Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Paradies in der Kokosnussschale

Paradies in der Kokosnussschale

Wirklich wie Amerika: Doch an den Rändern wahrt Hawaii Abstand zu den Vereinigten Staaten

Nach einer Reise, die zwanzig Stunden dauert und um die halbe Welt füht, ist man geneigt, alles zu glauben. Oder bei allem nach einem Grund zu fragen. Warum also erhält man auf Hawaii, kaum mit weichen Knien dem Flugzeug entronnen, als erstes einen Blumenkranz um den Hals gehängt? Der Duft ist betäubend, und die feuchten Orchideenblüten liegen schwer im Nacken. Doch man kann das Gebinde nicht einfach abnehmen. Es wäre unhöflich. Und als Tage später jemand den Preis für die handgeknüpften Kränze erwähnt, die man hier Lei nennt -bis dreissig Dollar in der Chinatown von Honolulu, doppelt so viel überall dort, wo Touristen einkaufen- regt sich sofort das schlechte Gewissen. Der Blütenkranz sah auch am nächsten Morgen noch aus wie neu. Dennoch blieb er im Hotelzimmer zurück.

Der Lei ist ein Symbol Hawaiis, eine Chiffre für das Bild, das sich der Rest der Welt von der Inselgruppe im Pazifik gemacht hat. Weiter als dorthin kann man sich geografisch nicht von der übrigen Welt entfernen. Fünf Flugstunden von der amerikanischen Westküste liegt Hawaii ganz für sich, ein Archipel aus mehr als hundertdreissig Gesteinsflecken im Meer. Doch üblicherweise werden nur acht Hauptinseln gezählt, von denen sechs bewohnt sind.

Der Lei ist zugleich Metapher für das Ewige auf Hawaii, den Glauben an die Götter und daran, wie die Menschen dort seit Urzeiten in einem Paradies leben, das sich aus vielen kleinen Zeichen zusammensetzt. So drückt etwa die Verwendung der Blumenart für den Lei den Grad der Wertschätzung aus. Man hätte sich den Kranz am Flughafen von Honolulu doch sorgfältiger anschauen sollen.

In ihrem Garten Eden wurden die Menschen auf Hawaii, deren Vorfahren einst aus Polynesien kamen, lange nicht gestört. Spanier, so heisst es, waren die ersten Europäer, die vor den Küsten des Archipels auftauchten. Doch erstaunlich genug: Sie erzählten in ihrer Heimat nichts davon. So dauerte es weitere zwei Jahrhunderte, bevor die Alte Welt von Hawaii Kenntnis nahm. Der englische Kapitän James Cook ging 1778 bei Waimea an der Südküste von Kauai an Land. Er wurde freundlich empfangen und kehrte ein Jahr später zurück. Als seine beiden Schiffe vor Big Island auftauchten, hielten ihn die Einheimischen für die Reinkarnation eines verehrten Königs. Cook und seine Männer liessen sich die Verwechslung gerne gefallen. Doch als sie unmittelbar nach ihrem Aufbruch in einen Sturm gerieten, der die Segel zerfetzte und die beschädigten Schiffe zurück nach Big Island zwang, war es um den Nimbus des Göttlichen geschehen. Es kam zu Auseinandersetzungen, bei denen Cook und einige seiner Männer das Leben verloren. Es heisst, der Kapitän wäre seinen Verletzungen womöglich nicht erlegen, hätte er sich schwimmend auf sein Schiff gerettet. Doch James Cook konnte nicht schwimmen.

An der Stelle, wo der Entdecker fiel, ist eine weisse Stele errichtet. Sie erhebt sich auf einer Handvoll umzäunter Quadratmeter Land, das bis heute der englischen Krone gehört. Das Denkmal, an dessen Spitze die Farbe blättert, ist nur mit dem Boot zu erreichen. Die Bucht ist ein beliebtes Ausflugsziel für Schnorchler. Viele von ihnen lassen sich von grellbunten Schwimmhilfen tragen. Die beiden Enden der Plastikwürste ragen aus dem Wasser und rahmen die Oberkörper der Schwimmer. Von weitem betrachtet, sieht es aus, als trieben Blüten auf den sanft gekräuselten Wellen vor der Stele für Kapitän Cook.

Von der paradiesischen Vergangenheit Hawaiis ist auf den ersten Blick nicht viel geblieben. Waikiki heisst der Abschnitt von Honolulu, der seit bald hundert Jahren den Anspruch erhebt, Erfindung und zugleich Erfüllung des Strandlebens zu sein: der Mensch im Einklang mit Sonne, Sand und Wogen. Heute ist Waikiki eine Agglomeration von Hochhäusern direkt am schmalen Sandstrand, deren beste Zimmer mit Meerblick zu Wucherpreisen feilgeboten werden. Dahinter erhebt sich eine zweite Hochhausreihe, ihre Zimmer bieten "teilweisen Meerblick". Danach folgen weitere Wolkenkratzer, die sich mehrere hundert Meter weit ins Innere der Insel ziehen. Die mehrspurige Kalakaua Avenue trennt die erste von der zweiten Reihe. An ihren beiden Seiten drängen sich Supermärkte, Einkaufszentren, Boutiquen und Schnellrestaurants. Es ist die amerikanische Zurichtung eines Badeparadieses.

Seit 1959 gehört Hawaii als fünfzigster Bundesstaat zu den Vereinigten Staaten. Mit diesem Verwaltungsakt wurde eine mehr als sechzig Jahre zurückliegende Annexion aus wirtschaftlichen und militärpolitischen Motiven nachträglich legitimiert. Am Beispiel Hawaiis lässt sich nachweisen, wie der sprichwörtliche amerikanische Way of Life ein Land verändert mit einem Gesellschaftsentwurf, der für die ganze Welt beispielhaft, an nicht wenigen Orten sogar längst verbindlich geworden ist.

Dabei erscheint gar nicht entscheidend, wie sich etwa Waikiki innerhalb eines halben Jahrhunderts vom palmengesäumten Strand zur betonierten Megapolis des Sports und der Unterhaltung entwickelt hat. Melancholische Postkarten, die in blassen Farben das Ursprüngliche des Tourismus verherrlichen, kennt man auch von anderen Orten, deren Ursprung im Laufe der schnellen Karriere zum Ferienmassenziel auf der Strecke geblieben ist. Doch auf Hawaii reicht die Veränderung des Lebens durch die Gesetze des Tourismus tiefer. Man wird darauf in einem Film gestossen, der an der Gedenkstätte im Hafen von Pearl Harbor zu sehen ist: als Vorbereitung der kurzen Fährfahrt hinüber zum Wrack des Schlachtschiffs Arizona, das beim Überfall der Japaner am 7. Dezember 1941 mit mehr als tausend Männern an Bord sank. Im Film wird die Vorgeschichte des Angriffs erzählt, der zum Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg führte. In einer kurzen Sequenz sind wippende Palmen zu sehen, eine Hula-Tänzerin tanzt, ein sonnenbadendes Par steckt die Köpfe zusammen. Matrosen posieren feixend für Erinnerungsfotos, sanft rollen die Wellen an den Strand. Es ist die verkörperte Unschuld des Tourismus, Hawaii vor dem von aussen aufgezwungenen Sündenfall.

Unmittelbar darauf sind japanische Flugzeugträger zu sehen, die im Pazifik lauern. Bomben fallen aus dem Himmel, amerikanische Schiffe gehen in Flammen auf, Menschen stürzen in Panik durch das Inferno. Auf der Rückseite jeder Eintrittskarte für die Gedenkstätte Pearl Harbor wird die Biographie eines Opfers erzählt: ein junger Mann, der wie die anderen auch an diesem Dezembertag seine Zukunft verlor.

Die Inszenierung des Gedenkens ist effizient organisiert. Vom Moment des Eintritts in das Zentrum wird der Besucher zum Teil einer Maschinerie, die im Viertelstundentakt die Höhepunkte des Ortes vermisst: Museum, Filmvorführung, Fahrt zur Arizona, Besuch von Cafeteria und Andenkenladen. Wie eine Antwort auf den Schrecken von Pearl Harbor wurde nach dem Krieg die Gegenwart auf Hawaii amerikanisiert: Die Vereinigten Staaten schlangen ihre kräftigen Arme um das Inselreich, bis ihm die Luft knapp wurde. So ist es bis heute geblieben.

Dabei entstand manch seltsame Sitte. Üblicherweise geht man heute in Waikiki in Badebekleidung einkaufen, der Hitze wegen, und weil es Mühe machen würde, sich umzuziehen. Dazu passt das Angebot in einem der gekühlten Einkaufszentren an der Kalakaua Avenue: Es verspricht eine Wasserstrahlmassage, bei der man, ausgestreckt in einer Plexiglasröhre, nicht nass wird: fünf Minuten für zehn Dollar.

Draussen auf der Strasse bahnen sich muskelbepackte und martialisch tätowierte junge Männer, das Surfbrett unterm Arm, den Weg zum Strand. Beschirmt von Palmen, neben einem Imbiss, einem Surfboard-Verleih und der Polizeistation von Waikiki steht das übermannsgrosse Denkmal für Duke Papa Kahanamoku, den "Vater des internationalen Surfens", wie es auf der Inschrift heisst. Kahanamoku wuchs Anfang des vorigen Jahrhunderts in Waikiki auf, nahm zwischen 1912 und 1932 an den Schwimmwettbewerben von vier Olymoischen Spielen teil, erfand den Kraulstil, gewann sechs Medaillen und demonstrierte auf seinen Weltreisen fortan die Kunst des Surfens. Diese Sportart wurde auf den Inseln einst als Disziplin der Könige gepflegt. Doch die weissen Missionare, die Anfang des neunzehnten Jahrhunderts nach Hawaii kamen, verdammten sie als sündigen Müssiggang.

Kahanamoku und andere einheimische Surfpioniere, die unter Künstlernamen wie Turkey Love, Blue Makua, Harry Robello Dutchie Kino oder Splash Lion über das Wasser glitten, gelang es, Surfen zum Ausdruck einer Lebenshaltung zu stilisieren, die bis heute ihre Gültigkeit bewahrt hat: das geduldige Warten auf die Welle des Lebens, und schliesslich die Erfüllung durch den Ritt in der Brandung.

Wo Hawaii heute eine touristische Inszenierung ist, haben die einstigen Grundsätze des Lebens eigenartige Metamorphosen erfahren. Der Hula-Tanz etwa, ursprünglich eine spirituelle Bewegungsübung, die nur von Männern als Ausdruck der Verbundenheit des Menschen mit dem Universum ausgeführt wurde, hat sich unter dem Andrang der Amerikaner auf die Inseln zur schamhaft-erotischen Inszenierung des vagen Traums von einem freizügigeren Leben verwandelt. Bei jedem Luau, der touristisch aufbereiteten Zurichtung des traditionellen bukolischen Fests zum Massenbüfett mit anschliessender Kulturvorführung, verspeist man ein Schwein, das im Erdofen gegart wurde, und fotografiert dann junge, hübsche Hula-Tänzerinnen, die Büstenhalter aus Kokosnusshälften tragen und kokett die rotgeschminkten Lippen spitzen.

Auf dem International Market Place im Rücken der Strandhotels von Waikiki, einer Budenkleinstadt, in der man grellbunte Hawaiihemden, das Nationalinstrument Ukulele als Import aus China und Spielzeugautos mit Surfbrettern auf dem Dach kaufen kann, wird die Hula-Ausrüstung zum Verkleiden angeboten. Der Preis für das Hula Skirt Set mit Bastrock, Kokosnüssen, Orchideenblüte und einer kurzen schriftlichen Tanzanleitung bemisst sich nach der Grösse der Kokosnussschalen.

Waikiki mag das Epizentrum des Hawaii-Tourismus sein, ein amerikanisch-sportlicher, mit zahlreichern Verbotsschildern verkehrsgeregelter, weitgehend nikotinfreier und alkoholgenusskontrollierter Freizeitpark - doch das eigentliche Hawaii ist immer noch auf den Nachbarinseln zu finden. Das erstaunlichste dort ist die Erkenntnis, wie wenig Anstrengungen es tatsächlich bedarf, die Unabhängigkeit vom amerikanischen Einfluss auf der Hauptinsel Oahu zu wahren. Gewiss trifft man auch auf Kauai, auf Maui oder auf Big Island Lebenstraum-Surfer und andere Existenzkünstler aus dem übrigen Amerika, die sich zum Neubeginn auf Hawaii entschlossen haben, weil die Inseln immer noch Glücksversprechen sind: sonnenbeschienene Freiheit mit den Annehmlichkeiten moderner Zivilisation. Fast rührend muten die Bemühungen an, sich auf den Inseln von den Schatten des amerikanischen Selbstverständnisses zu befreien.

Hanalei auf Kauai, der regengetränkten Garteninsel, auf der sich das satte Grün in allen Schattierungen sogar über die Fassaden der Holzhäuser ausbreitet, ist ein ruhiges Hippienest zu Füssen einer spektakulären Bergkette. Dort kann man Hula-Tanzkurse und esoterische Seminare belegen, sich tätowieren lassen, in Kunsthandwerksläden kramen und echten italienischen Cappuccino trinken. In der Dorfmitte braten lässige junge Männer bei Bubba's die besten Hamburger weithin. Jede Bestellung wird namentlich registriert, der Herstellungsprozess zelebriert wie eine heilige Handlung. "This is not mainland", heisst es trotzig über die Herdplatte. Wenige Kilometer weiter endet die Strasse am Kee Beach Park. Der Strand besteht aus grobem ockerfarbenen Sand, auf dem Hühner picken. Oberhalb der Bucht beginnt der Kalalau Trail, er zieht sich fast zwanzig Kilometer entlang der Na-Pali-Steilküste: Ein Pfad, der sich über Felsbrocken und oberschenkeldicke Wurzeln bergauf und bergab schraubt, kaum breit genug für zwei Wanderer nebeneinander. Die Anstrengung wird belohnt durch spektakuläre Aussichten über steile Klippen, dunkelgrüne Regenwaldmatten und das türkisfarbene Meer. Steven Spielberg's Jurassic Park-Filme entstanden an dieser Küste, die Natur hat sich dort urzeitlich grandiose Wildheit bewahrt. Hinter einer Biegung tauchen zwei junge Männer in Badehosen auf, die ihre Surfbretter zurück in die Zivilisation schleppen. Am Hanakapiai-Strand seien die Wellen an diesem Morgen grandios gewesen, sagen sie - der zwei Stunden lange Weg dorthin habe sich gelohnt.

Kaum weniger spektakulär ist auf Maui die Road to Hana. Die Strasse wurde in den zwanziger Jahren von Sträflingen angelegt und führt von Wailuku und Kahului, dem Doppelhauptort der Insel, über neunzig Kilometer, vierundfünfzig zumeist einspurige Brücken und mehr als sechshundert Kurven die Nordostküste entlang. An ihrem Ende liegt das Hotel Hana-Maui, eine Oase des Luxus ohne Telefon und Fernsehgeräte, über die sanften grünen Hügel am Meer gegossen als Idealbild einer Zuckerrohrplantage früherer grosser Tage. Aus dem Sprudelwasserbecken im Garten kann man den Zug der Wale vor der Küste beobachten.

Das spektakulärste Naturereignis auf Hawaii ist jedoch der Volcanoes National Park, der sich über den Südosten von Big Island erstreckt, eine wüste Landschaft zu Füssen zweier Vulkane. Mauna Kilauea ist seit zwanzig Jahren unablässig aktiv. Über mehr als fünfzehn Kilometer zieht sich ein breites Band erkalteter Lava bis hinunter ans Meer. Nahe der Küste beginnt ein markierter Wanderweg über die Schlacken. Er endet nach wenigen hundert Metern. Von dort an ist jeder für sich selbst verantwortlich. Ein zweistündiger Aufstieg führt bis unmittelbar vor den Lavastrom. Es ist im Moment eher ein Rinnsal, doch in den Gesteinsspalten in der Umgebung glüht es rot. Die Hitze ist kaum auszuhalten.

Auf dem Rückweg reissen wir uns an den Nadelspitzen der Lava Hände und Beine auf. Am Abend ist jeder bemüht, mit Nadel und Pinzette winzige Lavapartikel aus der Haut zu operieren. Denn Pele, die ewig schlechtgelaunte Göttin der Vulkane, so hatte man uns eindringlich gewarnt, werde in Wut geraten, wenn man auch nur den kleinsten Stein von ihrer Insel stehle.