Höflichkeit als große Insel-Tugend
Geduldig Schlange stehen, nett 'Sorry' sagen: Gute Umgangsformen sind in Großbritannien besonders wichtig
London zur Hauptverkehrszeit: In den U-Bahn-Waggons steht man Schulter an Schulter, als der Zug plötzlich stockt. Im nächsten Moment fällt das Licht aus. Eigentlich nichts Ungewöhnliches in den aus Kolonialtagen stammenden Tunneln, aber in disen Wochen denkt man gleich an einen neuen Terroranschlag. Die Sekunden vergehen. Es ist finster, heiß und eng.
Aber niemand tritt dem anderen auf die Füße, flucht oder schimpft. Man hört höchstens ein leises Seufzen, sonst ist es still. Als nach gut einer Minute das Licht wieder angeht, hält der Herr im Nadelstreifenanzug seinen Daily Telegraph noch genau wie vorher, so als hätte er auch im Dunkeln weitergelesen. Das ist sie, die feine englische Art, die Selbstbeherrschung, für die man den Briten in der ganzen Welt Respekt zollt.
Es ist eine der ersten Erfahrungen, die ein Tourist in England macht, dass es dort höflicher zugeht. Wer einem Engländer auf den Zeh tritt, stellt überrascht fest, dass dieser "sorry" sagt. Ein Kind, das vorbei will, bittet: "Excuse me, Sir". Sorry, please, excuse me, thank you - das sind die wichtigsten Vokabeln im täglichen Umgang miteinander.
"Die Freundlichkeit der englischen Zivilisation ist vielleicht ihr herausragendes Kennzeichen", meinte der Schriftsteller George Orwell (1903-1950), der sonst nicht mit Kritik sparte. "Man bemerkt es gleich, wenn man seinen Fuß auf englischen Boden setzt. Es ist ein Land, wo Busschaffner gutmütig und Polizisten unbewaffnet sind. In keinem anderen Land, das von Weißen bevölkert wird, ist es einfacher, Leute vom Gehweg zu drängeln".
Oft sind Engländer unangenehm überrascht, wenn sie im Ausland mit raueren Sitten konfrontiert werden. A. A. Gill, ein bissiger Kolumnist der Sunday Times, berichtet nach einem Besuch in Berlin über die Deutschen: "Sie sind unfähig, sich in einer großen Menge zu bewegen. Deutsche stoßen ständig miteinander zusammen und blicken dann mit kaum verhohlener Wut drein".
Ein Fall für sich ist das englische Schlangestehen. Wenn man den Anthropologen Prof. Joseph Henrich und Prof. Robert Boyd glauben darf, ist diese "freiwillige Interaktion mit gänzlich Fremden" die "höchste Form kooperativen Gruppenverhaltens". Richtiges Schlagestehen will demnach gelernt sein. Der Abstand zum Vordermann muss sehr genau eingeschätzt werden. Rückt man zu dicht auf, fühlt sich dieser in seiner Privatsphäre gestört und schaut sich um - ein schwerer Fauxpax. Lässt man aber zu viel Platz, wird der als nächstes Dazukommende unweigerlich fragen: "Are you in the queue?" (Stehst du in der Schlange?). Das hört sich zwar höflich an, heißt aber nichts anderes als: "Weißt du Trottel noch nicht mal, wie man sich anstellt?" Als Faustregel für den richtigen Abstand empfahl der Guardian einmal, man solle so viel Platz lassen, "wie beim Tanzen mit Großtante Hildegard".
England-spezifisch ist die Ein-Mann-Schlange. Ein Engländer, der zu einer Bushaltestelle kommt, an der noch keiner steht, wartet dort nicht einfach irgendwie, sondern nimmt die so genannte Schlangenkopf-Position ein. Kommt als nächstes ein Tourist hinzu, wird er mit den Worten belehrt: "This is a queue." (Dies ist eine Schlange). Dass Schlangestehen eine ernste und komplizierte Angelegenheit ist, sieht man auch daran, dass noch nie ein Liebespaar behauptet hat, sich in einer Schlange kennen gelernt zu haben. In der Schlange spricht man genauso wenig wie morgens in der U-Bahn. Blickkontakt ist zu vermeiden, für Berührungen hat man sich zu entschuldigen.
Das ist der Grund, warum englische Höflichkeit auf Ausländer oft einschüchternd wirkt. In einer repräsentativen Umfrage zu typisch englischen Eigenschaften im Jahr 2004 gaben bezeichnenderweise vor allem Italiener an, sie empfänden die Umgangsformen auf der Insel als kühl und distanziert. "Was für die Engländer Respekt vor der Privatsphäre des anderen ist, sieht für Außenstehende leicht wie Hochmut aus", erklärt der Journalist Jeremy Paxman, Autor eines Buches über den englischen Nationalcharakter.
Der schwedische Anglist Mats Deutschmann hat in einer Studie mehr als 3.000 englische Gesprächssituationen analysiert und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass wohlklingende Entschuldigungsfloskeln nur selten mit wirklichem Bedauern einhergehen. Seine wichtigste Erkenntnis: "Es sind vor allem die Mächtigen, die sich bei den Machtlosen entschuldigen." Wer oft "sorry", "pardon me" und "excuse me" sagt, unterstreicht damit seine gesellschaftliche Stellung, Bildung und gehobene Klasse. Demnach wäre die feine englische Art nichts anderes als Manipulation.
Für Andrew Marr ist die englische Höflichkeit eine "essenzielle Heuchelei im sozialen Umgang miteinander". Gerade in der extrem individualistischen Multikulti-Gesellschaft des modernen Großbritanniens sei "altmodische Höflichkeit" wieder gefragt, um ein friedliches Zusammenleben sicherzustellen. "Immer höflich zu sein und seine privaten Vorurteile für sich zu behalten, mag manchmal schwer sein - aber wir müssen uns dazu zwingen".
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