit für die Schule. Auch Amy war da sowie das kleine, freundliche und immer lächelnde Baby Maggie.
Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Kevin und Jenny ihre elterlichen Pflichten vorbildlich erfüllten. Die Kinder machten einen hervorragenden Eindruck. Muss aber auch großartig sein, in so einer Umgebung aufwachsen zu dürfen.
Zum Frühstück gab es wieder Müsli mit Milch und Honig, Toast und leckeren Kaffee. Schon bald war aber erkennbar, dass das Wetter heute nicht so barbarisch schlecht werden würde wie gestern. Es bot nach dem gestrigen Unwetter durchaus Mittelmaß. Es blieb den ganzen Tag trocken und der Sturm ließ im Laufe des Tages deutlich nach. Im Tal zwischen den Hügeln war es sogar fast windstill. Die Sonne ließ sich aber erst am Abend blicken, gerade noch rechtzeitig, um einen farbenprächtigen Sonnenuntergang zu sehen. Soweit war es jetzt aber noch nicht.
Der sehr erlebnisreiche Tag begann dann schon unmittelbar nach dem Frühstück. Kevin und ich gingen hinüber in den Wollstall, wo ich wieder Schafwolle in einen Kübel presste. Der Kübel wurde dann angehoben und auf einen anderen draufgesetzt. Ein Jutesack war um den Kübel herumgespannt und per Hebel wurde nun die Wolle in diesen Sack gepresst. Kevin nähte den Sack anschließend zu, während ich schon wieder dabei war, Wolle in den nächsten Kübel zu pressen.
Später, auf dem Weg zurück zum Haus, entdeckte Kevin dann einen platten Reifen am Jeep. In kurzer Zeit wechselte er den platten gegen einen neuen aus. Im Haus gab es dann eine kleine Pause. Zusammen mit Jenny tranken wir einen Kaffee. Danach wurde es dann richtig spektakulär:
Kevin und ich fuhren mit dem Landrover weit hinaus aufs Land. Jim, Digger und Pat, die drei süßen Arbeitshunde waren alle dabei und schauten hinten von der Landefläche ungeduldig, wann es nun endlich etwas zum Laufen und Arbeiten gab. Wir ließen den Wagen stehen und gingen zu Fuß weiter über die Hügel. Während Kevin die glitschigen Steigungen mühelos bewältigte, rutschte ich mit meinen mittlerweile profillosen Sportschuhen nicht nur einmal aus. Das Gras war feucht vom Regen und die große Menge von Schafskot, die es überall gab, war auch nicht ohne.
Kevin Murphy zeigte mir dann vom Hügel herab eine Stelle, wo ich auf die kommende Schafherde warten sollte. Er wollte mit den Hunden eine Herde um den Hügel herumtreiben und ich sollte aufpassen, dass diese nicht einen anderen Weg nahmen. Ferner zeigte er mir zwei Schafe tief unten im Tal, die ich mit lauten Rufen zu der Herde treiben sollte. Sicherlich war diese Aufgabe nur eine wenig bedeutende Statistenrolle, die Kevin ohne mich wahrscheinlich auch hinbekommen würde, aber Kevin gab sich wirklich große Mühe, mir hier aufregendes zu bieten. In wirklich absolut keiner Weise dachte er daran, meine Arbeitskraft im Rahmen eines Acht-Stunden-Tages auszunutzen.
Kevin ging dann mit den drei Hunden zurück, um die Schafherde zu holen. Das würde etwa eine halbe Stunde dauern. Ich machte mich derweil auf den Weg hügelabwärts zum See, der Hochwasser führte. Der Regen hatte wirklich seine Spuren hinterlassen. Etwas unbeholfen, mehr auf dem Gesäß als stehend, erreichte ich nach einiger Zeit die Ebene im Tal. In kürzester Zeit war auch diese Hose total eingesaut. Auch das Treiben der beiden Einzeltiere misslang. Die zwei Schafe beobachteten mich schon, als ich den Hügel mehr oder weniger hinabrutschte. Sie ahnten wohl etwas und setzten sich schon frühzeitig in Bewegung. Ein Einholen der Tiere war jetzt nicht mehr möglich.
Einen Augenblick später entdeckte ich aber noch mehr frei herumlaufende Schafe, darunter auch eine Mini-Herde von etwa zwanzig Tieren. Ich berichtete Kevin später, dass ich die beiden Einzeltiere zu der Mini-Herde getrieben hätte. Der Wahrheit entsprach das natürlich nicht.
Auch die kleine Herde setzte sich nun hügelwärts in Bewegung. Jetzt hörte ich die drei bellenden Hunde und entdeckte, wie Jim und Pat die Mini-Herde zur großen Herde trieben. Kurz darauf kam die große Herde um den Hügel herum. Kevin schickte die Hunde immer los, um Einzeltiere aufzuspüren und diese dann an die Herde anzuschließen. Mit wildem Gebell und große Freude am Rennen düsten die Hunde ab und holten ein Schaf nach dem anderen aus Gebüsch und Waldstücken. Kevin rief den Hunden kurze, knappe Kommandos zu; manchmal pfiff er auch – die Hunde verstanden alles und konnten sogar die Pfiffe und Kommandos unterscheiden.
In der Zwischenzeit waren die anderen Schafe schon auf dem breiten Weg weitergelaufen. Die Hunde kamen wieder. Kevin ging jetzt in Richtung See und rettete ein paar Wasserski vom überfluteten Ufer. Danach ging es steil bergauf und wir folgten der Herde. Ich schwitzte wie verrückt – mir stand das Wasser auf der Stirn!
Die Herde erreichte die richtige von mehreren Weiden; das Gatter wurde geschlossen. All das dauerte bis zum Lunch. Jenny hatte sich im Haus wieder alle Mühe mit einem kleinen Essen gegeben. Obwohl Lunch nicht die Hauptspeise in Neuseeland ist, gab es wieder ein warmes Gericht: Gulasch und frische Pilze auf Toast. Welch ein Schmauß!
Nach einer kleinen Pause ging es dann wieder hinaus. Unterschiedliche Rassen und verschiedene Altersgruppen von Schafen wurden jeweils in eine bestimmte Umzäunung geführt. Innerhalb der Umzäunung gab es verschiedene Pforten, mit denen Kevin die Tiere jeweils sortierte. Alle drei Hunde waren wieder dabei.
Innerhalb der Umzäunung war es jetzt extrem eng und natürlich drängelten sich die Schafe hier jetzt in Panik, besonders wenn sie spüren, dass hinter ihnen ein Hund steht. Diese harte Handhabung der Tiere war jetzt schon gewöhnungsbedürftig. Es blieb nicht aus, das schwächere Schafe zu Fall kamen und andere über ihnen liefen, was zur Folge hatte, das das unten liegende minutenlang benommen war.
Auch die drei Hunde waren nicht zimperlich, wenn sie ab und an mal nach den Schafen schnappten. Hin und wieder sah ich auch mal eine blutende Schafnase.
Kevin hatte nun eine neue Aufgabe für mich, worauf ich schon etwas ungläubig schaute. Ich sollte die Schafe in der engen Umzäunung packen, ans Maul fassen und anhand mit Hilfe einer Spritze ein Medikament gegen Wurmbefall ins Maul spritzen. Im ersten Augenblick traute ich mir das nicht zu; wollte es aber auf jeden Fall versuchen.
Ich stieg über das Gatter –nicht ganz so elegant wie John Wayne- und fand in der unglaublichen Enge zwischen den Schafen kaum Platz für meine Beine. Ich packte das erste Schaf und war zunächst mal froh, dass es nicht biss. Aber das Maul zu öffnen, lehnte das Schaf ebenfalls ab. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit die Spritzpistole zwischen die Lippen zu pressen und dann auch abzudrücken, wobei ich darauf achten musste, dass das Medikament auch in den Körper des Tieres gelang und sich nicht auf dem matschigen Untergrund der Umzäunung wiederfand.
Alle Schafe, denen ich das Medikament verabreicht hatte, kamen hinter meine Beine. Manche Tiere bockten ganz erheblich und wehrten sich gegen das Medikament. Es war manchmal schon unglaublich zu spüren, welche Kraft in einem einzelnen Schaf steckte. Es war schon eine enorme Kraftanstrengung, die ich zu bewältigen hatte. Der Schweiß lief mir wie Wasser über das Gesicht. Dabei war die Außentemperatur von etwa 16° C doch eher bescheiden. Zusammen mit den Hunden trieb ich die gespritzten Tiere dann in ein Gehege. Die schlauen Hunde spürten sofort, wenn Schaf nicht wollte; sie bellten und schnappten zur Not nach ihm. Die Hunde drückten die Schafe regelrecht zum Rest der Herde.
Digger wollte einzelne gleich doppelt strafen, indem er das Schaf auch noch zu begatten versuchte. Aber der Versuch scheiterte oft kläglich. Das war Landleben pur hier!
In einem anderen Teil der Umzäunung sortierte Kevin die Schafe dann abermals nach Rasse und Alter. Ich trieb die Tiere zusammen mit den Hunden in die Sortierungsstraße und verriegelte das Gatter dahinter. Erneut verabreichte ich einigen Schafen die Anti-Wurmspritze. Nach einer kleinen Verschnaufpause im Haus wartete ich dann an einer anderen Weide auf Schafe, die von Jenny per Jeep getrieben wurden. Später pferchte Kevin dann noch etwa zwanzig Lämmer auf den sehr engen Laderaum hinter dem Jeep. Es war so eng, dass wir uns beeilen mussten, damit kein Tier während des kurzen Transports starb. Das war zum Glück nicht der Fall. Benommen wirkten die Lämmer aber schon, als wir sie auf einer anderen Weide wieder in die vorübergehende Freiheit entließen.
Wir hatten allerdings auch heute auf anderen Weiden einige tote Schafe gesehen, zum Teil schon skelettiert. Nach der Schur war der Kälteschock der Nacht dann oft so groß, dass die Schafe an Unterkühlung starben.
Wieder an der Umzäunung, mussten jetzt ein paar Schafe, die nicht zur Herde passten, weil die Wolle keine so gute Qualität aufwies, ausgesondert werden. Die wenigen Schafe wurden mit der Hand ausgesondert. Kevin packte sie, hob sie an und warf sie über eine Umzäunung auf die Nachbarweide. Es war schon unglaublich, welcher Anstrengung es allein bedurfte, ein Schaf festzuhalten. Und Kevin stemmte die Tiere dann auch noch in die Lüfte und beförderte sie über einen ziemlich hohen Zaun. Kevin berichtete mir dann noch, dass für ihn das Wollgeschäft mit etwa 70 % am ertragreichsten war; im Gegensatz zum Fleisch der Tiere.
Ein hochinteressanter und packender Arbeitstag auf dem Land endete dann so allmählich. Die drei Hunde, die so hart gearbeitet hatten, bekamen jetzt ihr verdientes Futter. Sie hatten einen langen Tag gehabt. Wir fuhren dann zum Haus zurück. An meinem rechten Fuß bemerkte ich dann eine erste Blase an meinem Fuß. Was ausgedehnte Wanderungen nicht geschafft haben, vollbrachte dieser Farmaufenthalt! Grund für die Blase waren von Kevin ausgeliehene Schuhe, mit denen ich besser durch den Matsch laufen konnte, als mit meinen herkömmlichen Sportschuhen.
Ein Blick auf den Barometer verkündete eine deutlich steigende Tendenz. Auch der Wetterbericht in den Fernsehnachrichten war durchaus hoffnungsvoll. Von der Bay of Plenty, an der Ostküste der Nordinsel, wurden weitere Nachbeben gemeldet. Der Schauspieler Danny Kaye war 74-jährig gestorben.
Es folgte jetzt wieder ein ausgeprägtes Dinner. Ich konnte nicht beurteilen, ob solche Essen hier zum normalen Alltag gehörten oder ob nur für mich so aufgetischt wurde! Jedenfalls gab es wieder Fleisch: Lammrippenbraten, Kartoffelbrei, Erbsen, Pilze und Blumenkohl. Eine Flasche Rheineck-Bier war das erste Erfrischungsgetränk des heutigen Tages für mich.
Die Kinder wurden dann ins Bett geschickt. Auch ich begab mich schon recht früh in mein Zimmer im Anbau des Farmhauses. Jenny und Kevin mussten auch mal Zeit für sich allein haben; dazu gab es im Laufe des Tages praktisch kaum Gelegenheit.
Ich duschte noch und holte meinen dicken Schlafsack aus meinem Rucksack. Eine so kalte Nacht wie die letzte, wollte ich heute nicht mehr unbedingt erleben. Im Bett schrieb ich dann noch ausgedehnt die Erlebnisse des heutigen Tages nieder. Die Fülle der Erlebnisse mussten erst mal verarbeitet werden. Dann legte ich mich ins Bett. Die Tage auf der Farm bei den Murphy's haben einen so positiven Verlauf genommen und werden mich noch gewiss viele Erinnerungsminuten kosten.
57. Reisetag: Freitag, 6. März 1987
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Auch der heutige Tag auf der Farm der Murphy's war ein an Ereignissen reich gefüllter Tag. Er bot erneut eine Anzahl von abenteuerlichen Szenen, die man in seinem deutschen Alltagsleben nie und nimmer geboten bekommt. Zudem zeigte sich das Wetter heute von seiner schönsten Seite! Es war heiter bis wolkig und die Temperatur war angenehm für durchaus anstrengende Arbeit.
Während der Nacht hatte ich meinen Schlafsack benutzt, der mich prima warm gehalten hat. Erneut weckte mich Kevin Murphy um 7:30 Uhr und nach dem Waschen ging ich hinüber ins Haupthaus zum Frühstück. Es gab wieder Müsli mit Milch mit einer großen Tasse Kaffee.
Kevin und ich gingen dann nach draußen, was ich bei dem tollen Wetter natürlich sehr genoss. Er holte den Traktor aus dem Stall und setzte ihn in Gang für die für heute geplante Dip-Prozedur. Mit den Hunden Digger und Pat holten wir einige Schafe von der Weide und in der Sortierungsstraße ordnete Kevin die Tiere wieder nach Merkmalen, die mir nicht so klar erkennbar waren. Irgendwie sahen die Schafe für mich alle gleich aus.
Später kam dann noch ein Farmer aus der Nachbarschaft, Stoot, vorbei, um bei der Arbeit zu helfen. Wenn es viel Arbeit gab, rief Kevin Stoot kurzfristig an und bezahlte ihn dann für die angefallene Arbeit. Stoot selber betrieb keine eigene Farm; er arbeitet mal hier, mal dort, und lebt ganz ausgezeichnet davon.
Stoot verabreichte den Schafen die Anti-Wurm-Spritze in derart raschem Tempo, dass ich meinen Augen kaum zu trauen glaubte. Ich hatte mir eingebildet, ich wäre gestern schon recht flink gewesen...
Stoot war 23 Jahre alt und anfangs, wie viele andere Neuseeländer auch, etwas reserviert, was sich nach kurzer Zeit aber legte. Er hatte seine eigenen Hunde dabei, die Ben und Sid hießen. Natürlich hörten sie nur auf das Kommando von Stoot, Kevin`s Kommandos wurden von Ben und Sid freundlich ignoriert. Sid war ein liebevoller und freundlicher Hund, während Ben durchaus etwas zurückhaltend war.
Es war dann wieder Zeit für einen Kaffee. Danach wurde es dann wieder sehr interessant für mich: Stoot, Kevin, die vier Hunde und ich gingen los, um Schafe zu der sogenannten Sortierungsstraße zu bringen. Stoot sattelte für sich ein Pferd, während ich bei Kevin auf der Traktor/Motorrad-Kombination mitfuhr. Die Fahrt mit dem Vehikel war bei dem herrlichen Wetter das pure Vergnügen. Bei Sonnenschein verwandelte sich die Landschaft in ein kleines Paradies. Mit dem Vehikel ging es über Hügel, Wiesen und Felder. Digger und Pat, Kevin's Hunde, tobten in wahrer Lebensfreude mal vor uns, mal neben uns her. Was für ein Hundeleben! Ben und Sid hielten sich stets in unmittelbarer Nähe von Stoot und seinem Pferd auf. Immer wieder wurden die Hunde per Pfiff oder knappem Kommando ausgeschickt, um einzeln herumlaufende Schafe aufzustöbern und zur Herde zurückzutreiben. Für die Hunde stellten die steilen Hügel offensichtlich nicht das geringste Problem dar.
Kevin stoppte das Vehikel. Er ging mit den Hunden quer über einen Hügel, der mit dem Fahrzeug nicht befahrbar war. Ich sollte mit dem Fahrzeug in etwa fünfzehn Minuten nachkommen und an einem großen Baum, den Kevin mir aus der Distanz zeigte, stoppen. Puh, hoffentlich war ich der Aufgabe gewachsen! Ich sollte dieses Fahrzeug allein dorthin bringen! Die Handhabung war ziemlich ungewohnt.
Kevin erklärte mir mit einer Engelsgeduld die Gangschaltung und den Startknopf. Danach war ich mutterseelenallein. Neben mir stand nur noch das Fahrzeug. Es war absolut still. Nur in der Ferne hörte man das Rufen einzelner Schafe; ab und zu zwitscherte ein Vogel.
In der Ferne sah ich Stoot mit seinem Pferd auf einem Hügel stehen. Ich fühlte mich wie der Virginian auf der Shiloh Ranch. Ich hörte vereinzelte Rufe; manchmal bellten die Hunde. Vom Hügel gegenüber hallte das Gebell als Echo zurück.
Der Zeitpunkt war nun gekommen. Ich drehte den Startknopf auf on und drückte den Button nieder. Das Fahrzeug sprang an. Mit Schwung trat ich den ersten Gang und fuhr steil bergan, schaltete dann in den zweiten Gang. Schon bald wusste ich vom vielen Treten gar nicht mehr genau, in welchem Gang ich mich momentan befand. Ab und zu bockte das Gefährt unwirsch. Außerdem musste ich exakt auf die sehr enge Straße achten, denn in den Spurrillen driftete das Fahrzeug schnell mal nach links oder rechts ab. Links befand sich der aufwärts führende Hügel; rechts war der tiefe Abgrund! Und da passierte es dann auch:
Das Fahrzeug fuhr auf den Abgrund zu und ich konnte nicht mehr gegen lenken. Im letzten Augenblick presste ich das Bremspedal nieder und half mit dem Fuß nach. Das Fahrzeug stand wirklich unmittelbar am Abhang. Gar nicht auszudenken, wenn das Fahrzeug den Abhang heruntergestürzt wäre. Am rechten Schienbein hatte ich mir einen kleinen Riss zugezogen, als ich den Fuß auf den Boden setzte, bevor das Fahrzeug zum stehen gekommen war. Ich fuhr weiter und traf Kevin am verabredeten Baum. Er stand etwas oberhalb von mir und gab mir zu verstehen, noch etwas weiter zu fahren. Dann übernahm er wieder den Lenker und mit den Schafen voraus, ging es weiter. Auf dem Gipfel eines anderen Hügels blieben wir stehen und Kevin zeigte Stoot, der sich unten im Tal befand, Schafe aus der Vogelperspektive, die die beiden Hunde von Stoot dann aufstöberten. Darunter war auch ein Schaf, das trotz Hundejagd nicht mehr weiter wollte.
Kevin deutete mir an, abwärts zu gehen, was erneut eine Weile dauerte; ich überquerte einen Zaun und erreichte das hilflose Schaf. Ich packte es und zerrte es in Richtung Weg, doch der Boden war hier total sumpfig. Bis zu den Knöcheln stand ich im Morast und zerrte das Schaf unter größten Anstrengungen weiter. Das Tier war schwer und half überhaupt nicht mit. Nun packte ich das Tier unter den Vorderläufen und trug es Richtung Zaun. Immer wieder drohte mir, das Gleichgewicht zu verlieren, doch unter schwersten Anstrengungen klappte es schließlich, nachdem Kevin mir aus der Ferne einen anderen Weg zeigte, wo ich das Schaf über den Zaun hieven konnte.
Kevin holte mich wenige Minuten später wieder ab. Die Treibjagd ging weiter. Kevin und ich fuhren jetzt voraus, während Stoot auf seinem Pferd der Herde folgte. Die Tiere erreichten die Sortierungsstraße und es war damit Zeit für das Mittagessen. Bevor ich das Haus betrat, wechselte ich meine Klamotten und wusch auf die Schnelle meine Moorfüße. Ich spülte noch ein paar Kleidungsstücke mit aus, weil die bei dem schönen Wetter jetzt prima trockneten. Schließlich wollte ich morgen weiter trampen und im Auto nicht wie ein Schaf stinken.
Im Farmhaus war mittlerweile Besuch eingetroffen. Ein Cousin von Kevin war mit seiner Frau und deren drei Kindern vorbei gekommen. Danny und Eileen, so hießen die beiden, waren nett und sympathisch und sehr an meinen Erzählungen interessiert. Sie gaben mir die Adresse von Eileen's Schwester in Palmerston North, meinem neuen Ziel. Vielleicht war so eine weitere Übernachtung gesichert. Ich wollte darauf zurück kommen.
Eines der Kinder, die behinderte Teresa, folgte mir auf Schritt und Tritt und wollte mit mir Cricket spielen. Bald darauf ging es wieder hinaus an die frische Luft zur Sortierungsstraße, wo Stoot den Schafen wieder die Anti-Wurm-Spritze verabreichte. Kevin richtete den Traktor, der per Laufband einen Kessel mit Insektenvertilgungsmittel in Bewegung setzte. Der Vorgang nannte sich dippen. Ich brachte dann Schafe in das Gehege und Kevin brachte die Tiere mit einigen harten Gummirohrschlägen in den engen Kessel, wo sie mit dem chemischen Mittel besprüht wurden. Das Mittel soll helfen, Fliegen von den Tieren abzuhalten. Auch sollte verhindert werden, dass die Fliegen Eier in die Wolle der Schafe ablegen, was zu lebensgefährlichen Entzündungen beim Tier führen kann. Es war ganz schön heftig, was die Schafe heute an Torturen einstecken mussten. Oftmals empfand ich es als ein Wunder, wie sie die Enge, die Schläge und Tritte, das Schnappen der Hunde und die harten Würfe auf den Rücken so unbeschadet überstanden.
Ich sorgte durch bestimmtes Öffnen der Gatter dafür, dass Nachschub in den Kesselbereich kam. Mit lauten Kommandos schickte ich die Schafe in das jeweils richtige Gehege und die Hunde schienen dabei auch auf mein Kommando zu hören. Hund Ben sprang immer wieder auf den Rücken der eng zusammenstehenden Schafe. Digger hatte offensichtlich wieder anderes vor: Immer wieder versuchte er die Schafe von hinten zu besteigen, doch nie schien sein Unterfangen von Erfolg gekrönt zu sein.
Durch einen Hinterausgang konnten die fertig besprühten Schafe dann auf ihre Weide zurück. Ein blindes Schäfchen tat mir besonders Leid, denn es rannte immer wieder gegen die Umzäunung und die Hunde attackierten das hilflose Tier besonders hart.
Teepause. Ich bekam wie immer meinen Kaffee. Der aktionsreiche Tag ging noch weiter. Stoot und Kevin gingen nun in den Stall, um einige Schafe zu scheren. Ich sortierte die Wolle in drei Kategorien: Gute Wolle, schlechte bzw. minderwertige Wolle und Wolle, die mit Kot behaftet war. Stoot zog das erste Schaf an den Vorderläufen heraus und hielt es sicher im Griff, während er es scherte. Einem weiteren Schaf, das sich heftig wehrte, versetzte Stoot einen Tritt in den Unterleib. Für sensible Gemüter war das schon ziemlich heftig mit anzusehen. Einem dritten Schaf boxte er hart ins Gesicht und stemmte seinen Stiefel auf dem Hals des Tieres. Einen guten Schafscherer erkennt man daran, wie schnell er ein Tier richtig im Griff hat; er kann es sich in der Hochsaison nicht erlauben, minutenlang damit zu verbringen, ein Schaf erst mal richtig am Körper zu positionieren. Einige andere Schafe hatten ein blutiges und zerkratztes Hinterteil. Hier hatte sich Ungeziefer eingenistet und sorgte für böse Entzündungen.
So langsam endete dieser arbeitsreiche und aufregende Tag auf Murphy's Farm. Während der zauberhaften Abenddämmerung fütterten Kevin und ich die hungrigen Hunde. Von Stoot verabschiedeten wir uns. Am Haus nahm ich meine Wäsche von der Leine und legte einiges vor den Heizofen im Wohnzimmer. Meine matschigen Schuhe spülte ich gründlich aus und stopfte sie zum Trocknen mit alten Zeitungen aus. Hoffentlich waren sie morgen einigermaßen trocken.
Im Wohnzimmer waren wieder fast alle Kinder versammelt. Ben fehlte, denn er weilte bis Sonntag bei einem Schulfreund. Jenny hatte sich mit dem Abendessen wieder viel Mühe gegeben. Es gab heute Lasagne, Erbsen und Maiskolben. Durstig trank ich aber zunächst ein kühles Bier. Wir saßen dann noch gemütlich bei einem Kaffee zusammen.
Im Fernsehen schaute ich mir interessiert eine Folge der Serie Dallas an, die hier natürlich in der englischen Originalversion lief. Es war ein Unterschied, die richtigen Stimmen der Darsteller zu hören.
Ich verabschiedete mich von Kevin und Jenny bis morgen. Ich ging zügig unter die Dusche und legte mich dann erschöpft in mein Bett. Dass ich den Aufenthalt bei den Murphy's so genießen würde, hätte ich nie und nimmer für möglich gehalten.
58. Reisetag: Sonnabend, 7. März 1987
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Der Abschied von den Murphy's stand nun am heutigen Vormittag bevor. Eine wunderschöne und ereignisreiche Phase meiner Tour ging damit wieder zu Ende.
Schon früh am Morgen strahlte die Sonne in mein Zimmer. Kevin weckte mich um 7:45 Uhr. Ich hatte tief und fest in meinem Schlafsack geschlafen. Zum Frühstück ging ich wieder hinüber in das Farmhaus, wo der Hauptraum eine Kombination aus Wohnzimmer und Küche war. Sehr praktisch!
Es war Wochenende und die Kinder brauchten heute nicht zur Schule. Kevin und Jenny erwarteten heute Gäste in der Mount Hiwi Lodge. Interessierte konnten die Lodge für $NZ 80 pro Tag diese Unterkunft mieten. Darin mussten sich die Besucher dann selbst versorgen.
Ich wohnte zwar nicht in der luxuriösen Lodge, hatte aber wohl gerade deswegen ein paar schöne Tage erleben dürfen. Mein Zimmer war absolut in Ordnung gewesen und das Essen einfach fabelhaft.
Vor meiner Abreise gingen Jenny und ich hinüber zur Lodge, wo wir oberhalb der Türen zwei Leisten entfernten, die Kevin später ausbesserte, damit man die Türen einfacher öffnen konnte. In meinem Zimmer packte ich dann meinen Rucksack zusammen. Zum Glück waren meine Klamotten noch trocken geworden, so dass ich beim Trampen nicht ganz so unangenehm nach Schaf riechen würde. Die Zeit des Abschieds war jetzt gekommen. Schon vorher hatte ich mich von Kevin verabschiedet, der hinüber ging und die frisch eingetroffenen Lodge-Gäste begrüßte. Ich machte nicht viele Worte. Ich war sichtlich gerührt von soviel Gastfreundschaft und Freundlichkeit, die mir hier entgegengebracht wurde. Zusammen mit den Kindern Damian, Rebecca, Amy und Maggie fuhren Jenny und ich dann nach Waverley, wo die Zeit des Farewell gekommen war. Dass die Zeit hier so packend sein würde, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Jenny ließ mich am Highway 3 aussteigen. Hinter ihr hielt ein anderer Wagen. Der Fahrer nahm mich Sekunden später bis nach Wanganui mit. Es war ein Fahrschullehrer, mit dem ich mich während der Fahrt gut unterhalten habe. George, so hieß der Mann, brachte mich direkt zum günstigen Tramppunkt am Ortsausgang von Wanganui. Das Wetter präsentierte sich mit herrlichem Sonnenschein von seiner Schokoladenseite. Trotz regem Verkehr hielt zunächst kein Auto an.
Ich informierte mich auf meinem Fahrplan schon wieder nach Bussen, als gerade ein NZR-Bus kam. Dem Fahrer winkte ich mehr oder weniger halbherzig zu. Er hielt dann auch nicht an. Eine Haltestelle gab es hier eh nicht.
Ich hatte eine gute Idee: Aus meinem Rucksack nahm ich ein Blatt Papier und schrieb meinen gewünschten Zielort Palmerston North auf das Schild. Auch meine Flagge holte ich wieder aus dem Rucksack und postierte sie deutlich sichtbar. Sofort hielt ein Wagen an, das aber schon vier Insassen hatte. Es war eine witzige Familie, die mich bis kurz vor Palmerston North mitnahm. Der Ort Feilding, wo ich mich jetzt befand, war etwa 13 km von meinem Ziel entfernt. Von hier war das Weiterkommen kein Problem mehr.
Ein Engländer, der älter war, als er aussah, gab mir einen Lift bis Palmerston North. Der Mann hat ölige Haare und mit seinem hageren Körper sah er ziemlich ungepflegt aus. Er hatte reichlich Zeit und wollte offensichtlich besonders hilfsbereit sein. In Palmerston North wollte ich die Familie anrufen, deren Adresse mir Danny und Eileen bei den Murphy's gegeben hatte. Der Mann mit den öligen Haaren wartete derweil im Auto auf mich. Nachdem ich beim Telefonieren leichte Schwierigkeiten hatte, weil ich die Kinder von Martin und Moira Gunn am Apparat hatte. Den Kindern konnte ich nicht vermitteln, dass ich mit Papa oder Mama sprechen wollte.
Es klappte dann schließlich doch. Martin wollte mich an der Telefonzelle abholen. Das war nicht nötig, denn der Mann bot mir an, mich dorthin zu bringen. Zunächst aber fuhr er noch zu einer Bekannten, wo er nach einer Straßenkarte suchen wollte, denn die Straße, wo Martin und Moira wohnten, Chilton Grove, war ihm nicht bekannt. Das alles war mir viel zu umständlich! Am liebsten hätte ich meinen Rucksack genommen und mich durchgefragt. Aber das wollte ich dem hilfsbereiten Mann nun auch wieder nicht antun. Bei seiner Bekannten vergeudeten wir dann noch mehr Zeit, denn die Frau war gar nicht zu Hause. Die Tochter kannte den Weg zur gesuchten Straße allerdings auch nicht und eine Karte konnte sie auch nicht finden.
Als die Bekannte dann zurückkehrte, war ihr der Name der Straße ebenfalls nicht geläufig; sie ging hinüber zur Nachbarin und fragte diese. Mein Gott, was für ein Aufwand. Der Mann konnte dann mit der Wegbeschreibung, die ihm seine Bekannte gab, nichts anfangen und so kam sie schließlich im Auto mit. Am Ende war die Straße Chilton Grove gar nicht weit entfernt. Ich verabschiedete mich von den beiden Hilfsbereiten, nahm meinen Rucksack aus dem Wagen und ging hinüber zum Haus der Gunn's.
Eine Kinderschar öffnete mir die Tür, als ich klopfte. Auch Martin kam und begrüßte mich. Die Familie hatte fünf Kinder und alle waren adoptiert! Martin war älter als Kevin und er trug einen recht originellen Bart. Er war sehr freundlich, aber nicht so liebenswert und gastfreundlich wie die Murphy-Family. Moira machte mir einen Kaffee, nachdem ich sie begrüßt hatte.
Schon bald stellte sich heraus, dass ich nicht zum Übernachten bleiben konnte, da beide am Abend ausgehen wollten. Und nach recht kurzer Unterhaltung wollte Martin mich dann auch schon zum Motorcamp bringen. Nicht mal eine Einladung zum Abendessen gab es nicht. Vielleicht erwartete ich aber auch einfach zu viel. Schließlich war ich ein Unbekannter, der zudem auch noch unangemeldet kam.
Martin und zwei seiner Kinder brachte mich dann zum besagten Motorcamp. Diese komische Bekanntschaft wollte ich schnell abhaken. Für $NZ 5,50 bekam ich dann auf dem Campingplatz einen Standplatz für mein Zelt zugewiesen. Bei herrlichem Wetter baute ich mein Zelt dann zügig auf, weil es nicht so windig war, als wie damals an der Momorangi Bay.
Jetzt nahm ich meine schmutzigen Klamotten aus dem Rucksack und versuchte den Gestank mit Hilfe der Waschmaschine herauszubekommen. Im Trockner wurden die Sachen danach ruckzuck trocken.
Am Abend begab ich mich dann noch auf einen Rundgang durch die recht große Stadt Palmerston North, die über 70.000 Einwohner hatte. In der Innenstadt ging ich dann noch in einen McDonald's und stillte meinen Hunger. Im benachbarten Park aß ich dann. Bald darauf ging ich ins Motorcamp zurück. Vorher suchte ich noch die Jugendherberge auf, die allerdings nur während der Saison geöffnet hatte – und die war vorbei und das Haus geschlossen. Es hatte außerhalb der Saison eine andere Funktion.
Ich setzte mich dann noch in die Küche des Motorcamps. Schon frühzeitig legte ich mich in mein Zelt. Auf dem harten Boden konnte ich nicht besonders gut liegen. Mein zuverlässiger Schlafsack hielt mich aber wieder warm. Um mich herum standen noch ein paar andere Zelte; während der Nacht war es aber sehr ruhig.
59. Reisetag: Sonntag, 8. März 1987
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Ich entdeckte in einer neuseeländischen Zeitung doch noch die langersehnten Fußball-Europapokalergebnisse vom letzten Mittwoch. Zu den Dingen, die ich wirklich vermisse, gehören mein Hund Wurzelund der Fußball. Die beiden deutschen Mannschaften hatten im Hinspiel Heimrecht und brachten überzeugende Siege zustande. Bayern München gewann mit 5:0 gegen den RSC Anderlecht (Belgien) und Borussia Mönchengladbach setzte sich mit 3:0 gegen Vitoria Guimares (Portugal) durch.
Aus der Zeitung erfuhr ich auch, dass es im Ärmelkanal zwischen England und Belgien ein schweres Fährunglück gegeben hat. Im Moment werden sogar bis zu zweihundert Tote für möglich gehalten.
Im Zelt ging die Nacht dann schneller und angenehmer vorüber als zunächst befürchtet. Am frühen Morgen war es auch nicht so kühl, so dass das Ankleiden und das Zusammenrollen meines Zeltes nicht so unangenehm waren. Das Zelt war nur am Boden etwas feucht. Am Kiosk des Motorcamps von Palmerston North genehmigte ich mir dann ein paar Sandwichses. Dazu gab es dünnen Kaffee, der fürchterlich schmeckte. Wahrscheinlich war der noch von gestern.
Das Wetter war wieder wunderschön. Ich wanderte mit meinem Rucksack zunächst durch die Innenstadt und erreichte so den Highway 3. In Eile war ich heute sicher nicht. Trotzdem stand ich der 176 km langen Wegstrecke nach Napier etwas skeptisch gegenüber. Außerdem war heute auch noch Sonntag – der Berufsverkehr entfiel – und das machte das Trampen oft zusätzlich schwerer. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich an anderen Sonntagen auch schon ziemlich erfolgreich beim Trampen gewesen bin.
Ich ging noch in einen Dairy und löschte dort meinen Durst mit einer eiskalten Flasche Milch. Am Highway wartete ich dann eine durchschnittlich lange Zeit auf meinen ersten Lift. Ein sehr dicker Maori-Mann, John, der mit seinem Sohn im Wagen saß, wollte mich bis Ashurst mitnehmen. Ich fragte John, wieweit denn Ashurst von Palmerston North entfernt sei – ich konnte mit diesem Ort auf die Schnelle nichts anfangen.
“Oh, that is a long way!“ antwortete der Maori, ohne eine Kilometerangabe zu machen. Während der Fahrt hatte ich die Straßenkarte auf meinen Knien und schaute in der Nähe von Napier, wo sich Ashurst wohl befinden könnte. Aber ich konnte den Ort nicht entdecken. Ich fragte John erneut, aber wieder bekam ich keine genaue Information. Erst als ich zum dritten Mal fragte, wie weit es sei, sagte John stolz “Approximately eight to ten kilometers“. Nur acht bis zehn Kilometer! Puh, das war ja eine unheimlich lange Strecke und es bewies einmal mehr, dass die Einheimischen von großen Entfernungen eine durchaus andere Vorstellung haben als wir Reisenden. Eine Fahrt nach Wellington käme für John wahrscheinlich einer Weltreise gleich. Die Fahrt bis nach Ashurst war eine der kürzesten Strecken, die ich bisher mitgenommen wurde.
In Ashurst fuhr mich John auf ein Motorcamp. Er wollte hier nachfragen, ob mich jemand bis Napier mitnehmen könne. Im waldigen Teil des Camps fand gerade ein sonntäglicher Gottesdienst statt. Alle Camper saßen auf dem Waldboden und hörten dem Priester zu. John machte überhaupt keine Anstalten, andere Leute zu fragen. Als die Gottesdienstbesucher auch noch anfingen zu singen und Hallelujah zu rufen, konzentrierte sich John sowieso auf nichts anderes mehr. Das kostete mir jetzt alles viel zu viel Zeit und ich ging zum Highway zurück. Hier setzte ich meine Trampversuche fort.
Nach nur kurzer Wartezeit stoppte ein Auto mit einem Mann, der auch wie ein Maori-Abstämmiger aussah. Neben ihm saß eine Frau. Über die Beziehung der beiden zueinander konnte ich nichts herausfinden. Von einem Pärchen wird man beim Trampen gewöhnlich eher selten mitgenommen. Die beiden hießen Ashley und Deborah. Beide wollten mich bis nach Dannevirke mitnehmen. In der Zwischenzeit waren wir auf dem Highway 2. Die Etappe war etwa 45 km lang und führte durch schöne Landschaft. In Dannevirke erfrischte ich mich wieder in einem Dairy bei einer herrlichen Milch. Danach spazierte ich zum Ortsausgang.
Hier im warmen Osten des Landes sah ich jetzt deutlich mehr Maoris als in anderen Teilen Neuseelands. Sie fühlten sich offensichtlich wohler, wenn die Sonne schien und es wärmer war. An der kalten und verregneten Westküste der Südinsel habe ich nie einen Maori gesehen.
Am Ortsausgang von Dannevirke wartete ich schon wieder ziemlich lange und hatte bereits zum Busfahrplan gegriffen , als dann doch ein Wagen neben mir hielt. Wieder nahm mich ein Pärchen mit. Es war der 29-jährige Dauerreisende Brent, der in Australien meist im Zelt lebt und derzeit auf Besuch in seiner Heimat Neuseeland ist. Hier hatte er die Schwedin Beatrice kennen gelernt und zwischen ihnen hat sich dann eine Romanze entwickelt, die aber offensichtlich nicht von Dauer sein wird, da Beatrice bereits im Mai nach Schweden zurück will. Brent und Beatrice wollten mich die lange Strecke bis nach Napier mitnehmen. Unterwegs wollten wir aber Pausen einlegen. An sich wäre ich natürlich gern direkt durchgefahren, aber mit Hindernissen und Zeitverzögerungen muss man beim Trampen immer kalkulieren.
In Clive wollten sich die beiden noch eine Tölpelkolonie anschauen. Dazu verließ Brent in Clive den Highway und fuhr auf einer Provinzstraße bis nach Clifton. Von hier aus musste man eine etwa fünf Kilometer lange Wanderung bis zur Kolonie einlegen. Das war mir nicht so recht. Zum Glück kamen beide dann von dieser Idee ab. Wir gingen die paar Schritte an den meist steinigen Strand und fuhren zurück zum Highway. Der nächste Halt folgte dann am Ngauroro River, der hier in den Pazifischen Ozean einmündete.
Beatrice war sehr an einheimischen Vögeln interessiert und bewaffnete sich mit Fernglas und ornithologischem Fachbuch. Aber besonders viele Vögel konnte man an den beiden Weihern nicht entdecken. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis wir nach Napier weiterfuhren. In Napier trafen wir pünktlich zur Öffnung der Jugendherbergsrezeption um 17:00 Uhr ein.
Beatrice und Brent wollten irgendwo in freier Natur ihr Zelt aufschlagen. Ich verabschiedete mich und bedankte mich für die schöne Fahrt. Ich ging hinüber zur Jugendherberge und meldete mich an. Es herrschte ziemlicher Betrieb hier. Die Kette der Reisenden reißt nicht ab, obwohl es bis zum Herbstanfang gar nicht mehr so fern war.
Die Jugendherberge war wunderschön. Das Haus lag, nur von der Hauptstraße getrennt, am Meer. Zum größten Teil gab es nur Doppelzimmer im Haus. Ich teilte mir ein Zimmer mit einem Engländer, den ich allerdings erst später kennen lernte. Ich ging unter die Dusche und warf einen Teil meiner Klamotten in die Waschmaschine. Durch das schöne Wetter würde sicher alles zügig trocknen. Schließlich war ich ja auch noch morgen hier, denn ich war keineswegs in Eile; ich lag gut in meinem Zeitplan.
Am Abend schaute ich mir die Stadt Napier an. Selbst am Sonntag gab es hier einige geöffnete Lokale. In einer Snackbar aß ich ein ½ Hähnchen mit Chips und Knoblauchbrot. Nur das Brot schmeckte. Das Hähnchen war kaum gebräunt und hatte dieses Stuffing, eine Füllung, in sich, was mir nicht besonders schmeckte.
Die Stadt Napier und der Nachbarort Hastings wurden ja 1931 während eines Erdbebens völlig zerstört. Nicht weit von hier entfernt gab es letzten Montag das schon mehrfach erwähnte Erdbeben in der Bay of Plenty. Ich befand mich also in einem Erdbebengebiet.
Später kehrte ich in die Jugendherberge zurück An der Pinnwand hatte ich auch eine Nachricht von Alex gefunden, der bereits Ende Februar hier gewesen ist. Auch das Schweizer Pärchen, das sich zusammen mit Alex ein Auto gemietet hatte, war hier abgestiegen. Zu großen Kontakten mit anderen Reisenden kam es heute nicht mehr. Anhand meiner Karten machte ich mir einen kleinen Plan für die kommenden Tage. Gegen 22:10 Uhr lag ich dann im Bett und hörte noch ein wenig dem Rauschen des Meeres zu, bevor ich einschlief.
60. Reisetag: Montag, 9. März 1987
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Heute hatte ich Geburtstag; ich wurde 25 Jahre alt. Erstmals an einem Geburtstag war ich nicht zu Hause, sondern auf einer Reise. Nie zuvor war es an meinem Geburtstag so warm wie heute. Den Tag über konnte ich in T-Shirt und Shorts herumlaufen.
Immer dann, wenn es herausragende Tage auf dieser Tour gab –wie jetzt der Farmaufenthalt in Waverley- waren die Tage danach von einem Tief und von Lustlosigkeit gekennzeichnet. Reisen kann sehr wohl anstrengend und auch belastend sein, was viele Menschen nicht für möglich halten. Reisen ist nicht nur immer Genuss und es folgt auch nicht immer ein Höhepunkt nach dem anderen. Auch gibt es den Rhythmus beim Reisen, der manchmal auch nervenaufreibend sein kann. Bis um 10:00 Uhr muss in Jugendherbergen das Zimmer geräumt sein und am Abend muss man immer die Uhr im Blickfeld behalten, damit man ja noch ein Bett in einer Jugendherberge bekommt. Außerdem trägt man den ganzen Tag den Druck, hoffentlich am Abend noch ein Bett zu bekommen, mit sich herum. Von daher sind mehrtägige Aufenthalte in einem Ort durchaus erholsam.
Ich brauche nur zwischendurch mal an Deutschland zu denken und an das Wetter dort ... und schwupps, sind die Probleme, die man hier in Neuseeland beim Reisen zu haben glaubt, gar keine mehr.
Bei der Planung der nächsten Wochen ist es allerdings schon ein wenig erschreckend auf den Kalender zu schauen: Bis zum 12. April bin ich noch in Neuseeland. Aber schon jetzt war ich auf der Südinsel und bin theoretisch schon wieder unterwegs in Richtung Auckland. Mit anderen Worten: Es ist noch ziemlich viel Zeit bis die Abreise aus Neuseeland erfolgt.
Als ich heute morgen in der Jugendherberge Napier aufwachte, hatte ich Kopfschmerzen, die wohl aus den wechselnden Temperaturunterschieden der letzten Tage resultieren. Ich fühlte mich etwas schlapp und lustlos.
Das Wetter war einmalig schön und richtig warm, was aber hier am Meer prima auszuhalten war. Meinen heutigen 25. Geburtstag wollte ich hier an der Hawke's Bay verbringen. Mit dem Aufstehen ließ ich mir etwas Zeit. Danach ging ich in den Frühstücksraum. Für nur sehr wenig Geld bekam ich an der Rezeption ein paar Lebensmittel, um mir eine kleine Morgenmahlzeit zubereiten zu können.
Später ging ich dann in die Innenstadt. Napier gefiel mir auf den ersten Blick besser als viele andere der größeren Städte. Die Lage am Meer war einmalig schön und die Hauptstraße, die Marine Parade erinnerte mich fast ein wenig an Hawaii. Klein und überschaubar war auch der Kern der City. Dort gab es einen hübschen kleinen Park im hinteren Teil. Für mich war heute Vormittag Shopping angesagt.
Im Tourist Office erkundigte ich mich nach den wichtigsten Geschäften und schaute mir auf der Karte auch gleich den Weg zum Highway 5 an, den ich morgen aufsuchen muss, um nach Taupo zu trampen. Beim Juwelier besorgte ich mir ein neues Armband für meine Uhr. Mein altes Armband war den Bedingungen auf Murphy's Farm nicht mehr gewachsen gewesen. In einem Armee-Shop fand ich eine praktische Tasche, die meine eingerissene Umhängetasche ersetzen sollte. Es war eine gelbe Baumwolltasche, die den früheren Schultaschen ziemlich ähnlich war. In einem anderen Geschäft fand ich dann noch eine einigermaßen akzeptable Geldbörse, die ich am Gürtel befestigen konnte. So konnte ich meinen Brustbeutel zur Seite legen. Ich hatte wegen des Brustbeutels schon immer Sicherheitsbedenken gehabt, denn unter dem T-Shirt war dieser Beutel für jedermann von weither erkennbar gewesen. Durch die Schultergurte des Rucksacks wurde der Brustbeutel noch zusätzlich nach außen gepresst und zeichnete sich unter dem T-Shirt deutlich ab.
In einem Kaufhaus kaufte ich mir einige Aerogramme, einen Filzschreiber und neue Kugelschreiber. Auf dem Postamt gab ich Briefe auf, die ich vorher in einem Cafe' geschrieben habe. Auch Briefmarken besorgte ich mir dort. Das alles kostete mich wieder eine ziemliche Stange Geld.
In der Innenstadt traf ich dann auch Brent und Beatrice wieder, die mich gestern bis Napier mitgenommen hatten und heute ebenfalls diverse Einkäufe zu erledigen hatten.
Es war Mittagszeit. Jetzt ging ich an den Pazifischen Ozean. Einen richtigen Sandstrand gab es hier leider nicht. Grund für den steinigen Untergrund war nicht zuletzt das verheerende Erdbeben von 1931. Ich legte mich etwas in die Sonne. Später ging ich dann in den sogenannten Lilliput-Komplex an der Marine Parade. In meinem Neuseeland-Führer stand geschrieben, dass man für den Bau des Komplexes 25 Jahre brauchte. Das war kaum zu glauben, denn es war für meinen Begriff nur wenig aufsehenserregend. Die Eisenbahn war zwar ziemlich schön anzusehen, aber weltbewegend war es nicht. Es gab hier noch eine Puppenstube und ein Spiegelkabinett sowie einige sich bewegende Figuren anzuschauen. Der Spaß kostete mich $NZ 2,75 Eintritt. Bis um 15:00 Uhr musste ich warten, ehe die Züge der Modell-Eisenbahn in Bewegung gesetzt wurden. Bis dahin hatte ich mich an ein schattiges Plätzchen am Ozean gesetzt.
Ich kaufte dann noch Kleinigkeiten in einem Supermarkt ein. In der Jugendherberge nahm ich meine inzwischen getrocknete Wäsche von der Leine. Ich lernte dann noch die Australierin Lorraine kennen, die in Cairns mit einem Inder verheiratet war. Die Ehe ging in die Brüche und in einer Art von Kurzschlusshandlung flog Lorraine nach Neuseeland. Wann und ob sie zurückkehren will, wisse sie jetzt noch nicht. Ich erwähnte Lorraine gegenüber meinen Geburtstag. Wir gingen dann noch auf ein Bier in einen Pub. Wir haben uns nett unterhalten.
Zurück in der Jugendherberge legte ich mich schon zeitig ins Bett. Ich hatte noch geduscht und ein Aspirin geschluckt. Diese Nacht war ich im Zimmer allein. Die Ruhe im Zimmer nutzte ich aus, um Schlaf nachzuholen. In der Nacht kam dann Wind auf und es begann zu regnen.
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