Michaels Reisetagebuch: Hawaii-Neuseeland-Kanada - Dem Mitteleuropäer ist Cricket ein Buch mit sieben Siegeln

Dem Mitteleuropäer ist Cricket ein Buch mit sieben Siegeln

Viele sind an den komplizierten Regeln dieses Spiels gescheitert

Es gibt diverse Gründe, sich als Deutscher in Neuseeland fern der Heimat zu fühlen: Da wäre etwa das Frühstücksangebot, das so ziemlich alles vereint, was das Leben zuverlässig verkürzt; oder dieser vermaledeite Linksverkehr. Und wer in Neuseeland einigermaßen regelmäßig fernsieht, begegnet unweigerlich einer überaus befremdlichen Sportart, deren Regeln der Kontinentaleuropäer -ganz anders als etwa ein Inder oder Jamailkaner- bestenfalls erahnen kann: dem Cricket.

Selbst Neuseeländer räumen gelegentlich großmütig ein, das dort sehr populäre, in seinen Ursprüngen eng mit der Aristokratie verbundene Schlagballspiel zwischen zwei Teams mit je elf Spielern sei nicht gerade der ideale Fernsehsport - und für Außenstehende schwer zu durchschauen. Die als 'Test' bezeichneten Länderspiele, in aller Regel -und früher ausschließlich- ausgetragen zwischen zwei Staaten des Commonwealth, ziehen sich über sage und schreibe fünf Tage hin. Die Weltmeisterschaften mit Spielen im Eintagesmodus sind eine relativ neue und von Traditionalisten keineswegs bejubelte Erfindung. Dass sich der an harmlose Fußballergebnissen geschulte Laie beim Cricket mit Spielständen wie 197:10 oder 289:3 konfrontiert sieht, erleichtert den Zugang zur Materie auch nicht gerade.

Eine halbwegs brauchbare Darlegung des vom legendären, schon Ende des 18. Jahrhunderts gegründeten Marylebone Cricket Club in London gehüteten Regelwerks würde -mal ganz abgesehen von der Frage, ob sie den Autor überfordert- den hier zur Vergüng stehenden Rahmen bei weitem sprengen. Also grob und in aller Kürze: Der mit dem charakteristischen flachen Schläger bewaffnete Schlagmann erwehrt sich der Versuche abwechselnder Werfer des gegenerischen Teams, ihn aus dem Spiel zu befördern. Er bemüht sich dabei, mit Hilfe seines Werkzeugs den kleinen und knallharten Spielball an den übers Spielfeld verteilten Fängern des Gegeners vorbei -und möglichst über die Spielfeldgrenzen hinaus- in die Botanik zu dreschen.

Das erlaubt so genannte runs. Dabei rennt der Schlagmann gemeinsam mit einem Mitspieler auf einer 20 Meter langen Spielbahn zwischen zwei aus fünf Hölzchen zusammengefügten Häuschen, die Wickets genannt werden, hin und her. Die übrigen neun Gefährten des Teams am Schlag tauschen derweil übrigens entspannt Nettigkeiten beim Tee aus. Es handelt sich also um ein sehr britisches Spiel. Das Gerenne bringt Punkte. Schlagmann und Kompagnon dürfen sich dabei nur nicht zwischen den beiden Grundlinien überraschen lassen, wenn der Gegner den Ball auf ein Wicket feuert. Raus ist der Schlagmann auch, wenn ein Feldspieler den von ihm gedroschenen Ball aus der Luft fängt, ein Werfer das von ihm geschützte Wicket trifft oder wenn er den Ball mit seinem Schläger verfehlt und selbst so getroffen wird, dass er das Abräumen des Wickets verhindert.

Natürlich gibt es nicht nur eine Pause, die simpel 'Halbzeit' genannt wird - es gibt mehrere Pausen und die heißen Lunch oder Tea!

Alles klar? Nein, natürlich nicht. Sagen wir mal so: Ein bisschen ist es wie beim Baseball. Selbstredend leugnet das jeder Cricketfan empört. Was sich wohl auch aus der stolzen Geschichte dieses Zeitvertreibs erklärt, dessen Wurzeln in England liegen. Cricket, in Deutschland Exotensport, erfreut sich in einstigen Kolonien der Britischen Krone großer Beliebtheit. In Indien, Pakistan, Australien, der Karibik (wo das Team übrigens 'West Indies' heißt) und eben auch hier in Neuseeland. Wer eines dieser Länder besucht, kann mehr erfahren - sollte aber genug Zeit mitbringen.