Michaels Reisetagebuch: Meine fünf Jahre in England - Jeder braucht einen Tritt in den Hintern

Jeder braucht einen Tritt in den Hintern

Jedes Jahr im Sommer steigen bei Dover die Ärmelkanalschwimmer ins Wasser. Der Rekord liegt bei sieben Stunden und drei Minuten. Die Channel Queen ist jedoch Alison Streeter: 43-mal ist sie die Strecke von England nach Frankreich bisher geschwommen.

Vielleicht hat er sich Jubelszenen ausgemalt, hat von Schaulustigen geträumt, die bewundernd Spalier stehen oder ihm anerkennend auf die Schulter klopfen, ihm, dem Helden des Ärmelkanals. Aber man hat ihn glatt ignoriert, und Jim Barber gibt sich viel Mühe, seine Enttäuschung mit trockenem Humor zu überspielen.

"Stell dir vor, ein Badetag am Cap Gris Nez. Plötzlich steigt einer aus dem Wasser, der ist von oben bis unten mit Fett eingeschmiert. Ein Monster aus dem Meer? Ein verirrter Automechaniker? Aber die Leute waren nicht mal neugierig, sie haben nicht mal gestaunt." Barber, ein Amerikaner aus Zionsville in Indiana, im Hauptberuf Zimmermann, hat auch ohne Jubel geschafft, was er wollte. Er ist von England nach Frankreich geschwommen, nonstop, in neun Stunden, sechs Minuten und 37 Sekunden. Zwei Stunden länger brauchte er als Christof Wandratsch, der Rekordhalter aus dem Jahr 2005. Doch die Zeit ist zweitrangig, für ihn zählt, dass es seine Ärmelkanal-Premiere war.

Morgens, vor sieben Uhr, war Jim Barber gestartet, und schon da muss er sich ziemlich einsam gefühlt haben. Nur ein winziges Häuflein von Enthusiasten stand am Shakespeare Beach am Fuße einer dreizackigen Kreideklippe, dem Punkt, der Festlandeuropa am nächsten ist. Das Schiffshorn der Gallivant tutete, dann ging es los.

Was für ein Bahnhof war das dagegen am 24. August 1875 gewesen, als der Matrose Matthew Webb am Admiralty Pier von Dover in die Fluten tauchte. Webb war der Erste, der die Kanalquerung schaffte. Nach 21 Stunden und 45 Minuten war er am Ziel, von Quallen gepiesackt, mit Kaffee und Brandy bei Kräften gehalten, von der Strömung zu einem Zickzackkurs gezwungen. Statt der 35 Kilometer, die Dover vom Kontinent trennen, musste er 64 zurücklegen.

Heute treten Webb's Nachfolger -unfreiwillig- fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit an. Meist sind es Briten, meist reden sie über den Härtetest so beiläufig wie der Komiker David Walliams, dem das Husarenstück im Juli 2006 gelang. "Ich weiß auch nicht, wie es passiert ist", antwortete Walliams einem Radiomoderator. "Ich hab' vorher nie was Sportliches gemacht".

Michael Oram hat ein paar Spezialsprüche drauf, sobald er merkt, dass sich ein Kandidat im Kielwasser seines Boots quält. "Wie wär's, wenn du mal deine Arme benutzt, dann bist du schneller." Oder, so etwa nach zehn Stunden Qualen: "Du könntest endlich mal anfangen, zu schwimmen." Mitleid spart er sich, das helfe keinem. Als der Deutsche Christof Wandratsch im vergangenen Jahr zauderte, zum Rekordversuch anzutreten, will Oram ihn kräftig aufgezogen haben. "Oi, es ist mein Ruf, der hier auf dem Spiel steht. Ich bin der Kapitän, du bist nur der Schwimmer." Der Seebär freut sich diebisch, wenn er solche Anekdoten erzählt. "Jeder braucht mal einen Tritt in den Hintern, stimmt's, Alli?"

Erst jetzt taucht Alison Streeter aus der Kajüte der Gallivant auf. Sie ist zwei Köpfe kleiner als Jim Barber, der aussieht, wie einer dieser Modellathleten, die sich in Filmen mit Sylvester Stallone prügeln. Klein ist sie und korpulent. Und doch darf sie sich Channel Queen nennen. Niemand ist öfter durch den Kanal gekrault als sie. 43-mal hat sie die Strecke gemeistert, das erste Mal zwei Tage nach ihrem 18. Geburtstag. Im August 1990 schaffte sie es dreimal hintereinander, ohne zwischendurch auszuruhen: 34 Stunden und 40 Minuten war sie im Wasser.

Wenn Alison Streeter erzählt, dann weniger von sich selbst, sondern mehr von der Lotterie, zu der so ein Marathon inmitten der Wellen werden kann. Aber was am meisten stört, ist die Kälte. Um sich dagegen zu wappnen, rieb Webb, der Pionier, sich mit Walfett ein. Heute tut es eine Mischung aus Lanolin und Vaselinsalbe. "Zu viel auf den Körper zu schmieren, bringt aber auch nichts", sagt Alison Streeter. Manchmal werde das Fett schnell hart, dann fühlten sich Arme und Beine an, als wären sie Bretter.

42 Jahre alt ist Alison jetzt, ihren Job als Devisenhändlerin in der Londoner City hat sie vor kurzem an den Nagel gehängt, ihr Leben dreht sich ums Schwimmen. Eines weiß sie genau: Sie wird auch noch ein 44. Mal am Shakespeare Beach auf das Startsignal warten.

Lest bitte auch die Brighton-Reportage: Schwimmen um jeden Preis