Michaels Reisetagebuch: Michael beschreibt seine 100-tägige Reise durch nach Hawaii, Neuseeland (Schwerpunktthema) und Kanada. Die Seiten werden durch ein Reiseforum, einen Grusskartenservice, eine Linkhitliste, einen ChatRoom sowie free SMS & free E-Mail-Konto abgerundet


81. Reisetag:
Montag, 30. März 1987

Dank meiner inneren Uhr wachte ich am Morgen im Gumstore Hostel in Totara North zeitig auf. Ich hatte wieder früh aufzustehen, wollte ich doch pünktlich an der Straßengabelung sein, um mit dem Bus nach Mangonui zu kommen.

Es war sehr kalt im Haus und ich fror. Im Laufe des Tages gingen die Temperaturen aber wieder in die Höhe und nachdem sich die morgendlichen Wolken aufgelöst hatten, entwickelte sich wieder ein freundlicher Tag.

Wie schon gewohnt, packte ich wieder meinen Rucksack zusammen und verließ bald danach das Hostel. Vorher hatte ich noch den Buchladen in Kaeo angerufen, um sicher zu gehen, dass der Bus, den ich mir herausgesucht hatte, auch wirklich für mich hält. Der Busfahrer lieferte nämlich im Buchladen Zeitungen ab.

Trotzdem ging ich an die Straße, um wenigstens einige Trampversuche zu unternehmen, denn bis der Bus kam, war es noch ein wenig Zeit. Vielleicht hatte ich ja mehr Glück als gestern. Und das hatte ich tatsächlich! Nach nur wenigen Minuten stoppte ein Wagen. In ihm saßen die beiden Jungs Warwick und Keith. Während Keith ein einheimischer Kiwi war, kam Warwick aus Sydney/Australien. Beide wollten einen Ausflug zum Cape Reinga unternehmen. Natürlich hätte ich die Chance ergreifen können, mit den beiden mitzufahren. Ich tat es jedoch nicht. Ich stieg planmäßig in Mangonui aus.



Hätten mich Warwick und Keith nicht mitgenommen, wäre nur wenige Minuten später der Bus gekommen. Ich hatte also auch noch Geld gespart.

Auch der Ort Mangonui war nur ein kleines Nest, das am gleichnamigen kleinen Hafen lag. Es war noch sehr früh am Morgen und ich hatte noch reichlich Zeit. Im Ort entschied ich mich dann, nicht im Private Hostel zu übernachten, sondern auf dem Motorcamp des etwa sieben Kilometer entfernten Ortes Taipa an der Doubtless Bay.

Aber ehe ich losmarschierte, ging ich noch schnell frühstücken. Im Cafe´ schrieb ich eine Ansichtskarte an Günter Wiebelitz, dem Buchholzer, der im November nach Neuseeland ausgewandert ist. Ich deutete meinen Besuch bei ihm –kurz vor meinem Abflug- an. Danach wanderte ich zu Fuß nach Taipa.

Ich passierte die Strände Coopers Beach und Cable Bay. Mein Rucksack lastete auf meinen Schultern und ich schwitzte erheblich. Mittags erreichte ich dann mein heutiges Etappenziel, Taipa. Nach kurzer Suche fand ich auch das Motorcamp. Im benachbarten Motel meldete ich mich an. Für $NZ 4,95 konnte ich dann auf den Zeltplatz. Es gab hier kein anderes Zelt – nur zwei Wohnwagen standen noch auf dem Platz. Es war regelrecht leergefegt hier; die Saison schien dem Ende nah.

Ich begann sofort mit dem Aufbau meines Zeltes. Es ging sehr flott. Es war erst das dritte Mal auf meiner bisherigen Tour, dass ich im Zelt übernachten wollte. Ich deponierte alle meine Sachen im Zelt und hoffte auf weiterhin trockenes Wetter.

Ich ging dann in das kleine Einkaufszentrum an der Hauptstraße und löschte meinen stechenden Durst. Ich kaufte dann noch etwas ein und ging zurück zum Zelt. Nach den letzten, weniger spektakulären Tagen, drohte ein weiterer hinzu zu kommen. Ich wollte jetzt an den Strand gehen, aber die Länge der Beach hielt sich in Grenzen und so zerschlug sich eine längere Wanderung.

Dennoch wanderte ich zu einem nahen Felsen, den das Wasser während der Ebbe freigegeben hatte. Der Zufall spielte mit, denn es befanden sich nur noch zwei andere Menschen am Strand und einen davon lernte ich kennen. Es war der 35-jährige Neuseeländer Walter Povey aus der Nähe von Rotorua, der hier in Taipa Ferien machte. Er tobte hier mit seiner niedlichen Hündin Jess herum. Das Tier schloss ich sofort ins Herz.

Ich unterhielt mich ausführlich mit Walter, der sich, meinem Eindruck zufolge, auch etwas langweilte. Er wohnte während seines Urlaubs im Haus seiner Mutter an der Cable Bay. Schon wenig später lud mich Walter zum gemeinsamen Fischfang am Abend ein. Wegen der drohenden Langeweile schlug ich ein und wir verabredeten uns für 17:45 Uhr am Einkaufszentrum.

Ich setzte mich vor mein Zelt und las in meinem fast schon zu Ende gelesenen Roman von Max von der Grün. Ich saß in der Sonne und genoss die Wärme. Wie besprochen, ging ich dann zum vereinbarten Termin zurück zum Einkaufszentrum, wo Walter schon auf mich wartete. Auch Jess schien mich sofort wieder erkannt zu haben; sie wedelte begeistert mit dem Schwanz.

Ich stieg in das Auto von Walter. Die Angeln lagen quer im Wagen. Wir fuhren ein paar Kilometer hinaus und stoppten an einem herrlichen Strand. Die Sonne stand jetzt sehr tief. Walter richtete die Angeln her. Er brachte einen Nylonfaden an und am Haken befestigte er ein Stück Fisch. Kurz danach zog er sich seinen Neopren-Anzug an und ging etwas in das Wasser hinaus. Mit enormem Schwung warf er die Angeln aus. Ich war froh, dass ich nicht ins Wasser musste.

Walter brachte die Angel zurück und ich hielt sie nun fest. Er ging mit der zweiten Angel erneut ins Wasser und warf auch diese schwungvoll aus. Ich hätte nicht gewusst, wenn jetzt, wo Walter im Wasser war, ein Fisch angebissen hätte.

Einige Meter von uns entfernt entzündeten junge Leute ein Feuer. Die Sonne ging als wunderbarer, roter Ball unter. Jetzt präsentierte sich ein traumhaft schönes Abendrot. Es war kaum zu glauben, aber ich hatte schon nach kurzer Zeit einen Fisch an der Angel! Ich hatte es erst gar nicht bemerkt; Walter vermutete Seetang an der Angel, doch es war ein prächtiger Snapper! Ich hatte das erste Mal in meinem Leben geangelt und sofort hatte ich Glück! Als wir den Fisch an Land zogen, rannte Jess immer in Richtung Fisch und schnappte nach dem noch zappelnden Snapper.

Walter entfernte den Fisch vom Haken und machte die Angel wieder klar. Jetzt war Hochwasser und ich musste immer wieder einen Schritt nach hinten rücken, um keine nassen Füße zu bekommen. Bald war es stockdunkel und es präsentierte sich ein farbenprächtiger Sternenhimmel. Natürlich war auch das Kreuz des Südens mühelos erkennbar.

In der Folgezeit fing ich noch drei weitere Snapper; Walter jedoch nur zwei. Unglaublich. Ich war mächtig stolz. Walter lud mich dann zu sich nach Hause ein, um den Fisch mitzuessen. Nicht nur das: Er offerierte mir auch, bei ihm zu übernachten. Ganz überraschend kam dieses Angebot nicht, aber ich lehnte es ab. Ich tat ihm sicher unrecht, wenn er einfach nur gastfreundlich war; aber ich konnte vom Gefühl her nicht ganz ausschließen, dass er mehr wollte. Außerdem hatte ich mein Zelt sowieso schon aufgebaut und darin lag ja auch mein gesamtes Gepäck.

Ich wollte ihn aber keineswegs vor den Kopf stoßen und so einigten wir uns darauf, dass wir zwar bei ihm essen wollen; ich aber danach zurück in mein Zelt ging. Es kam zur Einigung und ich war erleichtert. Als das Fangglück langsam endete, packten wir die Angeln zusammen.

Ein Mann kam zu uns, der mit seinem Hund noch einen Abendspaziergang machte. Er berichtete, dass unweit des Feuers ein toter, an Land geschwemmter, mächtiger Hammerhai lag. Den wollte ich mir unbedingt anschauen. Mit der Taschenlampe gingen wir zu dem beschriebenen Punkt. Zunächst fanden wir vier tote Hammerhaibabys im Sand. Den großen Hai, wahrscheinlich die Mutter, fanden wir erst später. Das Tier war schon ziemlich vom Sand bedeckt. Ich konnte ihn kaum erkennen.

Walter packte jedoch den toten Hai an seinem Hammer und zog ihn näher zu mir heran. Wahnsinn! Niemals vor mir sah ich einen Hai so dicht vor mir – auch wenn er tot war. Nach diesem Erlebnis gingen wir zu Walters Auto zurück. Jess war immer noch munter und zeigte kein Anzeichen von Müdigkeit.

Walter und ich fuhren nun zum Haus seiner Mutter an der Cable Bay. Es war mittlerweile 21:00 Uhr und die Mutter stand im Nachthemd an der Tür, als wir kamen. Es wurde noch ein schöner Abend. Ich genoss die Gastfreundschaft der beiden sehr. Heather, so hieß die Mutter, und Walter bewirteten mich mit Getränken und einer unglaublich leckeren Fischmahlzeit. Wir aßen allerdings den Fisch, den Walter gestern Abend fing. Wir ließen es uns schmecken und unterhielten uns dabei hervorragend.

Immer wieder boten mir die beiden die Übernachtung im Haus an, doch ich lehnte freundlich ab. Heather verabschiedete mich noch mit einem Küsschen. Gegen 23:00 Uhr fuhr mich Walter dann in seinem Wagen zurück zum Motorcamp und damit zurück zu meinem Zelt. Der Tag, der langweilig zu werden drohte, hatte noch eine unerwartete Wendung genommen und war einer der bisher erlebnisreichsten.

Ich war zufrieden, als ich im Zelt verschwand. Es dauerte allerdings einige Zeit, bis ich in der totalen Dunkelheit alles gefunden hatte und in meinem Schlafsack einigermaßen bequem lag. Ich konnte nicht gleich schlafen und dachte über den heutigen Tag, meine bisherige Reise und die nicht mehr allzu ferne Heimreise nach.

Die Schnapper/Snapper (Lutjanidae) sind eine Familie in der Ordnung der Barschartigen (Perciformes). In dieser Familie gibt es 17 Gattungen mit 103 Arten. Als Speisefisch ist vor allem der Rote Schnapper (Lutjanus campechanus) unter dem englischen Namen Red Snapper bekannt. Dieser Fisch wird recht häufig von Cymothoa exigua, einer Asselart befallen, die diesen dann als Wirtsfisch nutzt.

82. Reisetag:
Dienstag, 31. März 1987

Die Nacht im Zelt war unterschiedlich. Von gutem, erholsamen Schlaf konnte natürlich keine Rede sein. Manchmal war es kühl, danach wachte ich plötzlich verschwitzt auf. Auf der anderen Seite bin ich nun über die Qualität meines Zeltes im Bilde, denn obwohl es nicht regnete, tropfte hin und wieder der Tau von der Innenhaut. Kaum auszudenken, wenn es mal einen Wolkenbruch gäbe...

Als ich dann am Morgen meine Sachen im Rucksack verstaute und mein Zelt zusammen rollte, erschrak ich etwas, denn ich hatte plötzlich Schluckbeschwerden. Das durfte nicht wahr sein. Sollte ich jetzt doch noch eine Mandelentzündung, Erkältung oder gar eine Grippe bekommen? Leichte Panik brach aus, denn Kranksein konnte man sich einfach während einer solchen Tour nicht leisten.

Ich war etwas niedergeschlagen. Wahrscheinlich habe ich mich im Zelt verkühlt – oder vielleicht gestern beim Angeln am Meer, wo es manchmal ziemlich windig war?

Ich ließ den Tag trotzdem normal beginnen – was sollte ich auch anderes tun? Ich verließ das Motorcamp von Taipa und spazierte zur Hauptstraße. Erneut wollte ich vor der Busabfahrt ein paar Trampversuche unternehmen. Würden die Versuche fehlschlagen, könnte ich immer noch den Bus nehmen. Wieder hatte ich Glück, denn nach kaum fünf Minuten Wartezeit nahm mich eine jüngere Frau mit, die ihre Tochter und deren Schulfreund zur Schule nach Kaitaia brachte. Ich würde also schon am frühen Vormittag mein heutiges Etappenziel erreichen.

Die Frau gehörte den Zeugen Jehovas an und hatte zu diesem Thema reichlich Gesprächsstoff. Selbstverständlich bekam ich auch die englischsprachige Version des Magazins Erwachet überreicht.

Die Frau war so freundlich und setzte mich direkt vor dem Haupteingang der Jugendherberge Kaitaia ab. Es war erst 9:00 Uhr und ich konnte mich gleich anmelden. Ich sah bekannte Gesichter wieder; so beispielsweise den US-Amerikaner John aus Vermont, den ich bereits in der Jugendherberge Kerikeri kennen lernte. Auch der Schweizer Jürg war hier, der offensichtlich immer noch Probleme mit seinem Motorrad hatte.

Die Jugendherberge Kaitaia lag wunderbar zentral im Ort, der größer war, als ich dachte. Die Herberge hatte nur Zwei-Bett-Zimmer, was ich sehr begrüßte. Ich breitete zunächst einmal mein feuchtes Zelt draußen auf dem Rasen aus. Das Wetter war auch heute wieder gut: heiter bis wolkig und warm.

Ich hatte noch nicht gefrühstückt. Die anhaltenden Schluckbeschwerden verdarben mir den Appetit (noch) nicht. In einem netten Cafe´ bekam ich ein englisches Frühstück, das ich in der letzten Zeit sehr bevorzugt esse. Allerdings ist der Kostenaufwand dafür auch höher. Aber die Sandwichses in Dreieckform konnte ich nicht mehr sehen. Von Invercargill bis zum Cape Reinga sahen diese belegten Brote nämlich völlig identisch aus. Für das opulente Frühstück zahlte ich hier $NZ 10. Dafür bekam ich zwei Tassen Kaffee, Wurst, Schinken , Spiegeleier, Salat, reichlich Toast, Butter und Marmelade. Ich ließ es mir schmecken.

Die Schluckbeschwerden schienen sich nicht zu verschlimmern, was mir eine deutliche Sorge nahm. Ich lutschte zur Vorbeugung ein paar Halsbonbons. Vielleicht war es Einbildung; vielleicht war es aber auch mein unbedingter Wille, jetzt bloß nicht krank zu werden, der Berge versetzte.

Ich ging noch in ein Tourist Office, wo ich mir einen Stadtplan besorgte. Danach ging ich in eine öffentliche Bibliothek und fragte nach deutschsprachigen Büchern, die es hier aber nicht gab. Meinen spannenden Roman Stellenweise Glatteis las ich in einem kleinen Park in der Nähe zu Ende. Mein Lesestoff war jetzt zu Ende. Auf das Lesen englischsprachiger Bücher hatte ich keine besonders große Lust.

Der heutige Tag war weniger spektakulär. Gegen Mittag schrieb ich noch ein paar Ansichtskarte an Freunde und Verwandte. Auf dem Postamt kaufte ich noch ein paar Briefmarken und im Busdepot von NZR erkundigte ich mich nach Busverbindungen und –preisen.

Schon früh am Nachmittag ging ich zur Jugendherberge zurück, wo ich jetzt einen Teil meiner Klamotten wusch. Ich setzte mich dann ins Haus und kam kurz darauf mit dem Neuseeländer Anthony ins Gespräch, der auf der Halbinsel an der Ninety-Mile-Beach wohnte. Anthony war einundzwanzig Jahre alt, arbeitslos und nahm in unregelmäßigen Abständen an Bustouren zum Cape Reinga teil, wo er mit Hand anlegte.

Anthony war ein netter Kerl, obwohl er deutlich älter aus sah; er hatte einen ziemlich üppigen Bierbauch; er trug Hosen von Anno Dazumal und Koteletten wie vor zwanzig Jahren. Wir spielten für einige Stunden ein sehr unterhaltsames Steckspiel, das Kombinationen als Aufgabenstellung hatte. Ich hatte das Spiel vor vielen Jahren mal in Deutschland gespielt, konnte mich aber nicht mehr erinnern, wo genau.

Gegen Abend machte ich mir Spaghetti zu essen. Dazu aß ich ein Rührei, was einige nasenrümpfend als unpassende Kombination empfanden. Ich war noch unter der Dusche und trank noch einen Kaffee.

Ich unterhielt mich immer wieder und durch die vielen interessanten Gespräche ging die Zeit schnell dahin. Mit Anthony spielte ich abermals das Steckspiel.

Was stand morgen auf dem Programm? Es gab die Möglichkeit mit dem Transporter der Jugendherberge zum Cape Reinga zu fahren. Alternativ könnte ich auch den touristischen Fun Bus nehmen – schon der Name schreckte mich ab. Ich würde gern mit dem Transporter der Jugendherberge fahren; hierfür hatten sich aber noch nicht genügend Leute angemeldet.

Ich teilte mir das Zimmer mit Anthony und war froh, dass er nichts dagegen hatte, dass wir das Fenster über Nacht offen ließen. Anthony hatte sich nämlich weder gewaschen noch geduscht. In der Nacht begann es dann leider wieder heftig zu regnen.

83. Reisetag:
Mittwoch, 1. April 1987

Um 8:00 Uhr stand ich heute morgen in der Jugendherberge Kaitaia auf. Vom Wetter her war es noch wolkig, aber wenigstens mild. Gerade, als ich das Zimmer verlassen wollte, kam mir Peter, der Warden entgegen, um mir mitzuteilen, dass der Jugendherbergsbus nicht zum Cape Reinga fahren werde, da das Mädchen, das außer mir noch mitfahren wollte, den Trip des Wetters wegen auf morgen verschoben hat.

So meldete ich mich für den sogenannten Fun Bus an, der überraschend denselben Betrag kostete, wie die ursprüngliche Fahrt mit dem Transporter der Jugendherberge, nämlich $NZ 29! Ich hatte angenommen, die Fahrt mit dem Fun Bus wäre teurer.

Ich frühstückte schnell etwas. Dummerweise hatte ich nicht mehr genügend Geld, da ich gestern Nachmittag nicht mehr auf die Bank gegangen bin. Glücklicherweise lieh mir die Leiterin der Jugendherberge $NZ 30.

Der Bus hielt dann pünktlich um 9:00 Uhr vor der Jugendherberge. Im Innenraum war es nicht so voll, wie ich dachte. Ich bekam sogar den günstigen Sitzplatz in der zweiten Reihe. Der Busfahrer hieß Arthur und war ein Maori. Er unterhielt die Fahrgäste auf der Tour mit flotten Sprüchen, die ich aber nicht immer verstand. Tatsächlich sang Arthur zur Begeisterung der meisten Fahrgäste auch drei Lieder und nahm dabei stets das kleine Mikrofon zu Hilfe. Es war eben ein Fun Bus.

Das Wetter war weniger schön. Die Fahrt ging zunächst durch einen kleinen Wald.. Immer wieder stoppte Arthur, um weitere Passagiere mitzunehmen. Erste Pause war dann in der Nähe von Houhosa, wo man Kaffee trinken konnte oder das kleine Museum besuchen konnte. Gegenüber des Hafenbeckens lag der Hügel Mount Camel. Hier sah ich auch Anthony wieder, der bereits in einem früheren Bus mitgefahren war.

Ich unterhielt mich außerdem noch mit einem englischen Ehepaar, während ich einen Kaffee trank. Wir fuhren dann auf der Straße weiter bis nach Waitiki Landing, wo ein Barbeque angesagt war. Es war sowieso schon ein ziemlich teurer Tag; trotzdem nahm ich für weitere $NZ 8 am Essen teil. Es gab leckeres Steak und Bratwurst mit Wurst, Salat und Kaffee – soviel man mochte.

Vor dem Restaurant lief auch noch eine große Wildsau herum. Ich traute meinen Augen nicht. Links von mir stand ein Toyota-Transporter, der ein deutsches, Karlsruher, Autokennzeichen trug. Haben die das Fahrzeug etwa von Deutschland nach hier verschifft?

Der Bus fuhr jetzt nur noch auf matschigem Untergrund. Die Straße war nicht mehr asphaltiert. Im Nu erreichten wir jetzt das berühmte Cape Reinga, den nördlichsten Punkt Neuseelands. Hier gab es auch ein Postamt, von dem viele Touristen Briefe aufgaben; so auch ich! Weitere Häuser schien es hier am Kap nicht zu geben.

Alle Fahrgäste unternahmen nun eine Wanderung zum Leuchtturm. Davor befand sich ein Wegweiser, der in die Richtung weltweiter Ziele wies und die entsprechende Entfernung mitteilte. Die Leute fotografierten wie die Verrückten.

Besonders aufregend war, wie sich das Wasser der Tasmanischen See mit dem des Pazifischen Ozeans vereinigte, was anhand einer riesigen Gischtwelle geschah. Die Pause am Kap währte nur dreißig Minuten. Bei den Restaurant-Stopps wurde eine deutlich längere Pausenzeit eingeräumt – Kommerz pur!

Arthur fuhr jetzt ein Teilstück des selben Weges zurück, den wir bereits bekommen waren. In Te Paki fuhr er dann quer durch ein Flussbett, das jetzt, während der Ebbe, praktisch ohne Wasser war. Jetzt erreichten wir die berühmte Ninety Mile Beach. Der Bus fuhr jetzt praktisch über den sandigen Boden der Beach. Immer wieder spritzte das Meerwasser an der Seite des Busses hervor. So fuhren wir an den Punkt The Bluff, wo das Wasser der Tasmanischen See mit hohen Wellenbrechern gegen die Felsen klatschte. Vorher hatten wir noch einen Felsen mit einem Loch gesehen, das sich im Laufe von Jahrmillionen gebildet hat. So ein Gebilde nennt man ein Blow Hole.

Hier sah ich viele Fischer, die nach Snappern angelten. Auf der Weiterfahrt hielt ich erst mal ein Nickerchen. Der letzte Halt folgte dann an einem Motorcamp in der Nähe von Waiharara, wo der Bus gewaschen wurde. Die Fahrt auf der Ninety Mile Beach hatte deutliche Spuren am Fahrzeug hinterlassen. Für die Fahrgäste war wieder eine Imbisspause angesagt. Diesmal aß ich einen Kuchen und trank einen Kaffee dazu.

Die Fahrt im Fun Bus nahm dann langsam ein Ende. Pünktlich um 16:30 Uhr setzte mich Arthur wieder vor der Jugendherberge ab. Die Pünktlichkeit war natürlich ein weiterer Beweis für die große Routine, die so ein Tagesausflug für den Busfahrer mittlerweile hatte.

In der Jugendherberge Kaitaia kam ich dann mit der Australierin Jenny ins Gespräch, die ihre dreiwöchigen Ferien in Neuseeland verbrachte. Ich fragte sie nach den Möglichkeiten, vorübergehend in einem australischen Krankenhaus zu jobben. Sie schüttelte daraufhin zwei Adressen aus dem Ärmel.

Danach spielten wir wieder das interessante Steckspiel und wenig später machte ich mir wieder Nudeln mit Rührei als Abendessen. Im Laufe des weiteren Abends passierte dann nicht mehr viel. Einige fragten mich, ob ich Lust hätte, mit in den Pub zu kommen. Doch ich lehnte ab – ich hatte heute eh schon meinen finanziellen Tagesrahmen überstrapaziert.

Ich schrieb stattdessen noch ein paar Briefe, in denen ich Freunde bat, sich für mich nach freien Arbeitsstellen umzuhören. Es wird immer wichtiger für mich, nach meiner Rückkehr einen Job zu finden. Ich will so schnell wie möglich einen Trip nach Australien in die Wege leiten.

Ich duschte noch, rauchte eine Zigarette und wechselte noch ein paar Worte mit einem Schweizer Pärchen, das morgen auch ans Cape Reinga wollte. Es war etwa 22:00 Uhr, als ich mich ins Bett verzog. Ich hatte das Zwei-Bett-Zimmer in dieser Nacht ganz für mich allein. Eine Mücke surrte um mich herum. Erst als ich mit dem scheußlich stinkenden Dimp einrieb, trat Ruhe ein. Das Insekt schwieg und ich konnte schlafen.

84. Reisetag:
Donnerstag, 2. April 1987

Am heutigen Tag erfolgte nun auch der Abschied von Kaitaia. Viel hatte der Ort nicht zu bieten gehabt. Alles drehte sich hier ausschließlich um das Cape Reinga.

Leider ließ es sich auch nicht verhindern, frühzeitig aufzustehen. Ich hätte die Ruhe in meinem Zimmer gern für ein etwas längeres Schläfchen genutzt. Ich packte meinen Rucksack wieder zusammen und nahm ein recht schnelles Frühstück in der Jugendherbergsküche ein. Ich musste mich heute mal wieder nach der Abfahrt eines Busses richten.

Ich verließ die Jugendherberge Kaitaia und pünktlich um 9:00 Uhr war ich dann am Postamt, wo ich gleich drei Briefe verschickte. Bei unterschiedlichen Geldinstituten erkundigte ich mich nach dem günstigsten Wechselkurs für einen weiteren Traveller Cheque. Von einem günstigen Kurs konnte auch heute nicht die Rede sein. Lächerliche $NZ 173 habe ich bekommen!

Bei der nächsten Tour –wenn es sie denn geben sollte- wollte ich diesen Fehler, mit US-Dollar-Reiseschecks in Drittländer zu fahren, nicht wiederholen. Ich ging noch einmal zur Jugendherberge zurück, um Aureen, der Leiterin der Jugendherberge, die geliehenen $NZ 30 zurückzugeben.

Eine Straße weiter wartete ich dann auf die Abfahrt meines Busses nach Kaikohe. Um nach Opononi zu kommen, musste ich diesen Umweg über Kaikohe leider in Kauf nehmen, da es praktisch keine direkte Straße nach Opononi, meinem heutigen Etappenziel, gab. Ich hätte allerdings mit einer Fähre fahren können, aber dazu hätte ich trampen müssen und davon wurde mir abgeraten. Ehrlich gesagt, hatte ich zum Trampen auch keine so große Lust mehr.

Die Busfahrt verlief ohne große Erlebnisse. Ich beobachtete den Fahrer zu gern, wie er die Tageszeitungen während der Fahrt entweder aus der Tür oder aus dem Fenster warf. Zielsicher lagen die Zeitungen dann in der Grundstückszufahrt. Die Busfahrer waren in Neuseeland eben nicht nur Busfahrer.

Gegen 11:15 Uhr erreichte ich den Ort Kaikohe. Ein Anschlussbus fuhr erst um kurz vor 16:00 Uhr; also hatte ich ausreichend Zeit, um ein paar Trampversuche zu unternehmen. Das Wetter war heute mittelprächtig: Heiter bis wolkig, manchmal etwas Regen und windig; es war auch nicht besonders warm.

Nach nur wenigen Minuten gab ich die Trampversuche auf, denn ich fühlte mich etwas lustlos. Stattdessen ging ich zurück zur Bushaltestelle, wo ich mir eine Fahrkarte nach Opononi kaufte. Ich ließ meinen Rucksack im Depot stehen. Wie sollte ich mir hier jetzt die Zeit bis zur Weiterfahrt vertreiben? Der Ort Kaikohe hatte herzlich wenig zu bieten.

Ich sah viele Maoris, die schwerpunktmäßig im Norden der Nordinsel lebten. Sie waren sehr von Arbeitslosigkeit betroffen.

Ohne große Hoffnung ging ich zur örtlichen Bibliothek und fragte nach deutschsprachigen Büchern. Es gab sogar eines, das ich ohne große Formalitäten bekam. Die Frau, die hier arbeitete, hatte es aus einer staubigen Kiste geholt. Es war ein nur kleines, zweihundert Seiten dünnes Buch mit dem Titel Die Schicksalsnacht. Der Buchtitel sagte mir überhaupt nichts, aber ich wollte versuchen, es zu lesen.

Jetzt ging ich in einen Imbiss, um eine Kleinigkeit zu essen. Danach ging ich noch in ein Cafe´. Dort lagen Zeitungen aus, die ich jetzt las. Danach setzte ich mich nach draußen auf eine Bank und begann in der Schicksalsnacht zu lesen. Es war ein Buch aus dem Jahre 1960 und so völlig anders als die Bücher, die ich vorher gelesen hatte. Es spielte in England und erzählte die Geschichte einer Krankenschwester, die so gut war und stets andere in Schutz nahm und dafür am Ende entlassen wurde. Das Buch war sehr schmalzig, trotzdem verschlang ich es regelrecht, denn was hätte ich hier sonst tun sollen?

Schließlich war es soweit und ich konnte um 15:50 Uhr mit dem Bus weiter nach Opononi fahren. Die Fahrt dauerte gute eineinhalb Stunden. Freundlicherweise setzte mich der Busfahrer in der Nähe der Jugendherberge ab. Das Haus befand sich etwa drei Kilometer außerhalb des Ortes. Ich benutzte einen schmalen Weg zur Jugendherberge und konnte mich dann sofort anmelden.

Das Gebäude, das früher einmal eine Schule gewesen war, lag in wunderschöner Landschaft nahe dem Hokianga-Hafenbecken, wo man auf der gegenüberliegenden Seite riesige Sanddünen in die Höhe ragen sah. Die Jugendherberge war in eine wunderschöne Hügellandschaft eingebettet. Leider konnte ich die Landschaft nicht richtig genießen, da es wolkig war und wieder anfing, zu regnen.

Einen Spaziergang zu einem anderen Hügel brach ich dann bald ab. Ich war ohne großen Antrieb und hatte auch wenig Lust, mich mit anderen zu unterhalten. Mir graute mehr und mehr vor der, Mitte April, bevorstehenden Reise nach Deutschland.

Ich aß Müsli als Abendessen. Danach duschte ich und setzte mich in den Gemeinschaftsraum der Jugendherberge, wo ein Feuer im Kamin entfacht worden ist. Es war gemütlich warm und bis auf ganz wenige Seiten las ich in dieser schönen Atmosphäre mein Buch durch. Zwischendurch erquickte ich mich mit einer Tasse Kaffee.

Eigentlich wäre ich noch gern etwas länger in Opononi geblieben. Ich tat es deshalb nicht, weil am Samstag und Sonntag kein einziger Bus nach Dargaville fährt. Alternativ müsste ich bis Montag hier bleiben – das erschien mir aber etwas zu lang. Aufs Trampen wollte ich mich keinesfalls verlassen.

Ein paar Worte zum Ort Opononi: Im Jahre 1955 kam ein zutraulicher Delphin namens Opo in das Hafenbecken geschwommen und ließ die Kinder auf sich reiten. Einen Tag, bevor ein Gesetz zu seinem Schutz wirksam wurde, hat man Opo erschossen aufgefunden. Im Ort gibt es aus diesem Grund ein kleines Denkmal zu besichtigen, das ich mir aber erst morgen ansehen wollte. In Opononi redet man aber auch noch heute vom kinderfreundlichen Delphin Opo.

Reportage: Der Delfin als Lebensretter


85. Reisetag:
Freitag, 3. April 1987

Am heutigen Morgen packte ich meinen Rucksack besonders schnell zusammen. Ich ging auch nicht in die Küche, weil ich im Moment wenig Lust verspürte, schon am frühen Morgen irgendwelche Gespräche zu führen. Das Schließen neuer Bekanntschaften bringt eh nicht mehr viel, da sich meine Reise nunmehr dem Ende neigt.

Zwar bin ich der Reiserei zur Zeit etwas müde, aber wenn ich an die Rückkehr nach Deutschland dachte, wusste ich sehr wohl, was mir lieber ist.

Als ich meinen Jugendherbergsausweis von der Rezeption abholen wollte, meinte Sue, die freundliche Leiterin, dass ich wohl vergessen hätte, meine Duty zu erledigen. Ich wurde puterrot im Gesicht. Ertappt! Aus Gründen der Faulheit hatte ich mich zuletzt fast immer vor der Erledigung meiner Duty gedrückt. Schleunigst ging ich und erledigte meine Arbeit doch noch – mehr schlecht als recht.

An der Straße war dann Sue´s Ehemann George so freundlich, mir einen Lift bis in den Ortskern von Opononi zu geben. War das heute mein letzter Lift in Neuseeland? Schließlich rückte das Ende meiner Zeit in Neuseeland mit großen Schritten näher. Bis Auckland würde ich mit ziemlicher Sicherheit den Bus nehmen. Ich war des Trampens ohnehin ziemlich müde.



Bei schlechtem, regnerischen Wetter erreichte ich Opononi schon sehr früh. Ich kaufte mir ein Busticket und hatte noch ausreichend Zeit, im Restaurant zu frühstücken. Ich war froh, denn ich bekam auch hier ein tolles englisches Frühstück serviert, was ich ja zuletzt den üblichen Sandwichses deutlich bevorzugt hatte. Es war wieder ein Hochgenuss. Wenn es nicht so teuer wäre, könnte ich mich gut daran gewöhnen.

Ich las die letzten Seiten meines Romans Die Schicksalsnacht, ehe ich noch ein wenig nach draußen ging und die gute Meeresluft einatmete. Allerhand andere Reisende warteten auch schon auf die Busfahrt nach Dargaville bzw. nach Auckland. Das sprach für die ziemlich schlechten Trampmöglichkeiten in dieser Ecke des Northland. Die meisten Reisenden, die hier standen, hatten in der privaten Herberge House of Harmony übernachtet.

Der Bus hatte Verspätung und fuhr erst fünfzehn Minuten später, um 10:45 Uhr ab. Die Fahrt zu meinem heutigen Etappenziel, Dargaville, kostete mich $NZ 16. Im Bus saß auch die netten Deutsche Barbara, die morgen nach Sydney/Australien fliegen will, wo sie aber nur drei Tage bleiben wird.

Ich gab ihr mein ausgelesenes Buch mit. In der Bibliothek von Dargaville hoffte ich auf die Möglichkeit, mindestens ein weiteres Buch in deutscher Sprache ausleihen zu können.

Während der Busfahrt ging es quer durch den gewaltigen Kauriwald, doch leider wurde es nichts mit einem Spaziergang durch den imposanten Wald, denn der Busfahrer legte hier nur eine kurze Pause ein. So hatten wir nur zehn Minuten Zeit, den größten Kauribaum Neuseelands zu betrachten, aber der war ein absoluter Augenschmaus. Es handelte sich um den einundfünfzig Meter hohen und fünfzehn Meter umfassenden Baum Tane Mahuta, der ein gigantisches Bild bot.

Mein heutiges Tagesziel, die Stadt Dargaville, erreichte der Bus dann gegen 13:00 Uhr. Ich brauchte wenig Zeit, um erkennen zu können, dass der Ort wenig Attraktionen zu bieten hatte. Mir schauderte etwas bei dem Gedanken, da ich ja bis Montagmorgen mehr oder weniger auf Dargaville angewiesen war.

Ich ging zunächst zur Jugendherberge, um meinen Rucksack dort abzustellen. Besonders interessiert war ich aber an der Frage, ob ich hier Post von zu Hause hergeschickt bekommen habe. In Nelson und Wellington hatte ich ja entsprechende Briefe vermisst.

Tatsächlich bekam ich sie gleich von der Leiterin der Jugendherberge überreicht. Auch eine Nachricht von der Niederländerin Marian van der Kroon habe ich hier vorgefunden, die mit dem 14. März datiert war. Sie hatte Neuseeland in der Zwischenzeit verlassen. Trotzdem freute ich mich sehr über diese Mitteilung. Wie sie schrieb, waren Harold und sie nie in Pigeon Bay angekommen. Sie hatten in Christchurch wohl zwei Stunden auf einen Lift gewartet und sind dann zum Avon View-Hostel zurückgekehrt.

In den Briefen von meiner Mutter fand ich unter anderem meine Kontoauszüge, um die ich gebeten hatte. Sie berichtete sehr ausführlich über meinen Hund Wurzel, den ich schon sehr vermisste.

Die Jugendherberge Dargaville war früher ebenfalls eine Schule gewesen, doch deutlich schöner eingerichtet als so manches andere, ehemalige Schulgebäude, indem ich schon übernachtet hatte. Überall liefen Katzen herum und alles war grün von vielen schönen Zimmerpflanzen. Sogar auf dem Wassertank der Toilette stand eine Grünpflanze.



Ich ging dann noch in die Ortschaft, wo ich bei einem Milchshake einige Briefe beantwortete. Auf dem Postamt ließ ich die Briefe abwiegen und schickte sie per Luftpost ab. Etwas enttäuscht war ich, als ich erfuhr, dass ich in der hiesigen Bücherei keine deutschsprachigen Bücher ausleihen konnte. Das dürfte die Langeweile in Dargaville zusätzlich erhöhen.

In einem Four Square-Supermarkt kaufte ich reichlich fürs Wochenende ein. Ich wollte zukünftig etwas weniger für Snacks in Imbissen ausgeben. In der Jugendherberge saß ich dann ziemlich viel herum und wusste mich nicht recht zu beschäftigen.

Ich wechselte ein paar Worte mit einem Dänen, las etwas in der Zeitung und studierte das Gästebuch der Jugendherberge, wo ich auch Eintragungen mir bekannter Namen fand. Ich hatte es immer so gehandhabt, mich in jedes dieser Gästebücher einzutragen. Darin fand man sehr viele Tipps für die Umgebung und die Reiseerfahrungen anderer.

Um 17:00 Uhr war dann Anmeldung. Gleich danach bereitete ich mir in der Pfanne ein Steak mit Kartoffeln zu. Mal etwas anderes. Ich duschte noch und wusch meine Kleidung.

Ich half dem US-Amerikaner Ed beim Schreiben eines Liebesbriefes in deutscher Sprache für eine Flamme. Ich schrieb in mein schon recht dickes Reisetagebuch. In dieser Jugendherberge gab es einen Fernseher, was ich heute etwas ausnutzte. Ich verfolgte die Abendnachrichten und schaute mir eine Folge der Serie Dallas an. Mich faszinierten die Originalstimmen der amerikanischen Schauspieler.

Recht früh ging ich dann ins Bett. Auch die anderen Zimmergenossen legten sich recht früh hin. Wenn das Wetter morgen einigermaßen mitspielt, will ich eine Fahrradtour machen, denn diese könnte man hier in der Jugendherberge ausleihen.

86. Reisetag:
Sonnabend, 4. April 1987

Nach ziemlich langer Zeit hatte ich heute erstmals wieder die Möglichkeit, etwas länger zu schlafen. Leider teilten meine Zimmergenossen diesen schönen Gedanken nicht mit mir; sie standen sehr frühzeitig auf und es herrschte natürlich Unruhe im Raum.

Kurz nach 9:00 Uhr stand ich schließlich auf und bezahlte zunächst bei Adrienne, der Leiterin der Jugendherberge Dargaville, eine weitere Nacht. Außerdem gab ich ihr $NZ 4 für die Miete eines Fahrrads. Ich frühstückte dann Toast, Eier, Cornflakes, Milch und Obst. Gar nicht schlecht, oder?

Wettermäßig war es heute heiter bis wolkig, windig und mild. Das Fahrrad hatte eine gute Qualität und schon bald brach ich zu einer Tour auf. Viele atemberaubende Ziele gab es hier allerdings nicht. Ich fuhr in Richtung Bayley´s Beach, etwa vierzehn Kilometer vom Zentrum Dargavilles entfernt.

Schon bald stieg ich das erste Mal vom Sattel. Ich schaute Jugendlichen auf einem Sportplatz zu, die gerade ein Rugby-Training abhielten. Dann fuhr ich weiter. Die Straße war einfach zu befahren. Es war auch nicht besonders hügelig. Umso näher ich der Ostküste kam, umso sonniger wurde das Wetter. Und als ich dann schließlich mein geliehenes Fahrrad an einen Baum schloss, war es nahezu wolkenlos und herrlich warm. Geradezu ideal für eine ausgedehnte Strandwanderung!

Ich bog rechts ab und ging am Rande des Meeres entlang. Keine Menschenseele war zu sehen! Nur hin und wieder entdeckte ich Spuren von Motorradreifen im Sand. Viele Möwen und ab und zu mal ein einsamer Reiher, waren die einzigen Lebewesen, die ich sah.

Ich spazierte bis zu einem Felsengebilde, das vom Wasser umspült wurde und unheimlich interessant aussah. Ich begab mich jetzt auf den Rückweg und war gegen 13:15 Uhr wieder am Ausgangspunkt. Nun wollte ich noch zu einem anderen Aussichtspunkt gehen, fand aber nicht den richtigen Pfad dorthin und so musste ich es lassen.

Mein Fahrrad schob ich den Hügel hinauf und machte Pause. Bei einem Dairy machte ich Pause und erlabte mich mit einer eiskalten Milch und einem Moro-Schokoladenriegel. Auch eine Zeitung hatte ich mir wieder gekauft; es gab darin aber praktisch keinen einzigen interessanten Bericht.

Urplötzlich kam es zu einer traurigen Episode des heutigen Tages. Ein kleines Hündchen wurde von einem Auto angefahren. Herbeigelaufene Menschen holten es von der Straße und legten es unter den schattigen Baum vor dem Dairy. Schrecklich, wie das arme Tier quiekte und winselte. Ganz deutlich konnte ich das gebrochene Beinchen sehen. Dieses Bild ging mir sehr zu Herzen und ich musste sofort an meinen Wurzel daheim denken.

Der angefahrene Hund wurde kurz darauf zu einem Tierarzt gefahren. Mir tat das Tier unheimlich Leid. Hoffentlich konnte ihm der Arzt helfen.

Nach dieser traurigen Szene fuhr ich den gleichen Weg zurück, den ich bereits gekommen war – eine Alternative gab es nicht. Jetzt fand im Rugby Park von Dargaville ein richtiges Spiel statt. Es war ein Senioren-Derby zwischen den Gastgebern Dargaville und den Old Boys. Die Stimmung war einzigartig. Ich hatte sehr viel Spaß bei diesem so kampfbetonten Spiel zuzuschauen.

Ein Kiwi, der mir neben saß, erklärte mir die wichtigsten Spielregeln. Viele Maoris saßen auf meiner Seite, die alle die Old Boys anfeuerten. Für mein ungeübtes Auge gab es aber nicht den geringsten Unterschied zwischen Rugby und Football zu erkennen. Ich verfolgte das Spiel bis zum Schluss und kehrte dann zur Jugendherberge zurück, wo nicht mehr viel passierte und ich mich etwas langweilte.

Meine Unlust, mich mit anderen Reisenden zu unterhalten, hielt auch heute an. Ausnahme war der Neuseeländer Roger, mit dem ich zusammen Sport, Musik und Nachrichten im Fernsehen verfolgte. Ich machte mir dann ein Essen in der Küche, duschte noch und erledigte verschiedene Kleinigkeiten. Letztendlich legte ich mich schon frühzeitig ins Bett und wartete auf den morgigen Tag.

87. Reisetag:
Sonntag, 5. April 1987

Wieder um 9:00 Uhr verließ ich mein Bett in der Jugendherberge Dargaville. Gleich darauf brach Hektik aus, denn ein von Adrienne arrangierter Farmbesuch sollte schon in Kürze beginnen. So nahm ich hastig ein schnelles Frühstück im Stehen ein. Es war dann der Vater von Adrienne, Ted, der mich in seinem Landrover zu einem Besuch auf seine Farm abholte.

Das Wetter war heute nicht besonders schön. Es war wolkig und vor allem am Morgen regnete es hin und wieder etwas. Ted hielt nur Rinder auf seiner Farm. Es war eine von insgesamt zwei Farmen, die er hier in Dargaville besaß. Natürlich war auch diese Farm flächenmäßig sehr groß; aber kein Vergleich mit der Größe von Kevin Murphy´s Farm. Auch war es nicht so abwechslungsreich hier.

Natürlich gab es auch hier einen Hund und zwar den freundlichen Chip. Er war auf Rinder trainiert und extrem schlau. Ted erklärte mir die wesentlichen Dinge, die auf dieser Farm von Bedeutung waren. Mit dem Landrover fuhren wir über das Farmgelände, wo es auch eine Vielzahl kleiner Teiche gab. Hier wurden in der Saison Enten geschossen.

Nach einem Regenschauer half ich Ted beim Stapeln von Ästen und Zweigen, die er in den nächsten Tagen mit einem Lastwagen abholen wollte. Nach etwa drei Stunden brachte mich Ted nach Dargaville zurück. Hinten im Wagen saß Chip. Unterwegs hielt Ted an und präsentierte mir von einem Hügel die wunderschöne Aussicht auf die Umgebung. Hier oben gab es auch ein Museum. Davor waren die zwei Masten der Rainbow Warrior ausgestellt. Dieses Greenpeace-Schiff war ja vor ein paar Jahren von den Franzosen unter spektakulären Umständen im Hafen von Auckland versenkt worden.

Nachdem ich mich von Ted verabschiedet hatte, spülte ich in der Jugendherberge noch schnell mein Geschirr ab, was ich heute morgen nicht mehr geschafft hatte. Ich ging dann noch einmal zu dem Museum zurück. Was anderes sollte man an einem Sonntag in Dargaville anfangen? Es war nicht weit; unterwegs legte ich noch einen Stopp in einem Imbiss ein.

Der Eintritt ins Museum betrug $NZ 2; aber es war nur mäßig interessant. Im Mittelpunkt standen Kauribaumerzeugnisse. Ich war schnell durch mit allem. Vor den mächtigen Masten der Rainbow Warrior rauchte ich noch eine Zigarette, ehe ich meinen Rückmarsch in die Stadt antrat.

Ich hatte noch Kleinigkeiten eingekauft und legte mich dann vor Langeweile auf die Couch in der Jugendherberge und hielt ein kleines Nickerchen. Bald darauf trafen neue Reisende ein. Gerade heute hatte ich gehofft, allein im Haus zu sein, denn ich wollte gern den Horrorfilm Alien in aller Ruhe sehen, der heute vom neuseeländischen Fernsehen ausgestrahlt wird.

Zu den Neuankömmlingen gehörten der Australier Mark, der Kanadier David und der Deutsche Hans sowie die Engländerin Sandra. Die kannten sich alle untereinander. Mit David und Mark vertrieb ich mir die Zeit mit einer Partie Scrabble.

In einem Imbiss gab ich mein letztes Bargeld aus. Übers Wochenende hatte ich mich finanziell etwas verkalkuliert. Schließlich war es soweit und ich machte es mir vor dem Fernsehgerät gemütlich, um den Science Fiction - Klassiker Alien in der amerikanischen Originalfassung anzuschauen. Mark und David leisteten mir Gesellschaft; auch sie schwärmten von diesem spannenden Film.

Mir war die Handlung schon bekannt, denn ich hatte den Film bereits vor einigen Jahren im Kino gesehen. Allerdings war der Fernsehempfang in der Jugendherberge nicht besonders gut. Nach Mitternacht ging es dann ins Bett. Es war ziemlich kalt im Haus und so musste ich mich regelrecht in meinen Schlafsack verkriechen.

Reportage: Die 'Rainbow Warrior' - Explosives von Admiral Lacoste


88. Reisetag:
Montag, 6. April 1987

Von Adrienne, der Leiterin der Jugendherberge Dargaville, hatte ich mir gestern Abend noch einen Wecker geliehen, um heute morgen pünktlich aufzustehen. Allerdings war das gar nicht nötig, denn draußen ging um 7:00 Uhr eine äußerst geräuschvolle Sirene los.

Wie schon gewohnt, packte ich auch jetzt wieder meinen Rucksack zusammen und verließ kurz darauf die Jugendherberge von Dargaville. Ich war froh, den Ort zu verlassen (nicht aber die freundliche Jugendherberge). Die Stadt war sehr langweilig gewesen.

Heute lag mehr Action in der Luft. Bei wolkenlosem Himmel ging ich am kühlen Morgen zum Busbahnhof und fuhr um 8:00 Uhr in Richtung Auckland. Zum Trampen hatte ich keine Lust. Ich wollte nämlich ohne weitere Übernachtung in Auckland auf die Waiheke Island. Wenn ich versucht hätte, zu trampen und keinen Lift bekommen hätte, wäre ich womöglich doch auf eine Übernachtung in Auckland angewiesen worden.

Die Busfahrt verlief ohne aufregende Erlebnisse. Die Fahrt kostete mich $NZ 23. In Maungaturoto nutzte ich einen Kurzhalt des Busses, um mir bei der Bank einen weiteren Reisescheck einzulösen. Ich war ja praktisch ohne Bargeld und um später in Wellsford ein kleines Frühstück einzunehmen, war der Tausch nötig geworden.

Mit Verspätung erreichte der Bus dann um 12:00 Uhr die Großstadt Auckland. Bis zur Abfahrt der Fähre hatte ich noch einiges zu tun. Zunächst ging ich in das Büro des Neuseeländischen Jugendherbergsverbandes, um mir ein Spezialticket zu kaufen. Drei Nächte in der Jugendherberge auf Waiheke Island plus Fähre und Busfahrt würden mich nur $NZ 36 kosten. Außerdem gab es einige Rabatte.

Ich ging in die öffentliche Bibliothek, um nach deutschsprachigen Büchern Ausschau zu halten. Aus irgendwelchen Gründen war das Ausleihen von Büchern jedoch nicht möglich, obwohl es dort sehr wohl deutschsprachige Literatur gab. Aber man musste wohl seinen Wohnsitz in Auckland haben, um sich Bücher ausleihen zu können. Ich war etwas ärgerlich, zumal ich das Buch ja auf dem Postweg hätte zurücksenden können.

Bei McDonalds aß ich zu Mittag. Nebenan befand sich ein Buchhändler, der auch eine überraschend große Auswahl an deutschsprachigen Büchern hatte. Allerdings kosteten diese Bücher natürlich deutlich mehr, als wenn ich sie in Europa gekauft hätte. Aber ich kaufte eines, weil ich mich an das Lesen hier richtig gewöhnt hatte und es mir jetzt ziemlich fehlte.

Ich entschied mich für den Romanklassiker Die Dornenvögel von Coleen McCullough, der über sechshundert Seiten hatte und den ich gewiss nicht schon wieder morgen ausgelesen hätte.

Wenig später ging ich in das Büro der Fluggesellschaft Canadian Pacific Airlines, wo ich erstmals meinen Flug am kommenden Sonntag bestätigen ließ. Diese Aktion verlief völlig ohne Probleme.

Jetzt ging ich langsam zum Fähren-Terminal. Um 14.00 Uhr legte das Boot ab und verließ Auckland in Richtung Waiheke Island. Bei herrlichem Wetter erwartete mich eine schöne einstündige Reise auf dem Wasser. Überraschend traf ich auf dem Boot auch den Deutschen Volker aus der Nähe von Bad Segeberg wieder, den ich zuvor schon in Wellington, im Abel Tasman Nationalpark und in Nelson getroffen hatte. Volker hatte ebenfalls vor, für einige Tage in der Jugendherberge Onetangi zu übernachten.

Wir haben uns während der Überfahrt prächtig unterhalten und ich freute mich über das Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Im Hafen von Waiheke Island stand schon der Bus bereit, der uns direkt zur Jugendherberge brachte. Wir brauchten dann nur noch einen Hügel zu erklimmen und hatten vom Haupteingang aus einen unbeschreiblich schönen Ausblick auf den Ozean und den paradiesischen Strand.

Die Jugendherberge war ebenfalls ein schönes Gebäude mit Zwei-Bett-Zimmern, Farbfernseher und einem gemütlichen Gemeinschaftsraum. Die Anmeldung ergab dann, dass sich Volker und ich ein Zimmer teilten, was ich natürlich sehr begrüßte. Wir stellten unser Gepäck im Zimmer ab und gingen dann noch einmal los, um in den wenigen Geschäften etwas einzukaufen.

Wir gingen dann einen anderen Weg zur Jugendherberge zurück. In der Zeitung entdeckte ich dann einen internationalen Wetterbericht, der für Toronto, meinem nächsten Flugziel einen Höchsttemperatur von +5 °C und eine Tiefsttemperatur von –3 °C verkündete – dazu noch der Hinweis snow! Das konnte ja heiter wird. Bis zu meinem Abflug am Sonntag war es nicht mehr fern und ob es sich bis dahin noch einmal spürbar erwärmte?

In Deutschland war es offensichtlich schon frühlingshaft warm. Volker hatte nämlich einen Weltempfänger dabei und war in der Lage die Deutsche Welle zu empfangen. So wurde ich erstmals nach vielen Wochen wieder mit Nachrichten versorgt. So hatte es wohl eine deutsch-iranische Krise gegeben, weil Rudi Carrell in seiner Fernsehshow Ayatollah Khomeini in Damenunterwäsche gezeigt haben soll.

In Hessen gab es Neuwahlen mit einem Sieg der CDU/F.D.P.-Koalition. Nach der Bundestagswahl hatte es wohl auch einen Eklat um den bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß gegeben, der nicht an der Bonner Runde teilgenommen hatte, weil er wohl etwas zu viel getrunken hatte. Auch Journalisten soll er wohl verbal angegangen sein.

Sensationen gab es auch im Fußball. Udo Lattek geht in der nächsten Bundesliga-Saison zum 1. FC Köln; Jupp Heynckes geht zum FC Bayern München. Karl-Heinz Rummenigge kehrt wohl zum FC Bayern München zurück und auch Bernd Schuster ist dort mittlerweile im Gespräch. Uli Stein vom Hamburger SV meldet wohl wieder Ansprüche auf die Nationalmannschaft, nachdem Toni Schumacher vom 1. FC Köln ausgeschlossen worden war, nachdem er seinen Memoiren veröffentlicht hatte. In seinem Buch hatte er gesagt, dass der Dopingkonsum im deutschen Lager üblich ein. Das Länderspiel in Israel gewann Deutschland mit 2:0. Im Halbfinale des Fußball-Europapokals trifft der FC Bayern München auf Real Madrid und Borussia Mönchengladbach auf Dundee United.

Auch in der Fußball-Bundesliga gab es teilweise heftige Überraschungen. So hat der SV Werder Bremen sein Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach mit 1:7 verloren. Zuvor hatte Bremen den Hamburger SV mit 2:1 bezwungen, die Hamburger aber mit 1:2 eine Heimniederlage gegen den FC Bayern München erlitten. In der Tabelle steht der FC Bayern München jetzt mit drei Punkten Vorsprung vor dem Hamburger SV auf Rang 1.

Diese vielen Nachrichten waren eine Wohltat. Jetzt fühlte ich mich besser informiert. Jetzt ging ich unter die Dusche. Im Fernsehen schaute ich mir die Nachrichten an und machte mir danach etwas zu essen. Ich notierte mir noch einiges in mein Reisetagebuch. Mit Volker unterhielt ich mich über Gott und die Welt.

Jetzt ist es 22:40 Uhr und ich werde wohl noch eine abschließende Zigarette rauchen gehen. Volker lag schon schlaftrunken im Bett. Er hatte in den letzten beiden Tagen offensichtlich kaum geschlafen. Innerhalb kürzester Zeit ist er von der Südinsel nach Auckland durchgerauscht.

Ich legte mich dann auch bald hin. Trotz eines schönen, langen Tages war ich kaum müde. An guten Schlaf war ohnehin nicht zu denken , denn immer wieder wurde ich von Mücken umsurrt, die auch immer wieder zustachen. Der Juckreiz war total nervig. Insgesamt war dieser heutige Montag aber ein Lichtblick nach einigen schwächeren Tagen.

89. Reisetag:
Dienstag, 7. April 1987

Erst um 9:15 Uhr stand ich heute in der Inseljugendherberge von Onetangi auf. Ich war etwas träge, obwohl draußen herrlich warmes und wolkenloses Wetter herrschte. Aber ich wollte mich heute nicht hetzen lassen. Auch Volker freute sich über die Ruhe im Zimmer und blieb ebenso lange liegen.

Ich ging ins Bad und danach in die Küche, wo ich mir ein Frühstück vorbereitete. Ich wollte heute mal abwarten und sehen, was so kommt. Genaueres hatte ich nicht geplant. Eine beabsichtigte Fahrradtour verschob ich auf morgen.

Nach einem ruhigen Frühstück ging ich zunächst in eines der beiden Lebensmittelgeschäfte und kaufte Brot, Getränke, Zeitung, Fleisch und Kartoffeln ein. Es war herrlich warm und ich konnte problemlos mit Shorts und T-Shirt herumlaufen. Ein Wetter wie aus dem Bilderbuch!

Auf dem Weg zurück zur Jugendherberge begegnete Volker, der mit anderen Bekannten zum Golfspielen ging. In der Jugendherberge stellte ich die eingekauften Lebensmittel in den Kühlschrank und ging dann an den wunderschönen Strand, der, wie so häufig, menschenleer war.

Niemals habe ich in meiner Zeit in Neuseeland auch nur ein einziges Mal einen nur annährend überlaufenen Strand gesehen. Wenn man dann an den Wahnsinn denkt, der sich in der Saison an deutschen Ostseestränden abspielt ...

Ich spazierte einen Moment am Wasser entlang. Kurs darauf legte ich mich in den Sand und las erstmals in meinem neu gekauften Roman. Das Lesen setzte ich dann von der Jugendherbergsveranda fort, wo ich einen wunderschönen Ausblick auf das Meer genoss.

Vor mir liefen zwei Gänse, diverse Hühner und auch Truthähne herum. Auch ein drolliger Dackel ließ sich von mir streicheln. Jetzt las ich die neuseeländische Zeitung; die Artikel war aber wenig spektakulär und beschäftigten sich ausnahmslos mit Neuseeland und weniger mit dem Weltgeschehen.

Ich relaxte so vor mich hin, aber Langeweile kam nie auf. Ein Höhepunkt war dann um 15:00 Uhr die Direktübertragung des Boxkampfes im Mittelgewicht zwischen Marvin Hagles und Sugar Ray Leonhard (beide USA), den ich mir im Fernsehen anschaute. Für Sugar war es das Comeback. Er gewann den Kampf nach Punkten. Es war ein unglaublich packender Fight. Auch andere Jugendherbergsgäste waren zurückgekehrt, um sich diese Übertragung anzuschauen. Über 330.000.000 Menschen sollen, so der Reporter, live am Fernsehschirm dabei gewesen sein. Der Fernsehapparat hier in der Jugendherberge bot ein erstklassiges Bild. Auch Volker war mittlerweile zurück vom Golfspielen und guckte sich den Kampf an.

Später wanderte ich noch zu einem Aussichtspunkt der Insel, um einen Sonnenuntergang zu Gesicht zu bekommen. Gerade jetzt, wo ich hier sitze, schreibe ich diese Zeilen in mein Tagebuch. In fünfzehn Minuten soll es soweit sein. In der Tat war es dann ein unheimlich schöner Sonnenuntergang. Es war ein Erlebnis, wie der Feuerball langsam hinter dem entfernten Landstrich versank – pünktlich auf die vorhergesagte Minute.

Bei zunehmender Dunkelheit ging ich zur Jugendherberge zurück und so konnte ich noch die Nachrichten im Fernsehen verfolgen. Volker erklärte sich freundlicherweise bereit, uns ein warmes Abendessen zu kochen. Ich nutzte die Zeit, um weiter in meinem Buch zu lesen.

Es gab dann Schnitzel, Kartoffeln, Erbsen und einige Tomaten dazu. Ich ließ es mir schmecken. Dafür hatte ich später den kompletten Abwasch am Hals. Arbeitsteilung!

Obwohl es schon recht spät war, gingen Volker und ich noch in den Pub, der einen guten Kilometer entfernt lag. Ich führte vom Pub aus ein Telefonat mit Günter Wiebelitz, den nach Neuseeland ausgewanderten Buchholzer. Obwohl wir uns nie zuvor gesehen haben, war er sehr freundlich.

Gegen einen Besuch am Sonnabend hatte er nichts einzuwenden und tatsächlich bot er mir eine Übernachtung an. Das Angebot nahm ich gern an.



Im Pub war Volker mit drei Neuseeländern aus Gisborne ins Gespräch gekommen. Ich gesellte mich auch dazu. Viel Zeit war allerdings nicht mehr; die Pubs schließen früh. Die drei Kiwis fuhren uns zur Jugendherberge zurück. Mit Volker hörte ich dann in das Radioprogramm der Deutschen Welle hinein. Spektakuläre Meldungen gab es aber nicht.

Volker und ich legten uns ins Bett. Wir haben uns noch bis nach 1:00 Uhr über alle möglichen Themen unterhalten. In dieser Nacht konnte ich deutlich besser schlafen. Die Mücken stachen mich zwar auch diesmal; aber zumindest hörte ich ihr nerviges Surren nicht.

90. Reisetag:
Mittwoch, 8. April 1987

Auch heute erhob ich mich erst gegen 9:00 Uhr aus meinem Bett in der Jugendherberge Onetangi auf Waiheke Island. Ich nahm ein schnelles Frühstück bestehend aus Cornflakes und Milch ein. Das Wetter war auch heute wieder blendend schön mit nur sehr wenigen Wolken, die sich hin und wieder vor die Sonne schoben.

Wahrscheinlich hatte John, der Warden, gestern bemerkt, dass ich zu faul war, meine Duty zu erledigen. So sollte ich doch heute tatsächlich Pinienzapfen im Vorgarten aufsammeln. Davor konnte ich mich nicht drücken, denn diese Duty war kontrollierbar. Mit listigem Blick drückte er mir einen Sack in die Hand.

Zu dieser Duty hatte ich nun überhaupt keine Lust. Etwas unlustig ging ich in das kleine, zum Grundstück gehörende Waldstück und begann mit dem Aufsammeln der Zapfen. Das hatte auch der zur Jugendherberge gehörende Esel bemerkt, der sogleich herangaloppiert kam und nicht mehr von meiner Seite wich, was das Aufsammeln auch nicht gerade leichter machte. Mit Vorliebe stand der Esel immer genau dort, wo ich gerade einen Zapfen aufheben wollte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, der Esel würde mich angrinsen; außerdem glaubte ich ein Zeichen von Verachtung in seinem Gesicht erkennen zu können.

Mit einem zur Hälfte gefüllten Sack kam ich zurück. Volker hatte eine ähnliche Duty erhalten. Ich machte mich dann auf den etwa drei Kilometer langen Weg nach Ostend, wo sich eine Fahrradvermietung befand. Es war allerdings kein großer Bestand an Fahrrädern vorhanden; erst nach einer halben Stunde hatte ich ein einigermaßen gutes gefunden. Ich lieh es für vierundzwanzig Stunden zum Preis von $NZ 15 aus. Jugendherbergsmitglieder erhielten einen Rabatt, der aber bereits abgezogen war.

Es war ein flottes Zehn-Gang-Rad mit breiten Reifen, was günstig für die vielen nicht asphaltierten Straßen war. Ich fuhr zunächst über hügelige Straßen nach Oneroa, wo sich ein weiterer schöner Sandstrand befand. Hier legte ich eine Rast bei einem Dairy ein Ich fuhr dann weiter zum Fährenterminal nach Matiatia. Ich brauchte trotz der teilweise steilen Anstiege kaum abzusteigen und schieben, da die Gangschaltung des Fahrrades hervorragend funktionierte. Die Abfahrten waren dann immer sehr rasant und erfrischend durch den angenehmen Fahrtwind.

Im Shopping Center nahe des Hafens legte ich dann eine längere Pause ein. Hier aß ich ein leckeres Bananen Split-Eis. Mit dem Fahrrad fuhr ich dann zur Palm Beach im Norden der Insel. Immer wieder traf ich den älteren Engländer Gordon wieder, der auch in der Jugendherberge übernachtete. Er war zu Fuß unterwegs.

Als ich Palm Beach erreichte, nahm ich sogleich ein Bad im Ozean. Ich war natürlich durchgeschwitzt und erfrischte mich auf entsprechendende Weise im herrlichen Nass.

Nach dem Bad ging es eine weitere ungeteerte Straße steil bergauf, die später in die Sea View Road mündete, wo ich zur Jugendherberge zurückkehrte. Die Landschaft und die Strände waren wirklich einmalig schön hier. Entsprechend gut gefiel mir der Aufenthalt auf Waiheke Island. Zudem spielte das Wetter mit. Auch wenn ich keine großen Ausflüge vorhatte, kam keine Langeweile auf. Die Gesellschaft, die ich hier in Volker hatte, sorgte ebenfalls für positive Abwechslung.

Der Bad Segeberger war allerdings nicht da, als ich zur Jugendherberge zurückkehrte. Dafür war der Deutsche Sebastian da, den ich bereits in Kerikeri kennen gelernt hatte. Mit seiner obercoolen Art ging er mir allerdings ein wenig auf die Nerven. Weitere bekannte Gesichter konnte ich nicht ausmachen. Da war höchstens noch der Franzose Oliver , mit dem ich flüchtig in der Jugendherberge Tauranga geredet hatte.

Ich setzte mich dann noch einmal auf meinen Drahtesel und fuhr zu den beiden Geschäften in Onetangi, wo ich noch Kleinigkeiten einkaufte. In der Jugendherberge las ich wieder in der Zeitung und auch in meinem dicken Roman. Ab und zu rauchte ich mal eine Zigarette und genoss die imposante Landschaft von hier oben. Hier zu leben und hier ein kleines Häuschen zu haben – das wäre was.

Ich ging dann unter die Dusche und verfolgte im Fernsehen die Abendnachrichten. Während der Sendung kehrte Volker von seiner Wanderung zurück. Er holte seinen Weltempfänger und wir hörten dann auch noch die Nachrichten der Deutschen Welle aus Köln.

Bald darauf gingen wir noch einmal in den Pub. Ich hatte bisher kaum etwas gegessen und wollte dieses nun im Pub-Restaurant tun. Vor dem Pub wurde ein Barbeque veranstaltet, an dem ich auch hätte teilnehmen können, doch hätte ich mir das Fleisch selbst grillen müssen, wozu ich aber im Moment wenig Lust verspürte.

Auch vor dem Restaurant standen wir etwas unschlüssig herum, denn drinnen schien es sehr nobel zu sein und wir hatten natürlich keine vornehme Kleidung an. Volker verdrückte sich schnell und ging hinüber in den Pub, während ich im Restaurant blieb. Die Bedienung fragte dann gleich, ob ich im Hotel übernachten würde, was ich natürlich verneinte.

Ich nahm an, dass ich mit dieser Antwort kein Essen mehr bekommen würde, doch das war zum Glück ein Irrtum. Die freundliche Bedienung brachte sogleich die Speisekarte. Ich bestellte einen Snapper, den Fisch also, den ich seit Taipa in so guter Erinnerung hatte. Es war allerdings recht teuer hier im Restaurant. Das Snapper-Gericht kostete mich $NZ 14,50, das Bier dazu weitere $NZ 3. Die Portion war normal; der Geschmack einmalig gut! Der Fisch war so zart und mit Käse und Shrimps überbacken. Dazu gab es verschiedene Gemüse und zwei geröstete Kartoffeln mit Salat plus Brot und Butter.

Nach dem leckeren Mahl ging ich hinüber zu Volker in den Pub, wo ich noch ein weiteres Bier der Sorte Joseph Kuhtze trank. Kurz vor 22:00 Uhr gingen wir dann, unter dem prachtvollen Himmel der südlichen Hemisphäre, zurück zur Jugendherberge, wo ich noch ein wenig gelesen habe. Gegen 23:00 Uhr hörten wir dann noch einmal die Deutsche Welle mit dem Ergebnis des Bundesliga-Nachholspiels FC Homburg gegen Borussia Dortmund (2:2).

Bald darauf rieb ich mich zum Schutz vor den Mücken mit Dimp ein und versank langsam in den Schlaf.

Joseph Kuhtze, der berühmte neuseeländische Bierbrauer