Michaels Reisetagebuch: Meine fünf Jahre in England - Porträts von Städten in Südost-Kent

C a n t e r b u r y



Canterbury (50.000 Einwohner) ist das geistliche Zentrum Englands. Die Kathedrale ist Sitz des Primas der anglikanischen Kirche mit weltweit 70 Millionen Gläubigen. Canterbury wird auch "Wiege des Christentums" genannt, weil von hier ab dem 6. Jahrhundert die Missionierung Englands ausging. Das wichtigste Ereignis in der Kirchengeschichte der Stadt war die Ermordung des Erzbischofs Thomas Becket im Jahre 1170. Diese Tat und die spätere Heiligsprechung Beckets erhoben Canterbury in den Rang der wichtigsten Pilgerstätte auf englischem Boden und sicherten den finanziellen Wohlstand der Stadt. Erst seit 1962 ist Canterbury Universitätsstadt, aber Literaten fühlten sich schon seit jeher angezogen, allen voran Charles Dickens, der die Stadt in mehreren Werken erwähnt. Canterbury ist heute das wichtigste städtische Zentrum im eher ländlich geprägten Ostkent.

Schon während der Eisenzeit existierte hier eine Siedlung namens "Cantii"; von dieser Ortsbezeichnung lassen sich die Namen Canterbury und Kent herleiten. Die römische Siedlung an der Handelsroute zwischen London und Dover war um 100 n. Chr. bereits von beträchtlichem Ausmaß. Im 6. Jahrhundert bekehrte der römische Missionar Augustinus den heidnischen Ethelbert von Kent und nahm 597 die erste Bischofswürde von Canterbury an. Wiederholte Wikingerüberfälle legten die gesamte Stadt in Schutt und Asche. Bald nachdem Heinrich II. 1162 Thomas Becket zum Erzbischof ernannt hatte, gerieten sie in Interessenkonflikt, und am 29. Dezember 1170 wurde Becket von königlichen Rittern in der Kathedrale erschlagen. Dem Märtyrerblut wurde Wunderkraft zugesprochen, so dass die Pilger alsbald in Scharen zu seinem Schrein strömten. Heinrich VIII. wollte das Wallfahren beenden., beschuldigte Becket des Hochverrats und ließ den Schrein zerstören. Inspiriert von den Pilgerströmen schrieb Geoffrey Chaucer im 14. Jahrhundert die "Canterbury Tales", ein Meilenstein in der englischsprachigen Literatur. Flämische und französische Protestanten ließen sich im 16. Jahrhundert in Canterbury nieder und trugen mit ihrem Woll- und Seidenhandwerk zum Reichtum der Stadt bei. Die historische Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt.

Der Altstadtkern Canterburys wird im Osten von einer größtenteils gut erhaltenen Stadtmauer, im Westen durch den zweiarmigen Fluss Stour eingegrenzt. Während die High Street schnurgerade durch das Zentrum führt und auf die einstige römische Handelsstraße verweist, wird das übrige Stadtbild von einem eng vernetzten mittelalterlichen Gassengewirr bestimmt, das einen beträchtlichen Bestand an Bauten mit Fachwerk aufweist. Überaus dominant erstreckt sich im Nordosten der Stadt die ausgedehnte Domfreiheit, in deren Mitte sich die mächtige Kathedrale erhebt.

Mit Erzbischof Lanfranc (1070 - 1077) von Caen begann nach dem Brand von 1067 der Bau der normannischen Kathedrale. Nach einem verheerenden Brand 1174 betrauten die Mönche den Franzosen William von Sens mit dem Neubau des Ostteils. Williams von der französischen Gotik übernommene dreiteilige Wandgliederung mit Spitzbogen markiert den Übergang zur Gotik in der Architekturgeschichte Englands. 1178 stürzte William vom Gerüst, so dass William der Engländer die Bauleitung übernehmen musste, der den Chor 1184 fertig stellte. Das normannische Langhaus wurde Ende des 14. Jahrhunderts hochgotisch umgebaut. Im 15. Jahrhundert wurden die Querhäuser erneuert, die Westfassade erhielt einen Südwestturm und der Vierung wurde ein spätgotischer Turm aufgesetzt. Der Nordwestturm wurde erst 1832 als Kopie des Südwestturms errichtet.

Zurück zur Altstadt geht es zum ehemaligen Butter Market mit Stadtkreuz. Rechter Hand liegt in der Sun Street das gleichnamige Hotel aus dem 16. Jahrhundert, das Charles Dickens in seinem "Travels through Kent" erwähnt. Vom Butter Market zweigt die Mercery Lane mit einem hervorragenden Ensemble an Fachwerkbauten ab.

In der Parallelstraße Butchery Lane ist ein unterirdisches Museum eingerichtet, das unter anderem die Reste eines römischen Stadthauses mit einem gut erhaltenen Fußbodenmosaik zeigt.

Die Mercery Lane mündet in die St. Margaret's Street, in der sich neben der mittelalterlichen Kirche gleichen Namens das Canterbury Pilgrim's Way Centre befindet. Dort werden in einer autovisuellen Ausstellung fünf Canterbury Tales G. Chaucers nacherzählt.

In der High Street ist die Fachwerk- und Stuckaturenfassade des Hauses Queen Elizabeth's Chamber aus dem 16./17. Jahrhundert beachtenswert sowie das umgebaute Gasthaus Chequers of Hope, das Chaucer erwähnt. Schräg gegenüber zeigt das Royal Museum römisches Glas, sächsische Münzen und Regionalkunst. Wenige Schritte weiter diente das Eastbridge Hospital mit Kapelle, Refektorium und Dormitorium bereits im 12. Jahrhundert als Pilgerherberge.

Weiter geht es zur Brücke über den Stour, die einen malerischen Blick auf das Fachwerkensemble der Canterbury Weavers (Weberhäuser) bietet. Hier ließen sich im 16. Jahrhundert flämische und französische Hugenotten mit ihren Woll- und Seidenwerkstätten nieder.

Von der High Street geht es geradeaus durch die St. Peter's Street zum 1380 errichteten Westgate mit Ecktürmen, Fallgattern und Zugbrücke. In dem Stadttor, dem einzigen erhaltenen von Canterbury, das zugleich zu den besterhaltenen Stadttoren Englands gehört, ist ein Geschichtsmuseum untergebracht, von dem aus man einen schönen Blick auf die Kathedrale hat.

Von Canterbury Castle, der normannischen Burg am südwestlichen Altstadtrand, sind nur noch Ruinen erhalten. Hinter der begehbaren Stadtmauer liegen die Dane John Gardens.

D o v e r



"This precious stone set in silver sea", ließ bereits Shakespeare Richard II. sagen und verwies damit auf die Kreidefelsen von Dover, die strahlend weiß aus dem Wasser ragen und als Wahrzeichen Englands die Besucher vom europäischen Festland stolz begrüßen. Die Nähe zu Frankreich machte Dover zu einem führenden Hafen im Fährverkehr. Die massive Burganlage auf den östlichen Klippen über der Stadt erinnert daran, dass Dover in vergangenen Zeiten eine Schlüsselposition in der Verteidigung Englands innehatte. Für viele ist Dover, das "Tor nach England", nur eine Durchgangsstation, doch verdienen die älteste Burganlage Englands, die Klippenformationen und auch Stadt und Hafen weitaus mehr Bedeutung.

Einwohnerzahl: 41.000. Im Osten der Stadt werden die steilen Kreidefelsen vom Dover Castle bekrönt, dem ältesten Beispiel einer konzentrisch angelegten Burganlage auf englischem Boden. Nachdem Wilhelm der Eroberer nach der folgenreichen Schlacht von Hastings eine Festung auf eisenzeitlichen, römischen und angelsächsischen Fundamenten errichtet hatte, gab 1168 Heinrich II. den Auftrag, die existierenden Wälle mit wuchtigen Ringmauern zu verstärken und im Zentrum einen mehrstöckigen Bergfried mit 6 Meter dicken Außenmauern zu errichten. Die Anlage gehörte zu den modernsten Festungsbauten des mittelalterlichen Europa. Heute widmet sich eine Ausstellung den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, insbesondere der Luftschlacht "Battle of Britain", während eine 3D-Präsentation den Besucher in das Jahr 1216 zurückversetzt, als Prinz Ludwig von Frankreich die Burg belagerte.

Tief in die Kalkfelsen hinein führt ein verzweigtes Tunnelsystem, das im 13. Jahrhundert begonnen und während der napoleonischen Kriege erweitert und mit Kasematten versehen wurde. Im Zweiten Weltkrieg diente das Labyrinth als Kommandozentrale, in der "Hellfire-Corner" planten Sir Winston Churchill und Admiral Ramsay die Evakuierung von 338.000 alliierten Soldaten aus Dünkirchen. Auf dem Aussichtspunkt "Admirality Lookout" kann man über den Ärmelkanal bis nach Frankreich hinüberblicken. neben dem mittelalterlichen Colton Gate sind die 12 Meter hohen Überreste des römischen Leuchtturms und die um 1000 erbaute Kirche St. Mary in Castro in den Burgkomplex integriert.

Öffnungszeiten:
1. April bis 30. September: 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr
1. Oktober bis 31. Oktober: 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr
1. November bis 31. März: 10:00 Uhr bis 16:00 Uhr.

Oberhalb von Dover Castle wird ein 8 Kilometer langer Küstenabschnitt vom National Trust verwaltet. Von dem neuen Visitor Centre führt ein Wanderweg zu einem Abschnitt der White Cliffs mit wunderbarer Aussicht und zu dem Leuchtturm South Foreland Lighthouse, von dem aus Marconi (1874-1937) die ersten Funkverbindungen zwischen Land und Schiff gelangen.

Marktplatz und Fußgängerzone bilden das Stadtzentrum Dovers. Am Market Square präsentiert das White Cliffs Experience die Geschichte Dovers vor allem für jüngere Gäste anschaulich: Man kann einen römischen Torbogen bauen, historische Läden durchschlendern oder Schutz in einem Luftschutzkeller suchen.

Das Roman Painted House in der New Street diente um 200 n. Chr. als Herberge für römische Reisende und musste um 270 n. Chr. einer größeren Konstruktion weichen. Farbige Fresken zieren die Wände von drei Repräsentationsräumen und bilden einen der kostbarsten Funde römischer Innenausstattung nördlich der Alpen.

Nordwestlich der High Street verbergen sich hinter dem viktorianischen Äußeren des Maison Dieu die Reste einer Pilgerherberge aus dem 13. Jahrhundert; die mit Porträts und Fahnen geschmückte Halle ist ein schönes Beispiel für die Stuartarchitektur des 17. Jahrhunderts.

Eine einzigartige Konstruktion ist der Grand Shaft nordöstlich des Stadtzentrums. Dieser 42 Meter tiefe Schacht wurde im 19. Jahrhundert in die Kreidefelsen gehauen, um den Truppen von den Militärbaracken auf dem Kliff einen schnellen Zugang zum Hafen zu verschaffen.

R a m s g a t e



Ramsgate liegt 29 km nordöstlich von Canterbury auf der Halbinsel Thanet, die in den Ärmelkanal hineinragt. Ab 1750 etablierte sich in Ramsgate ein Hafen, der heute vor allem durch seinen Fährverkehr bekannt ist. Aber auch als frühes viktorianisches Seebad wurde Ramsgate von Jane Austen in "Pride and Prejudice" und "Mansfield Park" erwähnt; die Architektur dieser Zeit prägt die Stadt noch immer. Neben der normannischen Kirche St. Lawrence ist die römisch-katholische Kirche St. Augustine's sehenswert, die 1851 im neogotischen Stil erbaut wurde.

B r o a d s t a i r s



Mit Ramsgate zusammengewachsen ist der Badeort Broadstairs. Charles Dickens verbrachte hier zwischen 1837 und 1859 seine Sommerurlaube und nannte die Stadt liebevoll "Our English Watering Place". Alljährlich findet im Juni ein Dickens Festival mit Theateraufführungen und kostümierten Umzügen statt. Pubs und Gasthäuser verweisen mit Plaketten stolz auf die einstige Präsenz des Schriftstellers, in der Victoria Parade ist ein Dickens House Museum eingerichtet. Oberhalb des Hafens liegt Bleak House, Dickens' geliebtes Feriendomizil. Hier verfasste er "David Copperfield", "American Notes" und "Haunted Man".

M a r g a t e



Ein 8 km langer Klippenweg führt von Broadstairs zum nördlichen Cliftonville, einem Vorort des Badeortes Margate, dessen Sandstrände seit dem 19. Jahrhundert vor allem von Londoner Tagesausflüglern frequentiert werden. Margate ist heute mit 39.000 Einwohnern die größte Stadt auf der Halbinsel Thanet, doch die Ursprünge des einstigen Fischerdorfes finden sich noch in dem kleinen Hafen der Margate Bay und dem Fachwerkbau Tudor House in der King Street. aus dem 16. Jahrhundert. Die Kirche St. John the Baptist in der High Street stammt sogar aus dem 12. Jahrhundert und wurde hernach gotisch umgebaut. Ab 1769 fand um den Cecil Square herum eine Stadterweiterung statt, im 19. Jahrhundert kamen zahlreiche "Crescents", halbrunde Straßenzüge mit vornehmen Stadthäusern hinzu.

Zwischen Margate und Cliftonville können die riesigen Kalksteinhöhlen der Margate Caves in der Northdown Road besichtigt werden, die als Gefängnis und Schmugglerversteck dienten. Auch am Grotto Hill finden sich im The Shell Grotto unterirdische Passagen und Kammern, die über und über mit Muscheln verziert sind; das Entstehungsdatum ist ungewiss.

R e c u l v e r



In Reculver, 13 km westlich von Margate, ist der Reculver Country Park um die Ruine der römischen Festung Regulbium herum entstanden. Das Römerkastell aus dem 3. Jahrhundert sollte einst den breiten Wantsum-Kanal beschützen, der früher die Insel Thanet vom Festland trennte. Dramatisch stehen hier auch die Reste der angelsächsischen Kirche St. Mary auf einem Felsvorsprung, deren mächtige Zweiturmfassade Schiffen einst als Anhaltspunkt diente.

W h i t s t a b l e



Feinschmecker kennen Whitstable, denn hier werden weltbekannte Austern gezüchtet, und das wohl schon seit mindestens zweitausend Jahren. Die Oyster and Fishery Exhibition rollt die komplexe Geschichte der Austernzucht interessant auf, und natürlich kann man hier auch frische Austern probieren. Im Whitstable Museum & Art Gallery steht das Leben der Taucher, Schiffbauer und Austernfischer im Mittelpunkt.

C h i l h a m



Chilham, 8 km südwestlich von Canterbury, ist ein viel besuchtes kentisches Dorf, das aus einem zentralen Platz mit alten Fachwerkbauten und reizenden Pubs besteht, auf den vier Straßen zuführen. Eine Seite des Dorfplatzes nimmt St. Mary mit spätgotischem Turm ein, auf der gegenüberliegenden Seite ist der Landschaftsgarten des 1616 erbauten Chilham Castle zugänglich: Er wurde von Capability Brown angelegt und lockt mit einer schönen Aussicht.

F a v e r s h a m



Faversham, 15 km nordwestlich von Canterbury gelegen, ist eine nette Kleinstadt mit einem weitgehend verkehrsberuhigten Stadtzentrum, das daher angenehm für Besucher zum Bummeln und Einkaufen ist. Am Markt steht eine aus dem 17. Jahrhundert stammende Guildhall auf Säulen. Reizvoll ist auch die Abbey Street mit restaurierten Häusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die Pfarrkirche St. Mary of Charity sowie die 1587 erbaute Queen Elisabeth's Grammar School.

  Eines der ältesten und berühmtesten Biere Südenglands wird in der Brauerei Shepherd's Neame zu Faversham hergestellt. Gekostet werden kann das dunkle Bitter auf einem 40-minütigen Rundgang, der montags bis freitags um 14:30 Uhr und 17:30 Uhr stattfindet. Telefon: +44 - 1795 - 532206.

I s l e   o f   S h e p p e y



Eine Brücke verbindet die rund 45 km2 große Isle of Sheppey, 22 km nordwestlich von Faversham, mit dem Festland. Industrieanlagen wechseln sich hier mit Wohnwagenkolonien, Vogelbrutstätten und Marschland ab. In Minster wurde die Abteikirche St. Mary und St. Sexburga Abbey im Jahr 673 gegründet, der heutige Bau stammt aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. und birgt interessante mittelalterliche Grabmäler. In Sheerness, dem größten Ort auf der Insel, lebte der deutsche Schriftsteller Uwe Johnson von 1974 bis zu seinem Tod im Jahre 1984.