Ins Revier der frechen Spassvögel
Neuseeland hat viele Attraktionen, nicht alle sind bei einer Reise zu schaffen. Lohnend ist auf jeden Fall die Zugreise zu den tückischen Keas.
"Lasse deine Sachen nicht in Reichweite von Keas unbeaufsichtigt!" So warnt ein Schild im neuseeländischen Gebirgsort Arthur's Pass. Und weiter: "Kleidung, Schuhe, Gepäck, Zelte und besonders Gummiteile an Autos (zum Beispiel Scheibenwischer) sind attraktiv für Keas." Auch Schnürsenkel, Schmuck und Essbares erregen ihr besonderes Interesse. Besucher des Höhendorfes sind also gewarnt. Trotzdem finden Keas -kuriose, verspielte und aussergewöhnlich intelligente Bergpapageien- immer genug neue Opfer. Denn wo, bitte, soll man hier denn den Mietwagen parken, wenn nicht unter freiem Himmel? Und wer verzichtet schon auf ein Picknick oder auf das Zelten?
Der Kea lebt nur in Bergregionen der neuseeländischen Südinsel. Er benutzt seinen krummen, kräftigen Schnabel und seine Krallen, um das Objekt der Begierde genau zu untersuchen und möglichst auseinanderzunehmen. Sogar die mit Metalldeckeln und Steinen geschützten Müllcontainer in Arthur's Pass sind vor einem Kea nicht sicher. Mit Geduld und Einfallsreichtum gelingt es den bis 50 Zentimeter grossen Spassvögeln meistens, zum Ziel ihrer Neugier vorzudringen. Die streng geschützten Tiere tragen grünes Gefieder, doch die Unterseiten ihrer Flügel sind orange und rot.
Die 737 Meter hoch gelegene Siedlung Arthur's Pass, umgeben von Schneegipfeln der Neuseeländischen Alpen (Southern Alps) sowie der gleichnamige Nationalpark sind nicht nur per Auto (State Highway 73) erreichbar, sondern auch mit Neuseelands populärer Coast-to-Coast-Eisenbahn The TranzAlpine. Diese Fahrt von Christchurch an der Ostküste, der grössten Stadt der Südinsel, bis nach Greymouth an der rauen, nur dünn besiedelten Westküste gehört zu den wenigen noch verbliebenen Eisenbahn-Abenteuern unserer schnellebigen Zeit.
Viereinhalb Stunden dauert die 224-Kilometer-Reise durch grandiose Landschaften - von den Weideflächen der Canterbury Plains zu Flusstälern und phantastischen Felsschluchten, entlang der Berge der Alpenregion hoch zum Dorf Arthur's Pass, dann wieder abwärts zu üppigen Regenwäldern, vorbei an der See-Schönheit Lake Brunner bis nach Greymouth. Dabei passiert der TranzAlpine fünf Viadukte und 16 Tunnel; der längste von ihnen, der Otira-Tunnel, misst achteinhalb Kilometer.
Seit 1923 existiert diese für Neuseeland unentbehrliche Schienenstrecke - ein Meisterstück ihrer Ingenieure und Arbeiter. Einmal täglich führt die Bahn nach Greymouth und zurück. Start in Greymouth ist um 8:15 Uhr. Touristen absolvieren die Tour meist als Tagesausflug mit nur einer Stunde Aufenthalt in Greymouth.
Wenn an den Panorama-Fenstern des Zuges die Landschaftskontraste vorüberziehen, klicken alle Kameras. Ein Zugbegleiter informiert über besonders Sehenswertes. Wer will, kann sich in einem offenen Waggon vom Fahrtwind durchpusten lassen.
Arthur's Pass (neben Greymouth das wichtigste Ziel der Bahnfahrt) besteht eigentlich nur aus dem State Highway 73 und ein paar Häusern rechts und links dieser Piste. Kaum mehr als 50 Menschen leben hier. Doch es fehlt an nichts: Supermarkt, Postamt und Kirche bis zu Restaurants, Motels und Touristenbüro. Das einstige Camp der Gleis- und Tunnelarbeiter, die in dieser Gegend bis 1923 am Bau der Bahnstrecke schufteten, mutierte bald danach zum beliebten Ferienort. Wanderpfade verlocken zu Ausflügen in die Bergwelt.
Wildromantisch und abenteuerlich, regenreich und stürmisch - das kennzeichnet die 550 Kilometer lange West Coast mit fünf Nationalparks. Alles wie geschaffen für Touristen.
Als wirtschaftliches Zentrum fungiert hier die Hafenstadt Greymouth (13.000 Einwohner). Die historisch interessante Kleinstadt, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war sie ein Magnet für Goldsucher, ist idealer Startpunkt zur Entdeckung der dramatisch zerklüfteten West Coast-Szenerie an der Tasman Sea. Elf Kilometer weiter südlich simuliert die rekonstruierte Goldgräber-Siedlung Shantytown eine Reise in die wilden Tage der Vergangenheit.
Wieder zurück in Christchurch, kann man noch einmal den frechen, aber liebenswerten Keas begegnen: In der Willowbank Wildlife Reserve. Dort erwartet die Besucher ein Dutzend der stets zu Streichen aufgelegten Bergpapageien in einem Freigehege. Manchmal setzen sie sich auch auf Menschenschultern zum Foto in Pose. Aber leider macht ihre robuste Neugier auch vor Kameras nicht halt...
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