Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Napier: Geschenke des Meeres

Napier: Geschenke des Meeres

Neuseelands Hafenstadt Napier ist ein schönes Beispiel für Stadtarchitektur in Art Deco

Irgendwo dort oben muss die Stadt liegen, die man schon von weitem über den Weinbergen der Gegend ahnen konnte. Zu sehen ist ein großer Hügel, der sich bei der Anfahrt allmählich in zwei oder drei kleinere teilt. Aber war nicht auch vom gut funktionierenden Hafen der Küstenstadt Napier die Rede? Man fährt weiter, hält unten an einem der Hügel bei einem kleinen Park, durchquert ihn zu Fuß und steht auf einmal am Rand eines eigenartigen künstlichen Paradieses, das man an diesem Ende der Welt zuletzt erwartet hätte.

Ein einstöckiges, ockerfarbenes Eckgebäude, das mit seinen niedrigen blauen Türen und vielen schmalen Bogenfenstern prachtvoll in die Breite geht, sieht allenfalls mexikanisch aus, mit der üblichen Vorstellung von Neuseeland hat es jedenfalls nichts am Hut. Und dieses Provincial Hotel, das kein Hotel mehr ist, sondern eine einfache Bar, ist nur das erste Gebäude im Zentrum der Art Deco-Stadt Napier, das sich auf ein halbes Dutzend Straßen beschränkt. Aber was diese enthalten, ist so besonders wie ihre Geschichte, die am Dienstag, den 3. Februar des Jahres 1931 um 10 Uhr 47, begann.

"Ich fühlte mich wie auf einem Schiff bei rauer See", erinnert sich die Betroffene Nancy Hobson in einem Video, das regelmäßig im Stadtmuseum von Napier zu sehen ist. Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig nach draußen. "Man wusste nicht, ob man gleich umfallen würde. Ich stolperte über Kabel und fiel über Leute. Es war plötzlich dunkel und sehr lange hörte man das unheimliche Geräusch einstürzender Hausmauern." Was Nancy Hobson "sehr lange" nannte, dauerte nur Minuten, aber es reichte: Zwei Erdstöße, die auf der Richterskala den Wert 7,9 erreichten, zerstörten das kleine Geschäftszentrum der kleinen Stadt an der Ostküste Neuseelands.

258 Menschen in der Region, davon 162 im damals 16.000 Einwohner zählenden Napier, starben bei der bislang größten Naturkatastrophe des Landes und dem anschließend ausbrechenden Feuer. Die vielen Ziegelsteinbauten waren während der Erdbeben in sich zusammengefallen. Die Holzbauten hingegen, die das Beben hatten ausgleichen können, fielen dem Feuer zum Opfer. Binnen Sekunden stürzten über 900 Kamine ein. Die Kosten der Schäden beliefen sich, in die Gegenwart hochgerechnet, auf etwas über 500 Millionen Euro.

Sofort starteten Hilfsaktionen von der HMS Veronica aus, die gerade im Hafen vor Anker lag. Auf der Marine Parade wie auf der Rennbahn baute man Zeltstädte auf, ein nationales Hilfskomitee wurde gebildet, und die Weltwirtschaftskrise, die eben Neuseeland erreicht hatte, schickte ihre Arbeitslosen. Trotz allem blieb die Lage längere Zeit desaströs. Als er Wochen später in einen Zug gestiegen sei, erzählt ein Augenzeuge in dem Video, habe sich ein schweres Nachbeben ereignet, eines von 674 in zwei Monaten. Aus der Hauptstadt Wellington angereiste Helfer stiegen gar nicht erst aus, fuhren gleich wieder zurück. Doch während die Erde bebte, wurde schon wieder gebaut - allerdings etwas anders als bisher.

Napier war schon seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein vielbesuchter Badeort, aber damals nach viktorianischem Muster, mit wuchtigen, kolonialen Gebäuden. Der Namensgeber Sir Charles Napier war ein Held des Indienkriegs und noch heute heißt eine Straße Hyderabad. Als die Katastrohe kam, hatten sich die Akzente jedoch verschoben. Neuseeland hatte sich mehr nach Amerika ausgerichtet, nicht zuletzt architektonisch. 1930 war in Napier das erste Art Deco-Haus gebaut worden. Frank Lloyd Wright wie Louis Sullivan galten als Baumeister der Zukunft. Darüber hinaus hatte man ein vages Vorbild: 1925 war Santa Barbara von einem Erdbeben getroffen worden, und der dort beim Wiederaufbau verwendete Spanish Mission Style kam dem Lebensgefühl in der niederschlagsarmen, sonnenverwöhnten Hawkes Bay näher als der des englischen Seebads Brighton, das bisher Vorbild gewesen war.

Zuerst sollte alles nach einem Master Plan gebaut werden. Dank der größer werdenden Finanznot geschah etwas anderes: Ein ganz spezieller Napier-Mix aus Art Deco und Spanish Mission entstand. Zwar hatte man in Louis Hays, einem begabten, ortsansässigen Architekten, eine Art Projektleiter, doch war Hays, ein Bewunderer Frank Lloyd Wrights, klug genug, nicht alles, was er selber nicht bauen konnte, auch noch bestimmen zu wollen.

Es ist nicht leicht zu sagen, was den überwältigenden Eindruck ausmacht, der einen beim ersten Spaziergang durch Emerson Street und ihre Nachbarinnen packt: die durchgängig freundlichen Farben, die spröde Eleganz der wenigen, wiederkehrenden Motive und Ornamente? Die milde Exotik des von den Maya übernommenen Ziggurat, der mexikanischen Rundbögen? Die Vielfalt in der Kombination der geometrischen Elemente? Oder der Gesamteindruck des Individuellen, noch nie Gesehenen? Auch dass die filigranen, fein restaurierten Gebäude oft einfache Geschäfte beherbergen, schafft einen reizvollen Kontrast.

Allen Gebäuden gemeinsam ist die landhaushaft bescheidene Grundbauweise mit großzügig angelegten Fenstern. Die sparsam eingesetzten Ornamente sind zwar ein generelles Kennzeichen der Phase zwischen Historismus und Moderne, aber in dieser Geschlossenheit gibt es Art Deco nirgendwo sonst. Und die oft frisch von der Universität her engagierten jungen Architekten bezogen schon damals Maori-Symbole in die dekorative Gestaltung mit ein. Ein gelungenes Beispiel ist das ehemalige Gebäude der Bank of New Zealand, heute ASB, das an seiner Fassade und in den opulent verzierten Innenräumen Parallelen zwischen den geometrischen Symbolen der verschiedenen Kulturen entdecken lässt.

Aber auch das landschaftliche Setting der fein ziselierten Kunst stimmt. Denn natürlich ist Neuseeland noch immer in erster Linie ein Naturparadies, das Delfin-, Regenwald-, Vulkan- und Fjordliebhaber anzieht, darunter derzeit offensichtlich immer mehr Rucksäcke schleppende deutsche Mädchen, die von unberührter, aber ungefährlicher Natur träumen und nach dem Abitur kurz zu "Wanderarbeiterinnen" werden. Wer unter dreißig ist, hat kaum Probleme mit einer vorübergehenden Arbeitsbewilligung.

Auch in Napier muss man auf die viel gerühmte Natur nicht verzichten. Wer beim Spaziergang durch die nach dem frühen Geschäftsschluss von 17:30 Uhr träumerisch verschlafenen Straßen bis zur Marine Parade vorstößt, hat plötzlich die imposante 25 Kilometer lange Hawkes Bay vor sich, mit ihrem kaum belebten weitläufigen Kieselstrand und kräftiger Brandung. Weit hinten, am anderen Ende der Bucht, liegen die Klippen von Cape Kidnappers, einer wilden Naturlandschaft, die derzeit in einer groß angelegten privaten Initiative wieder in ihren vorkolonialen Pflanzen- und Bewaldungsbestand zurückversetzt wird.

Die Menschenleere der riesigen Bucht hat ihren Grund: Ungefährlich ist das Meer bei Napier nicht. Nur geübte Schwimmer, die mit gelegentlichen starken Unterströmungen umzugehen wissen, sollten hier ins Wasser. Der Grund ist wieder das Erdbeben von 1931. Es ging von Verschiebungen zwischen den zwei sich knapp vor Neuseeland treffenden tektonischen Platten aus: Wobei die pazifische Platte die austral-asiatische allmählich im Wortsinn unterwandert. Und wenn die pazifische einen speziellen Schub bekommt, ächzt die austral-asiatische, was nie ohne Friktionen abgeht.

1931 allerdings entstand auch neues Land, das die Basis zu Napiers weiterer Entwicklung bildete. Bluff Hill und Hospital Hill, die Hügel, auf denen die Wohnhäuser des alten Napier beinahe ausschließlich lagen, waren ursprünglich als Scinde Island bekannt, Napier selbst also eine Art Insel, die mehrheitlich von Sumpf umgeben war. Durch das Beben wurde die Erde um Napier auf einer Länge von 90 und einer Tiefe von 30 Kilometern angehoben, teilweise bis zu drei Meter, der Sumpf verschwand. So entstand der gefährliche Winkel bei der Brechung der Wellen, aber auch neues Land, das dem Städtchen eine dynamische Vergrößerung ermöglichte. Plötzlich war Platz für Vororte wie Marewa, auf Maori: "Geschenk des Meeres". Hier haben Einfamilienhäuser die Form weißer Würfel oder Stäbe, lange übersehen, stehen sie heute für selbstverständliche, unangestengte Modernität.

Auch eines der schönsten Gebäude des Napier Art Deco liegt nicht im Zentrum, sondern auf der anderen Seite der Hügel, noch jenseits des belebten Frachthafens, in dem vor allem Wein und Holz verschifft werden. In der Nähe des kleinen Yachthafens von Ahuriri baute Gerhard Husheer, ein Bremer, der mit 26 zum ersten Mal nach Neuseeland kam und mit Tabakfirmen ein Vermögen machte, sein Geschäftszentrum. Während des Ersten Weltkriegs von neuseeländischen Direktoren bei der New Zealand Tobacco Company ausgebootet, ließ er nicht locker, bis er die Firma wieder aufkaufen und in seine National Tobacco integrieren konnte.

Husheer hatte Louis Hays mit dem Entwurf des neuen Gebäudes in Napier beauftragt, doch die erste, einfache Lösung passte ihm nicht. Er wollte etwas Grandioses, aber auch dem Stil der Zeit Gemäßes. Entstanden ist ein heute wieder in hellem Tabakbraun gestrichenes Firmen- und Fabrikgebäude, das schon durch sein dezent prunkvolles Eckportal überzeugt. Nach dem Muster von Louis Sullivan baute Hays einen Kubus in einen Bogen, was eine überraschende Spannung zwischen beiden Formen erzeugt, ergänzt durch Art Deco-Sonnen und ein etwas kitschiges Trauben-Lokalkolorit. In den nächsten Jahren sollen, so der Napier Art Deco Trust, der die Renovierungen in Napier leitet, große Teile des weitläufigen Gebäudes zur Besichtigung freigegeben werden.

Nach dem Rückweg ins Zentrum muss man schließlich doch noch hinauf, hoch auf die Hügel von Napier, auf die exponierte, alte Insel, die vom Erdbeben nicht erreicht wurde. Hier gab es kein Feuer, das die verschnörkelten viktorianischen Privathäuser aus Holz hätte zerstören können. Vor allem Bluff Hill, direkt am Meer, ist sehenswert. Ein Irrgarten von Sträßchen und Wegen führt an verschiedene Aussichtspunkte. Plötzlich liegt die Innenstadt unten, ganz klein, und der Blick weitet sich wieder, über die ganze Breite der Bucht.