Im Land der Maori
Der lange Flug mag eine Tortur sein, doch für Naturfans zahlt er sich aus. Neuseeland bietet auf zwei Inseln ein Universum an Naturschönheiten.
Vögel, die durch den Urwald spazieren und unter Wasser fliegen, brodelnde Vulkane und mächtige Gletscher, Wanderwege durch den Dschungel und steppenartige Weiden für Millionen Schafe. Wälder wie in Österreich, Lagunen und Strände wie in Südamerika, von hohen Bergen gesäumte Buchten wie in Alaska. Wer im Mietauto über die zwei Inseln rollt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Und so ursprünglich schön die Landschaft ist, so ursprünglich gemütlich sind die Neuseeländer. Die Zeit ist auf der anderen Seite der Welt nicht Gegner, sondern Freund.
Nach einem Tag Flug um die halbe Erdkugel ist man seiner inneren Uhr einen halben Tag enteilt. Und die Welt steht kopf: Die Mittagssonne brennt von Norden. Das Wasser fließt nicht in Uhrzeigerrichtung in den Abfluss, sondern verkehrt herum. Pinguine wohnen nachts im Küstendickicht und fliegen tagsüber unter Wasser, um Fische zu fangen. Andere Vögel stolzieren zu Fuß durch den Regenwald, weil sie das Fliegen verlernt haben, wie der nachtaktive Kiwi. Austern wachsen einem fast in den Mund und der Wein schmeckt nach Schokolade und Zitronengras. Von der Minute an verfällt man Land, Leuten, Vögeln und Wein.
Wer wegen des Jetlags einen wohltemperierten Einstieg bevorzugt, sollte statt des subtropisch-reizenden Aucklands auf der Nordinsel, Christchurch auf der Südinsel anfliegen. Die ersten Einwanderer, die 1850 eintrafen, mussten, um siedeln zu dürfen, tugendsam und fleissig sein. So wirkt die Universitätsstadt heute noch. Oxford lässt grüßen. Englisches Erbe ist auch die fast religiöse Begeisterung für Rugby. Der Besuch eines Heimspiels der Christchurch Crusaders ist ein Geheimtipp.
Die Fahrt über die Südinsel ist wie ein Roadmovie mit konträren Landschaften und Farben. Höhepunkt der Alpenkette ist die Eispyramide des Mount Cook (3.764 m), westlich von Christchurch. Die Route dahin führt vorbei am türkisen Stausee Tekapo durch eine karge, ockerfarbene Landschaft, die sich unter stahlblauem Himmel wellt. Diese regenarme Ostseite der Alpen heißt Otago und ist Heimat großer Schafherden, die wie in Zeitlupe über Hügel quellen, dirigiert von berittenen Schäfern und Bordercollies, den zwei archetypischen Outbackhelden.
Weiter westlich schlüpft der niedrige Haast Pass durch die Berge. Abrupt öffnet sich der Blick auf schaumgekrönte Pazifikwogen. Der feuchte Westküstenstreifen riecht nach Salz und Regenwald. Südbuchen tragen Moosbärte, zwischen Farnbäumen blitzen Gletscher. Bei den Dörfern Fox und Franz Josef stürzen Eiszungen fast ins Meer. Skifahrer können im Helikopter in die zerknautschte Eiswelt fliegen und vom Tasman-Gletscher zum Pazifik wedeln. Ein gewaltiges Erlebnis.
Davon hat Neuseeland viele zu bieten. Zum Beispiel wenn man um 7:00 Uhr früh einsam im Kajak auf der Lagune von Okarito paddelt - zwischen Ozean und Urwaldsaum, die Alpenkette als Panorama. Ein umherwatender Silberreiher lässt sich nicht stören. Die Kamera klickt, und sein Schnabel klackt, als er sich sein Frühstück aus dem Gezeitenschlick zieht. Nur 40 Menschen wohnen in Okarito. In solchen Mini-Orten schlägt das Pionierherz Neuseelands.
Auf der anderen Seite der Cook Strait wartet ein völlig anderes Roadmovie-Kapitel. Die Nordinsel ist kleiner, aber drei der vier Millionen Neuseeländer leben hier. Tätowierte Maoris und bleichgesichtige Angelsachsen vermischen sich im Straßenbild.
Im Insel-Zentrum schlägt Neuseelands vulkanisches Herz. Eine wunderbare Tageswanderung führt auf den feurigen Berg Tongariro. Es riecht nach Schwefel, der Boden ist schwarz und rot, Mineralseen schwimmern grün und gelb. Im Winter fährt man hier Ski, wenn der Kratersee nicht gerade schwarzen Schlamm ausspuckt.
Beeindruckend ist das Vulkan-Szenario auch im Thermalgebiet zwischen Lake Taupo und Rotorua. Schwefliges Gas und Wasser zischen überall aus dem Boden. Auf der urigen Halbinsel Coromandel weiter nördlich sprudeln heiße Quellen sogar direkt am Strand. Man schaufelt sich sein privates Strandbad und liegt feucht und warm.
Auckland, die Millionenstadt am Hauraki Gulf, sieht aus wie ein riesiges Dorf aus Einfamilienhäusern. Hierhin zieht es immer mehr Insulaner aus Tonga und Samoa, weshalb Auckland als Hauptstadt Polynesiens gilt.
Weiter nördlich, bei Dargaville und Waipoua, überleben die letzten majestätischen Kaurifichten, die von den Engländern für den Schiffbau abgeholzt wurden. Das Pioniermuseum in Dargaville erzählt die bewegte Geschichte der britischen Kolonie.
Noch ist die Queen Staatsoberhaupt. Irgendwann wird aber diese Nabelschnur zum einstigen Mutterland wohl gekappt werden. Dann werden Angelsachsen und Kelten endlich ganz in Polynesien angekommen sein. Vielleicht wird man dann auch wieder den alten Maori-Namen übernehmen: Aotearoa - Land der großen, weißen Wolke.
Wanderparadies: Pinguine und Kiwis begleiten den Trekker: Neugierige Vögel umschwirren den Wanderer, als hätten sie auf ihn gewartet. Ein winziger Rifleman, ein geschwätziger Maori-Schnäpper und ein schwirrfreudiger Fächerschwanzvogel tanzen in Reichweite und suchen Insekten. Fruchttauben berauschen sich an Miro-Früchten, die in ihrem Magen vergären und sie betrunken taumeln lassen. Man kann sich einfach auf den Urwaldboden setzen und das Vogeltreiben genießen - in Neuseeland gibt es weder Schlangen noch tödliche Spinnen.
Eine wie im Urzustand frohlockende Natur bringt seit Jahren europäische Wanderer auf die Pfade des pazifischen Inselreichs. Die schmalen Wege wurden zuvor nur von Hirsch- und Wildschweinjägern genutzt. Etwa 900 Outback-Hüttchen dienten zum Übernachten und Ausweiden der Beute. So ging das Pionierleben 150 Jahre lang seinen rustikalen Gang.
Dann kamen immer mehr Wanderer aus Europa und die Umweltschutzbehörde DOC sah sich plötzlich vom Naturverwalter in die Rolle des Tourismusmanagers gedrängt. Es gab viel zu tun: Pfade anlegen, Öko-Toiletten bauen, Gas und Wasser in den Hütten installieren. Nächtigungsgebühr und Computerbuchung für Quartiere an den gefragtesten Routen wie dem Routeburn Track rundeten die Veränderung ab. Nur den alten Ausdruck für das Herumstromern im Dickicht behielten die Neuseeländer bei: Statt Walking oder Trekking blieb man bei Tramping.
Wer sich für einige Tage auf einen der weniger populären Wanderwege begibt, spürt etwas von der Einsamkeit eines Landes, das sich vor 120 Millionen Jahren vom Gondwana-Kontinent wegdriftete. Es entstand eine beinahe komplette Walddecke aus endemischen Pflanzen und einer seltsamen Vogelwelt, von der ein Großteil das Fliegen vergaß, weil ihnen am Boden kein Feind nachstellte. Das fragile Inselreich wurde erst vor 1.000 Jahren von polynesischen Seefahrern entdeckt. 800 Jahre später kamen die Briten, heute die Wanderer.
Das ursprünglichste Wandergebiet liegt auf Stewart Island im Süden. Ein gut präparierter, zwei bis drei Tage dauernder Rundweg und eine 120 Kilometer lange anstrengende Route führen dort durch uralten Wald, Sumpf und die Küstenzone.
Nach einigen Tagen erlangt man instinktive Trittsicherheit und den Mut zum Schritt mitten durch den tiefsten Schlamm. Dann erkennt man im Grün mehr Schattierungen als der Dschungel Geräusche hat. Man teilt sich den Pfad mit Pinguinen und Kiwis, die hier sogar tagsüber nach Futter suchen. Übernachtet wird in ganz einfachen Hütten.
Am Ende einer guten Woche Fußmarsch winkt der Zapfhahn in der rustikalen Bar des South Sea Hotels im einzigen Inselort, Oban. Wer Glück hat, sieht auch das Südlicht, die Aurora Australis, und versteht, warum die Maoris die Insel Rakiura nannten - Insel, über der der Himmel glüht.
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