Truthahn und Trubel
In Neuseeland herrscht zu Weihnachten Hochsommer - deshalb wird das Fest auch ohne jede europäische Winter-Romantik begangen.
Das ganz andere Weihnachtsgefühl in Neuseeland -bei den Antipoden, wo die Welt auf dem Kopf steht- beginnt schon gleich mit der Zeitverschiebung. Schließlich finden es nicht nur die Kinder amüsant, sondern auch die Erwachsenen sind erheitert bei dem Gedanken, dass die Neuseeländer genau dann ins Bett steigen, wenn die Westeuropäer gerade aufstehen (und umgekehrt). Der Zeitunterschied zwischen Deutschland und Wellington beträgt nämlich genau zwölf Stunden, und zudem ist es in Hamburg im Dezember Winter und in Wellington Hochsommer. Trotzdem feiern die Kinder in beiden Städten die Bescherung gleichzeitig. Denn am 24. Dezember, am Heiligen Abend, ist Bescherungszeit in Deutschland, und der Morgen des 25. Dezembers, bringt in Wellington den Gabenreichtum. Aber da das sommerliche Neuseeland zeitzonenmäßig dem winterlichen Deutschland eben um zwölf Stunden voraus ist, finden die beiden Bescherungstermine, global gesehen, genau gleichzeitig statt. Kompliziert, nicht wahr?
Das zweite Detail ist leichter zu erklären, da es auf der Welt wohl keinen Menschen mehr gibt, der nicht bereits mehrfach die Weihnachts-Episode mit Mister Bean im Fernsehen gesehen hat. Das ist die Episode, wo Mister Bean aus Versehen mit dem Kopf in einem riesigen Truthahn stecken bleibt und seine Freundin zu Tode erschreckt, weil sie ihn für einen Außerirdischen hält.
Der Truthahn, eigentlich ein Amerikaner, hat sich in der ganzen englischsprachigen Welt als der Weihnachtsvogel durchgesetzt. In Deutschland geht es nicht unter einer Weihnachtsgans, in Neuseeland sollte zu Weihnachten ein ganzer Truthahn auf dem Tisch stehen. Lamm, Rind oder Schwein würden es hier an der richtigen Feiertagsgewichtigkeit ermangeln lassen. Wildschwein oder Hirsch gingen vielleicht noch an, aber der Truthahn erfüllt alle Erwartungen am Besten.
Damit ist das Spektrum dessen, was traditionell von Weihnachten erwartet wird, auch schon weitgehend abgedeckt. Der Weihnachtsmann ist ja bekanntlich eine Erfindung von Coca Cola. Da in Chile beispielsweise Coca Cola als beliebtestes Getränk gilt, das von vielen Menschen sogar zum Frühstück genossen wird, findet man in Santiago auch große künstliche Weihnachtsbäume mit roten Coca Cola-Kugeln aus aufgeblasenem Plastik. In Neuseeland ist der Cola-Weißbart weit weniger etabliert, obwohl die sommerlichen Temperaturen eigentlich dazu einladen müssten. Es gibt zwar noch die gigantischen Santa Parades in den Großstädten -Auckland, Wellington, Christchurch-, die wie Karnevalsumzüge organisiert werden; aber sie sind lebende Anachronismen. Sie finden bereits im November statt, und sind eindeutig nur eine Veranstaltung der großen Kaufhäuser.
Auch der weihnachtliche Tannenbaum ist fast ausschließlich in Einkaufszentren zu sehen, selten bei jemandem zu Hause. Der künstliche Weihnachtsschnee aus Styropor in den Schaufenstern der Geschäfte ist weitgehend aus der Mode gekommen.
Und selbst das kleine Jesuskind in der Krippe -der christliche Aspekt, der ursprüngliche Anlass des Weihnachtsfestes- ist fast vollkommen aus dem allgemeinen Bewusstsein verdrängt worden.
Eine Bekannte besuchte einen vorweihnachtlichen Gottesdienst, bei dem die Kinder tatsächlich Engel darstellten und einstudierte Dialoge über das Jesuskind aufsagten: "Stell dir vor", sagte sie, "dass es so etwas noch gibt. In der Kirche, mit kleinen Kindern als Engeln, mit Flügeln, die sie mit Stangen bewegen, und wo man noch ganz naiv über Jesus und Weihnachten spricht".
Obwohl viele Neuseeländer also mit dem traditionell-christlichen Weihnachtsfest offensichtlich nichts mehr anzufangen wissen, hat Xmas als großes Familienfest, als wichtigste Zusammenkunft vieler Verwandter, seine überragende Position unangefochten bewahrt. Die meisten Neuseeländer beginnen bereits im November, Pläne für den Dezember zu schmieden. Buchungen für Hotels, Motels oder Bed & Breakfasts werden folglich bereits Anfang November getätigt, und ausländische Touristen, die in letzter Minute noch auf etwas Sommersonnenschein zu Weihnachten hoffen, finden kaum noch ein Übernachtungsplätzchen. Im Januar ist die ganze Aufregung dann wieder vorbei. Die Auftragsbücher und die Hotels sind leer.
Die drei wichtigsten Fragen der Neuseeländer, die durch den gesamten November und Dezember, mit stets wachsender Intensität, debattiert werden, lauten:
(a) "Was machts du zu Weihnachten?"
(b) "Wohin fährst du zu Weihnachten?"
(c) "Was trinkt ihr zu Weihnachten?"
Die dritte Frage lässt sich am leichtesten beantworten. Die Neuseeländer sind Biertrinker, wandeln sich allerdings zusehens zu Weintrinkern. Auch der traditionelle Sherry und der Weihnachtsschnaps (Drambuie) bleiben Favoriten. Wichtig ist vor allem, dass im Getränk Alkohol drin ist. Der Sherry wird, wo nicht pur, so doch oft im Trifle genossen, einer süßen Kalorienbombe bestehend aus Tortenboden, Sherry, Obstsalat, Vanillepudding und Schlagsahne. Kaffee oder Eiskrem werden separat dazu serviert. Drambuie, ein nach Lebkuchen schmeckender Whiskeylikör und das Lieblingsgetränk der betagten Generation, behauptet seinen Stellenwert als beliebtes Mitbringsel von Flugreisenden, die den sonst unerschwinglichen Hochprozentler von Duty Free-Läden aus Übersee anschleppen.
Die Frage (b) nach dem Wohin beantwortet uns, stellvertretend, Hermione, 31, eine Radiotechnikerin aus Wellington. Sie fährt mit dem Auto zu ihrer Mutter nach Auckland, wo sich auch die Geschwister einfinden werden. Länge dieses Weihnachtsausflugs laut Google Maps: 638 km und 8,51 Stunden. Danach trifft sich die gesamte Familie auf dem der Stadt vorgelagerten Eiland Waiheke Island. Einst als "Hippie Insel" verschrien, ist Waiheke heute der Luxus-Vorort von Auckland geworden. Was wird Hermione dort tun? (a) Schwimmen, tauchen, snorkling (mit der Tauchermaske in geringen Tiefen zum Beispiel auf Langustenjagd gehen) und Pentanque spielen, eine Art Boule, das sich auch auf unebenem Rasen-Gelände spielen lässt.
Familie Thomas aus Wellington fährt ebenfalls nach Waiheke. Man hält sich dort, eigens für größere Familienzusammenkünfte, eine Art Strandmaisonette, hier Bach genannt (und Bättsch ausgesprochen). Der Vater, ein Musikhistoriker, geht zum Jahresende in Pension und muss vorher sein Büro auf dem Universitätsgelände räumen. Eine wichtige Arbeit soll ebenfalls fertiggestellt werden, und natürlich ist man verpflichtet, die Vor-Weihnachts-Partys befreundeter Familien anzusteuern.
Die Mutter ist bereits vorausgeeilt, es werden Gäste aus Mexiko erwartet. Die älteste Tochter, mit einem Mexikaner liiert, brachte soeben ihr erstes Kind zur Welt, nun erscheint die Verwandtschaft aus Mexiko zum Weihnachtsbesuch. Doch nein, es hat sich in letzter Minute alles geändert. Soeben erfahre ich, dass Familie Thomas die Pläne wieder umgeworfen hat. Die Oma wird aus Waiheke zurückkehren, nachdem sie dort aufgeräumt hat. Man wird Weihnachten beschaulich in Wellington verbringen. Das Baby verträgt die Reise noch nicht, die junge Mutter ebenfalls nicht. Die Verwandten aus Mexiko kommen zur Hochzeit im Februar.
Was die Leute zu Weihnachten machen, lässt sich nicht genau definieren, aber dass sie irgendetwas Ausgefallenes treiben werden, ist gewiss. Hermione zum Beispiel übt eine vierhändige Nummer des Shakespeare-Zeitgenossen Thomas Tomkins ein, die auf dem Cembalo wie Lady Jane von den Rolling Stones klingt. Dieses Stück, betitelt "A Fancy", möchte sie zu Weihnachten vorspielen, falls sie ein Klavier und zwei weitere Hände findet.
Die ganz große Weihnachtsfeier findet bei Jeremiah (33) und David (27) statt. Die beiden sind ein schwules Paar, das demnächst zu heiraten gedenkt. Jeremiah hebt in seinem Schuppen vier gigantische Kartons mit Weihnachtsschmuck auf und verbringt fast den gesamten Dezember damit, die gemeinsame Wohnung nach amerikanischem Vorbild in einen Weihnachtstraum zu verwandeln. Am Weihnachtstag begeben sich die beiden zu Davids ebenfalls schwulem Onkel, der großen Wert auf Tradition legt und ein mehrgängiges Weihnachtsmahl samt silbernem Besteck und feinstem Porzellan auftischt.
Karin, eine Münchener Freundin, möchte zu Weihnachten am liebsten rein gar nichts machen, außer am Strand mit ihren Hunden spazieren zu gehen. Sie vermisst den Schnee. "Ja! Schnee ist romantisch!" sagt sie, "Ganz leise, einfach was anderes als dieses ewige Grün, Grün, Grün!" Aber (sage ich) das ewige Grün ist es doch gerade, was in Oh Tannenbaum so eindringlich beschworen wird! Das ist ihr egal, sie hat in Neuseeland auch keinen Weihnachtsbaum mehr. Und sie mag es nicht, dass bei manchen Leuten die Geschenke bereits drei Wochen vorher unter dem Baum liegen. Das macht doch die ganze Überraschung zunichte.
Der neuseeländsiche Weihnachtsbaum steht übrigens meistens draußen in der Natur. Der Pohutukawa-Baum blüht, rot oder orange, zur Weihnachtszeit, so dass das Fest manchmal auch als Pohutukawa-Feier bezeichnet worden ist. Manche Leute feiern statt am 25. Dezember bereits am 21., mit anderen Worten, das Sonnwendfest.
Was Karins weihnachtliche Lieblingsspeise betrifft, Gans oder Truthahn, fällt ihre Antwort eindeutig zugunsten der Gans aus. "Die Gans ist einfach saftiger, die schmeckt viel besser". Neuerdings, sagt sie, sind auch viele Neuseeländer auf diesen Geschmack gekommen. Bei den entsprechenden Lieferanten musste man letztes Jahr bereits drei Monate im voraus bestellen, wenn man zu Weihnachten eine Gans bekommen wollte.
Der echte Weihnachtshorror kommt aber auch in Neuseeland, genau wie bei Mister Bean, meistens in Gestalt eines Truthahns daher. Dann nämlich, wenn man am Boxing Day, am zweiten Weihnachtstag, endlich die Geschenke weggeräumt hat, in die hochsommerliche Küche kommt und fragt: "Sag' mal, was riecht denn hier so komisch?" Und wenn man dann entdeckt, dass man den halb aufgegessenen Truthahn am Weihnachtstag - statt in den Kühlschrank wieder in die Backröhre geschoben hat.
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