Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Niagara-on-the-Lake in Ontario

Niagara-on-the-Lake in Ontario


An den Laternenmasten hängen üppig geschmückte Blumenampeln, weiße Pferdekutschen warten vor dem bald 150 Jahre alten Hotel »Prince of Wales« auf Fahrgäste. Gegenüber parkt ein Ford A-4, Baujahr 1929, am Lenkrad ein Mann mit kariertem Pullover und Schiebermütze. Wenn sie es nicht besser wüssten, könnten Besucher von Niagara-on-the-Lake glatt glauben, sie seien nicht im modernen Kanada, sondern irgendwann und irgendwo in der Vergangenheit gelandet. Doch das hier ist die Gegenwart, und einer der bekanntesten Orte Nordamerikas liegt nur 25 Kilometer südlich: die Niagarafälle.

Niagara-on-the-Lake - so genannt, weil hier der Niagara-Fluss in den Ontariosee mündet - wirkt nicht nur auf den ersten Blick wie ein Kontrapunkt zum Massenbetrieb an den weltberühmten Wasserfällen: Keine tosenden Fluten und schrillen Reklametafeln nehmen die Sinne gefangen, stattdessen herrscht eine entspannte, ruhige Atmosphäre.

Natürlich ist auch hier alles auf Touristen eingestellt: Der Herr mit dem Oldtimer verlangt für eine 30-Minuten-Fahrt vorbei an vielen großzügig wirkenden Holzhäusern und Villen 50 kanadische Dollar - rund 31 Euro. Doch mit der Queen Street gibt es im Ort -nicht gerade typisch für Nordamerika- auch eine echte Flaniermeile mit vielen kleinen Restaurants und schicken Geschäften, die zum Beispiel Kerzen, Christbaumschmuck oder lokale Weine verkaufen.

Auch die meisten Häuser in den Seitenstraßen werden von ihren Besitzern herausgeputzt: Im Sommer scheint es so, als finde im Ort ein permanenter Rosenzüchter-Wettbewerb statt. Die Einwohner sitzen in Schaukelstühlen auf ihren weiß gestrichenen Veranden und lassen den Tag und die Besucher an sich vorbeiziehen. Auf sympathische Weise wirkt Niagara-on-the-Lake altmodisch.

Daran, dass die kleine Stadt auf historisch bedeutsamem Boden errichtet ist, erinnert zum Beispiel das Fort George, ein in der Zeit um 1930 entstandener Nachbau eines Militärlagers, das am Anfang des 19. Jahrhunderts im britisch-amerikanischen Krieg heftig umkämpft war. In historischen Kostümen wird hier für die Touristen das Garnisonsleben um 1812 nachgespielt. Ebenfalls für Geschichtsinteressierte einen Besuch wert sind die Reste des 1814 errichteten Fort Mississauga direkt am Seeufer. Auf dem Weg dorthin fliegen den Besuchern heute keine Gewehrkugeln um die Ohren, sondern Golfbälle. Die Ruine ist wie umzingelt von einer Neun-Loch-Anlage. Stolz weist der Niagara-on-the-Lake Golfclub darauf hin, dass es sich dabei um den ältesten Golfplatz Nordamerikas handelt: Bereits seit 1875 werden hier die kleinen Bälle eingelocht.

Große Bedeutung hat in Niagara-on-the-Lake heute der Weinanbau: Rund vierzig der gut neunzig Weingüter in Ontario befinden sich hier. Dreizehn haben eine »Weinroute« aus der Taufe gehoben und bieten Führungen und Weinproben an. »In der internationalen Weinszene gelten die Kanadier immer noch als Exoten«, sagt Bruno Reis, Vertriebschef von Konzelmann Estate, einem 1987 von dem ausgewanderten Schwaben Herbert Konzelmann gegründeten Betrieb, der jährlich rund 500.000 Flaschen produziert.

»Die Böden sind unverbraucht, und es gibt 1.000 Sonnenstunden pro Jahr mehr als in Deutschland«, sagt Reis. »Bedingt durch die Nähe zum See haben wir im Sommer, wenn es hier heiß wird, kühle Nächte. Und im Winter ist es nicht so kalt wie sonst in Kanada.« Dennoch gilt gerade Eiswein aus nach dem ersten Frost gelesenen Trauben als Spezialität der Region. Doch auch die Pinot Noirs, Chardonnays und Rieslings aus den »Wineries« rund um Niagara-on-the-Lake sind eine Kostprobe wert.

Lest bitte auch die Reportage: Hello Ontario!