Vom Aussterben bedroht: Der Kiwi
Haustiere setzen dem neuseeländischen Wappentier arg zu
Eine junge Globetrotterin platzt mit einer kleinen Sensation in die Wanderhütte: "Leute, ich habe gerade draussen auf einer Lichtung einen Kiwi beobachtet." Damit löst sie unter den übrigen Tramps auf Stewart Island ein regelrechtes Kiwi-Fieber aus. Ausgerüstet mit einer Taschenlampe am Stirnband - stolpern sie hinaus in die Dunkelheit. Doch der Kiwi, von Natur aus ein lichtscheuer Geselle, taucht in keinem Scheinwerferkegel auf.
"Dabei sind die Chancen nicht schlecht, auf Stewart Island einem Kiwi zu begegnen", sagt Lesley Gray von der Dependance der Umweltbehörde in Oban, mit etwa 400 Einwohnern der einzige Ort auf der Insel, zu 85 Prozent Nationalpark. Im Gegensatz zu ihren Vettern auf dem "Festland" lassen sich nach Grays Darstellung die grossen braunen Stewart-Island-Kiwis auch manchmal am Tage blicken. Mehr als 20.000 Kiwis leben nach offiziellen Schätzungen auf der Insel, die 65 Kilometer lang, bis zu 40 Kilometer breit ist und -jenseits der stürmischen Foveaux Strait- am Südzipfel Neuseelands liegt.
"Doch die hiesige Situation darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kiwi, Wappenvogel und Sympathieträger Neuseelands, eine bedrohte Art ist", betont Naturschützerin Gray. Deshalb haben das Umweltministerium und die Bank von Neuseeland gemeinsam einen Hilfsfonds gebildet. "Die Zukunft des Kiwis liegt in unserer Hand", lautet das Motto. Die Initiative sieht ihre Aufgabe unter anderem darin, Schutzprogramme für den Laufvogel auf vorgelagerten, isolierten Inseln zu fördern, die frei von eingeschleppten Nagetieren sind. Hatten einst -zig Millionen Kiwis die Wälder der Nord- und Südinsel Neuseelands durchstreift, gingen Experten vor sechs Jahren nur noch von 78.000 Vögeln aus. Und 2004 hat der Bestand laut Statistik die 70.000-Marke unterschritten.
Schuld daran sind der schrumpfende Lebensraum sowie streunende Katzen und Hunde, die den Kiwis nachstellen. "Nur zehn Prozent der Küken überleben die ersten sechs Monate", heisst es einem Bericht der Umweltbehörde: "Weniger als fünf Prozent erreichen das Erwachsenenalter".
Schon die Maori, die vor mehr als 1.000 Jahren aus der tropischen Südsee ihr Aotearoa, das Land der langen weissen Wolke, erreichten und anfingen zu besiedeln, hatten auf ihren Doppelrumpf-Seglern und Auslegerbooten die polynesische Ratte mit an Bord. Ein Drama für die Vogelwelt auf der bis dahin -abgesehen von zwei Fledermausarten- landsäugetierfreien Insel im südlichen Pazifik. Die Maori jagten den Moa, einen straussenähnlichen Laufvogel, und rotteten ihn schon bald aus. Weitere Vogelarten verschwanden, nachdem die Europäer sich im späten 18. Jahrhundert auf Neuseeland, benannt nach der holländischen Provinz Zeeland, breit machten. Haustiere und blinde Passagiere wie Mäuse und Ratten sorgten für einen Gau in der Flora und Fauna. Doch die Nation setzt nun alles daran, das Ausmass der Schäden zu begrenzen.
Leider sei auch Stewart Island kein Paradies mehr für die Tiere, räumt Lesley Gray ein. Wer keinen Kiwi in Natura zu sehen bekommt, stösst am Hafen der Halfmoon Bay zumindest auf eine lebensgrosse Figur. Die hat gerade der Holz- und Knochenschnitzer Lance LeQuesne vollendet.
Der Kiwi kommt noch in sechs Arten vor und erreicht eine Höhe von bis zu 50 Zentimetern. Kennzeichen: kugelrunder Körper mit feinen, haarartigen Federn, kräftigen Beinen, kleinem Kopf und langem, dünnen Schnabel, mit dem er im Waldboden nach Würmern und anderem Getier sucht. Die Flügel sind nur ansatzweise vorhanden und im Gefieder versteckt. Vor allem sein drolliges Aussehen und sein ulkiger Laufschritt haben den Kiwi zum Nationalsymbol Neuseelands werden lassen. Ausserdem ist er Namensgeber für den Exportschlager, die Kiwi-Frucht. Die Neuseeländer nenen sich auch selbst gern Kiwis.
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