Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Hawaii: Die Suche nach dem Ursprünglichen

Hawaii: Die Suche nach dem Ursprünglichen

Eric. T. Hansen, gebürtiger Hawaiianer, erzählt von der seltsamen Suche des Touristen nach dem Ursprünglichen

Gestern tanzten sie noch zur Trommelmusik, heute hören sie schon Britney Spears. Gestern genossen sie noch gesunden Brei aus Wurzeln, Nüssen und Beeren, jetzt muss es McDonalds sein. Im unaufhaltsamen Marsch des westlichen Fortschritts verlieren die letzten Naturvölker der Erde alles, was an ihrer Kultur echt war.

Man müsste was dagegen tun, denkt unsereins. Zum Beispiel eine abgelegene Insel kaufen, eine Handvoll Ureinwohner draufsetzen und sie so leben lassen, wie sie es seit hunderten von Jahren getan haben. Niemand anders darf die Insel betreten, damit der Virus »Zivilisation« keine Chance hat, ihre Kultur zu verderben. Ein Ort als Zeitkapsel - so, wie es in deutschen TV-Serien vom Schwarzwaldhaus, wo eine Familie ins Jahr 1900 zurückversetzt wurde, bis zum Klamauk Die Burg inszeniert wird. Eine Insel, in der ein Naturvolk so leben kann, wie es gemeint war - echt ursprünglich.

Genau dieses Experiment ist gemacht worden. Es heisst Niihau.

Als ich auf Hawaii gross wurde, hörte ich oft Gerüchte über die Insel: Die Hawaiianer leben dort wie damals, bevor der weisse Mann kam: Sie kennen keine Hamburger, essen nur Wildschwein und Fisch, Bananen und Kokosnüsse. Sie sprechen kein Englisch, nur Hawaiianisch. Sie beten alte Götter an und haben keine Ahnung, dass man durch die Luft fliegen, Auto fahren, telefonieren kann. Sie haben keine Krankenhäuser, aber sie brauchen auch keine, weil es dort keine Krankheiten gibt. Man nannte Niihau die »verbotene Insel«, weil kein Mensch von auswärts einen Fuss dorthin setzen durfte.

Als ich Hawaii verliess und nach Deutschland kam, musste ich feststellen, dass man sich auch hier nach allem sehnte, was man nicht haben kann. Ich fragte die Deutschen nach dem Mittelalter aus und sie fragten mich nach den »Ureinwohnern« Hawaiis. Es machte sie traurig, zu erfahren, dass die »Ureinwohner« längst ganz normale US-Bürger geworden sind - ausser auf Niihau. Die Deutschen hätten gern, dass es mehr Ureinwohner auf der Welt gäbe. Doch als ich sie fragte, ob sie gern im Mittelalter leben würden, sagten sie: »Was? Spinnst du?« Der Traum vom Ursprünglichen gilt vor allem für andere Kulturen.

Aber die verbotene Insel, das fand ich nach 20 Jahren Abwesenheit heraus, gibt es wahrhaftig. Niihau ist der letzte Ort auf der Welt, wo noch 100-prozentige Hawaiianer leben. Es ist die kleinste der acht bewohnbaren Inseln der hawaiianischen Kette. Sie ist grün und flach und liegt auf dem Pazifik wie eine 37-Kilometer lange Landzunge, die irgendwann vom Festland weggeschwemmt wurde. Die Küste ist ideales Tauchgebiet, und an einem Strand lebt die letzte bekannte Kolonie der vom Aussterben bedrohten Mönchsrobben im Pazifik.

Schon als Captain Cook die Insel zum ersten mal sah, mussten die Einwohner alle paar Jahre die kleine Insel verlassen, wenn das Wasser mal wieder knapp wurde. Als 1863 eine schottische Einwandererfamilie dem König Kamehameha IV. die Insel mitsamt Bewohnern abkaufte, machte er ein tolles Geschäft. Es war ausnahmsweise viel Regen gefallen und die Insel war schon grün - perfekt für eine Ranch. Erst Jahre später erkannte die Familie, dass sie vom König gelinkt worden war. Die Familie baute ihre Ranch, kaufte auch Land dazu auf anderen Inseln und gehörte bald zu den reichsten Familien Hawaiis. Aber nach und nach passierte etwas seltsames. Schon im 19. Jahrhundert war es allen klar, dass die Hawaiianer aussterben würden, und mit ihnen ihre Sprache und Kultur. Aber die Sinclairs waren Romantiker vor dem Herrn. Während auf den anderen Inseln Stromkabel, Telefonleitungen und Touristen auftauchten, wurden auf Niihau Modernisierungen nur dann vorgenommen, wenn sie unbedingt notwenig waren, um die Ranch weiter zu betreiben. Die Insel bekam zwar schon im frühen 20. Jahrhundert Holzhäuser, aber Telefonleitungen gibt es dort immer noch nicht. Nach und nach wurden immer weniger Aussenstehende auf die Insel eingeladen, bis sie im frühen 20. Jahrhundert als »Mystery Island« galt.

Doch von einer »reinen, ursprünglichen« Kultur konnte man schon damals nicht mehr sprechen. Es fing mit der Religion an: Zur Zeit der Sinclairs waren die Niihauaner bereits Christen (bis ins frühe 20. Jahrhundert war das einzige feste Haus auf der Insel die Kirche). Pferde und später Autos waren für die Rancharbeit unerlässlich, und was macht man bei Wasserknappheit? Lässt man die Inselbewohner verdursten? Und wenn sie krank werden? Überlässt man sie den Schamanen? Nein, man importiert Wasser und transportiert den Kranken ins Krankenhaus auf der nächstgelegenen Insel namens Kauai.

Seit Hawaii von den USA annektiert und 1959 zum 50. Bundesstaat gemacht wurde, unterliegen alle Niihauaner US-amerikanischem Recht. Das bedeutet auch: Wahlrecht und Schulpflicht. Niihau konnte zwar eine Grundschule unterhalten, aber keine High School, nicht bei so wenigen Schülern. Also müssen alle niihauanischen Teenager vier Jahre lang nach Kauai in der High School gehen, wo sie neben Geschichte und Biologie auch Britney Spears, McDonalds und Drogen kennen lernen. Und all das bringen sie nach vier Jahren wieder heim.

Heute können Aussenseiter sehr wohl auf die Insel, und zwar mit einem Hubschrauber. Für 200 Dollar wird man zu einer abgelegenen Lagune gebracht, wo man schwimmen und picknicken kann. Nur ins Dorf darf man nicht, und die Einwohner meiden die Lagune. Mit diesem Kompromiss an den Tourismus finanziert man den Hubschraubr, den man für Kranken- und Altentransport benutzt.

Wie aber sieht der Alltag auf Niihau aus? Mit viel Glück bekam ich Kontakt zu einer Frau namens Leiana, die am Telefon erklärte, sie stamme aus Niihau. Ihre Stimme war leicht, fast mädchenhaft, und sie sprach ein perfektes Pidgin, jenes hawaiianische Halb-Englisch - für sie eine Zweitsprache.

Wenn ich Niihau besuchen könnte, sagte sie, würde ich im grössten Dorf Puuwai Pick-ups und Humvees sehen, die man tagsüber auf der Ranch benutzt und danach im Dorf. Daneben laufen Schweine und Hühner frei herum auf einer Strasse, die aus rotem Staub besteht. Es gibt kein Telefon, dafür lebt man in Holzhäusern statt in Grashütten, und man hat Benzingeneratoren, mit denen man seine DVD-Player und Fernseher betreibt.

Man spricht tatsächlich Hawaiianisch, und die meisten hier, anders als auf den anderen Inseln, sind echte Hawaiianer, keine Mischlinge. Käme ich zu Besuch, dann würde ich die Niihauaner in Jeans mit selbst gebastelten Speeren und Fallen in der Hand aus dem Dorf gehen und sie mit selbst erlegten Wildschweinen zurückkommen sehen.

»Fischen ist ihr Leben«, erzählt Leiana, »das, und die Wildschweinjagd. Sie singen die alten hawaiianischen Kirchenlieder ohne Noten. Nicht nur in der Kirche, in jedem Haus. Diese Musik wird hier nie verschwinden. Und es gibt Dinge, über die sie sich nie Sorgen machen. Sie leben ohne Uhr. Wenn es spät ist, und du bist noch nicht zu Hause, machen sich deine Eltern keine Sorgen. Das Leben ist viel freier dort.«

Meine dringlichste Frage war: Ist die alte, echte hawaiianische Kultur auf irgendeiner Art auf Niihau überhaupt noch präsent?

»Was meinst du mit 'echt'?« fragte sie zurück. »Welche Zeit meinst du?« Welche Phase unserer Kultur ist für dich echt?«

Plötzlich war mir die Frage peinlich. Es war eine Frage, die nur ein Weisser stellen kann. Indem ich behaupte, nur die vorchristliche hawaiianische Kultur sei echt, stempele ich ihre ganze Geschichte seither als 'unecht' ab.

Wir stellen uns solche Fragen selber nicht. Ist die deutsche Kultur seit dem Mittelalter noch echt? Wir massen uns an, den »Eingeborenen« die Rückkehr in eine »ursprüngliche« Zeit zu wünschen, aber wir kommen nie auf die Idee, selbst in eine zugige Lehmhütte zu ziehen und den ganzen Tag lang mit einer Hacke im Feld zu graben. Das wünschen wir nur den anderen.

Das wahre Hawaii: Hawaii ist keine Ansammlung von Grashütten, sondern ein Schmelztiegel moderner Einflüsse mit einer ganz eigenen Inselkultur. Hier ein paar Empfehlungen jenseits der Baströckchen-Klischees:
Echte Lauas: (ein traditioneller Festschmaus) mit modernen Varianten und überlieferten Speisen findet man eher nicht in den Hotels, sondern über den Kontakt zu den Einheimischen, den Locals. Am besten Ausschau halten nach Privatunterkünften, Vereins- und Kirchenfesten.
Essen wie die Locals: Die Einheimischen speisen unter anderem bei Zippy's (mehrere Filialen) oder bei King's Hawaiian Bakery. Zu empfehlen ist das Plate Lunch (Arbeiter-Essen), die Pupu-Platter (Vorspeisen), Manapua, Huli Huli Chicken, Guava Cake und Portugese Sweet Bread.
Das Allerschlimmste, was Hawaii an Essen zu bieten hat: Poi, eine traditionelle, klebrige, graue Masse aus zermahlenen Taro-Wurzeln. Einmal probieren!
Das Allerbeste , was Hawaii an Essen zu bieten hat, ist für europäische Gaumen aber auch nicht geeignet: Hawaiis Lieblingssnack Crack Seed, eine Variation von eingelegten asiatischen Pflaumen, zum Beispiel Li Hing Mui. Vorsichtig testen!
Die besten historischen Hula-Shows (also Touristenshows) gibt es beim Polynesian Cultural Center. Lebendiges modernes Hula findet man bei Abschlussveranstaltungen der Hula Schools.