Die Industrie bleibt das Stiefkind in Grossbritannien
Die Wirtschaft in Grossbritannien brummt. Im Gegensatz zu den meisten Nachbarn in Europa brilliert das Vereinigte Königreich seit über einem Jahrzehnt mit stattlichen Wachstumsraten - ein Aufschwung, der weitgehend vom britischen Einzelhandel und von Londoner Grossbanken angefeuert wird. Während kauffreudige Verbraucher für hohe Beschäftigung bei Dienstleistern sorgen, gerät das verarbeitende Gewerbe durch hohen Pfundkurs und flaue Weltkonjunktur immer mehr unter Druck. Bei Maschinenbauern oder Stahlkochern gehen zur Zeit rund 100.000 Arbeitsplätze im Jahr verloren. Die Bank of England steckt in der Bredouille. Sie muss mit höheren Zinsen Konsumfreude und Verschuldung der Privathaushalte bremsen, bürdet dem »Sorgenkind der Nation« damit allerdings hohe Finanzlasten auf.
James Dyson, Erfinder und Hersteller eines beutellosen Staubsaugers, war eigentlich einmal angetreten, um die britische Industrie zu retten. Unermüdlich plädierte er vor Politikern, Journalisten und Wirtschaftskollegen dafür, Grossbritannien als Produktionsstandort zu erhalten. Vor zwei Jahren gab Dyson auf und setzte mit seiner eigenen Firma ein Zeichen. Er strich 500 Stellen in der Grafschaft Wiltshire und verlagerte sie nach Malaysia. »Ich stand vor einer schweren Wahl: entweder an einem Traum festzuhalten und dabei in angesterregend kurzer Zeit das Geschäft in Grossbritannien aufzugeben - oder voller Demut zu überleben, hoffentlich zu wachsen und später wieder Arbeitsplätze in Wiltshire zu schaffen.« Heute sieht sich Dyson in seiner Strategie bestätigt. Im Geschäftsjahr bis Dezember 2003 hat sich sein Vorsteuergewinn bei einem Umsatz von 277 Millionen Pfund auf 43,6 Millionen Pfund mehr als verdoppelt. Der Vorsteuergewinn je Beschäftigten habe sich aufgrund des Umzugs nach Malaysia im vergangenen Jahr verdreifacht, berichtet Dyson. »Dieser Schritt hat uns so gestärkt, dass wir auf einer neuen wirtschaftlichen Basis stehen.« Jetzt plant er die Expansion in Amerika und Japan, wo seine beutellosen Staubsauger und energiesparenden Waschmaschinen auf wachsendes Interesse stossen. Am Heimatstandort in Wiltshire sind bereits wieder 160 neue Arbeitsplätze entstanden. »Wir wollen expandieren und hoffen, so viele Jobs zu schaffen, wie wir verloren haben«, sagt der Erfinder und Unternehmer.
Das verarbeitende Gewerbe Grossbritanniens, genannt »manufacturing« hat einen bitteren Niedergang hinter sich. Dabei muss man gar nicht in die Zeiten zurückgehen, als die Insel die Wiege der industriellen Revolution war. Zwischen 1992 und 2002 stieg der Ausstoss der britischen Wirtschaft um 31 Prozent. Die Produktion des verarbeitenden Gewerbes aber legte nur um 6 Prozent zu - ganz im Gegensatz zum dominierenden Dienstleistungssektor, der um 42 Prozent wuchs. Dieser Rückgang machte sich auch in der Beschäftigung bemerkbar. 500.000 Arbeitsplätze gingen in der Industrie zwischen 1997 und 2002 verloren, während die allgemeine Beschäftigung um 1,8 Millionen Menschen zunahm. Wenn von den wirtschaftlichen Ungleichgewichten in Grossbritannien die Rede ist, dann ist damit die Schwäche der Industrie und die Stärke des Dienstleistungssektors gemeint. Letzterer ist getragen vom unermüdlichen Konsum der britischen Verbraucher, die weiter von den wachsenden Hauspreisen motiviert werden und dabei auch Schulden in Kauf nehmen.
Dem verarbeitenden Gewerbe dagegen fehlten solch treue Kunden. Sie sind stärker exportorientiert und daher von den Schwankungen der Weltwirtschaft abhängig. In den vergangenen Jahren hatte die Industrie unter dem wirtschaftlichen Abschwung zu leiden. Die Wechselkursschwankungen zum Dollar und zum Euro haben das Leben zusätzlich erschwert. Seit ca. 1997 ist das britische Pfund im Vergleich mit diesen Hauptexport-Währungen recht stark gewesen. Während es zuletzt gegenüber dem Dollar wieder eher schwächer geworden ist, hat es dafür gegenüber dem Euro angezogen. Nicht von ungefähr gehören in der Wirtschaft die meisten Befürworter eines britischen Beitritts zur Europäischen Währungsunion zu verarbeitenden Unternehmen.
Die Industrie ist das Stiefkind der britischen Volkswirtschaft. Schon Margaret Thatcher -der Tochter eines Einzelhändlers- wurde in den achtziger Jahren vorgeworfen, die Dienstleister zu bevorzugen, allen voran die Banken im Londoner Finanzdistrikt. Der Niedergang der britischen Industrie verstärke auch das Nord-Süd-Gefälle, sagen die Kritiker. Zwischen dem reichen Süden, vor allem der Region London als Motor der britischen Wirtschaft, sowie den Midlands um Birmingham herum und dem Norden herrscht ein wachsendes Gefälle. Die Beschäftigtenstatistik belegt dies in beeindruckender Weise: Zwischen 1983 und 2003 erhöhten die Dienstleister ihre Arbeitsplätze um 40 Prozent auf 23,3 Millionen. Das Wachstum in der Finanzwirtschaft und in unternehmensnahen Dienstleistungen wie den Anwaltsberufen war mit plus 87 Prozent besonders kräftig, auch wenn die Branche mit dem Platzen der Technologieblase zum Jahrtausenbeginn einen Dämpfer erhielt. Die Beschäftigung in der Industrie dagegen fiel im gleichen Zeitraum um 31 Prozent, getragen vom Niedergang der Stahl-, Schiffbau-, Maschinenbau- und Textilindustrie. Heute stammen nur noch weniger als 13 Prozent der Beschäftigten in Grossbritannien aus dem verarbeitenden Gewerbe. Zum Bruttoinlandsprodukt tragen sie 18 Prozent bei, rund die Hälfte des Anteils aus den fünfziger Jahren. Der Trend zur Dienstleistungswirtschaft wird allerdings auch dadurch gefördert, dass viele Unternehmen Kernfunktionen wie Buchhaltung, telefonische Kundenbetreuung oder Pressearbeit zunehmend an externe Dienstleister auslagern, während sie in Deutschland meist noch immer unter das gemeinsame Konzerndach gehören.
Das Institute for Public Policy Research (IPRP) schätzt, dass die britische Industrie im Jahr 2050 nur noch zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen könnte und weniger als fünf Prozent zur Beschäftigung zur Beschäftigung. Die Denkfabrik hält die Grössenordnungen aber gar nicht für so bedeutend, weshalb sie den Fördermassnahmen des britischen Wirtschaftsministeriums auch kritisch gegenübersteht. Wichtiger als die grosse Industrie sei es, eine erfolgreiche Industrie zu haben.
Wie schlägt sich eine Volkswirtschaft, die nichts mehr Greifbares herstellt? Die Sorgen der Briten darüber halten sich in Grenzen, zumal sie nach mehr als zehn Jahren ununterbrochenem Wirtschaftswachstum und bei 5 Prozent Arbeitslosigkeit gut fahren. In aller Munde ist heute die Konzentration auf die wissensbasierten Wirtschaftszweige des verarbeitenden Gewerbes. Nur die Forschung und Entwicklung sowie die Fertigung hochwertiger Teile fänden nach diesem Modell dann noch in Grossbritannien statt, während der Rest nach China und in andere Schwellenländer ausgelagert werde. Sir Geoffrey Owen, ehemaliger Chefredakteur der Financial Times und heute an der London School of Economics tätig, hält diesen Prozess für unaufhaltsam. Der internationale Wettbewerb zwinge die ehemaligen Industrieländer zur Hinwendung an die anspruchsvolleren Aufgaben. Owen meint auch, Grossbritannien müsse sich mit einigen seiner modernen Wirtschaftsbereiche wie der Pharmaindustrie, darunter die Grosskonzerne Glaxo-Smith-Kline und Astra-Zeneca, nicht verstecken. Auch in der Biotechnologie können die Briten nicht zuletzt mit den Unternehmen Shire und Celltech wuchern, die zu den führenden Biotech-Werten Europas gehören.
Mit dem weltwirtschaftlichen Aufschwung seit dem vergangenen Jahr sieht auch die britische Industrie wieder Licht am Ende des Tunnels. Freilich ist die Erholung wackelig. Im ersten Quartal ging die Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes auf der Basis vorläufiger Zahlen sogar um 0,5 Prozent zurück, nachdem sie bereits im Vorquartal um 0,1 Prozent geschrumpft war. Doch die Stimmungsindikatoren zeigen den Umfragen zufolge nach oben. Der Unternehmerverband CBI hatte bereits im Januar die Durststrecke für beendet erklärt.
Allerdings können die produzierenden Unternehmen Grossbritanniens gar nicht die Zinserhöhungen brauchen, für die die Bank of England seit dem vergangenen November sorgt. Hieran zeigt sich, wie schief die britische Wirtschaft wächst. Während der Konsum, die privaten Schulden und die Hauspreise durch höhere Zinsen gebremst werden müssen, stöhnt die Industrie unter den schweren Finanzierungslasten.
Ihre Profitabilität auf das eingesetzte Kapital ist mit weniger als 9 Prozent ohnehin fast nur halb so hoch wie jene der Dienstleister. Hinzu kommt eine andere Belastung, der Mangel an Facharbeitern. Bei der niedrigen Arbeitslosenquote sind gute Leute rar und teuer. Gleichzeitig kommt von unten wenig nach, weil viele junge Menschen entweder eine besser bezahlte Karriere bei einer Grossbank in London oder bei einem britischen Handelskonzern anstreben - oder sie sind nicht geeignet: Die OECD hat jüngst daran erinnert, dass die mangelnden Schreib- und Lesefähigkeiten vieler Briten die Produktivität belasten.
»Einkaufen bis zum Umfallen«: Der ironisch gemeinte Spruch, mit denen britische Handelsketten gerne werben, kommt bei den fast 60 Millionen Einwohnern des Landes gut an. Seit Jahren wächst Grossbritanniens Volkswirtschaft jedes Jahr im Schnitt um 2,3 Prozent. Getragen wird die gute Inlandskonjunktur vom hohen privaten Verbrauch. Doch dem Konsumrausch folgt jetzt die Ernüchterung. Britische Verbraucher, die offenbar keine Zukunftsängste kennen, sind extrem hoch verschuldet. Verbraucherschützer schlagen Alarm: Während das Volumen britischer Hypotheken-Kredite binnen Jahresfrist von 686 Milliarden auf jetzt 784 Millarden Pfund stieg, stehen die Konsumenten bei Kreditkartenfirmen heute mit insgesamt 172 Milliarden Pfund in der Kreide - Anfang 2003 waren es noch 158 Milliarden Pfund. Kein Wunder, dass in Europas zweitgrösster Industrienation die Zahl der Kreditkarten, 63,9 Millionen, die der Einwohner bei weitem übersteigt - gegenüber 2,3 Millionen Kreditkarten in Deutschland. Mit hohen Zinsen will die Bank of England den gefährlichen Trend bremsen. Kürzlich hat sie den Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent angehoben, die dritte Erhöhung seit November 2003.
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