Sechser im Lotto
Michael King hat Neuseeland eine Nationalgeschichte geschenkt
Von seiner Veranda aus sieht Michael King den Pazifischen Ozean, in seinem Rücken hat er das Land der Coromandel-Halbinsel. Die Weite des Meeres, die Bodenständigkeit der Erde. Vielleicht ein guter Ort für einen Historiker, der einen lichten Tag durch die Trümmer des Postkolonialismus schlagen muss. Der Neuseeländer hat 34 Bücher in 30 Jahren geschrieben, vornehmlich über die Geschichte seines Landes, aber auch Biographien wie über Janet Frame, die viele schon als neue Literatur-Nobelpreisträgerin gesehen hatten.
Der 58-jährige King ist der Chronist Neuseelands, ein fleißiger Arbeiter wie Ranke, aber mit dem Händchen eines Braudel. Der weiße, bärtige Mann mit der großen Brille hat zudem als einer der ersten Maori-Geschichte geschrieben und seit den 70er Jahren dafür gesorgt, dass viele weiße Neuseeländer Maori und Maori ihre eigene Geschichte kennen lernten. Damit leistete er nicht nur einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Renaissance der Maori-Kultur, sondern auch zur radikalen Veränderung der neuseeländischen Gesellschaft. Denn die Maori-Kultur ist heute nicht nur eine Kultur der Ureinwohner, sondern die Identität eines ganzen Landes.
Im Herbst 2003 ist nun etwas passiert, was in der Geschichtsschreibung einem Sechser im Lotto mit Zusatzzahl gleichkommt. Kings Buch ist die "Penguin History of New Zealand", die erste umfassende Allgemeindarstellung seit 1959. Diese stammte von Keith Sinclair und galt bis heute, als das Buch, dass jeder Neuseeländer in seinem Regal haben sollte. Einschließlich der falschen Informationen, Mythen und Unwissenheiten, die oft 40 Jahre in der breiten Öffentlichkeit überdauerten. King wird heute gar nicht müde zu betonen, dass beispielsweise "Aetearoa" nicht ein von den Maori stammender Name für Neuseeland ist. Der 1915 von einem Schulbuch-Journal implementierte Mythos ist so groß, dass heute selbst Maori glauben, es sei ihre eigene Kreation. Und, nein, nicht schon um 1000 begann die polynesische Besiedlung Neuseelands, sondern rund 300 Jahre später. Für Historiker sicher nichts Neues, aber für Neuseeland und Touristen. Hier müssen nun auch deutsche Reiseführer umgeschrieben werden.
King kommt auch den Quellen solcher Mythen auf die Schliche, mit einer schlagenden Verve, im Stil eines Geschichtenerzählers, nicht als drohender Rächer, sondern als Vermittler, der Geschichte vorwärts deutet. Das ist in Neuseeland besonders wichtig, denn oft wird Geschichte nur als Verbrechensregister der Kolonialisierung gesehen.
Das 500 Seiten-Buch beginnt er mit Ernest Renan: "Eine Nation ist nicht gebunden durch die Vergangenheit, sondern durch die Geschichten über die Vergangenheit". In diesem Geiste schreibt er eine Nationalgeschichte, die erste für das moderne Neuseeland - eine, die das dünne Eis des Postkolonialismus für den heißen Tanz von Maori und Pakeha (den weißen Siedlern) endlich stabilisiert. Weder gedenkt er Maori, die ewige Opferrolle zu, noch verteidigt er die Einwanderer als die lang ersehnten Herren des Fortschritts oder ewigen Täter. Vielmehr macht er klar, dass Maori auch schnell und bewusst neue Techniken und Lebensweisen adaptieren und sich zu einem bedeutenden Einfluss für das heutige Neuseeland entwickelten. Diesen Einfluss in Mentalität, Wirtschaft, Kultur und Sprache begreift King als roten Faden des Buches und damit auch als politische Zukunft Neuseelands. "Denn Maori werden sich immer klarer darüber sein, was sie verbindet, als Pakeha sich darüber klar sein werden, was sie eint". Kommunikation ist die Lösung.
Zehn Tage nach seinem Erscheinen war das Buch ausverkauft. Neuseeland hat eine neue Geschichte und eine neue Zukunft.
Buchempfehlung: MICHAEL KING: The Penguin History of New Zealand. Penguin Books, Auckland 2003. 563 Seiten, 29,95 NZ$.
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