Auf Pump
Ein verschuldetes Heim ist ihre Burg: Wie die Briten rechnen
Die britische Etikette gebietet, dass man sich beim Smalltalk mit dem Tischnachbarn in der Regel nicht nach dessen Beruf erkundigt. Das gilt als eine jener "persönlichen Fragen", die gegen den Komment verstoßen. In seltsamem Widerspruch dazu steht die Offenheit, mit der über Hauspreise gesprochen wird. Jeder weiß auf den Britischen Inseln, wie viel das Haus des Nachbarn gekostet hat. Wenn es zum Verkauf steht, tut der Makler den Preis oft sogar in der Vitrine seines Geschäftes kund. Die Fixierung auf dem Immobilienmarkt und auf die Zinsentwicklung lässt sich schon fast als nationale Manie bezeichnen. Sie beherrscht das Gespräch nicht nur in diesen Tagen der Kreditkrise, vor der Wirtschaftsfachleute seit Jahren gewarnt hatten.
Um zu verstehen, weshalb die sonst so auf Diskretion bedachten Briten mit bemerkenswerter Unbefangenheit über den Wert ihrer Häuser reden, muss man wissen, dass siebzig Prozent der Bevölkerung -weit mehr als der europäische Durchschnitt- inzwischen im Eigenheim wohnen. Die Löhne haben jedoch mit den dramatisch steigenden Hauspreisen, die Hunderttausende von mittelständischen Briten zu unverhofften Millionären gemacht haben, nicht Schritt gehalten, so dass die Hypothekenverschuldung zusehends gewachsen ist. Sie liegt bei mehr als 1.130 Milliarden Pfund. Während die Banken 1980 in der Regel nicht mehr als einundreiviertel Jahresgehälter als Kredit für den Hauskauf gewährten, konnte in den letzten Jahren des leichten Geldes das drei- bis sechsfache Jahresgehalt ohne große Umstände geliehen werden, mit der Folge, dass das verfügbare Einkommen immer geringer geworden ist.
Um Ausgleich zu schaffen, haben die Briten auf die Kreditkarten zurückgegriffen, die ihnen hinterhergeworfen wurden. Mit verlockenden Zinsangeboten schüren die skrupellosen Kreditanstalten die Mentalität des "Jetzt kaufen, später zahlen". Flachbildfernseher, Ferienwohnungen, der zum Statussymbol gewordene Vierradantriebswagen und andere Luxusgüter werden gern auf Pump finanziert. Mitunter hat diese Kreditkultur groteske Züge angenommen. Vor vier Jahren machte ein Shih-Tzu namens Monty Slater Schlagzeilen, als er einen Antrag für eine Goldkarte mit einer Kreditgrenze von 10.000 Pfund erhielt. Der Name des Hundes stand auf einer Adresskartei, welche die Bank bei einem Listbroker erworben hatte.
Anders als in Deutschland können Kreditkartenzahlungen in Raten abgestottert werden, allerdings zu hohen Zinssätzen. Jeder zehnte britische Kreditkarteninhaber leistet monatlich nur den Minimalbetrag. Ist auf der einen Karte das Limit erreicht, besorgt man sich eben eine andere. Schuldenbeträge von 50.000 Pfund, über mehrere Kreditkarten verteilt, sind unter geringer Verdienenden nicht ungewöhnlich. Wie tief die Briten in den roten Zahlen stehen, lässt sich schon daran erkennen, dass die persönliche Schuldenlast mit 1,345 Milliarden in diesem Jahr wohl erstmals das Bruttoinlandsprodukt übertreffen wird. Großbritannien ist ein Land, das gerne in den Verhältnissen wäre, über die es hinauslebt. Der Traum vom Eigenheim entwickelt sich für viele zum Albtraum. Einer Statistik zufolge, die kurz vor der Kreditkrise veröffentlicht wurde, wächst die persönliche Schuldlast der Briten alle vier Minuten um eine Million Pfund.
Ein Teil dieser Misere wurzelt natürlich im ungezügelten Konsumrausch. Doch besteht kein Zweifel daran, dass die Briten ohne den Traum vom Eigenheim mehr verfügbares Einkommen hätten. Obwohl die Zahl der Eigenheimsbewohner seit dem Zweiten Weltkrieg enorm gewachsen ist, zumal nachdem Margaret Thatcher gemäß ihrer Politik der Selbstermächtigung des Bürgers Anfang der achtziger Jahre Gesetze einführte, die Hunderttausenden von weniger betuchten Briten erlaubte, ihre Sozialwohnung zu kaufen, zeigt schon ein Vers aus dem Jahr 1909, wie tief diese Sehnsucht in nationalem Bewusstsein verankert ist:
The Germans live in Germany
The Romans live in Rome
The Turkeys live in Turkey
But the English live at home.
Es ist denn auch bezeichnend, dass die Briten ein Haus, sei es noch so klein, einer Wohnung immer vorziehen. Die Anthropologin Kate Fox führt diese Besonderheit in ihrer populärwissenschaftlichen Verhaltensstudie der Briten auf deren geradezu pathologisches Bedürfnis nach der Wahrung von Privatsphäre zurück, die einhergehe mit einer tiefen Verlegenheit und Zurückhaltung im gesellschaftlichen Umgang. Sie finde Ausdruck in der Neigung, sich im Eigenheim zu verschanzen und die imaginäre Zugbrücke hochzuziehen.
Das Haus ist jedoch weit mehr als des Engländers Burg. Es ist auch seine Altersversorgung. Ein Fünftel aller Briten rechnet damit, ihr Haus zu verkaufen, um ihre Rentnerjahre zu finanzieren. Andere nehmen stattdessen neue Hypotheken auf. Der wunderbar verschrobene Mr. Micawber in Dickens' David Copperfield hatte eine einfache Devise: "Jahreseinkommen zwanzig Pfund, Jahresausgaben neunzehn Pfund, neunzehn Schilling und sechs Pennies, ergibt Fröhlichkeit. Jahreseinkommen zwanzig Pfund, Jahresausgaben zwanzig Pfund, sechs Pennies, ergibt Elend". Er selbst hat sich nie daran gehalten und war immer verschuldet. Der ewige Optimist klammerte sich an der Überzeugung fest, irgendetwas werde schon rechtzeitig "auftauchen". In dieser Hoffnung leben die Briten heute. Sie sind eine Nation von Micawbers geworden.
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